Hans Ulrich Gumbrecht
06.01.2011 | 12:00 24

Misere der Meisterdenker

Polemik Die einst mutigen ­Positionen der Intellektuellen sind zur Norm geronnen – wer den neuen Mainstream bekämpft, hat ein Problem

Der Begriff des Intellektuellen, wie er uns immer noch zu irritieren oder zu motivieren vermag, hat einen genau datierbaren historischen Einsatz. Das war die Dreyfus-Affaire im späten neunzehnten Jahrhundert, die Anklage gegen Albert Dreyfus, einen jüdischen Artilleriehauptmann im französischen Generalstab, für den deutschen Erzfeind Spionage getrieben zu haben, und seine Verurteilung zu lebenslänglicher Haft auf der Teufelsinsel in Franzöisch-Guyana – gefolgt von der mit flammender Rhetorik die Öffentlichkeit umstimmenden Aufdeckung eines Militär und Regierung verbindenden antisemitischen Komplotts durch den Romancier Emile Zola.

Zolas Tat brachte nicht nur die Revision des Verfahrens in Gang bis zur vollständigen Rehabilitation von Dreyfus, sondern veränderte auch nachhaltig das Kräfteverhältnis zwischen den politisch-ideologischen Lagern des französischen Bürgertums. In dieser durch ein bewusst angenommenes Risiko so exemplarischen Bewährung des Intellektuellen wollte man ein Versprechen der Aufklärung verwirklicht sehen, nach dem die „philosophes“ (so der Vorgängerbegriff zu den „Intellektuellen“) fernab von allen Spannungen des praktischen Alltags über zentrale Probleme der Nation nachdenken und ihr Orientierungen, wenn nicht gar Lösungen vorgeben sollten.

Seit der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts wurde dann die Bereitschaft zu solcher Intervention als eine bindende Rollen-Verpflichtung der Intellektuellen aufgefasst und mit der Haltung des „Engagements“ assoziiert, welche Nähe und zugleich kritische Distanz zu den politischen Parteien forderte. Vieler Ansätze hatte es in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland seit den fünfziger Jahren bedurft, bis literarische und akademische Intellektuelle wie Hans Magnus Enzensberger und Jürgen Habermas gegen die Widerstände einer zunächst eindimensional pragmatisch ausgerichteten Gesellschaft die Rolle des Intellektuellen wieder etablieren und damit an Traditionen aus den zwanziger Jahren anschliessen konnten, aber auch an deren von Lessing verkörperte Anfänge im Zeitalter der Aufklärung.

Fortschrittsfeindlich

Aus den Kreisen der heute längst pensionierten deutschen Intellektuellen der verspäteten ersten Stunde (die natürlich in Anspruch nehmen, dass ihre Rolle mit Pensionierung nicht zu vereinbaren ist) werden nun immer wieder Klagen über das Ausbleiben von Meisterdenkern in den nachfolgenden Generationen von Gebildeten laut, und es ist schon zu einer Tradition geworden, dass diese inzwischen selbst im Lebensalter weit fortgeschrittenen „neuen“ Generationen mit Selbstkritik und Depression auf solche Fehl-Anzeigen reagieren.

Unter akademischen Intellektuellen zumal ist von „Engagement“ im klassischen Sinn tatsächlich kaum noch etwas zu spüren. Je jünger desto deutlicher wollen sie sich vor allem als „Gelehrte“ verstehen. Selten nur liest man geisteswissenschaftliche Dissertationen, deren Autoren sich nicht schon auf der ersten Seite selbst entmündigen, indem sie ihrem Buch das ausführliche Zitat einer Autorität voranstellen; die Themenwahl ist im Normalfall – aus schierer Vorsicht – hoch spezialisiert (ein gelehrter Traktat über den Begriff des Urteils bei dem deutschen Idealisten Jacobi liegt näher als ein engagiertes Manifest über den Stellenwert des Urteilens in der Gegenwart); und als Krone reifer Kompetenz gilt es, im Namen der „Wissenschaft“ Skepsis über alle kühnen Gedanken und Thesen zu verhängen. So ist der pragmatische Helmut Schmidt zum nostalgisch verklärten Helden der akademisch „jungen“ deutschen Mittvierziger geworden; an den leidenschaftlichen Willy Brandt erinnern sie sich kaum.

Die 60- bis 90-Jährigen beklagen sich also nicht ohne Anlass. Eine ganz andere Frage ist es freilich, ob sie damit politisch recht haben. Denn man könnte ja behaupten, dass der Rückzug der potenziellen Intellektuellen aus der Öffentlichkeit in dem Maß fortschritt, wie Meinungen in der Gesellschaft dominant wurden, die man früher allein mit den Intellektuellen assoziiert hatte, so dass die klassische Intellektuellen-Ethik der Intervention und des Engagements obsolet geworden ist.

Umbrüche unerwünscht

Ihr maximaler Erfolg scheint mit dem Ende der Intellektuellen-Rolle zusammenzufallen. Das gilt gewiss nicht nur für Deutschland, aber es trifft andererseits (aus ganz verschiedenen Gründen) weder auf die Vereinigten Staaten noch auf die asiatischen Gesellschaften zu. Sollte es sich also um eine vorerst allein innerhalb in der Europäischen Union entstandene Entwicklung handeln? Jedenfalls ist zum Beispiel der Pazifismus, wie er noch in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts vor allem ein Wert der linken Intellektuellen war, heute zu einer Abweichungen kaum zu tolerierenden Norm aller Alltagsgespräche geworden; wer Ausländer nicht mehr liebt als seine Landsleute, der fällt dem Verdacht der Xenophobie anheim, und analog werden bloß halbherzige Bekenntnisse der Homophilie bestraft.

Vor allem aber ist gemeineuropäisch aus den ökologischen Praxisnormen und Begriffen, von Trennmüll über Windrad bis zur Nachhaltigkeit, eine diskursive Schneide geworden, jenseits derer man sich in ein moralisch aufgeladenes politisches Abseits setzt. Noch sind es nur kleine deutsche Universitätsstädte wie Freiburg, Konstanz oder Tübingen, wo Grüne zum Bürgermeister gewählt werden, aber bald schon werden wohl die ehemaligen Minderheitsmeinungen der akademischen Intellektuellen und Studienräte auch auf Landes- und Bundesebene mehrheitsfähig sein. Im wörtlichen Sinn sind deshalb die Grünen – eher als die Sozial- oder Christdemokraten – die Volkspartei der Gegenwart.

Als gemeinsamer Nenner aller dabei verbindlich gewordenen politisch korrekten Positionen und Öko-Philien lässt sich eine allgemeine Fortschritts-Phobie ausmachen. Paradoxerweise stehen die europäischen Gesellschaften in einer Phase des radikalen Umbruchs, weil man sich Umbrüche – vor allem radikale Umbrüche – keinesfalls wünscht. Neue Bahnhöfe gar nicht mehr und neue Autos mit viel weniger Innbrunst als noch vor einem Jahrzehnt. Vielleicht haben sich ja auch die Zeithorizonte verändert, in denen man inzwischen den Alltag erlebt. Statt die Vergangenheit hinter sich zu lassen, um aus einer Gegenwart, die nichts als Übergang war, die Selbstüberbietung jeder Zukunft in ihrer eigenen Vorwegnahme zu planen (aus dieser Konstellation war um 1900 der Begriff der „Avantgarde“ entstanden), sammeln die Europäer Vergangenheiten, um die Zukunft auf den ökologischen Status quo einer vorindustriellen Zeit festzuschreiben und so die Gegenwart zu verbreitern und anzuhalten, damit bedrohliche Zukünfte nie eintreten können.

Kritik ist nur als Detailkorrektur auf der Linie eines immer breiteren Mehrheitskonsensus akzeptier- und denkbar. Denn Andersdenkende, liest man, stehlen den Kindern von heute die zukünftige Gegenwart ihres Erwachsenenalters. Vielleicht ist Brasiliens jüngste politische Vergangenheit Europas nächste politische Zukunft: dort hatte bei den nationalen Wahlen des Herbsts 2010 die von dem charismatischen (aber nach der Verfassung nicht mehr wählbaren) Präsidenten Lula aufgestellte Nachfolgerin schon Monate im voraus ihr zukünftiges Kabinett benannt, während sie erfolgreich vor der politischen Alternative als unvermeidlicher nationaler Katastrophe warnte.

Riskantes Denken

Die neue Mehrheitsmeinung hat nicht nur eine vollkommen demokratische Basis, auch an ihren Werten lässt sich kaum rütteln. Wer gegen ökologische Normen argumentiert, gegen Windräder und für die Schönheit der Landschaft, gegen restriktive Rahmenrichtlinien beim Energieverbrauch und für die Entwicklung von Gewinnspannen in der Industrie, der wirkt egozentrisch – oder wie ein kapitalistischer Amerikaner. Und warum sollten sich ausgerechnet Intellektuelle darüber beklagen, dass der Sonderstatus der Intellektuellen im geschichtsphilosophischen Sinn aufgehoben ist, das heißt: zu einer Wirklichkeit geworden, welche alle Vorformen auslöscht, seit aus ihrem klassischen Minderheiten-Status die Dominanz einer neuen Mehrheit wurde?

Eine andere Version des Selbstverständnisses allerdings (oder eine andere Gegenwarts-bezogene Interpretation ihrer Geschichte) assoziert die Intellektuellen mit dem Gestus des „riskanten Denkens,“ mit jenem Denken, das prinzipiell Alternativen zu etablierten Mehrheitspositionen entwickelt, Alternativen, deren unmittelbare Verwirklichung mit dem Risiko einer Blockade wohlfunktionierender kollektiver Praxis verbunden wäre.

Es war ein klassischer Fall von riskantem Denken (und ein klassischer Fall der Reaktionen, welche es provozieren kann), als Peter Sloterdijk im Herbst 2009 die deutsche Intellektuelle Öffentlichkeit mit einer Frage über die politische und ethische Legitimität der staatlichen Steuerhoheit in fast konvulsive Unruhe brachte. Eigentlich hatte Sloterdijk nur bemerkt, wie erstaunlich es sei, dass Bürger mit erheblichem Einkommen und einem gewissen Einfluss Jahr für Jahr ganz ohne Widerrede bis zur Hälfte ihres Einkommens an einen Staat abtreten, dessen Investitionspläne gar nicht immer ganz transparent sind. Die Reaktionen auf diesen Moment riskanten Denken fielen dann – einmal abgesehen von vielen Arten akademischen Beleidigtseins, die sichtbar wurden – wirklich so aus, als hätte Sloterdijk die politische Macht gehabt, alle Steürzahlungen in Deutschland bis auf weiteres zu stornieren. Doch das war es ja genau nicht, alles praktische Risiko war ja schon dadurch ausgeschaltet, dass die Debatte nie über die Seiten der deutschsprachigen Feuilletons schwappte; kein Politiker hat sich nach meiner Erinnerung je eingeschaltet – leider, möchte man fast sagen.

Riskantes Denken mag riskant aussehen, gewinnt aber seine Legitimatät gerade dadurch, dass es das wirkliche Risiko vermeidet; es ist also immer nur auf andere Werte und Ziele aus, als die, welche gerade als selbstverständlich gelten, es kennt keine stabilen Orientierungen. Ohne die stimulierende Kraft des riskantes Denkens, befürchte ich, könnten die zur Norm gewordenen ehemaligen Intellektuellen- und Minoritätenmeinungen so repressiv werden wie in der Vergangenheit – auf der anderen Seite des für immer verschwundenen Eisernen Vorhangs – eine zum Staats-Sozialismus entartete Sozialdemokratie.

Der Intellektuelle zählt zu den wenigen heroischen Gestalten der Moderne. Engagiert, unbequem und geistig unabhängig, sagt er der Gesellschaft, was sie nicht hören will, aber besser hören sollte. Und er ist in der Krise. Warum? Dieser Frage wollen wir in loser Folge nachgehen. Antworten nicht ausgeschlossen

Hans Ulrich Gumbrecht (geb. 1948 in Würzburg) lehrt Literaturwissenschaft an der Universität Stanford/Kalifornien. Sein erstes Buch war Eine Geschichte der spanischen Literatur (Suhrkamp 1990), sein letztes California Graffiti. Bilder vom westlichen Ende der Welt (Hanser 2010)

Kommentare (24)

Jacob Burckhardt 06.01.2011 | 10:50

1. Warum klingt Gumbrechts angeblich riskantes Denken immer wie irgendeine ordinäre Verlautbarung der badenwürttembergischen Wirtschaftskammer?

2. Warum soll zwischen Fortschritt und Ökologie ein Gegensatz bestehen? Sogar die Cinesen haben inzwischen ökologische Zielsetzungen in ihren fortschrittlichen Jahresplänen und setzen damit die dt. Elektrowirtschaft ins Brot, die dort (nicht hier) ein Netz von Ladestationen für Elektromobilität aufbaut (übrigens schon gar nicht in G. geschätzten USA).

3. Wäre G. etwas weniger "intellektuell" und etwas gelehrter, wüsste er, dass Albert Dreyfus Alfred hiess.

4. Der einzige mir bekannte, dauerhaft anregende Intellektuelle ist "The Economist"; der aber ist gegen Gumbrechtische Thesenreiterei ziemlich allergisch.

Sophisto 06.01.2011 | 11:52

JaNein,

auch die adaptierte Form des exaltierten Intellektuellen, des riskanten Denkers funktiniert nicht. Sloterdijks Steueroffensive ist ein gutes Beispiel: er blieb mit seiner Meinung (darauf reduziert uns die Öffentlichkeit) alleine, niemand hat den Humor, die Raffinesse, die Einladung zum Ungehorsam wirklich verstanden,--komischerweise am wenigsten diejenigen, die es anging.
Die historische Funktion hat sich erledigt, das ist angesichts der lebenden Legenden ein real existierender Anachronismus. Überhaupt haben wir mit der Verständigung über die Gegenwart inzwischen ein deutliches Mehrgenerationenproblem. Es sind inzwischen 3 Generationen (umfassend 60 Jahre) politisch aufmerksam, die sich auf unterschiedliche Erfahrungshorizonte beziehen. Das fällt deutlich ins Gewicht.

Columbus 06.01.2011 | 16:52

Lieber Herr Gumbrecht,

Vielleicht versuchten Sie sich einmal an einer gewagten These polemischer Natur zum Niedergang der Polemik, die allmählich volkstümlich zu werden droht, wo sie doch früher eher eine Waffe des hoffnungslos unterlegenen, nicht von Ordnungs-, Heldensuch- und Suchtwahn befallenen Intellektuellen war. Übrigens ist die Polemik auch eine Text- und Sprachstilform in der Krise. Sie belegen das gerade praktisch.

Hier im derzeit noch erkälteten Deutschland schaffen das medial fast tagtäglich die Oberpolemiker, die sich im preußischen Streusand und selbst im ehrwürdigen Pressebackstein an der Elbe, sowie auf Talksesseln, neben der Autostadt, irgendwie zuletzt vermehrten.

Am Ende meinen Sie es ja todernst? - Ausgerechnet Sloterdijks Aufruf vom Steuerstaat zu einem Gabestaat zu kommen, ist ja in Kalifornien unter dem Terminator ein Credo fast aller Reicher, unabhängig von der politischen Orientierung, geworden (Schwarzenegger, CNN, Sept.2004: " "But then I heard Nixon speak. (...) He was talking about free enterprise, getting the government off your back, lowering the taxes and strengthening the military. (...) Listening to Nixon speak sounded more like a breath of fresh air. I said to my friend, I said, "What party is he?"
My friend said, "He's a Republican." I said, "Then I am a Republican." "). Die zahlen daher, mit Liebe und Großzügigkeit, nur da, wo es Steuern zu sparen gilt und die eigene spendable Herzigkeit das Image und die eigenen, immer schon gehegten Interessen, sanft umspielt.

Das Ergebnis auf lange Sicht, bedeutet in Konsequenz eine Rest-Herrschaft des Staates über das Gesetz, dazu viel Polizei, viel Gefängnis, eine verottete Feuer- und Katastrophenbekämpfung, miese Infrastruktur, sowie allüberall Gated-communities.

Stellen Sie, lieber Gumbrecht, sich die jüngste Brandkatastrophe in Konstanz einmal verbunden mit der kalifornischen Feuerwehrstruktur vor? Die Altstadt wäre abgebrannt und es wäre dort endlich Platz für ein Charity- Einkaufscenter à la Otto-ECE. Allerdings sind die Superreichen dann versichert und können den Verlust verschmerzen, die weniger Reichen dürfen noch abschreiben und die Habenichtse ziehen eben weiter durchs Land der dann so polemisch und intellektuell Tapferen und Geistbefreiten.

Fortschritts-Phobie kann sich recht eigentlich und angelegentlich nur im akademischen Milieu auf einer kleinen Halbinsel oder einem Campus ohne Stadtanbindung entwickeln (www.forrent.com/search-apartments-near-colleges/CA/Stanford-University.php). Und, lieber Herr Gumbrecht, glauben Sie tatsächlich, der gut situierte, gar der reiche Bürger, -womit noch nicht gesagt ist, er sei auch ein Intellektueller (m/w)-, zahle ca. 50% Steuern auf sein Einkommen in Deutschland? - Eine solche Behauptung speist sich entweder aus Unwissen, oder ist ein intellektuelles Schielen aus Absicht. Die real gezahlten Einkommenssteuern dürften für sehr Reiche um 15-20%, für gut situierte Bürger irgendwo zwischen 30-37% liegen. - Ist das immer noch zu viel Zumutung?

Wer heute riskant dächte, müsste zumindest einmal gewagt über die Chancen und Möglichkeiten einer rätestaatlichen Demokratie nachdenken, die zwar sicher noch langsamer und weniger geordnet erschiene, als das heutige System, dafür aber einfache Grundgedanken der wirklichen europäischen Aufklärung, nämlich "Freiheit, Geichheit, Brüderlichkeit", nicht für eine Fiktion von der Effizienz und Nachhaltigkeit des Privaten, vom Vorrgang des Besitzes und Eigentums eintauschte und diese, letztlich unmenschliche und zerstörerische Praxis, auch noch umzusetzen versuchte.

An den Eingängen der Gated-communities stehen Männer und Frauen, manche auch in schwarzer Uniform, sie leiten und lenken freundlich und fragen nach dem Begehr, das für die Beschützter dann transparent wird. - Schon die Uniform müsste verboten sein, weil sie Erinnerungen weckt aus dem Farbwert, der seine Geschichte immer mit sich trägt, vom schwarzen Ulanen, der kein Pardon gewährt, bis zum Totenkopfschwarz. - Nichts ist selbstverständlich intransparenter und weniger demokratisch, als die Privatheit der Ökonomie und des Profits und die schwarze Unfarbe im Geiste und in der sicherheitstechnischen Berufsmode.

Daher kommt auch, dass der schwarze Strahler ein Lichtvernichter und Antiaufklärer bleibt. Er schluckt einfach das erzeugte Licht der Gedankenblitze und macht sie zu unbrauchbarer Hintergrundstrahlung fester elitärer, rückschrittlicher Überzeugungen. So drehen sich Windräder ohne Technik, die Photvoltaik soll ineffiziente Spielerei bleiben, so dürfen dann nur vier patentierte Weizensorten weltweit angebaut werden, usw., usw..

Stattdessen kümmert sich die mediale Öffentlichkeit lieber um das Liebesleben der Privatpersonen, ist es Absicht, und, das ist nun eine Vermutung, gut situierte Steuersünder fluchen rund um die Erde, intellektuell angehaucht oder nicht, den vermeintlichen Angriff auf ihr Portmonaie und ihr Eigentum, dessen Wert wirklich und wahrhaftig die Steuerbehörde bei uns nicht kennt, ja nicht kennen soll. Sonst muss nämlich die Fahndungsabteilung geschlossen in die Psychiatrie oder sie wird strafversetzt.

Ich glaube, lieber Herr Gumbrecht, Sie denken risikoarm polemisch, was dem ursprünglichen Sinn der Form zuwider ist, und fallen ein wenig mit der Tür in die offenen Arme der derzeit so populären Tabubrecher hierzulande. Wohl bekomms.

Liebe Grüße
Christoph Leusch

Columbus 06.01.2011 | 20:02

Liebe Belle Hopes,

Ich dachte ja hier ein wenig an die Ehemaligen der Konstanzer Meisterdenker, die übrigens, wäre die Konstanzer Feuerwehr nicht so quick und stark, sondern der Californication verfallen und die ehemalige Reformuniversität in der Altstadt gelegen, jüngst mit abgefackelt wären.

Zum Zwiespalt, einerseits Mitinhaber, andererseits selbst Journalist und Verleger zu sein, und dazu noch mit einem gewissen Anspruch auf einen ganz anderen Blick anzutreten, habe ich ja in beiden Kommentaren zu Augsteins notwendiger Polemik gegen den Weihnachtsmann hingewiesen. - Dem, Thilo S. folgt doch schon die Ranzengarde aus Mainz, das klingende Spiel der nicht Pazifzierbaren, der Gestandenen, die allerdings häufig ihren Ranzen vorn und am Hintern, aber nicht auf dem Rücken tragen und meinen, sie hätten lange ausgelernt und könnten das freie Wort zum Ressentiment ehren.

Jedoch, so wie Herr Gumbrecht "Meisterdenker" mit einem Recht ausstattet, das lediglich in der Verletzung der Regeln der politischen Korrektheit liegt, sich also gar nicht an der Hauptsache, nämlich einer fundamentalen Gesellschafts- und Wissenschaftskritik
orientiert, droht die Polemik in die Hand der per se Stärkeren zu geraten.

Da ist sie, wie die Fälle der medialen Polemiker und ihres Hintergrundes verraten, verloren. Warum? Weil die Polemik immer schon die Waffe des Unterlegenen, der Minderheit und der Schwachen an Zahl und Popularität war und ist. Es ergeht ihr, wie der leisen Ironie, die Fontane noch beherrschte. Sie verhält sich dann, wie ein schlechtes Remake einer Tucholsky-Glosse, die von Exzellenzen und Magnifizienzen gegen die nicht Satisfaktionsfähigen gewendet würde. Wie das dann enden muss, ist ziemlich klar. Aus der Polemik wird Ernst und dann gibt es nichts mehr zu schmunzeln und noch weniger Nachdenken.

In der starken Hand, vom Hochsitz herab, wird sie zum penetranten Überlegenheitsgestus und zur Schmähung des demokratischen Staates.

Ein gutes, mir liebes, Gegenbeispiel, das illustrieren kann, was ich damit meine, liefert z.B. Ludwig Quiddes "Caligula". Eine Abrechnung mit dem System aus Honoratioren-Modernität und mächtigem Größenwahn, die es, die derzeitige konservative Hausse belegt es, auch heute wieder gibt. Sie könnten auch Derridas "Gespenster Marx´" lesen.

Intellektualität wurde zu allen Zeiten gerne mit Universität verknüpft und gleich gesetzt. Ein fataler Irrtum für all´ jene, die sich mit universitärer Geschichte ein wenig auskennen. Das nutzten nicht unerheblich Akademiker jeglicher moderner Zeiten aus, egal welches Regime gerade dran war.

In Wahrheit, in der Realität, hat sich nämlich mitnichten eine Art ökologischer oder sozialer Mainstream durchgesetzt, den Intellektuelle, die dagegen "kämpfen" (Gumbrecht) wollen, überwinden müssten.
Leider erinnert diese, hoffentlich eher scherzhaft gemeinte, Wendung unseres Schreibers fatal an die Vorwürfe in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts, aus der Führung des Hauses Allensbach, die deutsche Öffentlichkeit sei, entgegen dem Wunsch und Willen der Volksmehrheit, schweigend wie die Masse der USA in den 50er und 60er Jahren, in die Hände der Linken (Heute, den politisch Korrekten) gefallen und von ihnen beherrscht. - Das war damals schon eine Wahrnehmungsstörung und ist es heute noch viel mehr!

Was soll ich zu diesem Thema noch schreiben? Es nutzt nichts und hindert aktuell nicht daran, dass nicht einmal die Form der Polemik sprachlich zu ihrem Recht kommen kann. Wenigstens das hat der Artikel jedoch eindeutig aufgezeigt. Es fiel nicht nur mir auf.

Liebe Grüße
Christoph Leusch

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belle-hopes 06.01.2011 | 20:17

wenn sie es selbst relativieren. so inbrünstig wie sie sagten die polemik sei ein sprachstil der krise (was ich so nicht unterschreiben würde, polemik kann auch ausdruck von überheblichkeit sein die sich auf einen gesicherten status quo stützt) ist mir der widerspruch nun mal aufgefallen; unabhängig vom text; das wort polemik hat eine negative bedeutung bekommen, ich würde sagen durch politische polemiken, deren ziel weniger ein sichtbarmachen von wahrheiten war als das diffamieren von gegnern, darin sind wir uns einig; es gibt literarische und politische polemiker, die hier wohl als idole gefeiert sein könnten; zum text selbst wollte ich ihnen gar nicht widersprechen. lg

Columbus 06.01.2011 | 20:43

Liebe Belle Hopes,

Ich empfand das nicht als Kritik, sondern nur als einen Hinweis, noch nicht ausreichend konkret geworden zu sein.

Gerät die Polemik in die falschen Hände, dann wird sie nicht nur platt, z.B. bei Thilo S. (Ich schreibe ihn gerne so, weil das so sehr an Polizeibericht, aber auch an Presse im Zustand der Erregtheit, sowie an eine gewisse Prolhaftigkeit des Veranlassers so vieler Gedanken und Kommentare gemahnt) "Kopftuchmädchen", sondern sie verliert auch ihre aufklärerische und kritische Funktion.

Ich schrieb, die Polemik sei eine Stilform aus der Position des intellektuellen Außenseiters und der Schwachen (i.Sinne einer Minderheit) in der Krise. Wer diesen Zusammenhang aufhebt, der löscht auch das menschliche Maß und die Feinheit des Stilmittels gleich mit aus.

Polemik von Oben, Polemik der Starken, die kann es zwar noch dem Titel nach geben, aber ie mutiert dann, am Ende in eine Art "Stürmer"-Geschreibsel.

Ich glaube aber, wir sind da nicht unbedingt gegensätzlicher Meinung.

LG
Christoph Leusch

Chali 07.01.2011 | 07:28

Ich weiss nun gar nicht, ob ich mitreden darf, denn ... Bin ich ein Intellektueller? Wohl eher nicht.

Aber so als normaler Mensch halte ich das für ziemlichen Unsinn.
Ich greife einmal Ihren Satz "...eine allgemeine Fortschritts-Phobie" heraus. Die Rolle der Vordenker besteht heute in dem Aufzeigen, was uns unter (oder besser hinter) der Flagge "Fortschritt" (gern auch: "Freiheit") so alles verkauft werden soll. ("Der Kaiser ist ja nackt", ruft das Kind.) Die Rolle der "Vordenker" besteht darin, der Verkleisterung der Gehirne entgegen zu wirken.

Ein schönes Beispiel ist einige Artikel weiter unten:
www.freitag.de/positionen/1101-die-hoffnung-auf-fortschritt
(Man sieht: "Fortschritt" aller Orten). Eine Vordenkerin ist dabei "thinktankgirl" - Ihr(?) Posting macht uns - an einem Aspekt - deutlich, was genau dass der Autor unter "Fortschritt" versteht.

Wenn ich mir das so recht überlege, leiden wir weniger unter dem Mangel an "Vor-Denkern" - die werden von INSM ausreichend bezahlt -, als vielmehr unter einem Mangel an "Nach-Denkern".
Was mich zwanglos zu www.Nachdenkseiten.de führt.

ebertus 07.01.2011 | 09:07

Gerade Sloterdijk...über den Richard David Precht kürzlich in einem Interview des Berliner Tagesspiegel sagte:

"Sloterdijk interessiert sich nur eingeschränkt für die soziale Realität. Er sieht die Philosophie als eine ästhetische Veranstaltung: Andere Leute malen Bilder und er macht schöne Sätze."

Womit man also (beinahe und halbwegs elegant?) wieder bei dem im Eingangsbeitrag erwähnten Frankreich der ästhetischen Philosophen angekommen wäre, kaum mit ökonomischem Kapital gesegnet, aber mit viel (eingebildetem) kulturellen, relativ wenig sozialem Kapital. Und wer bei diesen Worten nicht gleich an Pierre Bourdieu denkt, hat dahingehend Nachholbedarf.

Gerade Bourdieu als einer der letzten politischen Intellektuellen des gerade entschwundenen Jahrhunderts - und dabei nicht zuletzt als Metadiskussion - hat sich immer wieder und sehr kritisch mit seiner eigenen Zunft der Philosophen, Ethnologen und Soziologen, deren wortgeklingelter Willfährigkeit gegenüber den Mächtigen auseinander gesetzt.

Wo sind wir denn heute gelandet, wenn Kritik an gesellschaftspolitischen Fehlentwicklungen angeblich nur noch von den Betroffenen selbst geäußert werden darf, alle anderen das Maul halten sollten und sich zum meditierenden, schöngeistigen Rotweingenuß in die Toskana zurückziehen mögen.

Der kritische Intellektuelle ist in diesen Zeiten, der Ära des alternativlosen Sachzwanges, ein kaum noch benötigtes Auslaufmodell. Entsprechende Fachrichtungen werden an den Hochschulen zusammengestrichen, der zügig verschulte Bachelor soll lediglich funktionieren, die Lieder derer singen, die ihm eine leidlich komfortable Existenz ermöglichen - Wohlverhalten vorausgesetzt.

ebertus 07.01.2011 | 10:27

Das neue, eher softige, nicht so brachiale Paradigma als Aufgabe des ebenfalls neuen Intellektuellen.

Der bildungsferne Unterschichtler hat es nicht anders verdient. Und falls mit der eigenen Interessenvertretung nicht klappt, so darf er sich, stellvertretend für seine Zunft dann wenigsten am Nasenring durch die mediale Arena ziehen lassen.

Mit derart einfachen Dingen ist der (kritische) Intellektuelle heute in der Regel ruhig zu stellen, betreibt die geistige Elite im Elfenbeinturm unter Umständen die eigene Abschaffung.

Nun ja, immer noch besser und von partieller Hoffnung begleitet, als am nächsten Baum, der gerade im Weg stehenden Laterne zu enden. Ein warnenden Signal, ein Los von vielen Kritikern in totalitären Staaten jedweder Couleur. Dagegen ist postmoderne, die hierzulande und anhaltend, leidlich erfolgreich betriebene Brandmarkung als Sympathisant ein regelrechter Jungbrunnen.

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belle-hopes 07.01.2011 | 19:26

1. Bei der Lektüre (und den Begriff verwende ich bewusst, denn ich kann den Text hauptsächlich nicht als Erklärung, sondern nur als Unterhaltung verstehen) bin ich zunehmend ins Grübeln und in Rage geraten: wie kann man auf so eine wichtige Frage nur eine so falsche, unintelligente Antwort geben?! Seit wann ist ökologisches Denken unintelligent, es ist doch das intelligenteste, das vorausschauendste, was man tun kann, und entspricht einem geistigen und emotionalen Bedürfnis; ein Mensch, der sieht und erkennt kann doch unmöglich gegen Naturbewusstsein sein (Bewusstsein!). Da wird einem ein Bild ins Gedächtnis gerufen von einem Klischee- Intellektuellen, der vor lauter Denkerei die Wirklichkeit verpasst. Da trennen sich Intelligenz und Intellektualismus ala "was bedeutet unser Sein?". Kopfschütteln. Die Hauptsache anders (und trotzdem falsch). 2. Wenn ich die Kommentare (Neid, Aggression, Unwillen, Unreflektiertheit) lese denke ich, das Mittelalter ist doch noch nicht soweit entfernt, trotz PC, Mikrofaserkleidung und Politikspielchen.

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nil 07.01.2011 | 20:10

@HUG

Es schon erstaunlich mit was für einer Zielstrebigkeit und Aufwand, dieses Saubermann Image konstruiert und aufrecht erhalten worden ist.
Jetzt ist man in Erklärungsnöte geraten und steckt bis zum Halse im der Scheiße.
Einige werden es vielleicht noch schaffen, diesem Lügenmolloch zu entsagen und selbstständig werden.

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nil 07.01.2011 | 20:10

@HUG

Es schon erstaunlich mit was für einer Zielstrebigkeit und Aufwand, dieses Saubermann Image konstruiert und aufrecht erhalten worden ist.
Jetzt ist man in Erklärungsnöte geraten und steckt bis zum Halse im der Scheiße.
Einige werden es vielleicht noch schaffen, diesem Lügenmolloch zu entsagen und selbstständig werden.

chrislow 08.01.2011 | 00:16

Das aber mal gelegendlich jemand mit Visionen daher kommt, macht doch die Thematik erst interressant. Sloterdijk mit seiner Idee der "gebenden Hand" hat nicht nur den wegen Arbeitslosigkeit steuerbefreiten (so er denn den Feuilleton liesst...) erschrocken, sondern auch jene mit der Steuerlast. Denn die müssten dann doch tatsächlich ernsthaft darüber nachdenken, wieviel sie denn abgeben wollten.

Das Leben ist doch so einfach - steuerklassen und Abschreibungslisten und Investitionskapital ... Abzugsfähigkeit.... blabla, ...
Alles schön vorgekaut. Was aber, wenn all das nicht mehr gilt? Dann nämlich kommen sie irgendwann in Erklärungsot - fast zwangsläufig...

Und unbedingt würde ich gerne mehr Vorstellung aus den Reihen ausserhalb der Politiketagen hören wollen. Aber da scheint sich tatsächlich eine gewisse Müdigkeit und Interessenlosigkeit etabliert zu haben. Das Denken über das Sein und Werden sollte viel mehr geübt werden. Es scheint zwar alles auf einer Linie (Europa und so...), Und der Glaube, es sei eben alles schon ausgeheckt und festgelegt, der wird dann zu einem ermüdenden Moment in der Gesellschaft, welche sich daraufhin aus Prakmatismus (und eh Überforderung) anderem zuwendet - oder mindestens von solchen Fragestellungen abwendet.

Aber es ist nicht alles im Sack.

Ausserdem ist Europa eigendlich schon ein alter Hut, der sich mit der Globalisierung eher schon wieder überholt hat.

Die Idee mit dem "Verstummen in den Massen", eben weil dank Netzwerken nun jeder sein Wort einbringt, ist sicher auch ein Faktor. Da kann man sich irgendwann nicht mehr auf einige wenige konzentrieren. Solche Probleme lösen sich aber bald von selbst - dann nämlich, wenn das Netzwerk (alle Medien im Zusammenspiel mit dem Internet) sich selbst verstanden hat und im Umgang geübt ist.

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Ehemaliger Nutzer 08.01.2011 | 02:20

Ich frage mich gerade, was soll dieser Text mir suggerieren? Mir kam ein ähnlich strukturierter Angriff auf das alteuropäische Denken in den Sinn - Peer Steinbrück pries damals ein Buch mit dem Titel: “German Angst” an. Der Tenor war der Selbe wie in diesem Artikel.

Denken an sich ist immer eine riskante Angelegenheit. Oder wie Hannah Arendt sinngemäß schrieb:” Es gibt keine gefährlichen Gedanken, das Denken selbst ist gefährlich” - weil es anerkannte Meinungen zunächst konsequent negiert, um diese überhaupt in Frage stellen, die Sinnhaftigkeit des Common sence überprüfen und anschließend in den Zirkel zurückführen zu können, ohne letztendlich in der Negation zu verharren. Man weiß auch nie, was beim Denken rauskommt. Deshalb ist es so riskant. Witziger Weise sind die Inhalte dessen, was der Autor als riskantes Denken Richtung Fortschritt beschreibt, längst Common sense. Zwar politisch oktroyiert und mit den Mitteln der Manipulation umgesetzt (siehe Hinweise auf INSM) aber politisch gewollter Common sence. Und ich frage mich ebenfalls, wie einer der Kommentatoren, ob überhaupt noch gedacht wird.

Ich meine auch bei H.A. gelesen zu haben, dass sich das Denken nur hermeneutisch innerhalb des Common sense bewegen kann, damit es überhaupt politisch bleibt.

Der Hit ist ja, dass fortschrittliches Denken bereits das Ziel Fortschritt und entsprechende Inhalte vor Augen hat. Keineswegs wird mehr die Sinnhaftigkeit und der Wert der Ziele und des Fortschritts hinterfragt. Insofern fällt das Denken faktisch aus.

Riskant wäre das Denken der Intellektuellen vor dem Hintergrund des gewollt fortschrittlichen Common sense, würden sie sich auf die hier kritisierte alteuropäische Denktraditionen und deren Werte rückbesinnen und zumindest versuchen, das Archaische, welches sich unter dem Gewand des fortschrittlichen Denkens verbirgt, in die Zivilisation zurückzuführen.

Und wenn ich mir überlege, dass erste Ansätze des riskanten Denkens neuerdings just mit Wasserwerfern und unverhältnismäßigen Polizeieinsätzen beantwortet werden, ist das Risiko auch für Leib und Leben des Intellektuellen in der Tat sehr hoch.

Felipe Gonzo 08.01.2011 | 14:14

Tsorry, aber die Krise des Intellektuellen bleibt in seiner heterotopen Grundhaltung begründet. Macht Euch alle mal die Hände schmutzig und riskiert Euch selbst - auch und gerade in neuen Medienformen - anstatt einen Ort der gelehrten Richtigkeit des Denkens aufrecht zu erhalten. Der Intellektuelle hat die rethorische Auseinandersetzung verlernt, die eine eigene Philosophie auch mit öffentlicher Performanz verbindet.

Die Formen der Polemik, der Phillippika, der Kynik, der Satire sind in der Tat verkümmert - und der Ernst eines bürgerlichen Intellektuellen-Subjekts spielt in dieser Entwicklung seine Rolle. Den obigen Text eine Polemik zu nennen, nur weil 'Mainstream' und 'Meisterdenker' in einem Atemzug genannt werden, ist natürlich etwas lächerlich.

Der letzte Absatz versöhnt dann wieder ein bisschen (auch wenn die Beispiele des Textes wirklich sehr enttäuschend sind) denkt er doch gerade die Manifestierung ehemals neuer Anschauungen als neu-ideologisch (hier im negativen Sinne gemeint) und merkt damit die ekelige Verbindung bürgerlicher Steuerungsphantasien mit neuen Diskursen an.

[Was der letzte Absatz mit der Sozialdemokratie zu tun hat, leuchtet mir noch nicht ein.. Wer von unseren Parteien sich in den Umbrüchen unserer Zeit letztlich 'progressiv' oder 'konservativ' nennen darf, bleibt noch abzuwarten.]

Immer schön in Bewegung bleiben. Und es tut mir leid das zu sagen, aber: Ein Nestbau auf Der Freitag in alter Gelehrtheit reicht hier leider nicht aus.. womit sich de Bogen zur Krise des Intellektuellen wunderbar schließt. ;)

Gruß in die Runde,
Felipe Gonzo

h.yuren 12.01.2011 | 22:55

manche kommentare sind gelungener als der ausgangsartikel. weil sie mehr sagen, und das geschliffener, polemischer, ironischer und durchdachter.
sind die jünger heute vielleicht besser als die meister?
das problem der vorzeigeweisen ist nur zu oft, dass sie nur noch teilweise sind. etwa die sogenannten wirtschaftsweisen.
aber für diese leutchen gilt noch immer lichtenbergs urteil: wer nur chemie versteht, versteht auch die nicht recht.
was dürfen wir von einem ausgewiesenen geisterwissenschaftler erwarten? (das kleine r ist kein tippfehler)

miauxx 13.01.2011 | 01:39

Auf jeden Fall kann man, muss man das Ausbleiben wirklich weiterreichender Debatten infolge "riskanten Denkens" heute beklagen.
Vielleicht hat auch das vehemente Eintreten für Ökologie eine der letzten solchen noch vermocht anzufachen. Nun sei "Öko-Philie" aber zum "Konsens" geronnen, und die Debatten am Ende. Die polemische Wortwahl - "Öko-Philie" - legt nahe, dass es sich wenig lohne, noch für 'grüne Ideale' einzutreten. Das Beispiel "Öko-Konsens" mag für Gumbrecht vielleicht nur ein signifikantes neben anderen sein. Trotzdem lohnt es sich, einmal dabei zu bleiben:
Wenn man heute für Ökologie eintritt, ist das nicht gleich ein Anachronismus, nur weil sich eine Mehrheit dafür ausspricht. Richtig ist aber wohl, dass sich "Riskantes Denken" als solches qualifiziert, wenn es gegenüber einer Mehrheitsmeinung steht. Intellektuelle Qualität ist damit allein aber noch nicht gesichert.
Nun sehen wir aber, dass Ökologie allzuleicht zur Marke und zum Lippenbekenntnis verblasst ist. Das mag kontroverse Debatten um's 'Grün-Denken' gekapert haben. Nur muss die konsequente Forderung nach Ökologie heute, endlich, eine Forderung nach einem Überdenken des gesamten Systems einschließen. Ansonsten bleibt sie eben inkonsequent. Wir sehen nicht zuletzt an den scheiternden Klimakonferenzen, dass Ökologie zu Ende zu denken noch gar lange keinen "Konsens" darstellt. Hier radikal zu sein, ist immer noch riskantes Denken.
Dass Gumbrecht nun gerade Sloterdiijk's Steuer-Vorschläge zitiert, mag ein wahlloses Beispiel sein. Hier sei nun ein vermeintlich "riskantes Denken" zu vernehmen. Nun formuliert Sloterdiijk ziemlich reaktionär, füllt sein Ansinnen in eine andere Sprache als etwa Westerwelle. Er gilt als Philosoph und mag sich in die soziale Debatte nur seiner Profession wegen eingeschaltet haben. Dann könnte ich ihm aber auch vorwerfen, er habe sich lediglich an die intellektuell arme 'Das-wird-man-wohl-noch-sagen-dürfen-Mentalität' der Politiker rangehängt.

Meiner Ansicht nach beschreibt Gumbrecht das kulturelle Problem gut - bis zu seinem letzten Absatz. Die Beispiele, an denen ich mich hier ja jetzt auch abgearbeitet habe, taugen in ihrer Konstellation nichts.
Das kontrovers-intellektuelle Debatten aber ausbleiben, ist sicher einer Verflachung an den Universitäten und in der Politik geschuldet. Sicherlich auch einer nicht mehr so engen Konnektivität zwischen etwa Geisteswissenschaften, Künstlern und eben der Politik.