Mission failed

Symptome einer Verschwindsucht Während Spanien und Honduras gehen, drängt Bush auf die "Irakisierung" des Besatzungsregimes

Für imperiale Eroberer war die Region des "Greater Middle East" von je her ein heißes Pflaster. So hat sich Rom als Weltmacht der Antike beim Sturm auf das Reich der Sassaniden gleich mehrfach eine blutige Nase geholt. Seine Niederlagen kulminierten in der Gefangennahme des von 70.000 Legionären begleiteten Kaisers Valerian nach der Schlacht von Edessa im Jahr 260. Noch heute künden Reliefbilder in der Schlucht von Bishapur, die ihn vor dem Sassaniden-Herrscher Shapur I. im Staube kniend zeigen, von der Schmach des römischen Imperators.

Dessen Schicksal sollte dem Möchtegern-Cäsar aus Crawford (Texas) eine Warnung sein. Die von ihm in den Irak entsandten staatlichen und privaten Legionäre des Imperium Americanum sind in prekärer Lage - von einer Mission accomplished - einer "erfüllten Mission" -, wie sie Bush vor einem Jahr auf dem Flugzeugträger Abraham Lincoln feiern ließ, kann keine Rede sein. Die Verlustziffern in den eigenen Reihen steigen erheblich, während die Zahl der massakrierten Iraker explodiert. Zugleich erklärt Spaniens neuer Premier die Vasallentreue seines Vorgängers Aznar für beendet, indem er den umgehenden Rückzug der spanischen Truppen anordnet und prompt in Gestalt des honduranischen Präsidenten Ricardo Maduro einen Nachahmer findet. Die atlantischen Hofschranzen schreien hysterisch auf angesichts der "Kapitulation vor dem Terror". Aber wenn Europa entgegen jeglicher Vernunft in Nibelungentreue zur US-Administration verharrt - wie kann es sich dann wundern, ebenfalls zum Zielgebiet des Terrors zu werden?

Selbst aus den Reihen des treuen britischen Alliierten kommt mittlerweile unwillige Kritik am Ausmaß der Gewalt, mit der US-Verbände aufständische Iraker in Schach halten. Der Sunday Telegraph zitiert einen hohen britischen Offizier mit dem Satz: "Die Amerikaner betrachten die Iraker als Untermenschen." Sollten sich demnächst auch Polen und Japan zu einem Truppenabzug aus dem Irak durchringen, stünde die Imperialmacht außenpolitisch so isoliert da wie noch nie seit Beginn der "Anti-Terror-Kriege" - ein Szenario, vor dem Senator Edward Kennedy bereits eindringlich warnt.

Davon unberührt lässt der begnadete Stratege im Oval Office seinem Präventivkrieg gegen Saddam Hussein nun einen weiteren Geniestreich folgen und erteilt der Unterwerfungs- und Annexionspolitik des israelischen Panzergenerals Sharon seinen Segen. Als gäbe es im Irak für die Amerikaner nicht Feinde zuhauf, wird die gesamte islamische Welt herausgefordert. Wie aber kann, wer vor den Augen von anderthalb Milliarden Muslimen so demonstrativ mit Israel paktiert, erstaunt sein, dass Osama bin Ladens hasserfüllter Aufruf an seine Glaubensbrüder, die Amerikaner zu töten, wo immer man sie trifft, eine wachsende Gefolgschaft in der Umma findet?

Präsident Bush hat mit kaum zu überbietender Selbstherrlichkeit die jahrzehntelange Resolutionspraxis der UNO, die von Israel kategorisch ein Ende des völkerrechtswidrigen Besatzungsregimes in Palästina fordert, vom Tisch gefegt. Welche Chuzpe gehört dazu, die Weltorganisation derart zu brüskieren und im gleichen Atemzug deren wachsendes Engagement im Irak zu fordern, nachdem man dieses Land ins Chaos gestürzt und sich dabei selbst in eine ausweglose Situation manövriert hat? Und welche Hilfe soll eine längst selbst zum Opfer der "einzigen Weltmacht" gewordene UNO im Irak überhaupt leisten? Deren Ansehen unter der dortigen Bevölkerung tendiert dank des mehr als zehn Jahre praktizierten Sanktionsregimes, das unendliches Leid über die Zivilbevölkerung gebracht hat, gegen Null. Überdies hatten die Vereinten Nationen nach 1991 die von Zeit zu Zeit stattfindenden Bombardierungen des Irak durch die amerikanische und britische Luftwaffe stillschweigend geduldet. Das alles sind denkbar ungünstige Voraussetzungen, um beim allseits beschworenen Nation-Building im Zweistromland Akzeptanz zu finden. Ohnehin brauchte jede erneute UN-Mission im Irak ein Mandat des Sicherheitsrates, dem - will sich die Weltorganisation nicht völlig desavouieren - eine klare Verurteilung des angloamerikanischen Angriffskrieges vom Vorjahr zugrunde liegen müsste, was illusorisch ist, da in einem solchen Fall die Urheber dieser Aggression über sich selbst das Urteil zu sprechen hätten.

Ein ähnlich unlösbares Problem ergäbe sich mit der Rekrutierung eines UN-Friedenskorps. Eine Umetikettierung der angloamerikanischen Besatzungstruppen mittels eines hellblauen Helmbezugs würde von einer Mehrheit des Iraker zweifellos als Täuschung empfunden und dürfte den Widerstand zusätzlich anfachen. Ohnehin erscheint es undenkbar, dass die Imperialmacht bereit sein könnte, ihre Streitkräfte einem UN-Kommando zu unterstellen. Welche Staaten aber sollten dann in die Bresche springen und die für eine UN-Mission benötigten Truppen in der erforderlichen Stärke stellen?

Angesichts dieser Dilemmata erscheint in der Tat eine "Irakisierung" des Konflikts als einzig gangbarer Weg. Dies aber kann auf keinen Fall mittels der von den neokonservativen Kreuzzüglern ab 30. Juni vorgesehenen Installierung eines Quisling-Regimes geschehen. Jede Option, die demokratischen Mindestnormen genügen soll, muss in angemessener Weise die im Irak existierenden Mehrheitsverhältnisse berücksichtigen. Das wiederum läuft unvermeidlich darauf hinaus, eine Machtübernahme der Schiiten unter Führung des Großayatollahs al-Sistani zu akzeptieren sowie umgehend die Okkupation des Irak zu beenden. Wer hingegen für einen Fortbestand der US-Besatzung plädiert, redet lediglich dem daraus notwendig resultierenden Schrecken ohne Ende das Wort.

Dipl. Päd. Jürgen Rose ist Oberstleutnant der Bundeswehr. Er vertritt in diesem Beitrag nur seine persönlichen Auffassungen.


00:00 23.04.2004

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