Mission gescheitert

Afghanistan Nach zehn Jahren ist der Krieg am Hindukusch ­verloren. Den USA und ihren Verbündeten geht es nur noch darum, das Gesicht zu wahren

Barack Obama hat als US-Präsident ein schweres Erbe angetreten. Sein Vorgänger George W. Bush hinterließ ihm drei Kriege. Alle drei hatte Bush begonnen, aber in seiner achtjährigen Amtszeit nicht zu Ende gebracht: Irak, Afghanistan und der Krieg gegen den Terror. Nun wird Obama wieder schmerzlich an dieses Erbe erinnert. Vor genau zehn Jahren, am 7. Oktober 2001, nahm Bush Afghanistan ins Visier. Mit einem Angriff auf Osama bin Ladens Hochburg am Hindukusch eröffnete Bush den globalen Krieg gegen den Terror – seine Antwort auf die Anschläge vom 11. September 2001 in New York und Washington. In Afghanistan entwickelte sich die Bekämpfung des Terrorismus jedoch trotz eines raschen Sieges über die frühere Taliban-Regierung binnen weniger Jahre zu einem Krieg um das Land. Dieser geht nun in sein elftes Jahr. Damit dauert er bereits länger als der Einsatz der Roten Armee in Afghanistan.

Obama weiß, dass er diesen Krieg beenden muss. Er kann ihn nicht gewinnen, und er darf ihn nicht verlieren. Die Zeit arbeitet gegen die USA und ihre Verbündeten. Bis 2014 sollen die US-Truppen das Land weitgehend verlassen. Noch in diesem Jahr werden erste Verbände abgezogen. Viele Verbündete haben angekündigt, ihre Präsenz ebenfalls zu reduzieren – auch Deutschland, das aber den schrittweisen Bundeswehr-Abzug vom Vorgehen der USA abhängig macht. Das folgt der Logik vom Beginn des Krieges: Deutschland und andere Verbündete engagierten sich in Afghanistan vor allem, um Solidarität mit den USA zu zeigen.

Der Abzug der NATO-Truppen wird bereits seit geraumer Zeit mit großem Aufwand vorbereitet. Die Aufständischen werden noch einmal mit mehr Soldaten und intensiver bekämpft. Die regierungstreuen Sicherheitskräfte werden noch einmal aufgestockt und verstärkt in die Sicherheitsverantwortung und die Kämpfe gegen die Aufständischen eingebunden. Man hofft, die unbeliebte und korrupte Regierung Karzai werde den Abzug der ausländischen Truppen aus eigener Kraft und mit Unterstützung von außen überleben. Vorübergehend zumindest. Gesichtswahrung, so lautet das Ziel dieser Strategie.

Ob sie gelingt, ist ungewiss. Seit Wochen demonstrieren die Taliban, dass sie selbst in Kabul zu militärischen Aktionen fähig sind. Immer wieder werden wichtige Vertraute Karzais durch Attentate ausgeschaltet. Mit dem ehemaligen afghanischen Präsidenten Rabbani wurde jüngst durch ein Selbstmordattentat auch der derzeit wichtigste Vermittler getötet, jemand, der friedliche Möglichkeiten der Einbeziehung der Taliban in eine künftige afghanische Regierung ausloten sollte. Die pakistanisch-afghanische Grenzregion bleibt ein unkontrollierbarer Unruheherd. Weder die Regierungen Pakistans und Afghanistans noch die Truppen der USA und ihrer Verbündeten können das verhindern. Seit Spezialkräfte der USA Osama bin Laden bei einem Einsatz tief im Inneren Pakistans im Mai erschossen, ist das Verhältnis zwischen den USA und Pakistan deutlich schlechter.

Trotz all dieser Ungewissheit aber bleibt es dabei: Obama muss den Krieg in Afghanistan zügig beenden. Schadensbegrenzung ist die beste ihm verbleibende Möglichkeit. Eine sichtbare Niederlage, ein Truppenabzug, der offensichtlich vom Druck der Aufständischen ausgelöst würde, wäre ein fatales Signal. Das würde die NATO schwächen, die westlichen Verbündeten zutiefst verunsichern und die Fähigkeit der USA infragestellen, auch künftig als globale ordnungspolitische Führungsmacht zu agieren. Afghanistan wäre erneut seinem zweifelhaften Ruf gerecht geworden, Friedhof großer Mächte zu sein.

Zur Eile zwingt Obama eine weitere Hinterlassenschaft des George W. Bush: eine Staatsverschulung, die die Handlungsfähigkeit der USA bereits deutlich einschränkt. In Bushs Amtszeit hat sie sich fast verdopppelt – auf mehr als zehn Billionen Dollar. Ursächlich waren unter anderem die Kosten der Kriege, steigende Zinslasten und Hunderte Milliarden Dollar, die Bush in die Rettung des Finanzsystems der USA pumpte. Finanzielle Verpflichtungen für die Folgejahre, die Bush eingegangen war, vergrößerten diesen Schuldenberg 2009 und 2010 um weitere drei Billionen Dollar. Obama muss die finanziellen Kriegslasten Washingtons deutlich reduzieren, will er die führende Rolle der USA für die Zukunft sichern.

Erste Konsequenzen werden bereits gezogen. Als Frankreich und Großbritannien auf einen Militäreinsatz in Libyen drangen, versagte ihnen die Regierung Obama zwar nicht ihre militärische Unterstützung. Sie lehnte jedoch die Übernahme der Führungsrolle und den Einsatz von Bodentruppen klar ab. Sie war nicht bereit, die Last eines weiteren, möglicherweise langen Krieges zu übernehmen. Die Verantwortung für das langwierige, teure und oft wenig erfolgreiche Nation-Building sollten andere tragen. Noch deutlicher setzte Obama seine neuen Prioritäten, als er im Juni die ersten Schritte des Truppenabzugs aus Afghanistan ankündigte: „Amerika, es ist an der Zeit, sich hier, zu Hause, auf den Wiederaufbau der Nation zu konzentrieren.“

Otfried Nassauer ist freier Journalist und leitet das Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit BITS

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14:00 06.10.2011

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