Missionar im wilden Osten

Im Gespräch Der Politik- und Nahostwissenschaftler Mohssen Massarrat über den Besuch des Papstes in der Türkei

FREITAG: Warum haben so viele Türken den Besuch Benedikts XVI. in ihrem Land eher als großes Übel denn als Ausdruck von Wertschätzung empfunden?
MOHSSEN MASSARRAT: Die Proteste gegen diesen Besuch sind nur die Spitze des Eisberges. Darunter muss man sich eine breite Koalition von Papst-Gegnern vorstellen, die von islamischen Gruppierungen ebenso wie von säkularen Kräften gebildet wird. Jedenfalls kann man davon ausgehen - dieser Papst ist in der Türkei nicht willkommen.

Waren dafür wirklich allein die berühmten Islam-Passagen aus der Regensburger Rede Benedikts XVI. vom September ausschlaggebend oder kamen andere Faktoren in Betracht?
Für die islamischen Strömungen und Gruppen spielen die islamfeindlichen Äußerungen des Papstes in Regensburg nach wie vor eine wichtige Rolle, denn Benedikt XVI. hat ja bis heute seine teils irreführenden, teils sachlich definitiv falschen Aussagen zu Mohammed und zum Islam nicht wirklich zurückgenommen. Er hat sich stattdessen mehr oder weniger bemüht, die Gemüter mit inhaltsleeren Höflichkeitsfloskeln zu beruhigen. Auf diesen Regensburger Vortrag reagierten übrigens inzwischen 38 Islam-Gelehrte aus der gesamten islamischen Welt mit einem Offenen Brief, der am 24. Oktober auch von der FAZ dokumentiert wurde. Wenn man sich dieses Papier anschaut, bleibt als Eindruck, dass diese Gelehrten - bei aller Widerlegung der päpstlichen Aussagen - seiner Heiligkeit ihren großen Respekt nicht versagen.

Inwiefern?
Das Dokument bürgt für die Dialogbereitschaft der islamischen Seite - zumindest auf der Ebene der muslimischen Elite, während gleichzeitig der Umgang des Papstes mit dem Islam und der islamischen Welt weiter von Arroganz geprägt ist. Auch in der Türkei hat er kein Gespräch mit islamischen Geistlichen geführt und es bei einem symbolischen Akt, dem Besuch der Blauen Moschee in Istanbul, belassen.

Sind die Proteste in der Türkei auch damit zu erklären, dass Benedikt XVI. derzeit mehr als westliche Galionsfigur denn als christlicher Kirchenführer gesehen wird?
Es gibt eine unverkennbare Parallelität zwischen der Herausstellung des Schwertes von Mohammed durch den Papst und anti-islamischen Hasspredigten aus dem Umfeld der US-Neokonservativen. Von daher ist diese Wahrnehmung nicht falsch.

Warum ist der Papst bei aller Ablehnung, die ihm entgegenschlug, überhaupt in die Türkei gereist?
Er handelt eben nach seinem Fahrplan. Meines Erachtens geht es dem Oberhaupt der Katholischen Kirche um eine Ökumene mit den orthodoxen Christen im Orient, aber auch der russisch-orthodoxen Kirche überhaupt. Der Besuch sollte diesen Prozess voranbringen. Es geht um Machterweiterung der Katholischen Kirche, allerdings mit Hilfe eines gemeinsamen Feindbildes - auf dem Rücken der islamischen Welt. Ich glaube kaum, dass es reiner Zufall war, in der Regensburger Rede ausgerechnet den byzantinischen Kaiser Manuel II. Palaeologos aus dem 14. Jahrhundert zu zitieren, der schließlich in Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, residierte. Ein Monarch, der die christliche Welt zu mobilisieren suchte, um den nahen Untergang des christlichen Byzanz und eine damit verbundene Verbreitung des Islam zu verhindern.

Angesichts des Treffens Benedikts XVI. mit dem orthodoxen Patriarchen von Istanbul wurde gar von einer möglichen Rückeroberung der Türkei für die Christenheit gesprochen. Wie soll das gehen, wenn sich mehr als neun Zehntel der Türken zum Islam bekennen?
Das sind bewusst übertriebene Befürchtungen. Man kolportiert: Die Geschichte werde sich wiederholen - die Kreuzzüge würden sich wiederholen. Doch das lässt sich kaum ernst nehmen, weil derartige Spekulationen vorzugsweise von Populisten kommen, die in der Türkei auf Stimmungsmache setzen und innenpolitisch an Gewicht gewinnen wollen. Ohnehin besitzt die Katholische Kirche durch ihre Parteinahme für die offizielle Politik der westlichen Staaten gegenüber der islamischen Welt für Muslime keine besondere Attraktivität. In gleicher Weise wirkt das Schweigen einer Mehrheit der Christen zum Irak-Krieg und zum Palästina-Konflikt.

Ist die Türkei letzten Endes doch nicht das viel beschworene Bindeglied zwischen Okzident und Orient, sondern eindeutig Teil der islamischen Welt?
Für mich persönlich gehört die Türkei kulturell zur islamischen Welt - andererseits darf nicht übersehen werden, dass sich ein beachtlicher Teil der Bevölkerung im Westen des Landes als Teil Europas definiert.

Den EU-Ambitionen Ankaras dürfte die Papst-Visite auch nicht übermäßig gedient haben.
Deshalb gab es auch Proteste aus säkularen Kreisen. Der deutsche Papst ist offenbar ein begnadeter Machtmensch, wenn auch ohne besonderes Charisma - er mischt sich nach meinem Eindruck ziemlich unverhohlen zugunsten der Christen in die europäische Innenpolitik ein. Er tut das nicht zuletzt deshalb, weil es mit einem EU-Mitglied Türkei undenkbar wäre, in der EU-Verfassung direkt auf christliche Werte Bezug zu nehmen.

Aber seine ablehnende Haltung zu einem türkischen EU-Beitritt hat Benedikt meines Wissens vor seiner Wahl zum Papst zum Ausdruck gebracht - danach nicht mehr.
Ich glaube, dass sich an dieser Ablehnung nichts geändert hat, weil der Papst natürlich weiß, dass ein islamischer Konkurrent innerhalb der EU mit einem EU-Mitglied Türkei klar institutionalisiert wäre.

Das Gespräch führte Lutz Herden


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00:00 01.12.2006

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