Missionare über Afghanistan

Tornados für die Freiheit Das Geschwader Immelmann hat Tradition

Zehn Stunden und genau 40 Minuten bevor der letzte Karfreitag begann, und damit rechtzeitig zur Wiederkehr des Tages, an dem Jesus Christus ans Kreuz geschlagen wurde, konnte Zeit-online rapportieren: "Isaf-Mission: Deutsche Tornados in Afghanistan gelandet." - Mission bedeutete einst "das Entsenden christlicher Glaubensboten". So jedenfalls definierte es mein Duden-Wörterbuch von 1978. Heute kann Mission bedeuten: Bomben, Not, Elend, Tod. Das ist der Kern der Zeit-online-Meldung: "Alle sechs Aufklärungs-Tornados der Bundeswehr sind wohlbehalten in Afghanistan angekommen."

Zum Ostersonntag eine Bombe mit Zündschnur. "Lassen Sie es krachen!", fordert die Website der Kölnischen Rundschau in einem Videoflash. Zu sehen ist, wie sich das Feuer auf der Zündschnur vorfrisst und die Bombe explodiert - darunter der dpa-Text aus Masar-I-Scharif. Die Soldaten würden sich freuen, "dass die Arbeit nun endlich losgeht", erklärt Presseoffizier Hartmut Beilmann, der Sprecher des Tornado-Geschwaders 51 Immelmann. Und erläutert: Mit 92 Euro am Tag bekommen die Truppen im Afghanistan-Einsatz die höchstmögliche Gefahrenzulage. "Furcht" und "Angst" vor dem Einsatz seien keine Begriffe, die die Soldaten in den Mund nähmen.

Denn gekracht hat vorerst nur die Bombe auf der Kölner Website. Sie warb für ein günstiges Sonderangebot des Discounters Plus. Das Tornadogeschwader selbst hat nach zuverlässigen Medienberichten keine Bomben zu fürchten. Direkt aus Masar-I-Scharif meldeten am Ostermontag Deutschlandfunk, NDR-Info und Deutschlandradio Kultur nach offensichtlich gründlichen Recherchen übereinstimmend Hocherfreuliches über den bevorstehenden Erfolg der Mission des Geschwaders Immelmann: "Zumindest im Norden des Landes ist kaum ein Afghane zu finden, der sich nicht über die Anwesenheit der Bundeswehr freut."

Das Geschwader Immelmann ist ein besonderer Grund zur Freude. Es steht in einer bewährten deutschen Tradition. Max Immelmann war im Ersten Weltkrieg eine mit dem Pour le Mérite gemästete Heldennatur, ein Kampfflieger, zu dessen Ehrgeiz es gehörte, mit möglichst wenig Munition möglichst viele "Feinde" abzuschießen, bis er 1916 - mutmaßlich durch ein Versehen - von der eigenen Flak heruntergeholt wurde und seinen Heldentod starb.

Das Geschwader mit seinem guten Namen bewährte sich 23 Jahre später ganz besonders. "Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen", behauptete Adolf Hitler am 1. September 1939. Doch schon eineinviertel Stunden vorher begann mit der Einsatzkraft der Immelmänner der Zweite Weltkrieg. Um 4.30 Uhr machten sich die Sturzkampfflugzeuge des Geschwaders Immelmann unter dem Oberbefehl des erprobten Einsatzführers Generalmajor Wolfram Freiherr von Richthofen über das polnische 16.000-Seelen-Städtchen Wielun her. Erstes Ziel der Stukas war das Allerheiligen-Hospital. Ein leicht zu treffendes Ziel, da das Gebäude auf dem Dach mit einem roten Kreuz gekennzeichnet ist. Dreimal wird es bombardiert - mit Erfolg: Zwei Ordensschwestern, vier Krankenschwestern und 26 Patienten sind tot. Die dritte und letzte Mission über der Stadt wird befehligt von Major Oskar Dinort vom Stuka-Geschwader 2 Immelmann. Er hat sich persönlich den Schlusseffekt vorbehalten. "Die letzte Ladung, die schwerste, saust auf den Marktplatz hinab. Eine Fontäne von Flammen, Rauch und Splittern, höher als der Turm der kleinen Kirche". So der Immelmann-Major in seinem schon 1939 in einem Kriegsbuch veröffentlichten Bericht Die Höllenvögel. Der Gesamterfolg der Immelmann-Mission: Die Stadt ist zu 70 Prozent, der Stadtkern zu 90 Prozent zerstört. 1.200 Zivilisten sind tot, bevor ihnen noch von Hitler der Krieg erklärt wurde.

Diese Großtat der Immelmänner war der erste Terrorangriff des Zweiten Weltkriegs auf eine Zivilbevölkerung. Aber der Angriff auf Wielun war nicht die erste Tat, die sich mit dem Namen der Immelmänner verbindet. Einsatzführer Generalmajor Wolfram Freiherr von Richthofen missionierte schon 1937 als Befehlshaber der deutschen Legion Condor für General Franco die spanische Republik. Nach der Bombardierung des baskischen Städtchens Guernica beschrieb er in seinem Kriegstagebuch sein schönstes Erlebnis: "Guernica, Stadt von 5.000 Einwohnern, buchstäblich dem Erdboden gleichgemacht, Bombenlöcher auf Straßen noch zu sehen, einfach toll."

"Die Besatzungen sind auf alles vorbereitet und werden wohl mit den Gefahren gut zurechtkommen", erläutert heute der frühere Befehlshaber des Luftwaffenführungskommandos in Wahn bei Köln, General a. D. Walter Jertz dem Deutschen Depeschendienst (ddp). Er kennt seine Immelmänner aus ihrer Mission in Jugoslawien - sein Wort werden die Afghanen glauben müssen. Jertz ist, wie ddp meldete, "selbst erfahrener Tornado-Pilot und hat seinerzeit die Aufklärungs- und Kampf-Tornados bei ihren Einsätzen im Balkan-Krieg vom italienischen Stützpunkt Piacenza aus befehligt." 1999 im Bombenkrieg gegen Belgrad war Jertz der bewährte Gehilfe des NATO-Propagandachefs Jamie Shea. Und da hat Jertz bekanntlich stets die Wahrheit gesagt.

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00:00 13.04.2007

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