Missverständnisse beim Hören

Lauschangriff Mit "It’s Blitz!" haben die Yeah Yeahs Yeahs doch noch ihr Popmeisterwerk geschaffen

Erinnern wir uns: Anfang des neuen Jahrhundertes machte sich eine Garage-Rock-Szene weltweit ziemlich breit. Aber die Popwelt ist wankelmütig, und so verschwanden viele Bands so schnell, wie sie gekommen waren. Oder wer interessiert sich heute wirklich noch für Jet, The Vines, Detroit Cobras, Von Bondies oder The Hives? Auch hier kommt Darwin zur Anwendung: Die Stärksten überleben. Die White Stripes und The Strokes sind uns im Bewusstsein geblieben. Jack White von den White Stripes hat mittlerweile sogar ein James-Bond-Lied im Duett mit Alicia Keys gesungen. Da ist für das Bewusstsein nicht verkehrt.

Yeah Yeah Yeahs ist eine weitere Band aus dem Umfeld von Garage Rock, die dauerhaft Spuren hinterlassen hat. Dazu hatte sie von Anfang an gute Chancen, weil die Band durchaus charismatisch ist: Die Sängerin Karen O ist ein müheloser Star, eine Mischung aus Siouxsie Sioux und Donna Summer, und Nick Zinner als Gitarrist kann man vielleicht als das größte Naturlatent seit The Edge von U2 bezeichnen. Trotz der Punkattitüde waren die Songs der Yeah Yeah Yeahs schon auf dem Debütabum Fever to tell 2003 überdurchschnittlich gut. Das zweite Album Show your Bones war etwas umstritten, der Sound leichtfüßiger. Die EP Is is schien 2007 eine Rückkehr zum Garage-Feeling anzukündigen, um die alten Fans zu beruhigen, bevor die sich für immer verabschieden.

Nun haben die Yeah Yeahs Yeahs doch noch ihr Popmeisterwerk geschaffen: It’s Blitz!. Damit könnten sie die Charts im großen Stil erobern. Dabei handelt es sich offenbar um keinen kalkulierten Schritt. Einige der Songs waren ursprünglich für ein Soloalbum von Karen O gedacht. Dafür hatte sie eine Weile mit dem Produzenten Squeak E. Clean zusammen gearbeitet und ihrem Bandkollegen Nick Zinner deutlich gemacht, dass sie auf sein Gitarrenspiel gerne einmal verzichten würde. Das Projekt wurde allerdings nie fertig.

Nun bildet es die Basis des neuen Yeah Yeah Yeahs-Albums. Was mit den Gitarren ist? It’s Blitz! ist keyboarddominiert, die Gerüchte aber, dass die Gitarre wie auf dem geplanten Soloalbum entfallen würde, erweisen sich als übertrieben. Es gibt dezente Gitarrenarrangements auf ungefähr der Hälfte der Songs. Da der Synthesizer den Ton für die Platte setzt, könnten Zyniker behaupten, die Band habe die Electroclash-achtziger-Jahre-Synthierevival-Party verpasst und hinkten in Wirklichkeit hinterher. Dagegen spricht jedoch das gelungene Songwriting.

Wer nur ein paar Ausschnitte vielleicht im Internet gehört hat, könnte wiederum auf die Idee kommen, es sei ein Disco-Album. Tatsächlich sind aber nur Heads will roll und Dragon Queen Disco im engeren Sinne.

Ansonsten ersetzen die Keyboards die Parts, die normalerweise von Zinners Rockgitarre spielen würde. Und das klingt dennoch nach Rockband. Es ist auch längst nicht alles hochenergisch, da es einige Balladen gibt wie Skeletons mit keltischen, Keyboard simulierten Dudelsackarrangements oder auch Runaway, die mit schlichtem Klavier beginnt und mit großen Streichern endet.

Synthesizer-Klänge stehen im Ruf, künstlich und hohl zu sein. Das ist hier anders: Karen Os Stimme sorgt für einen emotionalen Tiefgang, der nur wenigen Bands gelingt. Wie New Order beispielsweise.

Yeah Yeah YeahsIts Blitz! Live 3. Mai Köln (Live Music Hall) 6. Mai Berlin (Columbiahalle), 5. Juli Roskilde-Festival, 7. Juli Hamburg (Docks)

09:45 04.05.2009

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