Mister Hype

Österreich Der neue Kanzler wirkt wie ein Messias aus dem Musterknabenkatalog. Nur die FPÖ trübt die Stimmung
Franz Schandl | Ausgabe 24/2016
Mister Hype
Der Verkäufer ist flott und adrett, ja mondän: Christian Kern von der SPÖ

Foto: Eibner/Imago

Schnell kann das gehen. Plötzlich schaut alles ganz anders aus, obwohl sich gar nichts verändert hat. Mit dem Vorsitzenden- und Kanzlerwechsel hat die SPÖ ein Bravourstück an medialem Regietheater abgeliefert. Nicht ganz geplant, aber doch gelungen. Da mag der Status noch so schlecht sein, die Befindlichkeit ist seit Pfingsten in unabsehbare Höhen geklettert. Seit der Quereinsteiger Republik und Partei führt, tut die SPÖ geradewegs so, als sei sie nicht wiederzuerkennen. Christian Kern, der Ex-Vorstandsvorsitzende der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB), stürzt, wenn nicht ein Land, so doch eine Partei in die Euphorie. Glauben müssen sie daran, denn was sonst können sie noch glauben. Der Manager wird es schon richten. Mühelos versetzte der Parteichef den Landesparteitag in Klagenfurt in eine regelrechte Kern-Mania. Die Funktionäre fürchten sich nicht vor ihm, sondern ohne ihn.

Gieren nach dem Schein

Der Bundeskanzler wird nicht müde zu betonen, mit „Machtversessenheit“, „Zukunftsvergessenheit“ und „Ideenlosigkeit“ sei Schluss. Selbstverständlich gehe es darum, „die Fenster zu öffnen“ und „frische Luft“ zu atmen. Es gelte, „die SPÖ nicht in die Mitte, sondern in die Breite zu führen“. Die Politik müsse „raus zu den Menschen“, Investitionen und Wachstum seien anzukurbeln. Wem das bekannt vorkommt, irrt nicht. Alles, woran man zu glauben hat, wird neu serviert. Der Verkäufer ist nicht nur tüchtig, er ist flott und adrett, ja mondän. Die alten Hülsenfrüchte sind wieder auf dem Markt, werden gehandelt und gekauft. Und auf einmal sehen sie ganz frisch aus.

Auch John Maynard Keynes erlebt eine Renaissance: „So viel Markt wie möglich, so viel Staat wie nötig“, lautet die ultraneue Devise. Da kann niemand dagegen sein. Endlich sagt es einer. An die Stammbelegschaft gewandt heißt es: „Wir sind die Partei der hart arbeitenden Menschen, die sich an die Regeln halten.“ Auch an die bescheiden gewordene Linke sendet Kern Signale, da ist von „Grundsätzen“ die Rede, „für die die Menschen brennen“, von einer „progressiveren Handschrift“ oder gar vom „Systemwechsel“, wobei natürlich bloß das Steuersystem gemeint ist. Der Code wirkt Wunder. „Es geht um die Lufthoheit an den Stammtischen, um Hegemonie.“ Gramsci kennt er also auch. Ein richtiger Hype geht da ab, man verfolge nur einschlägige Zeitschriften des rot-grünen Spektrums.

Etwa den Falter. „Christian Kern wurde vergangene Woche nach seiner ersten Rede wie der Messias empfangen“, lesen wir da. Anhimmeln ist angesagt. „Gemeinsam mit dem neuen Kanzler Christian Kern sieht Österreichs Staatsspitze plötzlich so aus, als hätte man sie in einem europäischen Musterknabenkatalog bestellt. Kern und Van der Bellen, das steht für weltoffen und proeuropäisch, für ein Selbstverständnis jenseits altmodischen Österreichertums, für ökosoziale Marktwirtschaft und Start-up-Mentalität, am Ende vielleicht auch für eine bessere Dritte Republik …“ Alles wird gut. Dieser New Political Business Slang scheint Furore machen zu wollen.

Was ist schon die Lage gegen die Laune? Und so steigen, weil die Stimmung sich bessert, die Umfragewerte wieder an. Man glaubt es kaum, aber man kann es messen. Es ist diese Kraft der Simulation und Illusion, die sich hier inszeniert. Und ankommt. Definitiv. Es ist die große mediale Retorte, aus der solche Produkte entstehen. Die Politik bleibt zwar grosso modo gleich, aber sie kommt nun ganz anders rüber. Parteivorsitzende haben Vorstandsvorsitzenden zu gleichen. Der Mann, der sogar beim Joggen Telefonate führt, erfüllt dieses Kriterium. Macher sind heute das Nonplusultra.

Populismus kommt heute nicht nur vom lateinischen populus, er kommt auch vom englischen to pop, was meint: knallen, platzen. Immer ist und geht was los. „Rausplatzen“ und „durchknallen“, gibt es bessere Verben, um die Aufmerksamkeitsökonomie der Kulturindustrie zu beschreiben? Es herrscht eine Politik der Plötzlichkeiten. Stets wird scharf geschossen. In immensem Eifer werden Fixierungen produziert, denen sich kaum jemand entziehen kann. In allen Ecken und Winkeln und Netzen lauern sie, via Gerätschaften sind wir angeschlossen, ja ausgeliefert. Was wir sehen, hören, spüren – da haben wir ganz wenig zu entscheiden. Das ist vorgegeben, da machen wir mit, egal ob es uns passt oder nicht.

Christian Kern ist einer, der die mediale Klaviatur souverän beherrscht. Die frei gesprochene Regierungserklärung imponierte. Stil, Performance, Ambiente, Habitus, Code werden immer bestimmender. Wir haben ein formatiertes Publikum, das – gut abgerichtet – in Serie reinfällt. Was im akuten Fall aber auch heißt: Eine kleine Erschütterung und dieselben Leute sind wieder bei der FPÖ, bei Heinz-Christian Strache und Norbert Hofer. Und das zeichnet sich auch schon ab, zumindest atmosphärisch.

Klage der Freiheitlichen

Die Anfechtung des Ergebnisses der Bundespräsidentenwahl durch die FPÖ vor dem Verfassungsgerichtshof hat zwar kaum Aussicht auf Erfolg, aber sie schürt Latrinengerüchte und führt dazu, dass die Freiheitlichen wieder mühelos und penetrant die Öffentlichkeit dominieren. Dass Unregelmäßigkeiten bei Wahlen auftreten, ist normal, dass Briefwahlstimmen bereits am Sonntag und nicht am Montag gezählt werden, in vielen Gemeinden Usus. Das ist zwar gesetzlich nicht erlaubt, wurde aber bis jetzt immer toleriert, schließlich haben am Montag weniger Leute Zeit als am Wahlsonntag. Es ist auch kein Zufall, dass die Wahlbeisitzer der FPÖ die allermeisten Protokolle unterschrieben haben und die Mängel nicht gleich monierten. Aber FPÖ-Chef Strache geht es um den Wirbel. Den braucht er. Exzessiv halluziniert sich die FPÖ als Opfer dunkler Mächte.

Da droht Kern Ungemach, zumal eine Personalie so gar keinen neuen Stil erkennen ließ. Im Gegenteil: Einmal mehr hat die ÖVP beim Rechnungshof ihre Kandidatin schamlos durchgepresst. Die Kanzlerpartei sah dabei ziemlich ohnmächtig aus. Abermals ließ man sich von der Volkspartei vorführen. Droht die ÖVP in Richtung FPÖ zu schwenken, bricht die Sozialdemokratie ein. Das hat auch mit dem entfachten Erwartungsdruck zu tun: Entweder liefert er schnell oder er ist schnell geliefert, der Christian Kern.

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