Mister John jr. will Kricket spielen

Mariam Abad in Pakistan Eine christliche Enklave in einer streng muslimischen Welt

Der Wallfahrtsort wird auch Mary´s City genannt und klingt in den Ohren pakistanischer Christen wie Altötting für streng katholische Bayern. 80 Kilometer von Lahore, der Hauptstadt des Punjab, entfernt, ist "Mariam Abad" als Ort der Marienverehrung einzigartig für Pakistan. Auf einer künstlichen Anhöhe steht in ihrem Schrein eine kleine Marienstatue im Stil der Nazarener. Lourdes war offensichtlich Vorbild für die Anlage.

Viele christliche Frauen und Männer, aber auch muslimische Pakistani oder christliche Inder und ganz wenige Hindi streben mit ihren Wünschen und Träumen in der Hoffnung auf Hilfe hierher. Es gab zwar keine Marienerscheinung, doch alle glauben an die besondere Kraft dieser kleinen Madonna. Häufig sind unerfüllte Kinderwünsche für muslimische wie christliche Frauen der Grund, einmal im Jahr die beschwerliche Reise mit Bussen, Rikschas, Fahrrädern oder zu Fuß auf sich nehmen.

Töpfe mit gekochtem Reis

Ich habe Mister John und seine Familie zu einer Tour nach Mariam Abad eingeladen. Mister John, seine Frau und die vier Kinder sind pakistanische Christen. Bei meinen Kunstprojekten ist mir Mister John eine große Hilfe, er kennt sich aus und schafft es, meine schwierigen Themen zu recherchieren und die Realisation klug vorzubereiten.

Wir fahren zunächst auf einem der pakistanischen Superhighways in Richtung Islamabad, wie immer sind auf dieser Route kaum Fahrzeuge unterwegs, die Autobahn-Gebühren erreichen für pakistanische Verhältnisse beträchtliche Höhen. Sämtliche Tankstellen entlang der Piste haben sich gleich neben den Zapfsäulen einen Gebetsraum mit einem kleinen Minarett zugelegt, auch unser Fahrer entschließt sich zu einem kurzen Stopp. Nach etwa 20 Kilometern biegen wir auf eine nicht mehr tributpflichtige Straße ein, auf der sich mit einem unbeschreiblichen Verkehr aus Pferdefuhrwerken, Radlern, Rikscha-Fahrern und bunt bemalten "fahrenden Schreinen" auf wunderschönen Trucks ein Bild überschäumender Vitalität bietet. Mister Johns Töchter neben mir sind inzwischen grün im Gesicht und benutzen dezent und wohlerzogen die mitgebrachten Plastiktüten. Schließlich lassen wir das Verkehrsinferno hinter uns und geraten auf einen ungeteerten Feldweg, der direkt nach Mariam Abad führt.

In einer kleinen Kathedrale trifft Mister John auf Mister Joseph, den Kirchenvorsteher, der uns gastfreundlich sofort in sein Haus bittet. Die Familie John ist sehr angesehen und seit der Kirchengründung von 1896 in der Gemeinde ansässig. Wir trinken Tee, Gebäck wird angeboten, der Ramadan spielt keine Rolle. Mister Joseph hat das einzige Auto im Dorf, ein japanisches, wie die meisten in Pakistan. "Wenn nötig, muss das auch unser Krankentransporter sein", erzählt er. Stolz zeigt uns Mister Joseph einen großen Kühlschrank im Wohnzimmer und den neuen Gasherd mit zwei Flammen in der Küche. Gemessen am Standard der umliegenden muslimischen Dörfer ist ein solcher Komfort - wie auch fließendes Wasser direkt im Haus - keine Selbstverständlichkeit. Mister Joseph lebt mit der ganzen Familie, mit den Eltern, Kindern, Großeltern, Nichten und Neffen, unter einem Dach. In der nächsten Woche wird eine seiner Schwestern verheiratet, natürlich christlich. Die Hochzeit ist von den Eltern arrangiert, wie es üblich ist in Pakistan.

Mister Joseph hat in den Vereinigten Staaten studiert und wollte nach dem Examen nach Mariam Abad zurück. "Meine ganze Verwandtschaft engagiert sich seit Jahrzehnten in der christlichen Gemeinschaft. Und das erwartete man auch von mir." Nach der Teepause zeigt uns Mister Joseph das Dorf und erzählt dabei eine typische Mariam Abad-Geschichte: "Ein Paschtune aus Peschawar kam nach Mariam Abad, um zu Maria zu beten. Er war ohne Schuld in einen Mordfall verwickelt und versprach der Jungfrau Maria, den Pilgern 100 ›degs‹ zu spenden, sollte seine Unschuld bewiesen werden. Maria erhörte ihn und die Pilger bekamen 100 Töpfe mit jeweils zehn Kilo gekochtem Reis."

Nach dem Besuch der Kirche, des Klosters und der Schule von Mariam Abad werden wir auf den Friedhof geführt. Die Gräber sind mit Steinkreuzen geschmückt und werden von Ziegen abgegrast. "Die Leute im Dorf sind arm", erzählt Mister Joseph, "die Kinder lernen zwar in Mariam Abad lesen und schreiben, haben aber wenig Chancen in einer streng islamischen Welt, in der ein rigides Schulsystem die Reichen bevorzugt."

Jahr für Jahr versammeln sich während der ersten Septemberwoche in Mariam Abad Tausende Christen, um die Mela zu feiern. In Bayern würde man von Kirchweih sprechen. Der kleine Ort mit seinen 200 christlichen Familien in der rein islamischen Umgebung platzt aus allen Fugen. Die Gläubigen bringen Geschenke wie Blumengirlanden, Halsketten sowie Kopftücher und Schals mit. In den drei Tagen der Mela gibt es Schlangen von Pilgern, nach Geschlechtern getrennt, die sich langsam zum Schrein bewegen, um die Marienstatue zu berühren. Im Land der Sufis feiern unzählige Anhänger verschiedener Sufiheiliger in ähnlicher Weise den Urs an ihren Schreinen. Die Prozession beginnt an der Kirche, führt zum Schrein, am Kloster und am Friedhof vorbei, und durch das winzige Dorf zurück.

Die ansässigen Familien beherbergen während dieser Tage der Andacht mitunter zwischen 30 bis 50 Personen. Die weniger Privilegierten übernachten im Garten des Klosters oder auf dem Friedhof - es gibt an diesem Ort der Verheißung kein Hotel.

Während anderswo der Muezzin ruft

Die Kirche von Mariam Abad wurde 1896 von belgischen Missionaren aufwändig erbaut, farbige Glasfenster und ein Kreuzweg mit den einzelnen Stationen in Urdu schmücken den Innenraum, einen Beichtstuhl gibt es nicht, man verzichte darauf zu beichten, sagt Mister Joseph. Jeden Sonntag wird zur Messe geläutet, während in den Nachbardörfern der Muezzin zum Gebet ruft. Auffallend viele Klingelbeutel finden sich im Kirchenraum verteilt. Die meisten Christen Pakistans gelten als arm, aber bei der Kollekte ist man offenbar großzügig. Der Wein für die sonntägliche Messe kommt aus Lahore, doch ist es in diesem drakonisch muslimischen Land nicht gerade einfach, Alkohol zu beschaffen. Mister Joseph braucht eine spezielle Lizenz, um im staatlichen Laden einkaufen zu können.

Der Kirche schließt sich ein Nonnenkloster an, hier unterrichten zwölf Nonnen in den mit Hilfe von Miserior erbauten Schulräumen die meisten Kinder aus den christlichen Familien von Mariam Abad - und die beiden gewaltigen, weithin sichtbaren Kreuze vor dem Gebäude wirken wie ein Fanal. Christen sind in Pakistan neben den Hindi eine wenig geliebte Minderheit, immer wieder brennen Kirchen, werden Brandbomben während der Messe geworfen und Katholiken der Blasphemie beschuldigt. Das entsprechende Gesetz, das unter der Regentschaft des Präsidenten Musharraf noch verschärft wurde, lässt sich wunderbar missbrauchen, um die unliebsamen christlichen Nachbarn zu diffamieren und aus dem eigenen Gesichtsfeld zu fegen.

Die erste große Auswanderungswelle pakistanischer Christen gab es mit den späten sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als die Islamisierung Pakistans mit einer bis dato ungekannten Wucht voranschritt. Seitdem emigrieren junge Pakistani vorzugsweise nach Kanada, Australien oder in die Vereinigten Staaten, sofern es ihnen gelingt, ein Ausreisevisum zu erhalten, was seit dem 11. September 2001 mehr oder weniger als Glücksfall gilt.

Die englischsprachigen Christen, die zu den gebildeten Schichten des Landes gehören, verlassen Pakistan in der Regel noch vor dem Studium, während die Urdu sprechenden Christen als Underdogs in den Armenvierteln an der Peripherie der Städte leben und als Rikschafahrer oder Sweeper (ein Schimpfwort für Christen ) arbeiten. Privatunterricht für ihre Kinder können sie nicht bezahlen. Ihnen bleiben bestenfalls die Missionsschulen, die seit langem verarmt sind und nur noch auf einem sehr niedrigen Niveau unterrichten. Ohne Englisch-Kenntnisse ist es - von allen finanziellen Barrieren abgesehen - von vornherein unmöglich, eine der gehobenen privaten Grammarschools besuchen zu können, denn Urdu wird zwischenzeitlich in diesem Land wie eine Fremdsprache behandelt, so dass die Nachkommen der christlichen Bevölkerung durch ein resolutes (Bildungs-) System der Ausgrenzung keinerlei Aufstiegsmöglichkeiten haben.

Der 15-jährige Sohn von Mister John ist wie die meisten Pakistani ein begeisterter Kricket-Spieler, sein größter Wunsch wäre es, eines Tages der Nationalmannschaft anzugehören. Nur gab es in den zurückliegenden 50 Jahren des pakistanischen Krickets gerade einen einzigen christlichen Spieler.

Die Autorin arbeitet als Publizistin und Fotografin in Pakistan.


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00:00 14.01.2005

Ausgabe 38/2020

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