Susanne Berkenheger
Ausgabe 1117 | 18.03.2017 | 06:00 5

Mit 600 Warp durch die Bleiwüste

Die Ratgeberin Unsere Kolumnistin liest nicht mehr, um zu verstehen. Sie schießt nur noch so durch die Texte

Mit 600 Warp durch die Bleiwüste

Entschleunigung war gestern

Foto: Joe Raedle/Getty Images

Mit bis zu 600 Warp – Worten pro Minute – schieße ich als Schnellleserin neuerdings durch Texte. Teilweise kann ich nun sogar lesen, ohne irgendwas zu verstehen. Einfach die Zeilen entlang und die Buchstaben nur noch als Bild wahrnehmen. Bewusst nichts verstehen wollen! Das empfiehlt Wolfgang Schmitz’ Schnellleseratgeber.

Das ist extrem schwer für mich. Denn ich klammere mich immer noch an die fixe Idee, dass Lesen eigentlich heißt, die Buchstaben auf dem Papier noch während des Lesens in einen Gedanken zu verwandeln, sie also zu verstehen. Inzwischen weiß ich: Das ist veralteter Quatsch. Deswegen gurkte ich bislang nur im Schneckentempo voran, ergab mein Einstiegslesetest, der mir aber auch gratulierte, dass ich 100 Prozent des Textes verstanden hätte. Das verwirrte mich. Wie sollte ich weniger verstehen? Gemeinhin lese ich erst weiter, wenn ich den einen Satz kapiert habe: Idiotischer Perfektionismus, eine total kindliche Lesehaltung, habe ich jetzt erfahren. Sie ist schuld, dass ich mich stets so gehetzt fühle, weil ich all die Texte, die ich lesen will, nicht mehr schaffe. Deswegen wollte ich mich ja dem Schnelllesen widmen.

Nach nur wenigen Minuten Training hat sich meine Effective Reading Rate bereits von 234 auf 248 gesteigert. Anders ausgedrückt: Ich habe in derselben Zeit doppelt so viele Worte wie zuvor gelesen habe, von denen ich aber nur noch 60 Prozent verstanden habe. Bemessen an der Gesamtzahl der von mir verstandenen Warp eine eindeutige Verbesserung. Schmitz sagt: 60 Prozent Verständnis sind für den Anfang völlig okay, nicht wenige Leute verbesserten damit sogar ihr bisheriges Leseverständnis. Ich staune. Wieso lesen Leute Texte, von denen sie nur die Hälfte verstehen, überhaupt noch weiter?

Ich hätte längst aufgegeben. Aber gut. Dass die Heilung von schlechten Lesegewohnheiten mein Leseverständnis vorübergehend verschlechtert, leuchtet ein. Immerhin bin ich bei meinen allerersten bewussten Atemübungen auch fast erstickt, weil ich nicht mehr blickte, wann ich aus- und einatmen sollte. Inzwischen kann ich das sehr gut.

60 Prozent werden also nicht das letzte Wort sein, 100 allerdings auch nicht. Prinzipiell reiche es für die meisten Texte, wenn man 80 Prozent davon verstehe, sagt Schmitz. 100 Prozent – absolut überzogen. Hm. Wenn aber nun die fehlenden 20 Prozent zum Beispiel Verneinungen enthalten, man also „nicht“, „kein“ oder Ähnliches überliest, dann versteht man ja das genaue Gegenteil des Gemeinten. Ich scanne das Buch nach Hinweisen dazu: Fehlanzeige. Ich skimme das Buch nach Hinweisen dazu: Fehlanzeige. Ich paragraphe das Buch nach Hinweisen dazu: Fehlanzeige. Ich guck im Inhaltsverzeichnis. Das Problem wird nicht thematisiert.

Das treibt mich als Autorin um. Wäre es da nicht besser, wenn ich euch, liebe Leser, schlicht sage, welche 80 Prozent ihr verstehen sollt? Das ist einfach zu schaffen: Ich schreibe einfach nur 80 Prozent der Kolumne, die 20 Prozent, die keinen zusätzlichen Mehrwert ergeben, bleiben hier einfach leer, schön leer, ganz leer, leer, total leer, leer, leer, leer, ................ ..... . …........................................... ................................. ......... ....... …...................... ......... ...... ................ ..... .......... ............ ........ ..... ..................... ... ..................................... ....................... ..... .. ... ................ ......... ............ ....................... .......... .... ................ ............. ............. ..................... ...... .............. ............. ..... .... ...... ..... ........................... .... ....... ............ ........ .................... ....... ....... .......... ........ ............. ......

Nie war Speed-Reading einfacher, oder?

Susanne Berkenheger verteilt als Die Ratgeberin regelmäßig für den Freitag gute Ratschläge

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 11/17.

Kommentare (5)

na64 18.03.2017 | 08:38

Was treibt Euch an so zu lesen!?. Im Fastfood Verhalten alles reinzusaugen und irgendwas bleibt schon im Gedächtnis kleben. Steht Ihr in Konkurrenz mit Algorithmen und bitte richtig Atmen dabei, sonst erstickt das Gehirn an den Wörtern. Zeit zu haben in der heutigen Zeit ist ein riesengroßes Geschenk. In der Langsamkeit kann ich verschiedene Fehler abstrakt durchdenken, die mir dann bei der wirklichen Ausführung von Arbeit einen enormen Zeitgewinn einbringen. So entstehen Lösungen für Probleme. Wir haben ja keine Probleme und daher immer alles in gewohnten Gang mit: Höher, schneller, weiter, lauter und super optimiert da uns das ja glücklich macht. Wie wäre es mit noch etwas mehr an Dopaminausschüttung. Bei 610 Warp haben Sie Ihr Ziel erreicht. Ein kurzes Glück für einen kurzen Moment und verbessert hat sich nichts. Das lernt man in der Schule. Schnelles erlernen von Texten und haltbar bis zur Prüfung danach verfällt das Wortgeflecht beim Ausatmen, da sonst das Gehirn erstickt. Können wir eigentlich noch richtig Atmen bei dem ganzen Dreck in der Luft!?.
Was ist den Ihr guter Ratschlag für uns Leser!?. Wie wäre es mit dem Pareto Prinzip. Mit 20% Aufwand 80% an Leistung erreichen und das optimieren auf 100% Leistung ist Sinnlose Energieverschwendung.

Moorleiche 18.03.2017 | 14:05

Jou. Durchs Leben hasten, alle(s) bewerten, sich bewerten lassen und sich am Ende irgendwie leer und ausgebrannt fühlen. Ob's da wohl einen inneren Zusammenhang gibt?

Okay, der Text war deutlich zu lang und die Frage zu langweilig. Voll pornoterrorkrasse10von10megapunkte.

Okay, zu lang: der Porno-Horror-Terror-Megamix = MegaPorror.

MePo. Alles MePo. Das isses: MePo. Die Antwort auf alles. 42 war gestern.