Mit Angst und Trotz in die Einheit

Frauenbilder Petra Lux und Erica Fischer haben ein Buch über das Leben der Frauen in den Noch-DDR geschrieben. Ein doppelter Blick gespeist von Nähe und Distanz
Maria Lauinger | Ausgabe 45/2015

Eigentlich hatte ich keine Lust auf diesen Auftrag. Schreiben über Frauen in der DDR - was sollten West-Frauen dazu Dienliches zu sagen haben, was nicht besserwisserisch klänge oder sich einfach an das dranhängte, was die Frauen dort gemacht haben? DDR-Frauen, pardon: Frauen aus der ehemals sich so nennenden Republik - ein en-vogue Thema in der Frauenpresse und nicht nur dort. Neuer Stoff für die unersättliche und unerträgliche Neugier von Journalistinnen.

Das Buch hatte dann aber was. Einen doppelten Blick sozusagen. Die beiden Journalistinnen, die Anfang des Jahres dieses Buch konzipierten und übers Land fuhren, um Frauen in der Noch-DDR zu befragen, über ihr Leben im realsozialistischen und ihre Zukunft im kapitalistischen Patriarchat, haben in beidem Erfahrung: Petra Lux aus Leipzig kennt sich im ersten aus, Erica Fischer aus dem anschlusserfahrenen Österreich schreibt nicht erst seit gestern gegen das zweite an. Die eine kennt die interviewten Frauen oft schon seit vielen Jahren, hat mit ihnen politisch zusammengearbeitet oder sie auf Reisen getroffen. Die andere hat sie im Verlauf des letzten turbulenten Jahres kennengelernt. So wechseln Nähe und Distanz, aber nicht nur im Ost-West-Rhythmus. Gemeinsam ist den Frauen, die hier so kurz vor dem Anschluss zu Wort kommen, zweierlei: Orientierungsverlust und Angst. Die Textilarbeiterin Monika Ri aus dem VEB Feinwäsche Limbach-Oberfrohna befürchtet, mit den Normerhöhungen der West-Firma Schiesser nicht mithalten zu können; die alternde Kabarettistin Gina R hat Angst, auf dem Markt der Künste nichts mehr wert zu sein; die 27jährige Vivian K. weiß nicht, was nach der Trennung von ihrem Mann werden wird; und die dreimal so alte ehemalige LPG-Arbeiterin Erika W. fürchtet um ihre kleine Rente und weiß nicht mehr, wohin sie gehört.

Trotz dieser gemeinsamen Angst hat mich die Vielfältigkeit der Lebensentwürfe der Frauen in dieser so einheitsfixierten Republik erstaunt und fasziniert. Besonders gefiel mir die 36-jahrige Köchin Johanna B., geschieden, 2 Kinder, die in unverstelltem Berlinerisch über ihre Arbeit in der Kombinat-Kühe, aber auch über das Leben mit den DDR-Männern erzählt und sich über die „sozialpolitischen Errungenschaften“ mokiert. Da kommt etwas rüber von der Prüderie und dem Muff in dieser eingemauerten Republik, aber auch von trotzigem Stolz, der betroffen macht. Zwar findet sie „die Männer in der DDR einfach unmündig“, ist aber sicher, dass die „Frauen in der BRD nicht so selbstbewusst sind wie hier, det is mein Eindruck.“ Eine Auffassung, die sie übrigens mit sehr vielen der vorgestellten Frauen teilt.

Was bedeutet es in diesem Land, dessen identitätsstiftende Grundlage der Antifaschismus war, als Jüdin zu leben? Die 1932 geborene Salomea G. hat mit dem propagierten Philosemitismus in der DDR schlechte Erfahrungen gemacht und bleibt misstrauisch. Als „woman of the world“, wie sie sich selbst bezeichnet, hat sie das Problem der Über-Väter, ob Männer oder PARTEI, nie wirklich bewältigt. Anders llse. Die Mittsiebzigerin aus dem jüdischen Großbürgertum blickt auf einen leidvollen Lebenslauf zurück, der sich nur im Rückblick abenteuerlich liest. Aber obwohl ihr Mann in der Stalin-Zeit verfolgt, verschleppt und viele Jahre in Zwangsarbeit verbrachte, glaubt sie nicht, dass der Antisemitismus auf dem Gebiet der ehemaligen DDR einflussreich wird.

Wie fühlen sich Frauen, die der SED angehörten, und fest an die Partei glaubten? Die junge Gewerkschafterin Claudia E. zum Beispiel, der mit dem Zusammenbruch des alten Regimes, dem sie selbstlos ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellte, jede Orientierung verloren ging? Oder die Heimleiterin Henni 5., die weiterhin dem sozialistischen Frauenemanzipationsideal vertraut und glaubt, „das Auftreten der Frauen an männlichen Kriterien messen“ zu müssen? Petra L. hat es da einfacher, sie versteht sich als Kommunistin, aber für sie „war nie Sozialismus, was hier ablief“. Als Feministin, die aufgrund praktischer Erfahrungen zur Frauenbewegung gekommen ist, war es dann nur folgerichtig, aus dem „Neuen Forum“ Leipzig auszutreten, als dieses die Quotierung ablehnte.

Und welche Konsequenzen ziehen weibliche Intellektuelle, die aufgrund ihres Lebenswandels relegiert wurden, heute. wo sogar der 175 StGB wieder Geltung hat? lnge B., ehemalige Mitarbeiterin von Ernst Bloch, sieht inzwischen deutlich auch dieMitverantwortung der Frauen an der DDR wie sie nun einmal war, weil "die Strukturen auch in uns, den Frauen, sind.“

Es gibt keine einfachen Lösungen. Hier das korrupte System, dort das unterdrückte Volk; dort die Schuld der Männer, da die schuldlosen Frauen. Und überhaupt bleibt die Frage, ob sich Haltungen, die so unterschiedlichen Erfahrungsmustern entspringen, moralisch qualifizieren lassen. Petra Lux und Erica Fischer nähern sich ihren Partnerinnen mit ganz unterschiedlichen Haltungen und jede hat für sich ihre Berechtigung, ist „realistisch“.

Die „Atempause“, die sie ihrem Gesprächspartnerinnen inmitten des politischen Trubels haben abringen wollen, hat sich gelohnt. Auch für mich. Ich wünschte, meine Redakteurin würde nun eine Frau aus dem Osten derselben Besprechung beauftragen.

Info

Erica Fischer, Petra Lux: Ohne uns ist kein Staat zu machen. DDR-Frauen nach der Wende. Kiepenhauer und Witsch. Köln 1990. 16,50 DM

Dieser Text erschien am 9. November 1990 in der ersten Ausgabe des Freitag

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06:00 09.11.1990

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