Piotr Dobrowolski
18.02.2013 | 11:30 13

Mit Dämonen diskutiert man nicht

Polen Die weltweit einzige Zeitschrift für Exorzismus, die seit ein paar Wochen in Warschau erscheint, soll bald auch als internationale Ausgabe vertrieben werden

Mit Dämonen diskutiert man nicht

Foto: Janek Skarzynski

Der Exorzist, Auflage 15.000, sei eine Plattform, die den einstigen Papst Johannes Paul II. und seine Worte über den Kampf zwischen Gut und Böse ernst nehme, sagt der katholische Publizist Grzegorz Górny. Und Pater Andrzej Grefkowicz, Chefexorzist der Erzdiözese Warschau, ruft die Gläubigen auf, der erst seit wenigen Wochen erscheinenden Zeitschrift zu helfen: „Jeder, der die Versklavung durch das Böse erlebt hat, ist eingeladen, seine Erlebnisse mit uns zu teilen.“

Schon jetzt ist Der Exorzist mit Bekenntnissen gut gefüllt. Da berichtet ein polnischer Exorzist über eine Teufelsaustreibung, die er in Italien erlebt habe und bei der die betroffene Frau mit ihm Polnisch sprach, obwohl sie gar kein Polnisch konnte. Eine junge Frau erzählt über das Unglück, das über sie hereingebrochen sei, als sie sich vom Satan verführen ließ. Wie überhaupt die Redaktion des Exorzist nicht vor der einen oder anderen Anleihe beim Boulevard zurückschreckt: „Wahre Geschichte“ steht auf einem Streifen über vielen Texten. Chefexorzist Grefkowicz hat die Parole ausgegeben: „Mit Dämonen diskutiert man nicht“, und dann erklärt: „Mich interessiert nicht, wie der Dämon heißt, der jemanden heimsucht, mir geht es um die Person des Heimgesuchten.“ Sonst ist Grefkowicz aber bemüht, Exorzismus als einen oft unspektakulären, seelsorgerischen Dienst an Menschen zu definieren, die nicht im Einklang mit ihrem Gewissen leben können und nun umkehren wollen – Psychohygiene mit spirituellem Mehrwert sozusagen.

Dass Der Exorzist ausgerechnet in diesem hochkatholischen Land erscheint, ist kein Zufall. Seit der Wende von 1989 neigen große Teile des Klerus immer stärker zu einem obskuren Fundamentalismus. „Wir haben in Polen eine pathologische Situation, die Mehrheit ist getauft, praktiziert ihren Glauben aber nicht. Das ist eine Schuld, die sie auf sich laden, weil dieses Verhalten Satan die Türen öffnet“, zeichnet der Dämonologe Posecki ein fast schon apokalyptisches Bild. Was er übersieht: In den meisten katholischen Ländern des Westens ist die Lage ähnlich. Doch nirgendwo erfreuen sich exorzistische Praktiken derart regen Zulaufs und eines solchen Beistandes durch die Kirchenleitung wie in Polen. Pro Jahr führen hier die Priester 15.000 Exorzismen durch (in Deutschland sind es 700).

Wasser, Öl und Salz

In der Kindlein-Jesu-Kirche im bürgerlichen Warschauer Viertel Żoliborz zelebriert jeden ersten Donnerstag im Monat Prälat Jan Szymborski die Messe, er ist eine Legende in der Gemeinschaft der Teufelsaustreiber: inzwischen 90-jährig und an den Rollstuhl gefesselt. Längst hat sich Szymborski wegen seiner Popularität auf Massenexorzismen verlegt. Im ersten Teil müssen die Gläubigen aufstehen und sich vom Satan und seinem Hochmut lossagen, im zweiten spricht Szymborski mit dem Teufel und befiehlt ihm, Gottes Macht anzuerkennen. Dann folgt die Segnung von Wasser, Öl und Salz. Durch einen Exorzisten gesegnetes Wasser kann einen Angriff des Satans neutralisieren, wenn man es trinkt, gesegnetes Salz, wenn man Speisen damit würzt, und kosmetische Öle, wenn man den Körper damit einreibt.

Je größer der Zulauf ist, den Exorzisten in Polen erfahren, desto öfter entsteht der Eindruck, dass sich die Kirche nicht immer an ihre Regeln hält, die bei jedem Besessenen zuerst eine psychiatrische Abklärung vorschreiben, um sicherzustellen, dass nicht etwaige Psychosen als Besessenheit missverstanden werden. Dass in Polen Menschen in Not Dienste von Exorzisten in Anspruch nehmen, mag auch daran liegen, dass es auf dem Land eine massive Unterversorgung mit Psychotherapeuten gibt. Selbst im Warschauer Hilfezentrum christlicher Psychologen beträgt die Wartezeit auf ein Erstgespräch rund drei Monate.

Da ist Der Exorzist oft schneller. Zumal die Teufelsaustreiber auch so manches Werkzeug der modernen Technik zu nutzen verstehen. Pater Marcin Hołuj etwa lässt sich Exorzismus-Anfragen per SMS aufs Handy schicken, und Pater Jan vom Marianer-Orden exorziert auch per Skype. Errungenschaften solcher Art weiß Der Exorzist zu würdigen, der sie schon bald über die Grenzen Polens hinaus bekannt machen will. „Wir führen derzeit intensive Gespräche über Auslandsausgaben und Kooperationen mit ausländischen Verlagen“, sagt Exorzist-Herausgeber Piotr Wojcieszek.

Piotr Dobrowolski arbeitet als freier Autor in Warschau und Wien

Kommentare (13)

Lethe 18.02.2013 | 13:41

Jeder macht sich lächerlich, so gut er kann

Für die Opfer eines Exorzisten ist es damit leider nicht erledig. Ein Großteil dessen, was diese dumpfbackigen Scharlatane, die weder intellektuell noch emotional im 21ten Jahrhundert angekommen sind, unter dem Deckmäntelchen der Religion psychisch kranken Menschen antun, wäre eigentlich ein Fall für die Staatsanwaltschaft.

Szopienice OS 18.02.2013 | 21:36

Für Esoterik geben die Polen jährlich 500 Millionen Euro aus. Ein Teil von diesem Kuchen möchte auch die Zeitschrift „Egzorcysta“ mit dem Anthony-Hopkins-Titelbild gerne haben.

Die auflagenstärkste polnische Zeitung ist jedoch „Fakt“ von Axel-Springer-Verlag. „Bild“ hat also hinter der östlichen Grenze eine gute Schwester. Auweia. Wie sich die Nachbarn ähneln.

Wie viele Euro geben die Deutschen für Esoterik aus?

sven kyek 18.02.2013 | 21:50

Als Polen-Fan habe ich dieses schöne Land sehr oft besucht und war sogar mit einer Polin aus Bydgosz ( Bromberg ) verheiratet .Exorzisten habe ich dort nicht getroffen . Den Dämon in Gestalt von polnischem Wodka , gemixt mit östereichischem Red Bull und polnischen Truskawka habe ich mit deutschem Alka Seltzer ausgetrieben . Ansonsten halte ich dieses stolze und freundliche Volk für so intelligent , das es früher als manch Andere den Anfängen , von was auch immer , wehret .

Do widzenia polce i witamy w niemczech

Pan Sven

sven kyek 20.02.2013 | 02:09

Wenn ich in Polen an Wochenenden vormittags an Kirchen vorbeifuhr standen vor den Kirchen lange Schlangen in den besonders Junge Leute und Kinder auffielen . Auf Friedhöfen brannten unendliche Lichtermeere aus Kerzen . In fast jedem Ort steht wenigsten eine Skulptur der Maria . In fast allen Wohnungen steht sie in Miniatur und Kreuze zieren die Wände . Es wird Radio Maria gehört und gebetet . In schweren Zeiten wird die Schwarze Maria von Tschenstochau wie seit Jahrhunderten immer noch um Hilfe gebeten . Auch Gniezno habe ich besucht und mit feuchten Augen , beeindruckt von einem Meer brennender Kerzen , einen Gottesdienst in der St. Johannes Kirche und im Dom besucht .

Zwar bin ich selber evangelisch getauft , habe aber mit Gläubigkeit und Dergleichen später keine Berührung oder Verlangen danach gehabt . Wenn man an ca . 40 mio . Polen 15 000 obskure Zeitungen verkauft ist das vielleicht einen Kommentar , aber keiner Sorgen wert . Sorge mache ich mir mehr über die bestens ausgebildete , auf Marktwirtschaft getrimmte und motivierte Generation , die Wurzeln und Traditionen wie ich sie oben beschrieb ,vergessen könnten .

Ich hoffe ( bete ) für die Polen das sie sich ihre humanen und menschlichen Werte , die in ihrer langen , religiösen Tradition begründet sind , nicht so schnell nehmen lassen , wie der Moral und Werteverfall in der ehem . DDR nach der Wende grassierte .

Auch wird das Bild von Karol Wojtyla nie verblassen und wer eine Sekte gründend , sich auf ihn beruft , bleibt was er ist . Exorzist , Dämon , Randgruppe .

do widzenia , Pan Sven Kyek

Helmut Eckert 22.02.2013 | 14:19

Was mich umtreibt ist die Frage, wo bleibt der Teufel, wenn er ausgetrieben ist? Geht er dann, weil nun arbeitslos zum Amt und beantragt Hartz IV? Dazu muss er schnell über die polnische Grenze. Denkbar wäre ebenfalls, er nistet sich sofort in den nächsten Menschen ein. so nach dem Muster: Der Nächste ist der dem Opfer am nächsten steht! Im wahrsten Sinne des Wortes. Dann wäre eine solche Teufelsaustreibung ein Frevel. Gleich einer Krankheit, die sich der Kranke vom Hals wünscht, aber sie dem „Nächsten“ gönnt. Ehe diese Fragen nicht eindeutig geklärt sind, bin ich gegen eine Teufelsaustreibung.

Gibt es bei uns in Deutschland nicht seit vielen Jahren ähnliche Austreibungen? Zum Beispiel in der Politik, im Geschäftsleben, ja selbst in der Familie? Wünschen sich die Menschen nicht hier auch die Pest vom Hals und dem Nächsten die Pest? Die Zeitungen sind voll von solchem Wunschdenken und Wünsch- Erfüllungen! Zeitungen und Medien leben ganz gut davon. Amen!