Mit dem Fahrrad von Athen nach Peking

Nachhaltig reisen Klimawandel und soziale Verantwortung verändern den Tourismus. Nicht jedoch die Motive, Urlaub zu machen

Reisende soll man nicht aufhalten, sagt ein deutsches Sprichwort, ein anderes behauptet, dass es nichts gibt, das es nicht gibt. Beides stimmt - beim Verreisen scheint absolut alles möglich. Tiefseetauchen, Weltraumtourismus, Skiausflüge und Campingurlaub. Es gibt Touristen, die am Strand liegen und Postkarten schreiben, aber auch solche, die mit dem Fahrrad von Athen nach Peking strampeln und Etappe für Etappe in einem Internettagebuch dokumentieren. Touristen sind nahezu immer und überall - ungebremst von wirtschaftlichen Krisen, Umweltschutz und Klimakatastrophe. Tourismus ist von jeher eine der Triebfedern der Globalisierung. Und das soll so bleiben.

China und Indien kommen

Die UNWTO, die Welt Tourismus Organisation der Vereinten Nationen, hat eine Vision für den Tourismus im Jahr 2020: Kontinuierlich anhaltendes, gewaltiges Wachstum und doppelt so viel Reisetätigkeit wie heute. Vor allem in sich entwickelnden Ländern steckt für Urlauber, Anbieter und Bevölkerung großes Potenzial. Tourismus - so die Vision - könne in den ärmsten Ländern die Wirtschaft um bis zu 70 Prozent ankurbeln. Und wo die Wirtschaft boomt, machen sich die Bürger der neuen Mittelschicht auf, auch selbst das Ausland zu erkunden.

Allen voran werden China und Indien nicht nur immer mehr Touristen anziehen, sie werden auch mehr davon in die Welt hinaus schicken. 30 Milliarden US-Dollar gaben laut UNWTO allein chinesische Touristen im Jahr 2007 im Ausland aus - und das soll erst der Anfang sein. Auch in anderen Staaten Südostasiens, in den Golfstaaten, in Osteuropa, Lateinamerika und nicht zuletzt in Afrika schreitet die touristische Erschließung kontinuierlich voran - sowohl was die Anzahl der Ankommenden als auch die von dort aus Reisenden angeht.

"Es ist angemessen anzunehmen, dass dieses Wachstumsszenario unter dem wirtschaftlichen Abschwung leiden wird, wenn man sagt, dass der andauernde massive Anstieg der Kraftstoffpreise genau wie andere Mega-Krisen einen dämpfenden Effekt ausüben werden", stellte Geoffrey Lipman von der UNWTO, Ende Juni auf einer Tourismus-Konferenz in Großbritannien fest. Doch, schränkte er gleichzeitig ein, schade all dies dem Tourismus nicht tatsächlich: "Die Anzahl potenzieller Reisender ist groß und die für die Weiterentwicklung ansprechbare Zielgruppe überall vorhanden, so dass die langfristigen Wachstumsaussichten in jedem Fall beachtlich sind."

Komme was da wolle: Der Mensch reist. Nichts hält ihn auf, nicht der drohende Klimawandel, keine Umweltzerstörung, weder politische Unruhen noch Erdbeben. "Tourismus ist ein soziokulturelles Phänomen", sagt Karl-Heinz Wöhler, der an der Leuphana Universität in Lüneburg empirische Tourismusforschung betreibt. "Tourismus findet nicht außerhalb der Gesellschaft statt", konstatiert er, und die Motive für eine Urlaubsreise seien sehr homogen: eine Auszeit vom Alltag nehmen, sich etwas gönnen, zeitweilig eine andere Welt erleben, sich selbst in anderen Situationen ausprobieren, das Gefühl haben, der Gestalter des eigenen Lebens sein zu wollen.

Der Geiz-ist-geil-Urlauber

Wirkliche Individualisten gäbe es im Tourismus nicht, sagt Wöhler: "Wir sind alle Massentouristen. Wir können den Flug und das Hotel über das Internet buchen, und dann sitzen wir im Flieger, und spätestens da stellen wir fest: Wir sind nicht alleine." Der Kunde entscheidet nach Preis, Infrastruktur, Trends aus dem vorhandenen Angebot, und er neigt zur Amnesie: Busunglücke, Terror, politische Unruhen und sogar ein Tsunami sind schnell vergessen, nur wenige Monate später sind die Touristen wieder vor Ort.

Wie sich der Tourist am Reiseziel benimmt, hängt unmittelbar von seinem Herkunftsmilieu ab. "Wir wollen uns austesten, aber wir nehmen uns mit", beschreibt Wöhler den Effekt, so bleibe zum Beispiel das Umweltverhalten im Urlaub gleich. Gleich ambivalent, denn Reisende verändern durch ihr Erleben woanders auch ihr Heimatland, verlangen auch zuhause nach anderen Lebensmitteln, kopieren Lebensstile oder einzelne Elemente daraus, wie zum Beispiel den einwegverpackten "Coffee to go".

Der Kunde ist König - Trends werden in beiden Richtungen aufgegriffen und umgesetzt. Neben den Kunden, die sowohl zu Hause als auch im Urlaub das Geiz-ist-geil-Prinzip leben, gibt es ebenso diejenigen, die sich nicht nur einen Ablass für den CO2-Ausstoß kaufen, sondern sich obendrein um Nachhaltigkeit und Sozialverträglichkeit ihres Reisens Gedanken machen und entsprechende Angebote nachfragen. Sie sind noch in der Minderheit. Eine Studie des Europäischen Tourismus Instituts gibt an, dass für 93 Prozent der Deutschen Klima und Umweltschutz bei der Planung des Sommerurlaubs derzeit noch keine Rolle spielen.

"Der kritisch nachfragende Konsument, der sein gesellschaftliches Verhalten hinterfragt, ist sicher noch nicht ausreichend im Tourismus angekommen", stellt auch Heinz Fuchs vom Evangelischen Entwicklungsdienst (EED) fest, "aber Menschen sind lernfähig, und es gibt deutlich erkennbare positive Entwicklungen, und die Möglichkeiten im Tourismus sind längst nicht ausgeschöpft". Fuchs ist beim EED für Unternehmensverantwortung und Tourismus sowie den Informationsdienst Tourism Watch zuständig, mit dem der EED regelmäßig über das Thema Reisen in Dritte-Welt-Länder berichtet. "Reisen hat eine große soziale Dimension", berichtet Fuchs, "und dabei sind eigentlich schlichte Fragen von hohem Einfluss auf Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen vor Ort."

Die bewegte Masse

Einfache Fragen wie zum Beispiel, ob regionale oder internationale Lebensmittel verwendet werden. Ob alle Mitarbeiter einer All-Inclusive-Anlage sozialversichert sind und ob Kinderarbeit gänzlich ausgeschlossen ist. Das sind nur einige Punkte, die langfristig Bestandteil eines Fair Trade Labels zum nachhaltigen Reisen werden könnten. Ein solches Label, an dessen Entwicklung der EED bereits mitarbeitet, könnte die einzelnen Elemente einer Reise wie Unterkunft, An- und Abreise und Verpflegung zertifizieren. "Offene Ohren gibt es auch bei den großen Konzernen", berichtet Fuchs, "die ehemaligen Umweltabteilungen der Unternehmen sind zu Nachhaltigkeitsabteilungen mit sehr aufgeschlossenen Mitarbeitern geworden." Nachfrage und gute Wachstumszahlen im Bereich der nachhaltigen Reiseangebote treiben die Unternehmen an.

Etwas anderes wird langfristig auch die breite Masse der Touristen bewegen: Der Klimawandel bewirkt, dass die Temperaturen im Mittelmeerraum im Sommer nicht mehr angenehm warm und sommerlich heiß sind, sondern in unangenehme Höhen steigen, Hitzewellen treten häufiger als bisher auf. Obendrein schlägt auch der demographische Wandel zu: Die Nachfrage nach Reisen mit Kindern nimmt langfristig ab, die Zielgruppe "50 plus" wird größer und verlangt nach speziellen Reiseangeboten.

Klimatrends und nachhaltige Tourismusentwicklung in Küsten- und Mittelgebirgsregionen, kurz KUNTIKUM, heißt ein kürzlich im Rahmen des Innovationswettbewerbs "365 Orte im Land der Ideen" ausgezeichnetes Projekt der Leuphana Universität Lüneburg. Forscher aus den Bereichen Umweltkommunikation und Tourismus versuchen, Klimatrends und Tourismusentwicklung zusammen in ein Prognosesystem zu bringen, sie erforschen damit zukünftige Tourismustrends und auf welche Weise diese sich in einzelnen Regionen wie zum Beispiel dem Schwarzwald oder an der Nordseeküste umsetzen lassen.

Ein Trend wird die Verlängerung der Sommersaison sein - milderes Frühjahr und wärmerer Herbst laden zu einem Zweit- oder Dritturlaub ein. Deutsche Urlauber sind oft jetzt schon mehrmals im Jahr, dafür aber nur jeweils ein paar Tage, unterwegs. Noch vor wenigen Jahren war es üblich, einen großen zwei- oder dreiwöchigen Urlaub zu machen. Dieser klassische Urlaub - so sagen die Experten - ist nicht aus mangelndem Umweltbewusstsein oder aufgrund besserer Mobilität verschwunden, er ist Opfer der veränderten Arbeitswelt. Schlechte Planbarkeit von Urlaubszeiten, die Angst um den Arbeitsplatz und die ganz selbstverständliche ständige Erreichbarkeit lassen vielen Erwerbstätigen nur geringe zeitliche Spielräume zum Reisen. Mit dem Fahrrad von Athen nach Peking einmal um die halbe Welt zu radeln, ist nicht zuletzt deshalb nur etwas für ganz wenige Menschen.

www.athen-peking.de

www.unwto.org

www.tourism-watch.de

www.klimatrends.de

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