Mit dem Körper denken

Cross-Dressing Es gibt kaum ein größeres Tabu als Frauen, die sich männlich machen. Ein Porträt der Performance-Künstlerin Diane Torr

Wie alt mag sie sein? Sie verrät das selbst auf verschärftes Bitten hin nicht. "Ich bin eine Frau mittleren Alters." Schluss der Debatte. Seit 25 Jahren steht sie als Performance-Künstlerin auf verschiedensten Bühnen, seit 20 Jahren enthalten ihre Shows Elemente von "Crossdressing", spielt sie eine Frau die einen Mann der eine Frau spielt. Zum Beispiel. Sie lehrt an der Universität, hat in Filmen und Kunstprojekten mitgewirkt und sie gibt Workshops. "Man in a Day" heißt der Klassiker, ein Angebot für Frauen aller Art und Begehrenslagen. Diane Torr ist schon lange im Geschäft, eine der Koryphäen und "definitiv eine Kämpferin in diesem sex-gender-Spiel".

Klein ist sie, hat rote Haare und ein bisschen bullige Augen, eine ausgesprochen variable Mimik. Zaghafte Fragen, konservativ anmutende Bedenken versteht sie nicht. Egal ob ein Drag-King, also eine Person, die unter Aufbietung aller erotischen Signale einen Mann mimt, egal also ob ein Drag-King bi- homo- oder heterosexuell ist; egal was Männer über Frauen denken, die Männer spielen und überhaupt: was sollen diese kleinlichen Kategorien? Torr ist unwillig, wenn es um sexuelles Schubladendenken geht. Doch immerhin lebt sie davon. Wir haben ja, sagt sie, nur deshalb große Lust, uns ins andere Geschlecht zu verwandeln, weil die herkömmlichen Vorstellungen von Zweigeschlechtlichkeit so rigide sind.

Diane Torr ist Danny King, ist Jean-Paul Belmondo, ist eine Dildo-verkaufende Hausfrau. Je nachdem. Im schottischen Aberdeen wuchs sie auf, mit zwei älteren Brüdern, "solange ich denken kann, habe ich also ein Gefühl für den Geschlechtsunterschied". Früh, mit 15 Jahren, zog Torr nach London, jobbte eine Zeit lang und schloss schließlich ein Studium in "Performance" am Dartington College of Arts ab. 1976 wechselte sie nach New York und verdiente hier in den ersten Jahren ihren Lebensunterhalt mit Go-Go-Tanz. Keine leichte Sache für eine handfeste Feministin, doch ohne Arbeitserlaubnis blieb nicht viel anderes übrig. Um die Schizophrenie voll zu machen, las sie in den Tanz-Pausen Andrea Dworkins radikale Pamphlete gegen Pornographie. "Dworkin hat ihren feinen Job in einem feinen Frauenstudienbereich an der feinen Universität", Torr ist heute noch erbost, "und sie will uns, die wir hart unser Geld verdienen müssen, diktieren, was moralisch ist." Kurzum: No-Porno-Positionen sind nicht geeignet für eine feministische Theorie, die Sex-Arbeiterinnen einschließen will. Ihre Erfahrung im Rotlichtmilieu will Torr nicht missen, sie lernte viel über ihre Möglichkeiten, den Körper einzusetzen um zu verführen. Und sie lernte, Feministin zu bleiben. Einen Schwarzgurt in Aikido hat sie natürlich auch, und der hat ihr "mehrmals den Arsch gerettet".

Torr braucht Bücher um zu begreifen, was sie tut, um zu verstehen, was in ihr vorgeht. Sie empfiehlt mir Angela Carters The sadian woman, das habe ihr damals geholfen. Bevor es die Theorien von Judith Butler gab, hat Torr Butlers Thesen praktiziert. "Mit unserer Körperarbeit liefern wir Inhalte für Theorie, und die Theorie definiert unsere Arbeit." Wenn das nicht Dialektik ist. Und die Herrschaft der Begriffe. Torrs Erklärungen - "ein Geschlecht darstellen und dekonstruieren" sagt sie häufig - klingen wie aus dem Lehrbuch der Queer-Theorie.

Torr blieb in New York. Inititalzündung für den Beginn ihrer Karriere als Crossdressing-Expertin war ein Auftritt 1982, den sie gemeinsam mit einem schwulen Kollegen bestritt. Der wollte "aus irgendwelchen Gründen eine schwangere vietnamesische Frau" spielen, Torr spielte Jean-Paul Belmondo und es begann die Reise durch die Geschlechter.

Was ist Performance? Mittlerweile hängt ein ganzer Rattenschwanz von Theorie an dem Begriff, der eigentlich in den 1970er Jahren einmal eine darstellende Kunstform, Aktionskunst, beschrieb. Nun aber, besetzt durch die neueren Geschlechter- und Queer-Theorien, steht das Verb "to perform" für eine Lebensweise. Wir tun ja nichts anderes als so zu tun, als seien wir die Person, die wir darstellen. "Performance" lässt sich nicht wirklich ins Deutsche übertragen, denn "to perform" heißt mehr als "spielen" und weniger als "sein".

Für Diane Torr ist Performance Erforschung und Erfahrung. Sie benutzt das Vokabular einer Entdeckungsreisenden - "research", "investigation", "discovery" - wenn sie von Körper-Kunst spricht, und sie grenzt sich ab von denjenigen, die ausschließlich als Drag-Kings agieren. Drag-King-Shows sind Entertainment, "wir brauchen entertainment", sagt Torr und sie zieht das e von neeeeeeed enrom in die Länge. Aber es gibt da einen Unterschied zwischen Entertainment und Kunst, an dem sie festhält. Und überhaupt: Zeichnen die Dragkings - in genauer Spiegelbildlichkeit zu den Dragqueens - nicht das überzeichnete Bild, eine grobe Karikatur des jeweils anderen Geschlechts? Torr erzählt von Drag-King-Wettbewerben in USA, bei denen eine Beach-Boys Imitationsgruppe nach der anderen auftrat. "Wie kommt es, dass eine Kultur so homogen wird?"

Performance sei mehr, sagt sie, sei wirkliches Theater, sei Kunst. Die Kunst, möchte man hinzufügen, der absoluten Nachahmung, der Mimesis. Denn das ist es, was Torr in ihren Workshops lehrt. Die erste Aufgabe für die Teilnehmerinnen besteht darin, auf die Straße zu gehen und Männer zu beobachten. Wie gehen sie, wie stehen sie, wie essen und trinken sie, lachen sie? Weichen sie aus? Sieh auf die Gesten, die Haltung. Der zweite Schritt ist das Schminken. Koteletten und ein kleiner Bart, bestehend aus Wollflusen mit denen sich die exakte Haarfarbe mischen lässt, werden angeklebt, die Brüste abgebunden, das Haar gegelt, Männerkleidung angelegt. Es folgt der Blick in den Spiegel und Torr fragt: Wen siehst du? Sie verlangt von den Teilnehmerinnen, sich einen männlichen Charakter samt Biografie auszudenken, mit Namen, Alter, einem Privat- und Berufsleben. Das ist mehr als Fake. Denn was der Spiegel zeigt, ist nicht beliebig, es ist genau die Person, die die Frau als Mann sein könnte, halb erfundene, halb hervorgerufene Kehrseite des Ich.

Zwei Dinge erstaunen: Es sind unglaublich grobe Zeichen, die den ersten Eindruck von Geschlecht erwecken - ein kleiner Hauch von Bart, ein Anzug, eine Krawatte. Es sind unendlich subtile Elemente, die den Habitus ausmachen. Mannsein steckt im Detail. "Stemmt eure Hände nicht in die Hüften", sagt Torr, "Männer haben keine Hüften." Männer, erklärt sie weiter, tun nie zwei Dinge gleichzeitig, sie konzentrieren sich auf eine Sache mit allem Gewicht. Danny King, geht durch den Raum, Schritt, Pause, Schritt, Pause. Er spielt einen Kellner, der in schnellen, präzisen Gesten einen Tisch arrangiert, Messer legen, kurze Pause, Teller schieben, kurze Pause, Glas anordnen, kurze Pause. Dann fällt er unvermittelt ins Andere, bewegt sich fließend, fahrig, "noch schnell dies noch schnell das", trotz Bart und Anzug ist Danny King plötzlich wieder Frau.

Bisesxuell, allerhöchstens bisexuell ist Diane Torr, wenn wir überhaupt solche Kategorien zulassen wollen. Sie war verheiratet, hat eine Tochter im Alter von 18, lebt jetzt mit einer Frau. Warum um Himmels willen will sie sich zum Mann verkleiden? Die Frage versteht sie nicht. "Das ist kein lesbisches Monopol", sagt sie. Fast entrüstet. "Jeder hat etwas vom anderen Geschlecht in sich und wie jede Frau wollte ich auch mal ein Mann sein. Und dass Frauen Männer darstellen ist", Torr macht eine lange Pause, "ziemlich aufregend".

Zur mimetischen Verkleidung ins Männliche gehört es, einen Strumpf oder ein mit Watte gefülltes Präservativ in die Hose zu stecken. Torr benutzt ein weiches, mächtiges Penisimitat aus Silikon. Sie gibt es in den Workshops durch die Reihen, lässt alle einmal anfassen und sagt: "Es steht zu eurer Verfügung, ihr könnt es haben, ihr könnt es gebrauchen." Hier steckt der andere, der politische Teil der Performance, die Aneignung einer symbolischen Position. Torr erzählt von Frauen, die in ihren Workshop kamen, weil sie nach Mexiko fahren wollten. Als Mann reist es sich besser. Sie erzählt von einer Teilnehmerin, die - als Mann - ein Auto kaufte und den Preis erheblich herunterhandelte. Sie erzählt von zwei Frauen, die einfach einmal ein etwas anderes Stelldichein mit ihren Ehemännern inszenieren wollten, sie erzählt von einem Workshop in Istanbul. "Die Straßen dort sind unglaublich bevölkert. Wenn du als Frau durch die Stadt gehst, wirst du angerempelt. Gehst du als Mann, hast du plötzlich Platz, man weicht dir aus." Es ist die größte, die wütende Erfahrung am eigenen Leib, welche Privilegien das männliche Geschlecht tatsächlich genießt. Nur in der mimetischen Aneignung wird spürbar, wie tief die Machtstrukturen wirklich greifen. Du musst nicht lächeln, es ist egal, wie du aussiehst, Frauen senken den Blick vor dir, du bist da und hast ein Recht da zu sein, der Raum um dich herum gehört dir.

Um Macht geht es und um Sex. Die Performance ist für Torr eine Art, sich Sexualität anzueignen. "Viele Frauen, die als Frauen nicht sexy wirken, sind als Mann viel attraktiver." Sie gehen größere Risiken ein, sie sind offensiver, lassen Teile von sich sehen, die sie als Frauen unterdrücken. Performance ist die Möglichkeit, mehr zu sein. Und eine Chance für Frauen mittleren Alters, findet Torr, denn die werden - ihrer Mutter ist es passiert - reihenweise von Männern verlassen, die sich jüngere Geliebte suchen. In einer ihrer Show-Einlagen spielt Torr eine Frau, die - Mitte vierzig und vom Mann verlassen - zuerst beginnt, Vibratoren zu benutzen, dann einen Handel damit für ihre Freundinnen aufmacht und dann eine Party feiert, auf der die Damen beginnen, die Vibratoren aneinander auszuprobieren. "Das ist doch interessant", Torr ist in ihrem Element, "es ist die Idee, dass heterosexuelle Frauen sich gegenseitig Orgasmen bereiten."

Berlin fasziniert sie. Im Mai fand hier ein großes Go-Drag-Festival über mehrere Wochen statt, an dem Torr beteiligt war. Es herrsche eine offene Atmosphäre in der Stadt für Experimente aller Art. Torr wittert etwas. Ihr Beruf der Künstlerin ist keine Goldader. Eigentlich sollte sie, die "Body-Workerin", jene Gender-Trainings durchführen, die hierzulande in Mode kommen. In der körperlichen Aneignung des anderen Geschlechts liegt die Radikalität, die Gender-Mainstreaming bräuchte, um nicht im braven Ringelreihen zu enden.

Als Frau den Mann zu spielen kann gefährlich sein. 1993 wurde in den USA Brandon Teena umgebracht, als herauskam, dass sie den Mann mimte, ohne einer zu sein. Betrogen fühlten sich ihre ehemaligen Kumpane, an der Nase herumgeführt und schlugen die Betrügerin tot. Es gibt Spielplätze, die sind nur für Jungs. Auch Torr ist schon, zum Beispiel als sie mit einer Workshop-Gruppe in Hannover unterwegs war, verfolgt worden. Sie nahm Reißaus, "schwule Sau", hat man ihr hinterhergerufen.

Prügel ist das letzte Mittel der Geschlechter-Ordnung, die Ästhetik des Begehrens ist ihr erstes. Frauen sollen nicht Männer sein, sie werden lächerlich, hässlich, unerotisch, wenn sie Männern gleichen. So heißt es. Was bedeutet Schönheit für Diane Torr? Wieder so eine Frage, die sie nicht versteht. Sie verzieht das Gesicht. "Wie? Ich habe schon lange aufgehört, mir Gedanken darüber zu machen, was andere von mir halten." Das ist sie, Diane Torr, ein ganzer Mann.

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00:00 13.09.2002

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