Mit dem Latein am Ende

Lernen Das 19. Jahrhundert muss aus den Köpfen und Klassen verschwinden. Wir brauchen eine bürgerliche Bildungsreform
Christian Füller | Ausgabe 38/2013 12

Die Bundesbildungsministerin Johanna Wanka besuchte jüngst eine Konferenz, auf der Hi-Tech-Unternehmen und Stiftungen Alarm schlugen. Das Land, so die Botschaft, stehe vor einem Adam-Riese-Schock: zu wenig Mathematiker, Informatiker, Naturwissenschaftler und Techniker, kurz: zu wenig MINT, um den Wohlstand des Exportweltmeisters zu erarbeiten.

Anders als zu erwarten, nahm die verantwortliche CDU-Ministerin aber nicht etwa das Zepter in die Hand. Sie begnügte sich, obwohl selbst Mathematikerin und von der deutschen MINT-Schwindsucht überzeugt, mit einem Grußwort. Sie sehnte das Notwendige mehr herbei, als es in Aussicht zu stellen oder gar zu managen. Gefragt nach einer angemessenen IT-Ausstattung deutscher Schulen lehnte Wanka eine Stellungnahme gänzlich ab. Eher wird ganz Anatolien eine große Free-WiFi-Zone, als dass in Deutschland eine Ministerin wagte, Tablet-Computer für jeden Schüler auch nur anzusprechen. Und schon gar keine Bundesministerin, da stehen die ehrpusseligen Länder sofort auf den Barrikaden.

Kein Ort für modernes Lernen

Deutschland, das war einst das Land der Nobelpreisträger, der pädagogischen Reformer und das Heimatland einer Berufsausbildung, die weltweit ihresgleichen suchte. Warum ist es ausgerechnet hier nicht möglich, sich von den Großtaten des 19. Jahrhunderts zu lösen und eine Erkenntnisproduktion zu gestalten, die das 21. Jahrhundert zu bändigen weiß?

Um das zu verstehen, muss man sich einen Moment den aktuellen Sorgen und Nöten deutscher Lerner zuwenden. Die sind, vom Kindergarten bis zur Universität, in einer verzwickten Situation. Ja, sie müssen und wollen lernen, aber nein, es gibt trotz vieler internationaler Warnungen und Mahnungen zu wenig Plätze für modernes Lernen. Das geht schon bei den Kitas los, wo man die stark nachgefragten Krippen- und Kindergartenplätze nur dann auch pädagogisch betreuen kann, wenn man die letzte Reserve des Arbeitsmarkts mobilisiert – Langzeitarbeitslose und Alte.

So zieht es sich durch alle Ebenen des Bildungssystems. Die Eltern wissen nicht, an welcher Schule sie ihren Nachwuchs anmelden sollen – denn den staatlichen Schulen misstrauen laut Umfragen inzwischen 70 bis 90 Prozent der Menschen. Die Kultusminister haben auf den Pisa-Schock mit einer beispiellosen Hypertrophierung der Schullandschaft reagiert. Vor zehn Jahren gab es im Wesentlichen vier weiterführende Schulformen: Hauptschule, Realschule, Gesamtschule und Gymnasium. Heute sind es 14 – unmöglich, sie korrekt aufzuzählen und zu definieren.

Derweil ist es den Bildungspolitikern gelungen, die letzte angesehene Lehranstalt der Nation zu ruinieren – das Gymnasium. Es ist heute ein Lernturbo, der Kinder in acht Jahren zum Abitur beschleunigt, ohne ihnen Zeit für Freizeit, Spiel und Freundschaft zu lassen. Von der wichtigsten Kompetenz für das 21. Jahrhundert ganz abgesehen: Zeit zum Nachdenken.

Föderalismus als Blockade

Wenn die Bürgerkinder die Hochschulreife geschafft haben, erwartet sie eine große Enttäuschung: Die Kultusminister haben zwar den Weg zur Hochschulreife beschleunigt – aber ausreichend Studienplätze haben sie nicht geschaffen. Und wer einen Platz an der Uni findet, der wird in ein enges Lernkorsett gepresst: die neuen, schnellen Bachelor- und Masterstudiengänge, die laut Krankenkassen die Gesundheit der Studierenden ernsthaft gefährden.

Weiter Zahlen und Anekdoten aufzuhäufen, wäre geradezu deprimierend. Vielleicht ist es besser, die Selbst-Unverträglichkeit und Widersprüchlichkeit des einst so glanzvollen Bildungssystems in ihrem Wesen zu betrachten. Für die paradoxe Krise gibt es im Wesentlichen zwei Ursachen.

Erstens stecken Schulen und Hochschulen, Erkenntnis- und Lernformen mitten im Übergang ins 21. Jahrhundert. Technik, Gesellschaft und Probleme von heute sind ganz andere als etwa im 18. oder 19. Jahrhundert, in dem die wichtigsten Lernformate sozusagen für die Massen(ab)fertigung entwickelt wurden. Und diese Formate haben heute noch Gültigkeit. Geht man ins Schulmuseum im Schloss Reckahn, so steht man mitten in einem Klassenzimmer, einem Lernformat, das noch heute gültig ist – nur dass die Schulbänke nicht mehr festgeschraubt sind und der Lehrer keinen Rohrstock mehr hat. „Für jemanden, der heute nach fünfzigjährigem Schlaf aufwacht, sehen die Klassenzimmer nicht sehr viel anders aus als vor 100 Jahren – der Lehrer oder die Lehrerin steht vor der Klasse, unterrichtet wird mit Lehrbuch, Tafel und Kreide. Dies ist ein unglaublicher Mangel an Fantasie“, beschreibt der Zeitungsmogul Rupert Murdoch dies ganz richtig.

Zweitens ist die deutsche Bildungsverfassung überhaupt nicht in der Lage, den Weg ins 21. Jahrhundert zu weisen. Der Föderalismus, sprich die Kulturhoheit der Länder, 2006 durch ein allenthalben als absurd eingeschätztes Kooperationsverbot von Bund und Ländern weiter zementiert, ist nichts anderes als eine Modernisierungsblockade. Die Bundesländer wollen und müssen unbedingt für Bildung zuständig sein – sonst kommt ihnen die Existenzberechtigung abhanden. Aber sie können ihre Kulturhoheit weder ganz allein noch koordiniert ausüben. Und sie können wirklich moderne Bildungseinrichtungen vor allem nicht mehr bezahlen, sie haben schlicht kein Geld dafür. Und das gilt übrigens für arme wie für reiche Länder. Alle halten die Hand auf.

Der Diskurs über Bildung und die Reform ihrer Orte ist in einer Zwickmühle stecken geblieben. Alle finden, zurecht, dass Bildung die Sozial- und Technologiepolitik des 21. Jahrhunderts ist. Aber keiner fühlt sich zuständig. Die Länder können nicht, der Bund darf nicht, die Wirtschaft will immer nur. Und wo sind eigentlich die Bürger? Sie sind verwirrt. Sie wollen ihre Kinder auf Privatschulen schicken – aber sie finden Privatisierung zugleich abscheulich. Sie wollen das Beste für ihr Kind – aber, bitte, auf keinen Fall zusammen mit Schmuddelkindern. Sie wollen in Schulen mitbestimmen – aber sie hassen Elternabende. Kurz, die Bürger benehmen sich wie Narren.

Aber es hilft ja nichts. Wenn die Bürger die (Aus-)Bildung ihrer Kinder weder einem föderal blockierten Staat noch einer profitverliebten Wirtschaft überlassen wollen, dann müssen sie selbst mit ran – als Zivilgesellschaft. Das ist historisch richtig. Weil damit das Quasimonopol des Staates korrigiert würde, das entstanden ist, als Preußen im 18. Jahrhundert die allgemeine Schulpflicht durchzusetzen begann. Und es ist systematisch richtig, weil die Bürger die geborenen Akteure einer Bildungsreform für das 21. Jahrhundert sind. Die Bürger sind vielleicht nervös, aber alles andere als apathisch. Der Staat kann warten. Die Bürger können das nicht, denn ihre Kinder wollen jetzt in gute Schulen.

Man kann nicht sagen, dass es heute schon eine zielstrebige Richtung einer bürgerlichen Bildungsreform gäbe. Die Initiativen wissen nur eines ziemlich genau: was sie nicht mehr wollen. Föderalistisches Chaos, Noten- und Lerndruck, frühe Auslese. Jeder will irgendwie etwas anderes, aber das Bedürfnis, etwas zu ändern, ist mit Händen zu greifen. Lernreformer bringen die Säle zum Bersten. Beinahe täglich wird eine neue Bildungsinitiative gegründet: Arbeiterkind, Was bildet ihr uns ein, Schule im Aufbruch, Gesellschaft macht Schule, Mittendrin e.V., Eine Schule für alle, und so weiter. Es gibt Dutzende Stiftungen, die sich engagieren. Das Feld ist ein bisschen unübersichtlich geworden, aber eines ist klar: Die Reform einem selbstblockierten Staat zu überlassen oder den Wahlversprechen der Parteien zu glauben, das will kaum einer mehr. Bildung wird gemacht – egal, wer wo welche Wahl gewinnt.

Diese Leute verändern schon heute das Bildungssystem

Heike Kahl hat mit der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) ein neues Format entwickelt: dem Staat bei der Bildung helfen, wo er nicht mehr zurecht-kommt. Die DKJS vermittelt etwa zwischen Bund und Ländern bei der Gestaltung des Ganztagsschulprogramms. Das bedeutet, die Zivilgesellschaft hilft, Vereine und Initiativen in den Schulalltag einzubinden und individuelle Pädagogik zu verwirklichen. Die Stiftung hat sich auf die Fahnen geschrieben, die Chancengleichheit in Schulen zu fördern.
André Spang arbeitet ebenfalls an der Grenze zwischen Staat und Gesellschaft. Als Lehrer und zugleich mit privatem Engagement hilft er der Schule, jene Technologien zu adoptieren, die in der Gesellschaft alltäglich sind: Tablets, Smartphones, soziale Plattformen. Er hat eine Projektgruppe im Kölner Kaiserin-Augusta-Gymnasium gegründet, die eine digitale Didaktik für einzelne Fächer entwickelt. Spang veranstaltet zivilgesellschaftliche Barcamps, bei denen das Lernen 2.0 ausprobiert wird.
Malte Gregorzewski war Fellow von Teach First, einer Organisation, die exzellente Universitätsabsolventen des Landes zum bürgerschaftlichen Engagement in Brennpunktschulen holt. Sein Job in der Berliner Heinz-Brandt-Schule war es, die neuen Elemente der dortigen Pädagogik (individuelles und praxisorientiertes Lernen) für Schulpreisbewerbungen zu vermarkten. Er lenkte den Scheinwerfer auf das bestehende Reformlehrerteam – und half so, den Preis Starke Schule und den Deutschen Schulpreis zu gewinnen.
Marina Weisband gehört zu der kleinen Gruppe, die die gesellschaftliche Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts versteht. Für ihr Lieblingsthema Bildung verschreibt die Piratin sich aber nicht allein ihrer Partei, sondern will als politischer Digital Native „Kindern helfen, ihr Potenzial zu entwickeln und sowohl leistungsschwachen wie -starken Kindern ermöglichen, eine für sie perfekte Bildung zu bekommen“. Weisbands Themen sind frühkindliche Bildung und Bildung als Voraussetzung für politische Teilhabe

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