Mit dem Leben bezahlt

Frankreich Das Unternehmen France Télécom führt seit Monaten einen Nerven- und Wirtschaftskrieg gegen die eigenen Mitarbeiter. Verluste gibt es nur auf einer Seite

Mehr oder weniger große Zufälle oder bloße Gleichzeitigkeiten können den Zustand einer Gesellschaft nicht erklären, doch allemal illustrieren. Die Ernennung des Sarkozy-Sohnes Jean, einem Jurastudenten von 23 Jahren, zum Chef der Entwicklungsgesellschaft EAPAD im Pariser Geschäftszentrum La Défense wurde fast zur gleichen Zeit mit dem Freitod des 25. Mitarbeiters bei France Télécom innerhalb von 18 Monaten gemeldet. Kausal haben beide Ereignisse nichts miteinander zu tun. Die von Kungelei und monarchischer Willkür triefende Ernennung des eigenen Sohnes annullierte Vater Sarkozy inzwischen auf öffentlichen Druck hin wieder. Bis dahin aber hatte sich ein stimmiges Bild der abstoßenden Parallelität vom unverdienten Aufstieg eines Protegés und dem (fast) lautlosen Ausstieg eines wahrscheinlich entmutigten Menschen ergeben.

Erstmals eine Frau

France Télécom ist ein international agierender Medienkonzern, unterhält in 30 Ländern Filialen und beschäftigt 187.000 Mitarbeiter, davon 102.000 in Frankreich. Im vergangenen Jahr machte der Konzern 55,5 Milliarden Euro Umsatz und 4,7 Milliarden Gewinn. France Télécom entstand 1990 durch die Zerschlagung und Teilprivatisierung von Poste, Téléphone, Télégraphe (PTT). Die neue Firma wurde an der Börse notiert und stand nun unter scharfem Konkurrenzdruck, der im Wesentlichen auf die Mitarbeiter abgewälzt wurde. Der französische Staat ist mit 26,7 Prozent der größte Anteilseigner. Seit 1996 wurden bei France Télécom rund 70.000 Stellen abgebaut. Pierre-Louis Wenes, der berüchtigte „Cost-Killer“, leistete dabei ganze Arbeit. Nach dem momentan geltenden Modernisierungsprogramm sollen weitere 22.000 Stellen gestrichen und 7.000 Mitarbeiter versetzt werden.

Auf der gesamten Belegschaft lastete und lastet ein ungeheurer Druck, der durch die Aussichtslosigkeit, nach der Entlassung eine neue Stelle zu finden, noch verschärft wird. Dazu kamen Arbeitsstress, Konkurrenz und hohe Leistungserwartungen. Vielen Mitarbeitern wurden unrealistische Ziele gesetzt, andere – zum Beispiel die Mitarbeiter in den Call Centers und die im Reparaturservice Beschäftigten – standen unter permanenter elektronischer Beobachtung oder Überwachung durch Anrufe bei den Kunden unter dem beschönigenden Begriff „Zufriedenheitsumfragen“.

Mitte September stürzte sich eine 53 Jahre alte Angestellte direkt nach einer Besprechung mit Vorgesetzten vom vierten Stock aus dem Fenster, das 24. Opfer und erstmals eine Frau. Der Fall sorgte für viel Aufmerksamkeit und ein großes mediales Echo. Didier Lombard, der Präsident von France Télécom, wurde zu Arbeitsminister Xavier Darcos zitiert und erklärte danach: „Diese Suizid-Mode muss aufhören“. Damit war viel Öl ins Feuer gegossen. Lombard entschuldigte sich damit, es handle sich um einen Versprecher, er habe fälschlich das englische Wort „Mood“ mit „Mode“ statt mit „Welle“ übersetzt. Besonders glaubhaft klang das nicht. Tags darauf erklärte France Télécom, die Pläne für den Konzernumbau würden bis Ende Oktober auf Eis gelegt, Zwangsversetzungen bis Dezember eingestellt. Lombard gestand: „Ich habe das Leiden nicht ernst genug genommen.“ Bei einem öffentlichen Auftritt wurde er mit „Mörder“-Rufen empfangen.

Ruppiger Führungsstil

Gewerkschaften und Medien gaben nicht nach. Denn es wurde ein Abschiedsbrief bekannt, in dem es unter anderem hieß: „Der permanente Druck, die Überlastung, die fehlende Weiterbildung, die Desorganisation und das Management mit seinem Terror“ hätten dermaßen entmutigt, dass es keinen Ausweg mehr gab. Der Soziologe Willy Pelletier sprach von einem „Wirtschaftskrieg“, den France Télécom gegen die eigenen Angestellten führe: „Die Leute zahlen mit ihrem Leben für unsere Niederlage gegen den Liberalismus.“ France Télécom reagierte auf derartige Vorwürfe inzwischen mit der Einstellung zusätzlicher Betriebsärzte und Psychologen.

In die Schlagzeilen kam auch die staatliche Arbeitsagentur Pôle emploi, in der es innerhalb weniger Wochen einen Suizid und fünf Versuche dazu gab. Der Soziologe André Vacquin erklärte die Zuspitzung mit den Veränderungen der Arbeitsbedingungen im Zeichen ultraliberaler Werte und der zu Depressionen führenden Ohnmacht, das vorgegebene Soll für die Vermittlung von Arbeitslosen gerade jetzt während der Wirtschafts- und Finanzkrise zu erfüllen. Die Mitarbeiter lebten in ständiger Angst und fühlten sich als Versager, was durch einen ruppigen Führungsstil der Geschäftsleitung noch befördert werde.

Völlig abwegig ist der Erklärungsversuch des Pariser Statistikers René Padieu. Er errechnete 19,6 Selbstmorde auf 100.000 Einwohner pro Jahr und schloss daraus, dass France Télécom mit 15 Selbstmorden im Jahresdurchschnitt und 102.000 Mitarbeitern noch unter dem statistischen Landesdurchschnitt läge. Doch vergleicht Padieu Unvergleichbares. Bei „normalen“ Selbstmördern gibt es oft verschiedene Motive, während bei France Télécom die Gründe für einen Suizid in der Regel allein auf die Arbeitsbedingungen zurückzuführen sind. Andere Analysten weisen auf die hohe Zahl von Selbstmördern bei Poli­zisten und Lehrern hin (35 und 39 auf je 100.000 Polizisten beziehungsweise Lehrer), die natürlich nichts erklären, sondern allenfalls belegen, dass Arbeits- und Leistungsdruck sowie Überforderung bei diesen Berufsgruppen ebenso gestiegen sind wie bei France Télécom. Betriebsklima und Stimmung dort sind unter Umständen einfach tödlich.

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11:55 28.10.2009

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