Mit dem Revolver am Kopf

Irak Die Gefahr, im Irak sein Leben einzubüßen, bleibt groß: Ein Sprengsatz im Café, eine Autobombe während der Rush Hour, ein Schuss aus einer schallgedämpften Waffe

Betrachtet man die Straße zum Flughafen als Aushängeschild einer Stadt, wartet das für Bagdad mit der Auskunft auf: „Sie haben sich für eine Metropole entschieden, die eine Festung sein will!“ Und tatsächlich, das erste, was man erblickt, nachdem man den gespenstisch leeren Airport hinter sich gelassen hat, sind amerikanische Soldaten mit Polizeihunden. Dann, auf der Fahrt zur Innenstadt, immer wieder hohe Mauern, Wachtürme, Humvees, Hubschrauber, schwer bewaffnete Marines und wieder Mauern. Kein Zweifel: Beim Gebäudetrakt da drüben muss es sich um das Hochsicherheitsgefängnis Camp Cropper handeln.

In Bagdad ziehen sich Betonwälle, die man nur nach strengen Sicherheitskontrollen passieren darf, um ganze Stadtteile. Die Fahrt von einem Viertel zum anderen oder von einem Ufer des Tigris auf das andere oder vom Bezirk al-Karch nach al-Rusafa dauert länger als der Flug von Istanbul nach Bagdad und verlangt extrem viel Selbstbeherrschung. Es kann drei bis vier Stunden dauern, bis man sein Ziel erreicht. Dabei ist stets der Rückweg einzukalkulieren, der vor Einbruch der Dunkelheit abgeschlossen sein sollte.

Inzwischen verfügt diese Stadt über mehr Autos als Einwohner. Die Checkpoints haben sich besonders in jüngster Zeit angesichts der vielen Morde, die auf der Straße am helllichten Tag verübt werden können, rasant vermehrt. Auch im Auto fühlt man sich einem ungewissen Schicksal hilflos ausgeliefert. Man sitzt auf einer der Straßen Bagdads fest, eingezwängt zwischen anderen Fahrzeugen im Stau, nichts bewegt sich, es geht weder vor noch zurück, noch außen herum. Wer sich aus der Patsche helfen will, indem er aussteigt und zu Fuß weiter eilt, stellt bald fest, wie sinnlos dieses Unterfangen ist: Fußgänger erregen an jedem Checkpoint größtes Misstrauen. So erging es mir, als ich mit einem Freund unterwegs war, und wir vor dem Nationaltheater nur knapp einer Autobombe entkommen waren.

Willkür am Checkpoint

„Wer sind Sie? Woher kommen Sie? Wohin wollen Sie?“, hagelten die Fragen des Kommandanten am Kontrollpunkt auf uns nieder. Man ist gezwungen, sich wohl oder übel einem ungewissen Schicksal zu ergeben. Zeit zum Nachdenken bleibt genug. Was, wenn ausgerechnet der Wagen im Stau direkt vor einem gleich in die Luft fliegt? Was, wenn ein Fahrgast in einem der Kia-Minibusse einen Sprengsatz am Leib trägt? Es ist fast wie russisches Roulette, wenn sich die einzige Patrone im Magazin eines Revolvers langsam der eigenen Schläfe nähert. Doch während es bei dieser Art Glücksspiel aufgeblasener Männlichkeit vorbehalten ist, sich selbst für ein ungewisses Schicksal zu entscheiden, denkt beim irakischen Roulette niemand ernsthaft daran, sich dem freiwillig auszusetzen.

Die Iraker spüren den Revolver an der Schläfe, wenn sie schlafen und wenn sie erwachen. Die Möglichkeiten, sein Leben einzubüßen, sind vielfältig: Ein explodierender Sprengsatz im Café, eine Autobombe während der Rush Hour oder auch ein Schuss aus einer schallgedämpften Waffe mitten am Tag. Jeder Iraker muss damit leben, dass sein Weg ins Büro, ins Geschäft oder zum Markt ein Abenteuer und er der tückischen Laune eines unsichbaren Feindes ausgeliefert sein kann. Einmal drapiert sich dieser Feind als Gotteststaat Irak, dann wieder als Al-Qaida-Refugium und das nächste Mal als Rudiment der Baath-Partei Saddam Husseins. Einfache Iraker, die sich nicht wie ihre Regierung in einer Grünen Zone verschanzen oder wie ihre Parlaments­abgeordneten mit einem Heer von Bodyguards umgeben können, müssen sich mit der Todesart abfinden, die ihnen dieser Feind zugedacht hat.

Die wie Pilze aus dem Boden schießenden Checkpoints bringen nichts weiter als noch mehr Chaos und Willkür. Die dort eingesetzte Technik ist selbst nach Aussagen ihrer britischen Hersteller völlig ineffizient. Die Geräte – sie haben die irakische Staatskasse Hunderte Millionen Dollar gekostet – tun sich eher durch das Ausfindig-Machen von Zahnfüllungen, sauer eingelegtem Gemüse und Alkohol hervor. Dabei ist eine aufgespürte Zahnfüllung sehr viel ungefährlicher als eine Flasche Whisky. Das gilt besonders für den von vielen Schiiten geheiligten Monat Muharram. Dann kann der Transport einer Flasche Johnny Walker ein lebensgefährliches Vabanquespiel heraufbeschwören. Um eine solche Fracht unbeschadet nach Hause und in den Südirak zu bringen, musste ein Freund auf seiner 400 Kilometer langen Tour zwangsläufig durch mehrere schiitische Städte. Die Fahrt mit einem Karton Whisky im Kofferraum kam ihm als Abenteuer gerade recht. Andere schmuggeln schließlich Autobomben durch Checkpoints! Warum nicht auch ein paar Flaschen Whisky?

Mein Freund wusste allerdings nicht, dass der An- und Verkauf von Alkohol oder auch nur dessen Besitz in den meisten irakischen Städten mittlerweile verboten ist und als strafbare Handlung geahndet werden kann. Und das ausgerechnet im Irak! Sprachwissenschaftler führen den Ursprung des Wortes Bier auf die Sumerer zurück, die hier vor über 6.000 Jahren siedelten und – wie archäologische Funde und Handschriften belegen (schon das Gilgamesch-Epos erwähnt eine Kneipenwirtin!) – bereits Bier brauten und seine berauschenden Eigenschaften zu schätzen wussten.

Nur leider hat es das Verfassungschaos den Vorsitzenden diverser Provinzräte in der letzten Zeit ermöglicht, so genannte „Glaubenskampagnen“ anzustoßen, die eine ähnlich gelagerte Aktion Saddam Husseins wiederauferstehen lassen. So legitimieren der Vorsitzende des Stadtrates von Bagdad und seine Kollegen aus Basra, Babil und anderen Städten ihre Kampagnen mit verfassungsmäßigen „Vollmachten“ nach einem noch von Saddam unterzeichneten „Gesetz“ über die Glaubenskampagne aus dem Jahr 1994. Dabei begnügen sie sich keineswegs nur damit, den Spirituosen-Handel zu blockieren und Ausschankstätten zu schließen, einen internationalen Zirkus zu vertreiben, der in Basra erfolgreich aufgetreten war, oder ein Festival der Künste in Babil abzusagen – sie schicken auch Polizei, um Vereinslokale wie den Klub des Irakischen Schriftstellerverbandes zu schließen, weil dort Alkohol ausgeschenkt wird. Es werden stumpfe Schergen ausgesandt, Übergriffe zu verüben, wie es dem Assyrischen Kulturverein in Bagdad geschah.

Derartige Beschlüsse von Provinzräten sind darauf geeicht, die Verdienstmöglichkeiten religiöser Minderheiten zu beschränken. Besonders Christen und Yeziden sind im Alkoholhandel tätig. Anschläge – sei es durch Milizionäre der Regierung oder die Grabenkämpfer von al-Qaida – haben viele ihrer Opfer längst zur Flucht nach Kurdistan getrieben. Hinter dieser vordergründig religiös daherkommenden „Glaubenskampagne“ verbergen sich handfeste ökonomische Interessen der neuen dicken Fische. Schließlich liegen die Läden, Kneipen, Restaurants und Immobilien der Christen wie ihre Wohnviertel – darunter al-Karada, al-Masbah, al-Arsat, Camp al-Arman und al-Batawin – mitten im Herzen von Bagdad.

In Abfällen ersticken

Nach dem Anschlag auf die Erlöserkirche im Zentrum der Hauptstadt und nach vielen Drohbriefen, die Christen davon abhalten sollten, ihre Gottesdienste zu feiern, wird offen debattiert, wer hinter dieser Einschüchterung stehen könnte. Mag es Hinweise auf al-Qaida geben, deuten andererseits mancherlei Indizien auf Spekulanten. Wer die Christen zur Abwanderung treibt, der zwingt sie, ihre Häuser zu Spottpreisen aufzugeben – wie schon einmal 1951, als viele Juden unter ähnlichen Umständen den Irak verließen. Die Geschichte scheint sich wiederholen zu wollen – nur mussten damals die Synagogen als Zielschiebe herhalten.

Wer als Christ vor den Repressalien in Bagdad in den Nordirak ausweicht, erlebt lange Schlangen vor den „Einreiseschaltern“ der Region Kurdistan. Alle Iraker, nicht nur die Kurden klagen über diese Spaltung des Landes. In Erbil zum Beispiel finden sich mittlerweile viele Händler aus Bagdad, die ihr Leben aufs Spiel setzen, wenn sie ihre Waren über einspurige Straßen in den Nordirak schleusen, die von Trucks mit waghalsigen Fahrern beherrscht werden. Noch vor zwei Jahren waren diese Trassen heiß umkämpft, sie lagen im Zentrum einer gnadenlosen Konfrontation zwischen Regierungstruppen und Gotteskriegern. Baquba und Umgebung galten als Hochburg von al-Qaida. Mord wegen der ethnisch-konfessionellen Zugehörigkeit eines Menschen war an der Tagesordnung. In Baquba schaltete und waltete der Schlächter Abu Musab az-Zarqawi. Heute sind allerorten Checkpoints errichtet, von denen einige noch von US-Marines betrieben werden, besonders gilt das für Kontrollen an den Zufahrten nach Kirkuk. Mehr als die Hälfte der irakischen Ölproduktion kommt aus den Fördergebieten im Umfeld dieser kurdischen Großstadt. Das Gerangel unter Arabern, Kurden und Turkmenen um die Herrschaft über Kirkuk wirkt so aberwitzig wie ein Streit dreier Glatzköpfe um einen Kamm.

Abstrahiert man einmal von den Gefahren, die eine Reise in den Nordirak nach wie vor mit sich bringt, so erlaubt eine solche Tour vor allem eines – der Beobachter kann sich ein Bild vom Zustand des Landes verschaffen. Er kann in Augenschein nehmen, wie Chaos und Verfall weiter um sich greifen. Wie kolossale Müllberge die Piste zu beiden Seiten flankieren. Dass manches Wohngebiet an seinen Abfällen zu ersticken droht. Auf die Spitze getrieben wird dieser Eindruck noch von Brücken voll tiefer Rillen im Asphalt, Schulen mit gähnenden Löchern anstelle von Türen, Krankenhäusern in katastrophal unhygienischem Zustand und völlig versumpften Spielplätzen. Das ganze Land scheint permanenter Degeneration preisgegeben. Kein Müllauto, kein Müllmann kommt je vorbei. Stadt- und Gemeinderäte sind – ganz nach dem Vorbild von Parlamentariern und Ministern – viel zu sehr mit dem Plündern befasst und haben keine Zeit für Ordnung und Aufbau. Ein im Irak verbreitetes Bonmot fordert mittlerweile die Einrichtung eines eigenen „Ministeriums für Bestechliche und Fälscher“.

Der Reisende muss all das hilflos registieren, er weiß nicht, was tun oder sagen. Auf der einen Seite bestürzen ihn Armut und Bedürftigkeit, Arbeitslosigkeit und Zusammenbruch der öffentlichen Versorgung, erlebt er zivilgesellschaftliche Organisationen, Intellektuelle und mutige Journalisten, die unermüdlich gegen einen übermächtigen Gegner anrennen – auf der anderen Seite sieht er die an Trutzburgen erinnernden Villen der Politiker, schnittige Autos mit Bodyguards und intellektuelle Lakaien der Staatsmacht, die als Flügeladjutanten einer staatlich gelenkten Presse schon Saddams Regime hofierten.

Am Ende seiner Reise durch diese Landschaft der vielen toten Seelen packt der Besucher traurig seufzend seine Koffer und macht sich auf den Weg zum Flughafen. Ganze fünf Mal muss er sich an Checkpoints filzen und von Schäferhunden beschnüffeln lassen. Vergeblich verweist er darauf, dass seine Maschine gleich abfliegen werde. Ein sinnloser Protest, gehören die Sicherheitsleute doch alle unterschiedlichen Unternehmen an, die jeweils ihrem eigenen „politischen“ Auftraggeber und eigenen Regeln verpflichtet sind. Wenn er dann endlich im Flugzeug sitzt, spürt der Reisende, wie ihn die Müdigkeit übermannt, schließlich ist er seit fünf Stunden auf den Beinen, um rechtzeitig am Airport zu sein. Endlich in der Luft schließt er die Augen und träumt von einem Land, das er sich ohne einen einzigen Revolver vorstellen könnte.

Najem Wali ist irakischer Schriftsteller, im März erschien sein Roman Engel des Südens, verlegt vom Hanser Verlag München

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11:10 27.04.2011

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