Mit dem roten Buch ins Bett

Schröder-Bibel Die "agenda 2010" als Leseerlebnis

Lieber Gerhard,

eigentlich wollte ich letztes Wochenende an den studentisch-gewerkschaftlichen Protestaktionen teilnehmen, aber um nackt durch die Straßen zu laufen, war es mir dann doch zu nasskalt. Ich blieb im Bett, bis sie Saddam aus dem Loch gezogen hatten und die Chefs der Volksparteien die Steuerreform vorzogen. Also lag ich da und las das rote Heftchen der agenda 2010: Ein kleines, rotes Broschürchen, das uns sagen will: Deutschland bewegt sich! Die Mao-Bibel für Bundesbürger, klein, handlich, wenn auch im Gegensatz zu seinem fernöstlichen Pendant nicht gerade haltbar. Ein Foto des Großen Vorsitzenden schmückt es jedoch hier wie dort, und während im Vorwort zur Ausgabe von 1967 davon die Rede ist, eine geistige Atombombe von unermesslicher Macht in den Händen zu halten, sobald die Massen von den Ideen des Großen Vorsitzenden ergriffen sein werden, wählt es Dich, Genosse Schröder hier nur geringfügig kleiner: Er will Deutschland wieder an die Spitze bringen.

Das Büchlein sagt einem so richtig, was man nicht wissen möchte - dabei will es die Gemüter beruhigen. Die ganze Aufmachung strahlt Entscheidungs-Sicherheit aus. Nicht so wie dazumal beim Pharao (Mose 1, 41), der höchst unschlüssig ist über seinen Traum aus dem Nil aufsteigender sieben fetter und sieben magerer Kühe. Mose ließ durch Josef Korn bunkern. Du, Gerhard, sagst nicht, was Du aus der Spree hast aufsteigen sehen. Du hast Demographie und Wirtschaftszahlen gelesen. Deinen Traum, in dem auf sieben fette Rentner fünfzig magere folgen, deutest Du nur an. Du würdest gern Geld aus der einen in die andere Tasche stecken lassen und meinst, damit die Misere abzuwenden.

Dem Kanzler aufs (Vor-)Wort folgen

Die Gründe einer herannahenden Staats-Pleite benennst du leichthin: Die Menschen würden älter. Der Konkurrenzdruck durch die Globalisierung. Die Wirtschaft schwächele - wie in Deutschland, so auch anderswo. Die sozialen Sicherungssysteme westlicher Demokratien seien in akuten Finanznöten.

Ich hatte befürchtet, im Vorwort Dein, des Kanzlers Machtwort zu hören: Ich sei schuld, weil ich zu wenig arbeite, zu wenig ausgebe, zu wenig Kinder aufziehe. Längere Zeit denke ich über den Satz nach: "Die Menschen werden immer älter." Zu schlicht ist der Satz, um da einen Vorwurf herauszufiltern. Ich bin nicht schuld, wir sind nicht schuld. Gott sei Dank. Diesmal ist was anderes schuld, die Globalisierung und so. Dachte ich mir schon. So global-national die Ursache, so global-national das Ziel: Deutschland wieder an die Spitze bringen. Der Weg dahin sei dann die agenda 2010. Ich kann´s einfach nicht glauben. Selbst wenn der Kanzler die Staatsfinanzen ganz fest packt, hat er doch nur den Zopf in der Hand, an dem er sich aus dem Sumpf ziehen möchte. Wie also der Schwanz mit dem Elefanten zu wackeln versucht, darum geht es in der agenda 2010.

agenda häppchenweise

War Dein Vorwort, Gerhard, vergleichsweise flüssig, wenn auch nicht schlüssig geschrieben, so sind die folgenden reichlich 4.400 Worte von Seite 8-42 häppchenweise, gefeilt und unspektakulär. 37 mal bringt sich dabei die Regierung ins Gespräch, was sie alles tut. Ein Beispiel: "Mit einer Reihe von Gesetzen hat die Bundesregierung den Arbeitsmarkt modernisiert." Welche Sprachwucht! Und so geht es weiter: Sechs eher rhetorische Fragen zur agenda 2010 und acht Themen von Wirtschaft bis Familienförderung werden abgehaspelt.

Mundgerecht wird erst ein Stück des Problems serviert, mundgerecht dann ein Stück der gedachten Lösung. Mit dem Heft zur agenda 2010 wird die bittere Pille bestens verpackt dargeboten, und man weiß nicht mal, ob man der richtige Adressat für die anstehende Behandlung ist. Immer wieder wird beteuert, dass alle geschoren werden und niemand verschont bleibt. Immer wieder wird beschworen, dass man spürbar mehr Geld im Portemonnaie haben soll, um es zum Arzt und zur Inlandsnachfrage bringen zu können. Der Schwanz wackelt gewaltig mit dem Elefanten, lieber Gerhard. Ich glaube kein Wort, und Ihr glaubt es auch nicht.

Hier sind Wortspieler am Werk: Für "MEHR JOBS" kommt das "J" als Kranhaken. Bei "CHANCEN VERGEBEN" ist die Vorsilbe des Verbs gestrichen und ein Ausrufezeichen angehängt. "STEUERN" ist das Wort "SENKEN" aberwitzig hinzugefügt. "BILDUNG FORDERN" bekommt rote Pünktchen übers O. "NIE WIEDER ARBEIT?", bekommt das NIE und das Fragezeichen in revolutionärer Attitüde gestrichen. Bei "GESUNDHEIT BEITRÄGE" sollen Pfeile zeigen, wo es langzugehen habe. Richtig ehrlich ist dagegen die Headline zu den Renten: Die Frage "SPÄTER KEINE RENTE?" wird durch Streichen des "K" und des Fragezeichens rot korrigiert. "SPÄTER EINE RENTE" - sagt, wenn auch unfreiwillig, so doch, wo es langgeht: SPÄTER RENTE. "FAMILIE ODER BERUF" bekommt das ODER gestrichen und ein UND drübergesetzt. So einfach ist das. Die agenda 2010 ist von schlichten Gemütern für schlichte Gemüter zubereitet. Man kennt diese Politgraffitis aus der Straßenplakatierung, der Wiedererkennungswert ist ungemein. Wer noch nicht genug davon hat, kann es auch noch mal im Internet nachlesen.

Acht Bilder der agenda

Da man beileibe nur der Statistik trauen sollte, die man selbst gefälscht hat, wird Dir, lieber Gerhard, für die acht Statistiken von mir kein Dank zuteil. Die kopflosen Kopfhörer als Symbol der Minijobs oder die rasant aufgeblasenen Kinderwagen bei der Familienförderung sind bezeichnend. Am längsten verweilte ich jedoch bei der Rentenstatistik mit dem Oppa im roten Bademantel. So einen Bademantel kaufe ich mir von der Steuersenkung dann auch.

Wirklich sehenswert dagegen sind die acht Bilder der agenda 2010. Durchgängig hellblauer Hintergrund, die Bilder, soweit es geht, gestellt und statisch: Jedes davon hat etwas, und man kann sich daran gar nicht satt sehen! Ausbildung: Unsere jungen Menschen schauen auf und weg. Familienförderung: Das propere Kleinkind, über einem Glatzkopf thronend, versucht Balance zu halten. Rente: Familienidyll am Fluss. Die Frau sieht verwundert in die Kamera, wie verstört, als wäre der Papa am Tisch eine Bedrohung für ihren Status als Alleinerziehende. Beim Arbeitsmarkt lehnt ein androgyner Mensch lächelnd an einer Werkbank. Die Wand ist mit einfachstem traditionellen Werkzeug drapiert. Steuern bekommen das einzige bewegte Bild: Jemand mit weißer Bluse und Uhr am Handgelenk trägt symbolträchtige Einkaufstüten aus Papier. Der Kopf und der Boden der Tüten sind im Bild weggeschnitten. Man möchte fast meinen, der Mensch sei leer ausgegangen.

Mein Lieblingsbild ist das mit der Gesundheit. In einem etwas abgeflachten Teletubbie-Land knutschen zwei von unseren jungen Menschen. Dem Idyll nähern sich diese roten Pfeile und entfernt könnte es ein Plakat für Zuzahlung bei Viagra sein. Aber nein - die Frau hat einen Arm in Gips gelegt bekommen, und kein Mensch kann ahnen, wozu das gut sein sollte. Die Frau ist so kuschelig. Bloß um noch mit ihrem Freund knutschen zu können, muss sie auf krank machen. So kann das mit Deutschland ja nichts werden. Um im Bild zu bleiben - meine agenda 2010 hätte zum Ausgangspunkt: Ungeschützter Geschlechtsverkehr für alle von 15 bis 65. Liebe macht gesund und spart ab 2004 jeweils 10 Euro Arztgebühren. Und dazu würde ich dasselbe Bild nehmen, freilich kommt der alberne Gips bei der Frau vorher ab.

Wir haben verstanden

Zum Ende des Textes kommt diese alberne Statistik mit den aufblasbaren Kinderwagen, die ja nichts weiter sagen soll, als dass auf immer weniger Kinder immer mehr Staatsknete komme! Ein richtiges Ende hat Dein Heft ja nicht gerade, Gerhard. Aber auch das ist von hintersinniger Offenheit: Die agenda ist der Anfang und das open end.

Für alle, die noch besser verstehen wollen, kommen die Schlagworte der agenda im dreizehnseitigen Glossar von Alleinerziehende bis Zuzahlungen. Durchschnittsrente ist nachlesenswert: Männliche Rentner beziehen mehr als Frauen und am meisten bezieht der Ostmann. Wie kommt der dazu?

Pharao hatte nach seinem denkwürdigen Traum den Joseph erhöht. Bei Dir, Gerhard, finden sich die Josephs im Glossar. Rürup, Riester, Herzog, Hartz. Hartz ist multipel. Den gibt es gleich von I bis IV.

Nach den Service-Nummern rund um die agenda 2010 dachte ich, nun war es das. Aber nein, das Beste kommt zum Schluss! Ein Kalender für 2004. Wenn ich den als Regelkalender nehme, begleitet mich Deine agenda durchs Jahr. Und obendrein noch die föderale Ferienübersicht. Mensch, Gerhard, ihr habt an alles gedacht!

Hab ich also dieses Wochenende im Bett verbracht. Nicht im Nasskalten protestiert und nur Dein agenda-Heftchen gelesen. So viel ist passiert. Dieter Bohlens Haus wurde ausgeraubt, und die Bevölkerung hat die Steuerreform als Kompromiss geschenkt bekommen. Von dem Geld, das ich künftig mehr im Gelbeutel haben werde, kaufte ich nichts. Ich habe für das Wochenende kein Alibi. Niemand hat mich in flagranti erwischt, wie ich Dein agenda-Heft neben mein Exemplar der Mao-Bibel einordnete, als eine künftige Denkwürdigkeit. Die Veränderungen in der Bevölkerung und in der Ökonomie haben schon fast biblische Dimensionen, glaube ich. Überzeugt hat mich das Heft zur agenda 2010 nicht. Außen rot, innen auf schmackhaft gemacht. PR mit viel Mutwillen. Behämmert wird man, dem Fluss des Geldes zu gehorchen. Aber wozu? Pharao lässt Joseph in den fetten Jahren Korn einnehmen und in den Hungerjahren nötigenfalls ausgeben. Im Heftchen der agenda so zu tun, als könne man Geld essen, insbesondere Geld, das von unten nach oben geschaufelt wird, nehme ich Dir nicht ab. Und da kommt dann doch Mitleid bei mir auf, für Dich, Gerhard. Dennoch: Frohe Weihnachten!

Kathrin Schmidt, geboren 1958 in Gotha, lebt seit 1994 als freie Autorin in Berlin. Zuletzt erschien 2002 ihr Roman: Koenigs Kinder.


00:00 19.12.2003

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