Mit dem Wagen

Kehrseite Mein Bruder klebt an mir wie Pech. Unsere Mutter arbeitet den ganzen Tag. Außerdem macht sie in der Arztpraxis viele Überstunden. Zum Einkaufen kommt ...

Mein Bruder klebt an mir wie Pech. Unsere Mutter arbeitet den ganzen Tag. Außerdem macht sie in der Arztpraxis viele Überstunden. Zum Einkaufen kommt sie nie. Seit einigen Monaten legt sie uns jeden Tag einen Zettel hin, was wir besorgen sollen. Zuerst waren es Kleinigkeiten - eine Tüte Milch, ein halbes Brot, ein paar Wurstscheiben. Nachdem das gut klappte, schrieb sie ganze Wochenendeinkäufe auf und sperrige Dinge wie Wasserkisten, Pakete mit Toilettenpapier, große Waschpulverbehälter. Mit dem Fahrrad kann man nicht genug transportieren, so blieb nur der Einkaufswagen. Wir haben einen eigenen. Er gehört uns, wie einem eine zugelaufene Katze gehört. Zuerst hatten wir einen von Aldi, aber der war alt und taugte nichts, weil man an den Haken für die Beutel nichts anhängen konnte, der Haken stieß oben gegen den Rahmen. Seit einem Jahr besitzen wir einen Lidl-Wagen, mit dem sind wir sehr zufrieden. Felix schiebt ihn auf dem Hinweg zum Geschäft, ich schiebe zurück, weil der Wagen dann voll ist und zu schwer für ihn.

Auf den Straßen in Hamburg sieht man sonst nur Obdachlose mit Einkaufswagen - alte Frauen in abgerissenen Kleidern, ihre Haare mühsam geglättet, manchmal eine Zigarette im Mund. Ich habe solche Frauen in Billstedt am Bahnhof gesehen und am Hauptbahnhof, als mein Vater noch Ausflüge mit uns machte. Aber jetzt habe ich ihn lange nicht getroffen und war nicht am Hauptbahnhof.

Felix und ich zuckelten zuerst verschämt mit unserem vollen Wagen die Hauptstraße entlang, die Leute sahen uns scheel an. Eines Tages ging er vor dem Einkaufen in den Keller, zog eine zerschlissene Hose an, nahm die alte graue Pudelmütze und eine Jacke, die ihm zu klein und bekleckert war. Sein Gesicht beschmierte er mit Grillkohle. Das war zu viel, ich wischte das meiste wieder ab. Dreckige Gartenschuhe fand ich schnell, befleckte einen Anorak, aus dem ich herausgewachsen war, und wühlte mit den Händen in der Erde, damit sich Schmutz unter den Fingernägeln eingrub. So ziehen wir seitdem zum Einkaufen. Unser Gang hat sich verändert. Mein Bruder watschelt, mit gesenktem Kopf. Meine Schritte sind kurz, ich trete zuerst mit der Ferse auf, wie ein Geher, der immer den Boden berühren muss.

Eines Tages hatten wir diese Frau im Schlepptau. Sie ist nicht jung, nicht alt, hat wenige graue Haare, trägt auffällige Ohrringe mit pinkfarbenen Steinen und ist ganz in Blau gekleidet. Sie lauert uns auf, folgt uns, krakeelt den ganzen Weg über, eine halbe Stunde lang. Doch obwohl sie Deutsch redet, verstehen wir sie nicht. Vorm Supermarkt harrt sie aus, egal, wie lange wir drin bleiben. Sie geht stets zwei Meter hinter uns. Wir drei ziehen alle Blicke auf uns, Felix läuft manchmal voraus.

Jetzt sitzt sie schon vor unserem Treppenaufgang. So nah ist sie unserer Wohnung noch nie gekommen. Wir stehen am Fenster und sehen einander an, mein Bruder die Pudelmütze in der Hand, ich den Einkaufszettel, wir atmen in die Gardine hinein.

Los, wir hauen durch den Hinterausgang ab, sagt Felix.

Dann können wir den Wagen nicht mitnehmen, sage ich.

Dann nehmen wir einen neuen.

Wir sperren die Terrassentür zu, rennen durch den Garten, steigen über den Zaun.

Immer mehr Leute in Hamburg haben grauen Star. Mutter arbeitet länger und länger, bereitet Operationen vor, steht abends spät am Autoklaven, damit am nächsten Tag alles desinfiziert ist. Nach den Operationen kümmert sie sich um die Patienten, bereitet ihnen Brote und Tee.

Zu Hause macht sie Fehler, heute stehen Dinge auf dem Einkaufszettel, die wir längst haben. Als wir zu ihr sagen, das Toilettenpapier türme sich im Vorratsraum, entgegnet sie, davon könne man nie genug haben. Im Keller liegen schon so viele Dinge - Dosensuppen, Gemüsekonserven, Fleischbüchsen, alles im Überfluss.

Wir laufen die Straße hinunter, in unserer Verkleidung wie immer, nur habe ich mir noch ein Loch in die Hose gerissen, als ich über den Zaun stieg. Wir blicken hinter uns, der Weg ist leer, wir haben die Frau abgehängt. Mit einem Euro pflücken wir einen neuen Wagen aus der Reihe und schieben ihn zum Eingang von Aldi.

Ich weiß nicht, wo ich Essigessenz finde. Die Frau, die ich freundlich mit "Entschuldigen Sie bitte" anrede, legt erschrocken ihre Hände auf die Jackentaschen. Ich frage, wo Essigessenz ist. Da entspannt sich ihr Gesicht. Die gibt es bei Aldi nicht, sagt sie, aber bei Lidl.

Auf dem Rückweg will Felix geschoben werden, er steht auf dem unteren Rahmen des Wagens und sieht mir in die Augen, während ich schnaufe und keuche.

Du kannst laufen, sage ich, aber schiebe ihn weiter.

Ich werde langsamer und schwerfälliger. Bevor ich um die Ecke biege, schlägt mein Herz bis zum Hals, doch die Frau ist nicht da. Wir schieben den Wagen in den Vorgarten, zu dem anderen - der uns vertraut ist, der zu uns gehört. Wir schieben sie ineinander, damit sie nicht so viel Platz einnehmen.

Mutter ist zu müde, um sonnabends früh aufzustehen. Heute schläft sie den ganzen Vormittag, Felix und ich schleichen durch die Wohnung.

Es gibt eine Schlafkrankheit, bei der man immer müder wird und zum Schluss nur noch schläft, sagt Felix.

Doch nicht hier in Europa, sage ich.

Im Vorgarten stehen schon fünf Einkaufswagen, unsere Mutter hat sie kurz angesehen. Sie fragte, ob in jedem ein Euro steckt. Natürlich nicht. Wir haben sie ja aneinander gekettet.

Am Wochenende lauert die blaue Frau nie vor unserem Haus. Trotzdem linsen wir durch die Gardine. Wir essen noch einmal Frühstück, obwohl wir satt sind, lassen ein Brötchen für Mutter übrig. Wir huschen am Schlafzimmer vorbei, machen den Fernseher an, aber stellen ihn leise. Es klingelt. Wir stürzen durch den Flur - es darf nicht noch einmal klingeln, sonst wacht Mutter auf. Zwei Nachbarsfrauen sagen, wir sollen die Einkaufswagen aus dem Vorgarten entfernen. Sie benutzen das Wort "entfernen" wie Mutter, wenn sie vom grauen Star erzählt - wie die kranke Linse entfernt und durch eine künstliche ersetzt wird. Wir nicken, sie gehen.

Ich habe immer einen Euro in der Hosentasche. Wir trennen unseren Einkaufswagen von den anderen. Das Wagennest schieben wir die Straße hoch. Zum ersten Mal seit Wochen haben wir uns nicht verkleidet und nicht beschmiert.

Eine Woche später stehen sechs Wagen im Vorgarten - an jedem Wochentag ist einer dazugekommen. Die Nachbarin sagt, so geht das nicht weiter. Sie steht halb auf dem Flur, halb in unserer Wohnung. Mutter ist noch im Nachthemd. Sie bittet die Frau herein, die schiebt sich durch unseren Flur, die Arme an den Körper gepresst, als wollte sie links und rechts nichts berühren. Warum wir dauernd neue Wagen anschleppen, fragen nun beide, die Nachbarin und unsere Mutter. Felix schweigt und bohrt mit der Schuhspitze im Teppich herum, bis Mutter wütend wird. Er zieht die Schuhe aus. Dann erzählt Felix von der blauen Frau, die uns verfolgt. Ich halte den Atem an, blicke böse in seine Richtung, aber das merkt er nicht. So eine Frau habe sie vor unserem Haus noch nie gesehen, sagt die Nachbarin. Und sie sei den ganzen Tag zu Hause, bis auf kurze Momente, das hätte sie bemerkt, wenn auf den Stufen vor unserem Haus eine blaue Frau herumlungert.

Die beiden sehen uns an, das spüre ich, aber ich gucke nicht zurück.

Mutter begleitet die Nachbarin zur Tür. Sie tuscheln. Ich schnaufe abfällig, stupse Felix in den Nacken, wir lächeln uns an.

Mutter kommt aus dem Bad. Sie hat das Haar zu einem Knoten gesteckt, an der linken Seite trägt sie eine grüne funkelnde Spange. Wir steigen die Treppen hinab. Mutter geht voraus, klimpert mit zwei Eurostücken, die sie in der Faust hält. Mit einer Münze trennt sie unseren Einkaufswagen von den dazugekommenen. Schwungvoll dreht sie das Wagennest herum und schiebt es durchs Gartentor auf den Fußweg. Felix darf sich auf die untere Stange des ersten Wagens stellen. Mutter schiebt die fünf Wagen und ihn, ganz langsam. Sie keucht vor Anstrengung und schwitzt. Die Räder scheppern und klappern über die Gehwegplatten. Ich folge in zwei Metern Abstand, sehe ins Gesicht meines Bruders, der mir über den gebeugten Körper meiner Mutter hinweg zulächelt.

Annette Schwarz, geboren 1964 in Güstrow, hat Betriebswirtschaft in Wismar und Reutlingen studiert. Sie schreibt und lebt in Bargteheide und ist außerdem anzutreffen unter www.schwarztext.de.


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00:00 02.06.2006

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