Mit den Dritten sieht man doppelt

Programmschematismus Wie ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk aussehen könnte, wenn er für das Fernsehverhalten der Zukunft gerüstet sein wollte

Ein Elend des öffentlich-rechtlichen Fernsehens versteckt sich in Details, die normalerweise kaum wahrgenommen werden. Für wenig Aufsehen etwa sorgten in den vergangenen Wochen Ankündigungen des ZDF, seinen Theaterkanal in einen Kulturkanal und seinen Dokukanal in einen Familienkanal umzumodeln. Das liegt an der Unerheblichkeit der Sender. Sie gehören zu den drei wenig beachteten Digitalkanälen der Mainzer Anstalt, die zwar prägnant klingende Namen tragen, aber ihre Felder schon jetzt alles andere als eng interpretieren. Beispielsweise hat der Infokanal auch das Boulevardmagazin Hallo Deutschland und das Kulturmagazin Aspekte im Programm, der Dokukanal zelebriert Die lange Nacht des Jazz und wiederholt Markus Lanz-Talkshows, der Theaterkanal zeigt noch einmal Sperling-Krimis, Queen-Konzerte und Dieter-Thomas-Heck-Hitparaden, aber auch Fatih Akins Spielfilm Kurz und schmerzlos. Vielleicht ist das sogar bezeichnend: Irgendwie ist heute alles Doku, Info und Theater zugleich.

Für Menschen, die die bizarre deutsche Rundfunkbürokratie verfolgen, sind die Umpositionierungspläne verständlich. Zwar gibt es mit Arte und 3sat schon zwei im Zielgruppenbewusstsein verankerte Kulturkanäle. Rundfunkbürokratie-Kenner wissen aber, dass 3sat noch komplizierter strukturiert ist als das für seine Kompliziertheit berühmte Arte. Letzteres betreiben die föderalistisch organisierte ARD und das zentralistische ZDF gemeinsam mit dem französischen Staatsfernsehen. 3sat wiederum betreiben ARD und ZDF mit den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern Österreichs und der Schweiz. In Zahlen: Der ORF liefert 28, die SRG zwölf Prozent des Programms; je 30 Prozent kommen von ARD und ZDF. Was dazu führt, dass im 3sat-Cocktail etwa die Maischberger-Talkshow und Tierklinik-Dokusoaps aus der ARD sowie viele Krimis aus dem ZDF das Kultur-Image unterminieren, an dem der Sender andererseits etwa mit der täglichen Kulturzeit und Übertragungen von den Klagenfurter Bachmann-Literaturtagen arbeitet. Seit Jahren schon wollen ZDF-Leute zumindest die deutsche Seite bei 3sat allein vertreten, ohne ARD. Doch die ARD gibt keinen Fußbreit ihrer Rechte auf. Das ist das Kernprinzip allen öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland, das während der Lobby-Clinchs um die jüngsten Rundfunkstaatsverträge noch untermauert wurde: Niemand gibt irgendetwas auf, das irgendjemand sonst beansprucht. Was es an öffentlich-rechtlichem Rundfunk gibt, hat Bestandsgarantie und wird erhalten, solange es den Geschäftsführern gelingt, mit den Rundfunkgebühren den Betrieb zu managen.

Die Digitalkanäle von ZDF und ARD gehören seit 1997 zum Bestand. Aktuell befürchten Privatsender und Verleger, die Öffentlich-Rechtlichen könnten sie benutzen, um politisch festgelegte Einschränkungen im Internet zu umgehen. Richtig ist zumindest, dass die sechs Sender immer noch als Platzhalter für mögliche Entwicklungen dienen und gegenwärtig irrelevant sind. Eines der ARD-Digitalprogramme trug einmal den putzig-einprägsamen Namen EinsMuXx. Ein anderes geriet kurzzeitig in die Diskussion, als die Privatsender gegen den schleichenden Start eines digitalen Nachrichtensenders protestierten. In der Tat liefert EinsExtra inzwischen von 9 bis 20 Uhr Nachrichten. Das könnte die private Konkurrenz gefährden. Schließlich krebsen N24 und n-tv an der Existenzgrenze herum, die sie nur erreichen, weil abends Reportagen über Niagarafälle und russische U-Boote gezeigt werden. EinsExtra wiederum sendet ab 20 Uhr Wiederholungen des Politmagazins Fakt und der Hart aber fair-Talkshow. Abends also gibt es in Deutschland gar keinen Nachrichtensender.

Das ist ein wunder Punkt beziehungsweise eine Marktlücke und Kern des Problems, das die öffentlich-rechtlichen Sender bekommen werden. Klare Profile besitzen sie selbst da nicht, wo es die Kanalvielzahl in der digitale Nische locker erlauben würde: Alle Sender des öffentlich-rechtlichen Komplexes ähneln sich. Alle wollen als halbwegs abwechslungsreiche Vollprogramme ihrem Publikum alles bieten, was es so gibt. Auch die unbekannten Sender möchten ab und zu gute Quoten erzielen, indem sie bekannte Sendungen wiederholen. Aus dem Programmpool der ARD, des ZDF oder beider müssen sie sich sowieso bedienen.

Am erfolgreichsten, gemessen an den Quoten, tun das die Dritten Programme (für die diese Bezeichnung allerdings absurd ist, weil es ihrer sieben gibt, die zum großen Teil überregional verbreitet werden). Ihr Gesamtmarktanteil liegt mit 13,5 Prozent höher als der der ARD (13,4%). Alle Dritten erfüllen auftragsgemäß einen regionalen Bezug. Alle leisten sich Kleinode, die über den regionalen Tellerrand hinausschauen und manchmal ins so genannte Erste kommen. Weil Regionales und die Kleinode aber nicht ausreichen, das Programm zu füllen, läuft in mindestens einem Dritten beinahe täglich ein alter Tatort und die Wiederholung einer der von der ARD-Tochter Degeto produzierten, konsequent verwechselbaren Freitagsfilme à la Liebe ist die beste Medizin und Sehnsucht nach Rimini. Dazu kommen Reisereportagen, die sich sowieso gut wiederholen lassen, und selbst produzierte Ratgebersendungen, die anschließend die Digitalkanäle wiederholen.

Das ergibt lauter Alles-Mögliche-Programme. Eine zukunftsgewandte Reform des öffentlich-rechtlichen Systems bestünde darin, einige der vielen Kanäle wirklich zu profilieren. Das brächte den "Mehrwert", der so gern beteuert wird. Ein Nachrichtenkanal wäre schön für Zuschauer, die mittwochs in der ARD immer auf die Plasberg-Talkshow statt auf die Tagesthemen treffen. Und ein Krimikanal, der mit dem Tatort Publikum ködert, alte Krimischätze wie den Kommissar (derzeit Sonntag auf 3sat) pflegt und daneben innovative, mit Blick auf die Quote schwierig zu vermittelnde Serien abstützt. Und ein reiner Kulturkanal, der sein Programm nicht mit Krimiwiederholungen strecken muss. Und einer für junge Zuschauer, die für den Kinderkanal (das einzig wirklich profilierte öffentlich-rechtliche Programm) zu alt sind. Dort könnten solche Sendungen laufen, bei denen die Gesellschaft für Konsumforschung viele Zuschauer unter 50 ermittelt, und zudem getestet werden, was für die Hauptprogramme taugt.

Denn die guten, innovativen Produktionen, die die milliardenschweren Öffentlich-Rechtlichen manchmal ausstrahlen, bevor sie süßsauer zur Kenntnis geben, dass die Quoten nicht stimmten, haben ja nicht das Problem, dass sie völlig am Massengeschmack vorbeigehen. Sie werden nur da gesendet, wo sie niemand erwartet. Ein Beispiel: Am Freitag laufen im ZDF schon immer Krimis, die seit den sechziger Jahren die bekannte Erzähltemperatur Herbert Reineckers bedienen. Daher kann die völlig anders gestrickte Serie KDD dort nicht funktionieren. Bis sich die jüngere Zielgruppe daran gewöhnt haben könnte, freitagabends ZDF zu gucken, ist die jeweilige Staffel lange vorbei.

Wer aufmerksam sucht oder der Presse die Termine entnimmt und sich dann einprägt, findet natürlich, was ihn interessiert. Doch im Formatfernsehen mit stündlich und täglich wiederkehrenden Sendungen, für die man keine Programmübersicht mehr braucht, weil jeder weiß, wann wo die Sportschau läuft und dass ProSieben montags Action und dienstags Comedy auf verlässlich ähnlichem Niveau bietet, verpufft das Unerwartete. Das haben die Öffentlich-Rechtlichen, die jeden Montagabend Beckmann und jeden Abend Kerner bieten, selbst mit verantwortet.

Natürlich würde solch eine Reform härtere Kämpfe erfordern, als es die Hinterzimmerstreitereien um den Rundfunkstaatsvertrag waren. Nach außen, denn profilierte Programme würden die Belange der Privatsender und Verleger wirklich berühren. Für die oft beschworenen "Public Value Tests", die den gesellschaftlichen Mehrwert neuer Angebote evaluieren sollen, wäre das eine spannende Nagelprobe. Noch härter würde im Inneren des öffentlich-rechtlichen Systems gekämpft: Die Dritten müssten auf wirklich regionale Programme rückschrumpfen und nicht mehr mit dem Argument, nach Baden ausgewanderte Sachsen mit der Heimat zu verbinden, Verbreitung auf allen denkbaren Wegen einfordern. Aufhören müssten das absurde Konkurrenzdenken in den Anstalten und der Proporz in den Gemeinschaftsprogrammen. Und einige Kanäle würden gleich ganz verschwinden. Dafür gibt es bisher kein Beispiel - oder nur eines aus der Radiolandschaft, das in die genau falsche Richtung zeigt: dass der RBB seinen profilierten, aber reichweitenarmen Kanal Multikulti aufgibt.

Das ist unvorstellbar, solange Bundesländer und Landesrundfunkanstalten, Gremien-Gremlins und die für den Zuschnitt des staatsfernen Fernsehens zuständigen Staatskanzleien kein Stück ihres Einflussgebiets aufgeben. Klar ist vorausblickenden Senderleuten aber auch, dass das System in wenigen Jahrzehnten - wenn diejenigen "Jungen", die sich heute kaum fürs öffentlich-rechtliche System interessieren, die Mehrheit der Gebührenzahler stellen - in sich zusammenzufallen droht. Was die Entwicklung beschleunigen könnte: der jüngste Ausweitungserfolg der Öffentlich-Rechtlichen. Die Mediatheken, über deren Details noch gerungen wird, bieten immer mehr Sendungen zum Abruf im Internet. Grundsätzlich ist das sinnvoll, schließlich entgeht manche gute Eigenproduktion interessierten Zuschauern. Zum Problem dürfte aber nicht nur werden, dass das Streaming noch unüberschaubare Kosten verursacht. Sondern auch, dass die Vielfalt, in der bisher nur nacheinander und teilweise regional anzuschauende Sendungen nun nebeneinander zum Abruf stehen, Unübersichtlichkeit und Überflüssigkeit der öffentlich-rechtlichen Alles-Mögliche-Kanäle klarer freilegt als bisher.

Da listet etwa die Internetadresse web.ard.de/radio/radionet über 100 ARD-Radioprogramme auf, die allesamt online abzurufen sind (schon deshalb, weil Internet-fähige Rechner radiogebührenpflichtig sind). Charakterisiert werden sie durch nichts als ihre jeweils einzigartigen Slogans: hr3 ("voll im leben!"), NDR 2 ("Und das Leben beginnt"), WDR 2 ("Das Leben hören"). Und so weiter. Nichts führt besser zu der Erkenntnis, dass es von den öffentlich-rechtlichen Kanäle, die zwischen den größten Hits von Robbie Williams und Phil Collins sowie "20 Prozent auf alles"-Spots lokale Staumeldungen verlesen und Konzertkarten verlosen, einfach mehr als genug gibt.

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