'Mit denen rede ich erst mal übers Wetter'

ALLTAG Die 'Hängematten e. V.', eine Berliner Selbsthilfeinitiative der besonderen Art

Freitags haben Marlis Gehrke und Dieter Hoch zu tun. Während andere gemütlich das nahende Wochenende ansteuern, machen die beiden Überstunden. Gerade an Wintermorgen wie diesem, wenn das Feuer zwei Stunden braucht, um den alten Kachelofen aufzuheizen. Bevor die ersten Gäste kommen, räumen der gebürtige Münchner und die Ostberlinerin in ihrem kleinen Stadtteilladen in Berlin-Friedrichshain herum. Noch im Mantel hantieren sie mit der Post und kochen Kaffee. Dann präparieren sie das Frühstück mit gespendeter Wurst und Brötchen. Zwischendurch sitzen sie auf dem ausrangierten Sofa, rauchen, schauen durch das Fenster in die Kälte. Manchmal fragen sie sich, wie jetzt wohl das Wetter auf Bali ist.

Der Name der indonesischen Ferieninsel ist für Marlis Gehrke, Dieter Hoch und ihre Freunde ein running gag. Ursprünglich ging er mal auf ihre Kosten, stammt er doch vom früheren Arbeitsminister Norbert Blüm, der ebenso viele Arbeitslose in Touristenparadiesen wähnte wie daheim auf Beschäftigungssuche. Doch mit Sinn für Sarkasmus haben sie Blüms Faulenzer-Insel längst okkupiert: "Erwerbslose, die nicht auf Bali sind", nannte sich das gute halbe Dutzend Berliner ohne Job, das 1997 eine Selbsthilfe-Initiative der besonderen Art aus der Taufe hob. Heute heißen sie schlicht "Die Hängematten e.V.".

Für so einen Namen braucht man Selbstbewusstsein und Lust an der Provokation. Die klingt auch durch, wenn Marlis Gehrke sich dagegen wehrt, "dass man Leute als sozial schwach bezeichnet, nur weil sie arm sind. Die uns dahingebracht haben, das sind die wirklich sozial Schwachen." Von jammernder "uns-hilft-keiner"-Prosa oder verbiesterter Anarcho-Attitüde sind die "Hängematten" indes weit entfernt. Der bärtige Hoch, Typ freundlicher Holzfäller, und seine resolute ehrenamtliche Kollegin Gehrke machen schlicht das Beste aus ihrer Situation. Was für sie heißt, sich nicht zu verstecken und nicht damit abzufinden, dass eine Wirtschaftslogik, die das Attribut sozial trägt, sie zu den Millionen Überflüssigen zählt.

Vor drei Jahren hat Marlis Gehrke ihre letzte bezahlte Arbeitsstelle verloren - als Monteurin in einer Elektrofabrik. Das Unternehmen verlagerte ihren Job nach Polen. "Und Schluss war", sagt die 45-Jährige. Ihre sorgsam lackierten Fingerspitzen angeln nach einer neuen Zigarette. In ihrem gelernten Beruf als Verkäuferin rechnet sie sich erst recht keine Chancen mehr aus: "Da gibt es so viele, die sind jünger als ich und suchen seit Jahren vergeblich."

Für den 48-jährigen Dieter Hoch steht es nicht besser. Er war Journalist, wechselte zwischen Festanstellung und Freiberuflertum, zog sein eigenes Anzeigenblatt auf - und ging pleite. Die Konsequenzen waren zunächst gar nicht so dramatisch, erinnert sich Hoch, "ich bin nicht in die Isolation gestürzt". Aber nach und nach schliefen Freundschaften ein, die Ex-Kollegen hatten schlicht keine Zeit. Es folgten Tage und Wochen, die sich wie Kaugummi zogen. Schließlich entdeckte der Hobbymaler auf seinen Bildern einen traurigen Zug, der ihm ganz und gar nicht gefiel. Hoch riss sich zusammen: "Jetzt musst du etwas tun." Er landete bei den "Hängematten".

Es ist halb zwölf, die ersten Gäste sind eingetroffen. Vier Männer in den Zwanzigern bedienen sich am improvisierten Buffet. Mit ihren geflickten Hosen und den Selbstgedrehten würden sie bereits beim Türpersonal eines mäßig exklusiven Einkaufszentrums latente Aufmerksamkeit erregen. Sie reden über die Rosa-Luxemburg-Demonstration, einer fragt herum, wie er an ein Auto kommen könne, um eine gebrauchte Waschmaschine zu kutschieren.

Das ist ein Ziel der offenen Frühstücke, die Freitags und Montags stattfinden: Leute im Gespräch zu halten. Denn auch in Friedrichshain, wo es kaum einer so richtig dicke hat und die Arbeitslosigkeit schon offiziell 16 Prozent beträgt, ist das Leben ohne Job oder Geld stigmatisiert. Manche Interessenten laufen wochenlang einmal täglich draußen vorbei, bevor sie sich hereintrauen. "Mit denen rede ich erst mal übers Wetter", sagt Dieter Hoch, dann lädt er sie zu einer offenen Veranstaltung ein, etwa zu einem Leseabend mit Brecht-Gedichten oder zur Exkursion über den Dorotheenstädtischen Friedhof. Nichts Spektakuläres, trotzdem eine Horizonterweiterung, bestätigen die Gäste: "Sowas macht man einfach nicht allein." Auch wenn man jede Menge Zeit hat.

Wer mehr will, muss es selber sagen. In Seminaren der "Bundesarbeitsgemeinschaft Sozialhilfe-Initiativen" (BAG-SHI) und durch Selbststudium haben sich die "Hängematten" eine ganze Menge Wissen über Sozial- und Arbeitsrecht angeeignet. Wenn es ein Besucher wünscht, dann rufen sie auch schon mal beim zuständigen Amt an oder begleiten persönlich. Per Mundpropaganda sind sie damit erstaunlich bekannt geworden. Ratsuchende aus Spandau ganz im Westen der Riesenstadt Berlin fragen an und solche aus der Ost-Plattensiedlung Marzahn. An diesem Mittag kommt ein älterer Mann aus Pankow. "Hier bin ich sicher, dass die unabhängig sind", erzählt er.

Was bedeutet, dass die Ehrenamtlichen kein Hehl daraus machen, auf wessen Seite sie stehen. "Es ist ein gutes Gefühl, wenn ich Leuten helfen kann, denen es noch schlechter geht als mir", sagt Marlis Gehrke. Das kommt in den verschiedenen Behörden unterschiedlich an. In Friedrichshain, wo das Bezirksamt Arbeitssuchenden Druck macht, jeden Monat Nachweise über schriftliche Bewerbungen verlangt und andernfalls rigoros die Stütze kürzt, ist das Verhältnis schwierig. Im rot-grün regierten Kreuzberg ließen die Sachbearbeiter dagegen häufiger mit sich reden, meint Dieter Hoch: "Die merken, dass wir ihnen nicht nur den Nerv töten, sondern auf Fehler hinweisen."

So wie bei Felix. Der junge Akademiker hat Auslandserfahrung und spricht mehrere Fremdsprachen. Um seine Job-Chancen zu verbessern, bewarb er sich um eine Qualifizierung im Hotelwesen. Die bekam er, doch staunte er nicht schlecht, als er auf seinem Stundenplan Übungen im Bettenmachen, Toilettenputzen sowie einen Grundkurs Englisch fand. Die "Hängematten" konnten Felix loseisen, ebenso wie jene Kunstgeschichtlerin, die zur Baggerfahrerin fortgebildet werden sollte. Was dann aus der jungen Frau geworden ist, weiß Marlis Gehrke allerdings nicht.

Die Ehrenamtliche kennt ihre Grenzen, die spätestens dann erreicht sind, wenn Besucher durchdrehen. So wie der Mann aus der Nachbarschaft, der sich vor lauter Frust einfach nicht mehr beim Sozialamt meldet. Das ist ein bisschen so, wie auf der Rolltreppe abwärts einzuschlafen: Die Behörde stellt nach Aktenlage die Mietzahlung ein, der Hausbesitzer droht mit Rauswurf. Vor ein paar Wochen war der Nachbar noch einmal bei den "Hängematten", aber eigentlich nicht, um sich helfen zu lassen. Marlis Gehrkes Vorschläge hat er jedenfalls mit einem einzigen Satz quittiert: "Ick schmeiß mir sowieso demnächst vorm Zug." Seitdem hat sie nichts mehr von ihm gehört, dafür aber von BAG-SHI-Mitstreitern aus anderen Städten, die immer mehr derartige Totalausstiege beobachten. "Kein Wunder, wenn die Behörden die Gangart immer weiter verschärfen", glaubt Gehrke.

An den populären neuen Instrumenten, die Sozialhilfeempfänger und Langzeitarbeitslose von der Straße bringen sollen, haben die Selbsthelfer dementsprechend wenig Freude. Soziale Unterstützung an gemeinnützige Tätigkeiten, beispielsweise bei der Pflege von Parks zu koppeln, ist nach ihrer Lesart schädliche Schikane: "Die billige Zwangsarbeit bedroht doch nur Betriebe, die ihre Mitarbeiter nach Tarif bezahlen", greift Dieter Hoch ein Argument auf, das auch in der Wirtschaft kursiert.

Vom Bündnis für Arbeit hält er ebenso wenig: Lohndrückerei drohe, die Unternehmer spielten Jobber und Erwerbslose gegeneinander aus. Und was ist mit dem Votum der meisten Wirtschaftsforscher, nach dem die Löhne in Deutschland international nicht konkurrenzfähig seien?

Marlis Gehrke kontert: "Wovon sollen die Leute all die neuen Produkte in Zukunft noch bezahlen?" Als Alternative fordern die "Hängematten" unter anderem radikale Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich - wohl wissend, dass sie damit nicht einmal bei der PDS uneingeschränkte Zustimmung ernten.

Doch auch wenn das Jobbündnis besser funktionieren sollte, als die skeptischen Berliner glauben - ihre selbstorganisierten Dienste werden im Problembezirk Friedrichshain wohl weiter Konjunktur haben. Vorausgesetzt, sie finden weiterhin Stiftungen aus ganz Deutschland, die ihnen Miete und Heizung finanzieren. Bisher klappt das ganz gut, und Marlis Gehrke, die vorher von Marketing oder Buchführung wenig Ahnung hatte, kennt jetzt schon eine ganze Menge Kniffe: "Ich habe noch nie so schnell so viel dazugelernt, wie bei den Hängematten."

Demnächst will die Ex-Verkäuferin, die im Hochhausbezirk Hellersdorf wohnt, umziehen. Aber nicht nach Friedrichshain: "Job und Wohnen sollte man schön trennen, sonst findet man gar kein Ende." Worunter nicht nur Marlis Gehrkes Privatleben leiden könnte. Das Arbeitsamt achtet streng darauf, dass Erwerbslose nicht mehr als 15 Stunden in der Woche nebenher einer Beschäftigung nachgehen. Andernfalls, so die Begründung, "stehen sie dem Arbeitsmarkt nicht mehr zur Verfügung". Und das gilt erstaunlicherweise auch für Ehrenamtliche.

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00:00 11.02.2000

Ausgabe 42/2021

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