„Mit einem Ex-Nazi bin ich heute befreundet“

Porträt Mo Asumang wurde oft bedroht. Als Reaktion darauf hat sie mit Rassisten und Faschisten geredet. Deren Hass, sagt sie, ist längst dabei, unsere Gesellschaft zu zersetzen
„Mit einem Ex-Nazi bin ich heute befreundet“
Mo Asumang stand schon mal im Brunhilde-Kostüm an der Landstraße und zieht Kraft aus ihrem Bundesverdienstkreuz

Foto: Sebastian Wells für der Freitag

Unsere Begegnung findet in einem Café in Berlin-Mitte statt. Mo Asumang kommt im schwarzen Mantel und weißen Turnschuhen, ihr Blick ist wach und offen.

der Freitag: Sie haben sich in den USA mit einem der bekanntesten Rechtsradikalen getroffen … Tom Metzger.

Mo Asumang: Ja, den Gründer des „Weißen Arischen Widerstands“. Er hatte zu rassistischen Morden aufgerufen, wurde verurteilt, konnte sich aber freikaufen. Bei unserem Treffen beleidigte er mich in einem fort: Mein Vater habe die Gene meiner weißen Mutter entführt, er wolle mir meine Artgenossen im Zoo zeigen, ich sei das abgrundtief Böse. Das war kaum erträglich. Er wollte mich aus der Balance bringen, sehen, dass ich zurückschlage, aber den Gefallen tat ich ihm nicht. Kurz bevor ich ging, riet er mir, einen Baum zu umarmen – um die Einheit mit der Natur zu spüren.

Ein Esoteriker?

Dann lachte er und schrie: „Hoffentlich ist dieser Baum nicht vor dem Zweiten Weltkrieg gepflanzt worden, sonst würde er nach der Deutschen ausschlagen, die ihn gerade anfasst.“ Beim Abschied drückte er mich und sagte: „Hoffentlich sieht das keiner, sonst bin ich geliefert.“

Was empfanden Sie da, Abscheu?

Nein. Ich war eher verwundert. Wirklich schräg war mein Treffen mit Dr. Axel Stoll, einem promovierten Geologen – und Verschwörungstheoretiker. Er war ernsthaft davon überzeugt, dass die Arier vom Sternensystem Aldebaran stammen, mit Ufos durchs All schwirren und die Rückseite des Mondes und den Mars besiedeln. Dort würden sie auf ihren Einsatz warten, um sich als Reichsdeutsche zu erkennen zu geben.

Wachsen die Bedrohungen, seit Sie unter Rechten recherchieren?

Ja, mein Rassismus-Barometer schlägt immer häufiger aus. Es sind gerade Menschen in der Mitte der Gesellschaft, die ihre Aversionen gegen meine Hautfarbe ganz offen zeigen– nicht nur mit bösen Blicken im Vorbeigehen, sondern häufiger durch Mord- und Hassmails. Wenn ich zu Podiumsdiskussionen und Vorträgen fahre, bin ich oft mit Polizeischutz unterwegs, ich scanne permanent, wer mir entgegenkommt oder mit im Raum sitzt.

Sie waren ja die erste afrodeutsche Moderatorin im Fernsehen und haben das Erotikmagazin „Liebe Sünde“ moderiert. Im November 2019 bekamen Sie das Bundesverdienstkreuz für Ihren Kampf gegen rechts – Hilft Ihnen das?

Dieses Kreuz hat mir erst mal Kraft gegeben, wieder neu und hoffnungsvoll auf das zu schauen, was ich da täglich mache. Nach all diesen Kämpfen gegen Rassismus war ich ziemlich müde. Jetzt kommt frischer Wind in die Workshops an Schulen und Unis, wo ich versuche zu zeigen, dass man mit dem Thema auch positiv umgehen kann. Am Ende eines Filmscreenings oder einer Lesung möchten sich die Schüler und Studis den Rassisten immer sofort „entgegenstellen“. Das ist toll.

32.000 Rechtsextreme zählt der Verfassungsschutz bundesweit, darunter Busfahrer, Polizisten, Richter. In Ihrem Buch „Mo und die Arier“ warnten Sie schon 2016, der Rechtsextremismus sei in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen. Verstehen es die meisten erst jetzt?

Ja. Aber leider schauen wir den Tatsachen immer noch nicht genau ins Auge. Mittlerweile zersetzt der Rechtsextremismus unsere Gesellschaft. Er konzentriert sich längst nicht mehr „nur“ auf Flüchtlinge oder andere Randgruppen, sondern schießt gegen alle, die sich für eine freie Gesellschaft einsetzen. Der Mord an Walter Lübcke war eine neue Dimension.

Sie wurden selbst mit dem Tode bedroht …

Ja, Lars Burmeister, der Sänger der Nazi-Rockband White Aryan Rebels, forderte seine Community auf, mich zu erschießen: „Die nächste Kugel ist für dich, Mo Asumang“, sang er. Das war 2001. Journalisten vom ARD-Magazin Kontraste spielten mir das Lied zwei Jahre später in einem Interview vor. Ab diesem Moment konnte ich nicht mehr schlafen.

Wie haben Sie damals reagiert?

Nach dem ersten Schock wollte ich allen zeigen, dass eine Frau mit dunkler Haut genauso zur deutschen Kultur gehört. Ich zog mit meinem Kumpel, dem Fotografen Joachim Gern, los und lieh mir im Fundus Babelsberg ein Brunhilde-Kostüm. Ich war entschlossen, meine Version der blonden Nibelungen-Göttin zu erzählen, die die Nazis ja für ihre identitätsstiftende Propaganda missbraucht hatten. Für das Shooting – diesmal als schwarze Kriegerin – stellte ich mich mitten auf eine Landstraße in der Ostprignitz. Den Autofahrern sind die Augen rausgefallen. Das war meine erste persönliche Rebellion gegen die Angst.

Verdienstkreuz und Taxifahren

Mo Asumang wird 1963 als Tochter einer Deutschen und eines Ghanaers in Kassel geboren (bürgerlicher Name: Monika Yaa akoma Asumang). Verbringt ihre früheste Kindheit in einem Kinderheim und bei einer Pflegefamilie, wird ab ihrem zweiten Lebensjahr von der Großmutter aufgezogen. Nach dem Abitur am Goethe-Gymnasium in Kassel studiert sie Visuelle Kommunikation an der Hochschule für Bildende Künste in Kassel. Kurz nach dem Fall der Mauer geht Mo Asumang nach Berlin, studiert klassischen Gesang an der UdK Berlin. Sie fährt Taxi, modelt, arbeitet als Synchronsprecherin und seit 1996 auch als Moderatorin und Schauspielerin, außerdem eröffnet sie die Bar „Seven Lounge“. Von 1997 bis 2000 moderiert sie bei Pro 7 die Fernsehsendung Liebe Sünde.

2004 gründet Mo Asumang ihre eigene Produktionsfirma. In ihren Dokumentarfilmen Roots Germania (2007), Road to Rainbow (2010) und Die Arier (2014) setzt sie sich mit Identität, Heimat und Rassismus auseinander. 2016 erscheint ihr Buch Mo und die Arier, das ihre weltweiten Begegnungen mit Rassisten und Neonazis dokumentiert und beschreibt, wie sich Rassismus anfühlt.

2008 wird Mo Asumang für den Grimme-Preis nominiert, zehn Jahre später wird ihr dann der Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur zugesprochen.Schließlich erhält sie 2016 den „Verdienstorden des Landes Berlin“ und im November 2019 das Bundesverdienstkreuz am Bande – überreicht vom amtierenden Berliner Bürgermeister Michael Müller.

Eines der Bilder wurde für das Plakat Ihres Dokumentarfilms „Roots Germania“ verwendet, mehr eine Suche nach Identität.

Den Runengürtel, den ich auf dem Foto trage, habe ich mir selbst in einer Autowerkstatt zusammengeschweißt. Aber um mich wirklich von meiner Angst zu befreien, musste ich mich den Rassisten und Pseudo-Ariern direkt stellen.

Wie denn?

Ich fing an, auf Demos zu gehen, und versuchte, die Neonazis dort in Gespräche zu verwickeln. Irgendwann habe ich gemerkt, dass Diskutieren nicht funktioniert, aber etwas passiert, wenn ich einfach nur Fragen stelle – Fragen, die sich Menschen in rassistischen Gruppen sonst niemals stellen: Was heißt deutsch? Woher kommt die Idee mit den Ariern? Wieso denkt ihr, dass Dunkelhäutige weniger wert sind?

Und, haben die sich etwa darauf eingelassen?

Manche antworteten, andere blieben stumm oder wendeten sich ab. Es hing immer davon ab, ob ich es mit einem rassistischen Strategen oder einem Mitläufer zu tun hatte. Der Stratege erfindet ständig neue und absurde Argumentationsstränge, um seine Theorie von der überlegenen Herrenrasse zu verteidigen. Für ihn ist Rassismus ein Business, das immer weiterlaufen muss – also komme ich auch mit meinem ehrlichen Interesse nicht an ihn ran. Aber einen Mitläufer kann ich mit meinen Fragen zum Grübeln bringen.

Glauben Sie das wirklich?

Vielleicht ist es naiv. Aber mir geht es darum, Menschen zurückzugewinnen, ihre Empathie zu wecken. Ich will wissen: Was treibt sie an, Frust, Ideologie, Macht? Dabei versuche ich nie, mein Gegenüber schachmatt zu setzen oder ihm rhetorisch überlegen zu sein. Meine Fragen sollen Brücken sein – raus aus dem Hass. Mit einem Ex-Neonazi bin ich heute sogar befreundet. Als ich ihn kennenlernte, da war er auf seinen ideologischen Status quo fixiert, in finsteren Sprüchen gefangen. Kein Nazi fragt einen anderen, warum er Rassist ist. Sie hassen innere Veränderung – die kann nur von außen kommen. Von uns.

Erkenntnisgewinn durch Fragen. Klingt nach Sokrates.

Auch schön. Ich nenne es „TalkMo“.

Sie haben sich mit Mitgliedern des Ku-Klux-Klan getroffen, mit einem selbst ernannten Nazi-Wissenschaftler – und Sie waren auf Burschenschaftstreffen. Was haben Sie da gelernt?

Mal abgesehen davon, dass sie alle auf unterschiedliche Art und Weise Angst und Hass verbreiten und versuchen, ihre Community in dieser Angst zu halten, sind die Dinge, die sie anprangern, immer Ablenkungsmanöver.

Wovon?

Häufig höre ich, wie schlecht Muslime mit Frauen umgehen würden. Aber wie sieht es denn bei den Rechten mit der Rolle der Frau aus? Emanzipierte sind dort doch Hassobjekte. Frauen sollen hinterherwackeln und sich auf Kinder und Küche beschränken. Oder ich höre, dass hinter illegalem Waffenhandel immer ausländische Banden steckten. Dabei finanzieren sich rechtsextreme Netzwerke selbst durch Waffenschieberei.

Foto: Sebastian Wells für der Freitag

Ihre eigene Großmutter hat als junge Frau für die SS gearbeitet.

Ja, als Schreibkraft. Sie tippte Geheimdokumente für die Nazis – und war damit mehr als eine Mitläuferin. Das war ein Schock und ich bin froh, erst nach ihrem Tod davon erfahren zu haben. Denn ich hätte damals sicherlich mit ihr gebrochen. Heute überwiegt die positive Erinnerung an sie.

Aber Ihre Oma wollte sich vor die Straßenbahn werfen, als sie hörte, dass ein schwarzes Baby unterwegs ist?

Das hat sie zum Glück nicht getan. Als ich zwei Jahre alt war, holte sie mich aus der Pflegefamilie, in die man mich gesteckt hatte, weil meine Mutter überfordert und auch mein Vater keine Stütze war. Ab da kümmerte sie sich liebevoll um mich. Sie brachte mir bei, mit „Kalkeimer“ zu kontern, wenn mich weiße Nachbarskinder als „Neger“ beschimpften.

Kalkeimer, cool.

Aber nicht nur die Familie meiner Mutter hatte Vorbehalte. Auch mein Vater bekam Druck von seinem ghanaischen Onkel Amoako Atta – der Wirtschaftsminister der Ashanti-Region unter Nkrumah war, Ghanas erstem Präsidenten. Als er hörte, mein Vater habe ein Kind mit einer deutschen Frau gezeugt, stellte er ihn vor die Wahl, in Deutschland zu bleiben, dann aber ohne finanzielle Unterstützung, oder in London weiterzustudieren, allerdings ohne eine weiße Frau und ein Mischlingskind. Weiße Frauen würden den ganzen Tag mit einem Sonnenschirm umherstolzieren und nicht arbeiten.

Das nennt man dann wohl umgekehrten Rassismus?

Ich hab’s wirklich von beiden Seiten dicke bekommen. Mein Vater hat sich für das Studium und seine ghanaische Familie entschieden, was er ein Leben lang bereut hat. Meine Eltern trennten sich, haben es später noch mal miteinander versucht, da war ich sechs Jahre alt. Ein Jahr lebten wir zu dritt in der Nähe von Nottingham. Es ging nicht. Mitten in der Nacht sind meine Mutter und ich mit sechs Kisten zurück von Dover nach Calais übergesetzt. Als wir in Kassel ankamen, hatte meine Oma Krautrouladen gekocht.

Sie sprachen anfangs davon, müde von all den Kämpfen gegen Rassismus zu sein.

Ja, es ist eine Sisyphusarbeit. Und ich bin manchmal sehr geknickt. Ein Rassist würgte mich einmal bis zur Ohnmacht, ein anderer zielte mit einer Neun Millimeter auf mich. Das ist auch Seelenterror.

Waren Sie mal in Therapie?

Ja, man riet mir, mich dem Stress nicht länger auszusetzen. Ich wollte mich wieder neu ausrichten, schrieb an einem Drehbuch für eine Spielfilmserie, plante eine neue Talkshow – da bin ich auch noch dran. Dann trat Pegida auf den Plan, die AfD schoss empor. Wie soll man da aufhören?

Haben Sie denn schon einmal daran gedacht, Deutschland zu verlassen?

In Deutschland sind ungefähr 15 Prozent Rassisten, aber schauen Sie nach Frankreich, nach Ungarn oder in all diese Hasscommunitys die sich im Netz rasend verbreiten – und immer raffinierter tarnen. Wo sollte ich hinflüchten, wenn es hier richtig nach hinten losginge? Dann fällt mir Ghana ein: Ich würde nach Afrika gehen, Ghana stark machen.

Lebt Ihr Vater noch dort?

Nein, mein Vater ist inzwischen tot. Aber seine Familie lebt noch dort, wir haben Kontakt. Aber nun "zwingt" mich das Bundesverdienstkreuz, hierzubleiben. Es ist wie eine Aufforderung: Mach weiter!

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06:00 04.02.2020

Ausgabe 32/2020

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