Mit Flatrate forschen

Publizieren Was das neue Urheberrecht in der Wissenschaft für Autoren, Forschung und Verlage bedeutet

Im Juli hatte der Wissenschaftsverlag Walter de Gruyter wieder zum Sommerfest eingeladen. Der Stummfilm Luther von 1927 wurde gezeigt; eine Podiumsdiskussion verhandelte die Wirkungen der Reformation auf die Gelehrsamkeit in der Frühen Neuzeit, eine Ausstellung präsentierte alte und neue Spitzentitel des Verlags, der mit Zukäufen in den letzten Jahren für Aufsehen gesorgt hatte: Inzwischen gehören der Akademie-Verlag, der historisch spezialisierte Oldenbourg-Verlag, der in Basel beheimatete Birkhäuser Verlag mit Architektur-Schwerpunkt und der geisteswissenschaftlich orientierte Niemeyer- Verlag zu dem Unternehmen, das Walter de Gruyter schon 1918 aus verschiedenen Publikationshäusern fusioniert hatte.

Unter den zahlreichen Zeitschriften auf der Leistungsschau des Verlages glänzt auch das Journal Holzforschung. Auf dem Titel prangt der Aufkleber: „No charges for authors“. Warum die Zeitschrift mit dieser Botschaft wirbt, erklärt sich aus dem Umstand, dass Wissenschaftsverlage inzwischen bis zu 10.000 Euro von Autoren aus den Natur- und Technikwissenschaften fordern können, wenn diese ihre Artikel in renommierten Fachzeitschriften veröffentlichen wollen. Auch junge Unternehmen möchten Bares sehen: So nimmt das neue Science-Advances-Journal bis zu 4.000 US-Dollar pro Artikel. Selbst das Open-Access- Flaggschiff Plos one ist nicht billiger.

Faire Preise und freier Zugang

Die Situation ist delikat: Fachzeitschriften, die sich die Publikation wissenschaftlicher Artikel bezahlen lassen, werden von ihren Verlagen verkauft. Zumeist an steuergeldfinanzierte Institutionen wie Universitätsbibliotheken und Forschungseinrichtungen. Die Preise sind nicht gerade zimperlich. So kostet ein Abonnement des Fachorgans für organische Chemiker Tetrahedron aus dem Hause Elsevier schlappe 12.241 Euro. Das Journal ist ein wichtiges Arbeitsinstrument der Forscher. Wem das zu teuer ist, der kann Paketlösungen wählen: Gemeinsam mit den Fachzeitschriften finden dann auch „günstigere“ Periodika ihre Abnehmer.

Das Geschäft mit dem Wissen lohnt sich. Die Profitrate von Elsevier, das neben Springer Nature und Wiley zu den weltweit größten Wissenschaftsverlagen gehört, liegt mit 35 Prozent inzwischen höher als die einmal von Josef Ackermann für die Deutsche Bank ausgegebene Zielstellung von 25 Prozent. Was sogar in der Bankenwelt als unsittlich empfunden wurde, findet in der Welt der Wissenschaftsverlage seine Überbietung. Das Modell wird unterstützt: Bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft können im Rahmen von Projektanträgen direkt Druckkostenzuschüsse beantragt werden, bei einem Dreijahresprojekt sind das etwa 2.250 Euro. Mit dem Geld lässt sich dann beispielsweise eine Open-Access-Publikation bei Elsevier bezahlen: Durchschnittlich 3.000 US-Dollar fordert der ursprünglich aus den Niederlanden kommende Verlag für ein Open-Access-Paper in sogenannten Hybrid-Journalen, die zum Teil noch zusätzlich Abo-Gebühren verlangen.

Kein Wunder, dass etwa in Berlin die Freie Universität, die Humboldt-Universität, die Technische Universität und die Charité im Juni 2017 ihren Vertrag mit Elsevier gekündigt haben. Sie fordern faire Preise und freien Zugang zu Wissen; so wie es auch die Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen mit dem Projekt „Deal“ möchte. Durch bundesweite Verträge mit den großen Verlagen Elsevier, Springer Nature und Wiley soll auf ein neues Finanzierungsmodell umgestellt werden. Deutsche Wissenschaftseinrichtungen will man monetär entlasten, und sie sollen gleichzeitig ihre Publikationen auf Open-Access-Basis bereitstellen dürfen. Bezahlt wird dann nicht mehr per Abonnement, sondern über die Publikationskosten eigener Artikel, die dann kostenfrei für jedermann verfügbar sind.

Das muss man sich mal vorstellen: Über die Hälfte der Ausgaben deutscher Universitätsbibliotheken für Zeitschriften gehen derzeit an diese drei Verlagsriesen. Deshalb verhandeln die Deal-Partner seit 2016 mit Elsevier über veränderte Zugangsmöglichkeiten zu seinen Zeitschriften. Selbstverständlich soll der Verlag angemessen vergütet werden, und zwar mit einem am Publikationsaufkommen orientierten Berechnungsmodell. Zugleich will man für alle Publikationen aus deutschen Forschungseinrichtungen eine Open-Access-Schaltung erhalten. Weil der Verlag diesen Vorschlägen nicht folgen mochte, hatten über 70 wissenschaftliche Einrichtungen bereits 2016 ihre Zeitschriftenabonnements bei Elsevier gekündigt. Ob der Druck ausreicht, um den Global Player zum Einlenken zu bewegen, wird sich zeigen.

Publish or Perish

Das Problem der Verteilung gesellschaftlich erzeugten Wissens ist der Politik bewusst. Eben deshalb hat der Bundesjustizminister ein neues Urheberrecht-Wissensgesellschafts-Gesetz (UrhWissG) projektieren lassen. Kern des neuen Gesetzes und zugleich heikelster Punkt ist der sogenannte Basiszugang zu wissenschaftlichen Publikationen: 15 Prozent eines Werkes sollen Lehrenden, Studierenden, Hochschulen und Bibliotheken lizenzfrei verfügbar gemacht werden; zugleich will man eine angemessene, pauschale Vergütung einführen. Als Heiko Maas Anfang Juni bei den Buchtagen 2017 in Berlin auftrat, stellte er klar: „Der Basiszugang ist der umstrittenste Punkt, aber im Interesse von Forschung und Lehre notwendig. 15 Prozent bringen den Markt nicht zum Zusammenbruch.“ Das sieht die Verlagsbranche anders. Für den Börsenverein ist das Gesetz, das im März 2018 in Kraft treten soll, ein Exempel für fatale Vorstellungen von vergesellschaftetem Wissen, das die Verlage belastet.

Nun also können Publikationen auf elektronischen Plattformen für Lehre und Forschung bereitgestellt werden, nachdem zur Jahreswende 2016/17 beinahe ein juristisch erzwungenes Ende dieser Versorgung drohte. Wenn dieser Zugang allerdings auf 15 Prozents des Inhalts limitiert ist, stellt sich die Frage, wie man an die übrigen 85 Prozent gelangt.

Die Gründe für die Verwerfungen im Publikationswesen liegen tiefer. Denn Wissenschaft ist – so stellte es schon 1942 der US-amerikanische Wissenschaftsforscher Robert K. Merton fest – in ihren normativen Grundlagen nicht nur geprägt von Uneigennützigkeit, Universalismus und organisiertem Skeptizismus. Wissenschaftliches Tun ist in erster Linie kommunitaristisch: Als Ergebnis kooperativer Anstrengungen und gesellschaftlicher Unterstützung sind die Produkte des Wissensbetriebs ein Gemeingut und stehen grundsätzlich allen Mitgliedern der scientific community jederzeit zur freien Verfügung. Einerseits.

Andererseits bilden Wissenschaftsverlage mit ihren gewachsenen Infrastrukturen und Herstellungsprozeduren so eine Art Gatekeeper im guten Sinn. Sie sind die Türsteher eines Systems, das die Überfülle von Wissen mit Routinen der Auswahl und Bewertung ordnen und strukturieren kann. Das Wissenschaftssystem hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten und unter dem Einfluss von massiven staatlichen Geldflüssen sowie globaler Digitalisierung nicht nur intern stark differenziert, sondern vor allem quantitative Zuwachsraten erfahren: So ist nach Angaben des Statistischen Bundesamts im vergangenen Jahrzehnt allein die Zahl von Hochschulgermanisten um 50 Prozent auf 3.349 Personen angestiegen. Viele von ihnen haben allerdings nur aus Drittmitteln finanzierte Zeitverträge. Wer aber im Wissenschaftssystem bleiben möchte, muss publizieren: Denn noch immer entscheiden die Wissenschaftsgremien primär nach der Veröffentlichungsliste über Einstellung und Berufung. Publish or Perish, veröffentliche oder gehe unter, ist die Devise, die Naturwissenschaftler in die Fänge von Elsevier treibt und in den Geisteswissenschaften zu jener Flut von Sammelbänden und Konferenzsynthesen geführt hat, die inzwischen nicht einmal mehr die Insider überschauen, geschweige denn lesen und angemessen kritisieren können.

Was will man in dieser Situation tun? Sollen Wissenschaftler die Distribution ihrer Resultate in die eigenen Hände nehmen und selbst ihre Zeichenflüsse regulieren? Oder lassen sie weiterhin private Verlage wirtschaften und aus dem wachsenden Berg von Publikationen nicht unbeträchtliches Kapital schlagen?

Dass auch die Neuregelung des Urheberrechts nur eine Teillösung darstellt, hat die Bundesministerin für Bildung und Forschung Johanna Wanka in ihrer Rede selbst auf den Punkt gebracht, als sie das am 30. Juni beschlossene Gesetz als „Gewinn für die gute Lehre und Forschung“ lobte: „So können Hochschulen Studierenden Auszüge aus Werken zur Verfügung stellen; Forschende können zeitgemäße, digital gestützte Wissenschaft betreiben.“ Wer mit Auszügen in Höhe von 15 Prozent zufrieden ist, darf sich freuen.

Ralf Klausnitzer ist Dozent für Neuere Deutsche Literatur an der Berliner Humboldt-Universität

06:00 28.07.2017

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