Mit grellen Songs

Ukraine Es war eine der Folgen des Augustputsches 1991, dass sich die Sezession der Sowjetrepubliken von der UdSSR beschleunigte. Auch in Kiew wurden die Weichen neu gestellt

Heute sind die Nachfolgestaaten der einstigen Weltmacht Sowjetunion dreigeteilt: In EU-Länder wie Litauen, Lettland oder Estland, orientalische Despotien wie Turkmenistan und in solche wie die Ukraine, wo die Zivilgesellschaft zu stark war, um vollständig unterworfen zu werden, aber zu schwach bleibt, um eine bürgerliche Demokratie zu erkämpfen.

Ein einst relativ homogenes Land zerfällt in reich und arm. Obwohl die Ökonomie wieder wächst, bleibt die Lage desolat – trotz der lebendigen Metropole Kiew am Dnjepr. Für den größten vollständig in Europa liegenden Flächenstaat bleibt der wichtigste Investor die kleine Insel Zypern. Grund ist ein so genanntes Doppelbesteuerungsabkommen, das in Wahrheit jegliche Besteuerung verhindert und vielfältige Manipulationen durch fiktive Exporte ermöglicht. Nach dem Befund des Bundeswirtschaftsministerium kann die Ukraine nur bei Korruption, Behördenwillkür und unfairem Wettbewerb einen Spitzenplatz beanspruchen. Da erscheint es kaum verwunderlich, wenn Millionen junger Ukrainer diesen Staat verlassen. Hilflos wirkt der darauf angesprochene Premier Mykola Asarow, wenn er entgegnet: „Es gab einmal eine Zeit, in der viele die Schweiz verließen. Heute hat man Schwierigkeiten in die Schweiz zu kommen, um dort dauerhaft zu leben. So wird es auch mit der Ukraine sein.“

Wer Asarows gelegentliche Europa-Rhetorik nur für Blendwerk einer pro-russischen Führung hält, der irrt – die tonangebenden Oligarchen wollen Geschäfte mit der EU wie mit Russland, aber keinen Anschluss. Die Macht von Milliardären wie Rinat Achmetow, die hinter Präsidenten Viktor Janukowitsch stehen, beruht auf einer unabhängigen Ukraine.

Wie ein Bordell

Immer wieder verschwand die Ukraine während vergangener Jahrhunderte von der Karte, wurde unterjocht und kolonialisiert. Der Historiker Timothy Snyder rechnet sie zu den Bloodlands und meint damit Gegenden, in denen zwischen 1933 und 1945 mehr Menschen umkamen als irgendwo sonst. Das hinterließ Narben, zumal man es nach 1991 mit einem Staat ohne eigene Staatstraditionen zu tun hatte. Vor allem die große Hungersnot von 1932/1933 – der Holodomor – entwickelte sich zum Gründungsmythos wie – man beachte die sprachliche Nähe – der Holocaust für Israel. Diese Katastrophe mit Kannibalismus und Millionen qualvoll Verhungerter ist in der Ukraine omnipräsent. Freilich wurden dabei nicht die Ukrainer als Ethnie angegriffen, vielmehr beruhte die Industrialisierung unter Josef Stalin auf der Abschöpfung des bäuerlichen Mehrproduktes und war teilweise ein Krieg gegen die Landbevölkerung. In vergleichbarer Weise taugt die Revolution in Orange 2004/05 als bekanntestes Ereignis der neueren Geschichte kaum zur Identitätsbildung. Seinerzeit tauschten die Oligarchen samt ihrer Umgebung unter dem Beifall aufgewühlter, hoffnungsvoller Volksmassen nur die Führer aus, so dass von den damals Geschassten ein großer Teil inzwischen wieder das Ruder hält. Bis heute ist die Zivilgesellschaft schwach und eine marode, energievergeudende Wirtschaft stärker als nötig von Ressourcen aus Russland abhängig.

Wer durch das weite Land reist, kann die Proteste junger Frauen, der „Femen“, die entblößt mit grellen Slogans wie Die ganze Ukraine ist ein Bordell protestieren, nicht allzu übertrieben finden. Es fehlt nicht an Beispielen, um zu erfahren, dass sie recht haben. Bei einem Inlandsflug drängelt sich ein Mittfünfziger vor. Ein Amerikaner mit Goldkette und Zuhälter-Gesicht, er glaubt es zu können, da er, wie er lauthals tönt, 100 Dollar pro Tag seinem neben ihm stehenden Dolmetscher zahle. „100 Dollar, ich kann 100 Dollar zahlen, du auch?“ ruft er durch die Kabine. Die Reisebegleitung kommt hochhackig und blond daher gestelzt und ist eine Oberschülerin, die wohl erst noch ihren Abschluss machen muss, bevor sie als gekauftes Objekt nach Florida geht.
Blondierte Frauen auf superhohen Pfennigabsätzen und muskelbepackte Kerle mit bulligen Autos sieht man in einer Dichte wie sonst nur an wenigen Orten des europäischen Ostens. Teilnehmerinnen einer Fernseh-Castingshow versichern überzeugend, „sich auch hier zuhause um Sex-Touristen aus der EU kümmern und so den Popularitätswert der Ukraine beim Ranking für ausländische Investoren erhöhen“ zu wollen. Oder dem Sponsor einer Parlamentspartei gefällig zu sein, „während er nach einem Treffen im Parteistab mit der Geländelimousine nach Hause hetzt“.

Die Schwarzmeer-Flotte

Zur Ukraine gehört die Krim mit Orten, deren klangvolle Namen jeder kennt: Jalta oder Sewastopol liegen auf einer der geschichtsträchtigsten Halbinseln der Welt. Schon im griechischen Iphigenie-Mythos verlief hier eine Grenze zwischen Zivilisation und Barbarei. Im Mittelalter kam über Genuesische Festungen, die damals einen Eingang Europas für asiatische Waren bildeten und heute noch imposant auf Küstenfelsen stehen, die Pest nach Europa und verursachte ein Massensterben. Und auf der Konferenz von Jalta beschloss man im Februar 1945 die Teilung des Kontinentes, die dann einen ganzen Kalten Krieg lang dauern sollte.

Die legendäre, aber ziemlich herunter gewirtschaftete Schwarzmeer-Flotte liegt im reizvollen Sewastopol und zeigt die russische Trikolore, die daran erinnert. dass man in Moskau nicht gewillt ist, diesen Vorposten aufzugeben. Neben den Russen, Ukrainern und Krimtataren leben auch zahlreiche andere Völker auf der Krim, es gebe jedoch „weder inner-ethnische noch inner-religiöse Konflikte“, versichert Valentina Samir vom Internationalen Pressezentrum der Krim. Wer auf die tragische Geschichte der Krimtataren blickt, die 1944 nach Zentralasien deportiert wurden, in den Neunzigern zu Hunderttausenden zurückkehrten, bis heute häufig in Dörfern mit ungepflasterten Straßen leben und einsickernden islamistischen Gruppen ausgesetzt sind, könnten mutmaßen, dass in solchem Biotop eben doch ethnisch-religiöse Konflikte gären. Ältere Bürger der Ukraine erinnern sich daran, dass in ihrer Schulzeit niemand wusste, welcher Volksgruppe er angehörte – heute weiß es jeder.

Kurzum, nach 20 Jahren ist die Ukraine ein Reich zwischen Ost und West: die Chancen für einen EU-Beitritt sind ebenso gering wie ein erneuter Anschluss an Russland; weder reift eine bürgerlich-kapitalistische Demokratie noch eine bloße Despotie; Herrschaft und Reichtum der Oligarchen stehen bitterer Armut und Ohnmacht gegenüber, dennoch existiert eine Zivilgesellschaft als Kampfplatz für Veränderungen. Das weite Land bleibt gespalten in Teile, die noch nicht zusammengewachsen, aber dennoch zu verflochten sind, als dass eine Trennung auf der Tagesordnung stehen würde.

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14:00 30.08.2011

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