Mit Handschlagqualität

Klagenfurt Christian Scheider war Jörg Haiders Tennislehrer, nun wollte er als Bürgermeister wiedergewählt werden. Eine Posse aus der Literaturstadt
Mit Handschlagqualität
Die richtigen Dinge zur richtigen Zeit tun – dafür hat ein Politiker Beamte

Foto: Gepa/Imago

Das Wichtige zuerst: Ich habe den Klagenfurter FPÖ-Bürgermeister nie einen Nazi genannt, und schon gar nicht an dem Tag, als mein Freund Erich und ich Hausverbot beim Ulrichsberger Treffen ehemaliger Mitglieder der Waffen-SS bekommen haben. Also gibt es auch keinen Grund, mich bei Christian Scheider zu entschuldigen. Schade nur, dass mir deswegen bislang der traditionelle Bürgermeisterempfang beim Bachmann-Wettbewerb verwehrt blieb, obwohl ich jedes Jahr als ehemaliger Teilnehmer akkreditiert war.

Für einen Schriftsteller gibt es wohl keinen zweiten Ort, wo man derart entspannt mit Lektoren und Verlegern ins Gespräch kommen kann, wie dieser Empfang. Es wird gegrillt, Kuchen gibt es und jede Menge Spirituosen, ausgeschenkt am Ostufer des Wörthersees, im Schlossgarten des Maria Loretto. Allein der Sonnenuntergang! Der Verleger Wolfgang Hörner sagt, er empfinde jedes Mal eine „idiosynkratische Freude“, wenn die Sonne ihre Strahlen durch die abstehenden Ohren des kroatischen Kellners werfe „und seine Läppchen für einen Moment glutorange aufleuchten.“

Karsten Krampitz bekam 2009 den Publikumspreis des Bachmann-Wettbewerbs. 2010 war er Klagenfurter Stadtschreiber, zuletzt erschien der Roman Wasserstand und Tauchtiefe

Bürgermeister Scheider ist ohne Zweifel ein guter Gastgeber, der seine Gäste mit Handschlag begrüßt. Nur: In Kärnten ist ein Handschlag manchmal mehr als eine Begrüßung. Der Sozialpsychologe Klaus Ottomeyer hat am Beispiel Jörg Haiders die Bedeutung des Handschlags in der Kärntner Politik und Gesellschaft herausgearbeitet: In der alten Zeit durften die Untertanen ihrem Regenten nicht einmal ins Gesicht schauen, geschweige die Hand berühren. Solche Privilegien waren allein dem Hofstaat vorbehalten. Jörg Haider war dann so etwas wie ein König zum Anfassen, der den Sterblichen das Gefühl gab, sie wären wichtig, ja etwas Besonderes. Er wusste die kleinen Leute ebenso anzusprechen wie die gehobene Mittelschicht. Sogar ausgewiesene Akademiker zeigten sich entzückt von Haiders Rhetorik und Gedankenschärfe. Der FPÖ-/BZÖ-Chef und Kärntner Landeshauptmann hat jedem die Hand ausgestreckt, die man besser nicht ausschlug. Ein Handschlag von ihm kam einer vorauseilenden Begnadigung gleich und war immer auch eine Geste der Unterwerfung.

Beim Klagenfurter Bürgermeister ist das ähnlich und doch anders. Christian Scheider ist nur ein Haider für Arme. Scheider, der am kommenden Sonntag sein Amt verteidigt, will geliebt werden, von allen. Das führt manchmal zu seltsamen Aussagen. In einem Clip auf Youtube wird Scheider nach der Ursache des Zweiten Weltkriegs gefragt. Der damalige FPÖ-Landtagsabgeordneter druckst herum, sagt, auch heute sei nichts sicher, „alles kann passieren“. Und passiert ist dann auch einiges …

In einer kalten Oktobernacht anno 2008 kam der Landeshauptmann vom rechten Weg ab, mit 142 Kilometern pro Stunde und 1,8 Promille. Und nahezu das ganze Kärnten, wo man einst, so die Landeshymne, „mit Blut die Grenze schrieb“, versank in Depression. Allerorten lagen Kondolenzbücher aus. Kerzen brannten. Die nunmehr berühmte Linkskurve in Lambichl ward ein einziges Lichtermeer. Menschen weinten.

Beim Gailtaler Speckfest

Der „Jörgl“ aber war nicht wirklich tot. Fünf Monate später feierte er seinen größten Wahlsieg: Bei den Landtagswahlen erreichten die Freiheitlichen unter dem Label BZÖ fast die absolute Mehrheit der Mandate! Ähnlich sah es bei den Kärntner Gemeinderatswahlen aus. Im Klagenfurter Rathaus wurde Harald Scheucher (ÖVP) aus dem Amt gejagt – ein Weltbürger, der fließend Portugiesisch, Englisch, Spanisch und Italienisch spricht und sich in zwölf Jahren Amtszeit keiner Skandale schuldig gemacht hatte. Ausgerechnet Scheucher verlor gegen Christian Scheider, einen Mann ohne Schul- und Berufsabschluss.

Was den heute 51-Jährigen für den Politbetrieb qualifiziert hatte, war allein der Umstand, dass er der Tennislehrer von Jörg Haider war. Im Nepotismus der Haider-Ära waren solche Karrieren nichts Ungewöhnliches. Seinen Protokollchef hatte der Jörg Haider im Spielcasino kennen gelernt. Franz Koloini war dort Kellner.

Jörg Haider war ein Verführer, der den Rollenwechsel liebte, ein Bierzeltsozialist, Sportsmann und rechtsextremer Demagoge, der sich schon mal gern in Ledermontur beim Harley-Davidson-Treffen blicken und beklatschen ließ. Jörg Haider war Popstar, Christian Scheider ist nur Schlager: Im Wahlkampf 2009 war er über Monate hinweg durch Seniorenheime, Wirtshäuser und Festzelte getingelt, mit eigener Schnulzen-CD (Oh du mein Klagenfurt), hatte sich als soziales Gewissen der Stadt präsentiert. Der freien Rede unfähig, hat Scheider es geschafft, die Leute glauben zu machen, er könne zuhören.

Von seinem Mentor hatte er gelernt, dass ein Politiker erst mal nicht die richtigen Dinge zur richtigen Zeit tun muss, dafür gibt es Beamte. Wichtiger ist die Inszenierung, das Händeschütteln eben. Bei Haider soll es sich angefühlt haben, als würde man seinen inneren Akku wiederaufladen. Sei es beim Gailtaler Speckfest oder beim Kirchtag in Villach, Jörg Haider war ständig unter Leuten. Der Trachtenverein oder die Feuerwehr bekamen einen Scheck, die Landeskinder Give-aways, und ein jeder machte sein Foto mit dem Jörgl. Dass Haider, der 1991 wegen Lobpreisung der Beschäftigungspolitik im Dritten Reich zwischenzeitlich zurücktreten musste, jedem Kärntner wenigstens einmal die Hand gegeben hat, so will es die Legende, erscheint bei knapp 560.000 Einwohnern nicht so weit hergeholt.

Auch Christian Scheider, „Unser Bürgermeister“, wie er jetzt überall in der Stadt plakatiert wird, verfügt angeblich über Handschlagqualität. Jedem und jeder wird die Hand gereicht. Und wie ehedem der selige Landeshauptmann versucht auch Christian Scheider immer wieder ein Ei in zwei Nester zu legen: In der einen Woche besucht er am Loiblpass die Gedenkstätte des Konzentrationslagers, verbeugt sich vor den Opfern des Faschismus, um dann in der anderen Woche beim alljährlichen Ulrichsbergtreffen eine Rede abzulesen – vor den letzten noch lebenden SS-Veteranen. Das war im September 2010. Den Zweiten Weltkrieg schilderte der Bürgermeister als eine Art Naturkatastrophe, gegen die man nichts habe tun können, was vom Publikum, darunter gut hundert angereiste Neonazis, mit Beifall goutiert wurde. Mein Freund Erich Pacher, ein Tänzer am Klagenfurter Ensemble, und ich waren unter den Zuhörern. Insgesamt drei Verweise wurden gegen uns ausgesprochen, aber irgendwie müssen sich Polizei und Staatsschutz vor Ort geweigert haben, uns herauszutragen. Während all der Lieder und Reden blieben wir unbehelligt. Zwei Tage später wurde ich in der Kärntner Tageszeitung mit den Worten zitiert: „Dass ich das noch erlebe: Ein Festzelt voller Nazis, die Gott um Vergebung bitten.“

Mittlerweile lässt sich Christian Scheider sogar beim Einsetzen von Stolpersteinen fotografieren, im Gedenken an die ermordeten Klagenfurter Juden, während sein Stellvertreter Wolfgang Germ offen gegen Flüchtlinge hetzen darf.

Nach sechs Jahren Amtszeit muss Christian Scheider am kommenden Sonntag die Rathauswahl ohne Jörg Haider gewinnen. Nur wie? Haider hatte Ideen, Scheider hat Einfälle. Aber das reicht nicht. Unlängst brachte Scheider eine Promo-DVD heraus, in der Klagenfurt „am Fuße des Wörthersees“ liegt. Allein in den ersten drei Jahren hat Scheider rund drei Millionen Euro für Werbegeschenke ausgegeben! In der Stadt leben rund 90.000 Einwohner. Man stelle sich vor, der Bürgermeister von Frankfurt (Oder) würde jeden Monat haufenweise Babystrampler, Faschingskrapfen oder Strandtücher verschenken, im Gesamtwert von mindestens 10.000 Euro. Nicht zu vergessen die Hundestartpakete, Hunderte Uhren, Wärmekissen und Muttertagskerzen! Und wofür?

In den jüngsten Umfragen liegen die Freiheitlichen abgeschlagen hinter der SPÖ. Haiders Erben erwartet ein tiefer Sturz. Der Bürgermeister selbst wird direkt gewählt. Die Chancen stehen gut, dass Christian Scheider es zumindest in die Stichwahl schafft.

Nachtrag: FPÖ und SPÖ lagen bei der Wahl am Sonntag in Klagenfurt gleichauf, nun ist eine Stichwahl zwischen dem amtierenden Bürgermeister Christian Scheider und seiner SPÖ-Herausforderin Maria-Luise Mathiaschitz für den 15.3.2015 angesetzt

06:00 27.02.2015
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