Mit heiligem Ernst

Pop Anja Plaschg alias Soap & Skin kann in drei Minuten die ganze Tragödie des Kind-Seins erzählen. Ihr Album „Lovetune for Vacuum“ ist dennoch kein Testament der Angst

Die Psychologie kennt den Begriff der „Erwartungsangst“. Eine Art prophylaktische Angst, geboren aus dem Gefühl, dass etwas Schreckliches geschehen wird. Betroffene sind stets auf das Schlimmste gefasst, nur um erleichtert festzustellen, dass die Angst völlig unbegründet war.

Seit das erste Stück „Mr.Gaunt Pt. 1000“ von Anja Plaschg, die sich Soap Skin nennt, 2006 auf einer Vinyl Single des Berliner Elektro-Labels Shitkatapult erschien, wurde viel über die österreichische Schmerzensfrau und die Todessehnsucht in ihren Texten geschrieben. In diesen fast drei Jahren konnte man so eine prophylaktische Angst vor diesem lange erwarteten Album bekommen. Angst vor dem emotionalen Super-GAU, Angst gerade jetzt, auf den letzten Metern des Winters, von ihrer Traurigkeit angesteckt und verschluckt zu werde.

Und dann beginnt ihr Album „Lovetune for Vacuum“ mit warmen, kräftigen Kadenzen und über diesen Kadenzen flüstert und murmelt und schreit Anja Plaschg. Wenn sie schreit, bleibt ihr Klavierspiel auf dem Boden, wenn sie murmelt, wird es schrill und dissonant. So bremsen und erden sie sich gegenseitig, das Klavier und Anja Plaschg, und man kann einfach nur hören und staunen, wie sie da von ihrem „Dream of what I call love“ singt.

Die CD von Soap Skin dauert keine Stunde. Doch man fühlt sich danach, als hätte man einen ganzen Abend im Konzerthaus verbracht.

Österreichs next Wunderkind

„Spiracle“ etwa, jener Song über den im Vorfeld viel geschrieben wurde, weil es da heißt „I was a child“ und Anja Plaschg, geboren 1990, doch selbst, bitteschön, noch Kind zu sein habe, „Spiracle“ ist ein Stück in einem Akt für mehrere Stimmen, gesungen und gespielt von Soap Skin. Sie fällt sich selbst ins Wort, sie singt mit sich um die Wette, fleht vielstimmig: „Please help me“. In knapp drei Minuten hat sie die ganze Tragödie des Kind-Seins erzählen.

„Österreichs next Wunderkind“ hat die Taz Anja Plaschg einmal genannt. Als „Mr. Gaunt Pt. 1000“ das erste Mal erschien war sie 16, die Labelbetreiber von Shitkatapult schrieben damals „We don’t even want to mention her age“. Für ihr junges Alter gibt es auf „Lovetune for Vacuum“ nur ein Indiz: Sie klingt niemals kindlich, verliert nie ihren heiligen Ernst. Geräusche von Uhrwerken, Walzen und Zahnrädern haben ihren festen Platz, aus dem Experiment entsteht nie ein verspieltes Chaos, wie man es etwa von Bands wie Coco Rosie kennt. Noch ist bei ihr alles Präzision.

Spector'sche „Wall of Sound“ wird zu einer Soundzentrifuge: Plaschg flüstert „Please extinguish me“, um dann wirklich hinter Cello, Bratsche und Klavier zu verschwinden, die weiter toben, bis auch sie von einem saugenden Geräusch geschluckt werden. Was bleibt ist ein hölzernes Knarzen, und das Gefühl, dass man in Anja Plaschgs Kosmos immer Zuhörer, nie Leidensgenosse ist. Mit jedem Stück lässt sie den Zuhörer wissen, dass zwischen ihrer Bühne und dem Publikum ein tiefer Graben liegt. Wer Angst vor der Nähe dieses Albums hatte, hat sich umsonst gefürchtet.

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