Mit Heine aus dem Busch geklopft

Volksvermögen Mit dem Tod von Robert Gernhardt (1937-2006) hat die deutsche Literatur eine unverwechselbare Stimme und einen großen Dichter verloren

Wer jemals einen seiner Auftritte erlebt hat, vergisst ihn nicht so leicht: Vorne am Tischchen saß Robert Gernhardt, las aus seinen Gedichten und räsonnierte zwischendurch schlagfertig über das Dichten, Gott und die Welt. Ein vortrefflicher Performer, der sein Publikum lebhaft einzuspinnen wusste in seinen poetischen Kosmos. Seinem Witz und seinem Charme konnte sich kaum jemand verschließen. Nicht zuletzt deshalb mussten sich mit den Jahren selbst die hartgesottensten Vertreter der "Ernstmacher" eingestehen, dass Robert Gernhardt nicht ein minderes Spaßtalent, sondern ein großer Dichter ist.

Es ist ein altes Lied: Die komische Muse hat hartnäckig um ihre Anerkennung zu ringen. Der Witz wird allzu gerne mit Ulk verwechselt, der für abgründige Welterkenntnis unzugänglich sei. Gernhardt aber hatte sich - in der Tradition von Heine, Busch, Tucholsky, Brecht - durch solche Fehleinschätzungen nie beirren lassen und am Ende Recht behalten.

"Kunst ist heiter und sonst gar nichts weiter", lautete sein vordergründig simples Programm. Unter diesem Motto hat er ein immenses Werk hinterlassen. Er hat gedichtet, gezeichnet, gemalt, parodiert und reflektiert, hat Bildergeschichten, Satiren, Kolumnen, Kinderbücher, Theaterstücke und sogar Filmdrehbücher für die "Otto"-Filme (mit)verfasst, doch am kennzeichnendsten sind seine Gelegenheitsgedichte: spielerische, kalauernde, beiläufige, gewitzte. Gernhardt dichtete, wo immer er sich befand. Berlin beispielsweise eignete er sich 1999/2000 während eines Stipendienaufenthalts lyrisch an (Berliner Zehner). Poesie war seine stete Begleiterin auf allen Wegen. Immer dichtete es in ihm, mit ihm. Das Gedicht diente ihm gewissermaßen als Echolot, als siebter Sinn, mit dem er seine Umgebung erkundete, erkannte und ins Gedächtnis aufhob. Auch wenn die Bewohner im schwäbischen Metzingen protestierten, weiß die Allgemeinheit von diesem Ort erst durch ein paar sonderbar rühmliche Zeilen aus "Nachdem er durch Metzingen gegangen war": "Das Schöne gibt uns Grund zur Trauer. / Das Hässliche erfreut durch Dauer."

Der leichte, ja freundschaftliche Umgang mit dem Gedicht ist eines seiner Kennzeichen. Robert Gernhardt entlastete die Poesie vom hohen Pathos und gab sie dem "Volksvermögen" zurück. Dass dabei nicht nur Gold, sondern auch Flitter entstand, schmälert ihren Wert keineswegs. Es ist vielmehr ein Zeichen dafür, dass sich Gernhardt den Spaß am Gedicht nicht verderben lassen wollte, zum Beweis seiner poetischen Freiheit. Und mag dieser Flitter auch wertlos wirken, so liest er sich oft aufregend schön und vergnüglich.

Gernhardt hat das Leichte um seiner selbst willen gemocht. Nichts stimmte ihn skeptischer als das "Standardrepertoire wohlmeinender Kulturträger", die gerade im Leichten das Tiefgründige orten wollen: "Da sind mir die Verächter des Komischen und der Komik schon lieber", entgegnete er darauf. Mit Recht, denn nicht alles Leichte ist auch tief, auch wenn bei Gernhardt der flotte frivole Kalauer nicht selten einen listigen philosophischen Stachel birgt.

Woran aber lässt sich das gute Gelegenheitsgedicht erkennen? Dem gelernten Germanisten (und Maler) fiel das Nachdenken über das Gedicht ebenso leicht wie das Dichten selbst. Inständig wie kaum ein anderer hat er sein poetisches Tun reflektiert. Weil er als "Spaßmacher" gegenüber den "Ernstmachern" unter Rechtfertigungsdruck stand? Mag sein. Formal war Gernhardt durchaus ein "ernster" Traditionalist, der mit den "Dilettanten" des modernen Kunstbetriebs hart ins Gericht ging - wie im Buch Der letzte Zeichner. Zeichnerisches wie dichterisches Handwerk bedeuteten für ihn die Basis der Kunst: "Ich brauchte die Regel, solange ich eindeutig auf Komik oder Nonsens aus war - Komik lebt von der Regelverletzung ... [ist] also regelmäßig verweigerter Sinn". Gernhardt beherrschte demnach sein lyrisches Handwerk, er wusste virtuos zu reimen, was ihn als würdigen Erben von Wilhelm Busch (auch dem Zeichner, notabene) auswies. Die Kunst des Dichters besteht in der Fähigkeit, "Sätze, Worte und Reimwörter so zu arrangieren, dass sie Gedanken oder Empfindungen suggerieren, im Glücksfall sogar produzieren". Kommt hinzu, dass gerade simple Reimtricks "selbst relativ wache Köpfe einlullen" können, so dass sie bewusst eingesetzt sich nicht nur für komische Effekte, sondern auch als Mittel der Entzauberung verwenden lassen.

Im Kontext des komischen Reims reflektierte er auch die Form der Satire. Seine Zugehörigkeit zur "Neuen Frankfurter Schule", auf deren Konto die Satirezeitschriften pardon und Titanic gehen, deutet eine politische Dimension an. Ein politischer Lyriker war Gernhardt freilich nie, eher ein Chronist der eigenen (Toskana-)Generation, der er mit Lust den Spiegel vorhielt.

In der Antwort auf die Frage, was Satire darf, hatte Tucholsky - auch - geschrieben, dass die Satire die große bunte Landsknechttrommel rühre "gegen alles, was stockt und träge ist". Die Satire als Medium eines vorurteilslosen Befragens traf im Falle Gernhardts nicht selten die eigenen Kreise. Das Stockende, Träge schien ihn nirgends so sehr zu ärgern wie im alternativen Wohlfühldiskurs ab den 1980er Jahren. Jede Zugehörigkeit musste auf ihren Opportunismus abgeklopft werden, deshalb drehte Gernhardt jede Münze zweimal um. Daraus entstanden beispielsweise die prosaischen Kippfiguren (im gleichnamigen Band 1986) oder Bildzeichnungen mit befremdlichen Legenden wie: "Schon, dass du immer Neger sagst statt Schwarzer, das empfinde ich schlicht als frauenfeindlich". Hierin manifestierte sich eine wohltuende politische Unkorrektheit, die typisch war. Gernhardt wollte Denkgebote nicht akzeptieren und nahm dafür Kritik "im eigenen Lager" in Kauf. Je weniger sein uneigentliches Reden verstanden wurde, umso vehementer lehnte er sich gegen die Kritikvernichtung in "einer Zeit totalitaristischer Witzverdammung und vollkommen schamloser Leihopferschaft" auf. Satirische Reflexe waren ihm ein Gräuel, weil sie nur reagierten und absehbare Polemiken schürten.

Robert Gernhardts Nachdenken über die aktuellen Möglichkeiten der Satire führte zu einem pessimistischen Fazit: "Für einen zukunftsorientierten, halbwegs sensiblen Menschen kommt die Satire als Mitteilungsform und kritisches Genre nicht mehr ernsthaft in Frage", hielt er 1990 (Von der Nestbeschmutzung zur Menschenverachtung) fest.

Ein Satz wie dieser signalisierte den sachten Wandel im Werk von Robert Gernhardt, der sich vor allem lyrisch vollzog. Zuerst der Band Weiche Ziele (1994), und dann besonders Lichte Gedichte (1997) enthielten ernsthaftere, persönlichere, intimere Verse. War es in ersterem noch die aufkeimende Trauer übers Älterwerden, die sich ins Lachen mischte, standen letztere im Schatten einer einschneidenden Erfahrung: einer Bypassoperation 1996, die Gernhardt die Grenzen aufzeigte. Noch immer lachte und spottete hier der Dichter, aber der Sensemann ließ sich an der Tür nicht mehr schnöde abweisen: "Sind Sie der Herr Gernhardt? / Ich bring die Rechnung / für knapp sechzig Jahre / gut Essen, schön Trinken / stramm Schaffen, träg Sitzen / hoch Fliegen, tief Sumpfen -:/ Bitte hier, links oben, quittieren."

Zeitgleich mit dieser Zäsur erfolgte eine zweite, poetische: die Entdeckung der späten Lyrik von Heinrich Heine, den Gernhardt erstaunlicherweise erst jetzt richtig zur Kenntnis nahm. Ein Gedicht wie Heines Vermächtnis musste ihm aus dem Herzen sprechen: "Und wenn das Herz im Leib ist zerrissen,/ Zerrissen, und zerschnitten, und zerstochen,/ Dann bleibt uns doch das schöne gelle Lachen." Über dieses Lachen äußerte Gernhardt zu Beginn dieses Jahres in einem Interview: "Das ist vermutlich die letzte Möglichkeit, die dem Menschen gegeben ist, aus all seinem Unglück noch einen irgendwie gearteten Lustgewinn zu ziehen." Er wusste zu der Zeit längst, wovon er sprach. 2004 dokumentierte er im Band Die K-Gedichte seine fortschreitende Krebserkrankung in einer berührenden Weise, die unweigerlich an Heines Verse aus der Matratzengruft erinnerte. "Nein, ich schau mir die Radieschen nicht von unten an! / (Wo ich doch schon bald von oben auf die Antipasti blicke.)" Mit einem unverwüstlichen Lachen polsterte er darin die Trauer des Dichters ebenso wie die Ergriffenheit seiner Leser und Leserinnen.

"Was soll aus mir mal werden / wenn ich mal nicht mehr bin?" frotzelte Gernhardt vor Jahren. Nach seinem Tod stellt sich diese Frage ohne Witz und ironische Ausflucht. Seine Bücher werden die Antwort geben.


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00:00 07.07.2006

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