Thekla Dannenberg
Ausgabe 2113 | 23.05.2013 | 01:00 1

Mit Herz gegen die Profis

Porträt Frank Nowatzki ist Expunk, Boxer und Chef des kleinen, subversiven Verlags Pulp Master

Der Mann ist Boxer, und im Ring mag er am liebsten den mexikanischen Stil: „Voll in den Mann reingehen und nicht mehr zurückweichen.“ Sein Lieblingsboxer ist Saul „Canelo“ Alvarez, ein mexikanischer Mittelgewichtler irischer Abstammung, der seinen Kampfnamen den roten Haaren und Sommersprossen verdankt. Ende April trat Canelo in San Antonio gegen den bis dahin unbesiegten Austin Trout an, einen Boxer, der ihm an Erfahrung weit überlegen war. So viel Draufgängertum imponiert Frank Nowatzki: „Mit Herz gegen die Profis.“

Auch als Verleger pflegt Nowatzki einen Stil, bei dem Leidenschaft mehr zählt als taktisches Geschick. So hat er seinen Pulp Master-Verlag zu einer exquisiten Adresse für Noir-Literatur gemacht. Mit Autoren wie Charles Willeford, Jim Nisbet oder Rick deMarinis pflegt er die Großmeister des Genres, die auch erzählerisch auf den Nahkampf setzten und der struppigen Pulp-Ästhetik eine neue und vor allem subversive Schlagrichtung gaben. Eine große Auflage macht er damit kaum, sie sichern ihm aber die Liebe der Feuilletonisten, von FAZ über die taz bis zur Jüdischen Allgemeinen. „Schöne Bücher macht der Mann“, sagen sie dann. Oder: „Ich habe fast alles gelesen und war kein einziges Mal enttäuscht.“

An der Grenze zum Pulp

Kaum ein Verleger wird von Krimikritikern mit solcher Zärtlichkeit betrachtet wie dieser Mann von 49 Jahren, der als Ex-Punk und Amateurboxer alle Prätentionen des Literaturbetriebs ins Leere laufen lässt.

Bei der Tagung „Krimi machen“ in Berlin trafen sich neulich alle, die in der Branche Rang und Namen haben. Nowatzki, der seine ersten Kulturauftritte Anfang der achtziger Jahre mit der Punkband Beton Combo hatte, erschien wie gewohnt in kariertem Hemd und mit Gürtelkette um die Hose, die inzwischen allerdings weiter geschnitten ist. Die an ständige Expansion gewöhnte Branche muss mit einem harten Einbruch klarkommen, von 33 auf 25 Prozent ist der Anteil der Krimis bei Buchverkäufen zurückgegangen. Nele Neuhaus oder Jussi Adler-Olsen müssen sich die Bestseller-Plätze mit E.L. James und anderen Autorinnen der Softporno-Welle teilen.

Doch die Sorgen der anderen, ob Übersättigung droht, Serienmörder passé sind oder humoristische Auswüchse dem Regionalkrimi schaden, kann der Verleger Nowatzki nicht teilen. Er veröffentlicht in einer sehr speziellen Nische mit bescheidenen Auflagen zwischen 1.000 und 3.000 Exemplaren. Damit hat er die kleinen Krisen bisher genauso gut überstanden wie die großen Trends. Die Arme über dem kräftigen Körper verschränkt, sitzt er auf dem Podium und sagt lässig: „Is ja keen einfachet Business.“

Als Verleger hat Nowatzki bereits einige Runden hinter sich: Ende der achtziger Jahre fing er mit einer Lizenzausgabe des kalifornischen Verlags Black Lizard an, der mit dem Pulp nicht nur die schnellere, härtere und schrillere Variante des klassischen Hardboiled-Krimis wiederentdeckte, sondern auch Autoren wie Jim Thompson. Doch die Erfolge des Verlags – wie der Krimipreis für Derek Raymond 1991 – blieben unkalkulierbar, während die Banken ihre Kredite regelmäßig bedient sehen wollten. Nowatzki gab Black Lizard auf und ging zurück ins Dasein eines Angestellten, als IT-Betreuer in einen Fachverlag mit dem Schwerpunkt Recht, Steuern und Wirtschaft. Nachts verdiente er zusätzlich als Türsteher Geld, um schneller die Schulden loszuwerden und vielleicht auch das Unbehagen an der bürgerlichen Existenz.

Als Nowatzki wieder liquide war, schloss er sich mit dem Verleger Erich Maas zusammen, der mit Autoren wie Thomas Kapielski und Funny Van Dannen auch auf keinen grünen Zweig kam und im Jahr 2001 starb. Seit sieben Jahren gibt Nowatzki die Pulp Master-Reihe im eigenen Verlag heraus. Es ist eine Reihe mit unverwechselbarer Handschrift, die Autoren agieren an der Grenze von Noir und Pulp, immer auf Niveau. Bloßer Thrill interessiert Nowatzki nicht. Für ihn ist der Noir die Literatur gewordene Systemkritik, Härte und Witz verbinden sich zu einem politischen Kommentar über den Druck, dem der Einzelne ausgesetzt ist. Noir-Leser beobachten nicht nur den Zustand der Welt , sie erleiden ihn: „Je mehr man liest, um so verzweifelter wird man.“

Rick deMarinis zum Beispiel erzählt in seiner Götterdämmerung in El Paso eine irrwitzige Geschichte von der amerikanisch-mexikanischen Grenze. Der Desert-Storm-Veteran und Privatdetektiv J.P. Morgan soll für seinen kreativ-paranoiden Freund Penrose dessen verschwundene Frau Carla suchen. Die Politaktivistin und Fluchthelferin wird von einer rechtsextremen Brigade gejagt, die im Auftrag eines irren Nazi-Arztes die USA in einen Krieg mit Mexiko verwickeln soll. In einer Mischung aus Poesie, Witz und Wahn erzählt deMarinis seine Grenzland-Groteske.

Jim Nisbet ist 15 Jahre jünger, aber sein diabolisches Genie zeigt noch keine versöhnlichen Eintrübungen. In Tödliche Injektion, seinem Klassiker von 1987, beschreibt er in grässlichster Ausführlichkeit die Hinrichtung eines vielleicht unschuldig Verurteilten in einem texanischen Gefängnis. Der einzige Trost, den Nisbet für die vom Schicksal über den Tisch Gezogenen bereithält: „Beim Predigen fällt auch nicht mehr ab als beim Überfall auf kleine Eckläden.“ Im wahren Leben geht es Nisbet übrigens ähnlich wie seinem deutschen Verleger. Er arbeitet nebenbei als Tischler, um sich das Schreiben leisten zu können.

Und dann sind da noch die beiden Noir-Klassiker Charles Willeford und Derek Raymond. Der 1988 verstorbene Willeford zählt zu den aufregendsten amerikanischen Krimiautoren; mit seinen makabren und ungeheuer komischen Romanen wurde er zum Vater des Florida-Noir. In Schwarze Messe (1958) schickt er einen nihilistischen weißen Buchhalter als falschen Reverend in die schwarze Gemeinde von Jacksonville, wo er ohne jede Absicht einen Aufstand gegen die Rassentrennung anzettelt. Der Brite Derek Raymond ist selbst für den hartgesottenen Nowatzki ein spezielles Kaliber: Ich war Dora Suarez gehört zum Finstersten, was die Noir-Literatur hervorgebracht hat. Dem Upperclass-Sprössling, Etonzögling und Londoner Taxifahrer war kein Aspekt menschlicher Kälte und Grausamkeit fremd. Vermutlich muss man seine Romane gelesen haben, meist möchte man dies aber kein zweites Mal tun.

Garry Disher und Dave Zeltserman gehören zu den unterhaltsameren Autoren der Reihe. In seinem neuesten Roman Paria erzählt Zeltserman von einem gerade aus dem Knast entlassenen Gangster in Boston, dessen manipulative Energie nur von den Medien geschlagen werden kann. Der Australier Disher ist mit seiner Serie um den Berufsverbrecher „Wyatt“ erfolgreichster Autor bei Pulpmaster, für Gier gab es 2000 den Deutschen Krimipreis.

Es ist eine männliche Krimiwelt. Unter den Autoren ist keine einzige Frau, und wahrscheinlich bedient die verlagseigene Mischung aus Noir, Pulp und Genre-Spiel mit ihren Hardboiled-Helden auch eher ein männliches Publikum. Nowatzki findet aber auch noch eine andere Erklärung, warum Frauen nicht bei ihm landen: Alle seine Autoren haben einen steinigen Weg hinter sich gebracht, sie sind heute glücklich, bei Pulp Master wenigstens gut behandelt zu werden. So viele schlechte Erfahrungen machten weibliche Autoren einfach nicht, meint Nowatzki, die Profis sondierten bei Frauen viel gründlicher.

„Schweineanstrengend“

Der Noir ist Berufung, nicht Karriere, und somit passt er gut in die Berliner Ökonomie, in der sich Erfolg selten am Kapitalertrag misst. Günstige Mieten, quasi-familiäre Netzwerke und mangelnde Alternativen halten in der Hauptstadt eine gute Idee auch dann noch am Leben, wenn in München oder Düsseldorf längst Konkurs angemeldet worden wäre. Solches Wirtschaften ist natürlich „schweineanstrengend“ für einen Mann mit regulärem Vollzeitjob und zwei Kindern, es birgt auch Risiken, denn auch die Mitarbeiter des Verlags müssen ihr Geld noch anderweitig verdienen: Im Moment fällt die so zuverlässige wie gründliche Lektorin Angelika Müller aus, weil sie im Wahlkampf ihrer Freundin Cansel Kiziltepe gebraucht wird, der SPD-Kandidatin für den Bundestag in Kreuzberg.

Aber Nowatzki kommen auch die Vorteile eines Underdogs zugute. Mit ihrem höheren Anspruch und niedrigerem Budget haben kleine Verlage oft einen besseren Zugang zum Feuilleton als die Großverlage. Fast alle Pulp Master-Titel wurden besprochen, mitunter sogar so erfolgreich, dass er am Ende das verdiente Geld unter allen Beteiligten verteilen kann, übrigens auch an den Hamburger Independent-Künstler 4000, der jedes Cover einzeln gestaltet und damit nicht nur für Distinktion sorgt: Früher haben die großen Buchhandlungen die Pulp Master-Ausgaben wegen dieser schrägen Cover nicht in ihr Sortiment genommen. Heute gebe es viele dieser Buchhandlungen nicht mehr, sagt Nowatzki lachend, der den Großteil seiner Bücher über das Internet verkauft. Es ist eine der vielen Ironien und auf jeden Fall ein Punkt im Kampf gegen die großen Titelverteidiger.

Frank Nowatzki wurde 1964 in Berlin geboren und ist gelernter Verlagskaufmann. Für einen Job beim Wissenschaftsverlag Springer ging der Ex-Punk in den 80ern nach Heidelberg, wo er einen 71er SV Rover fuhr. Von 1988 bis 1992 gab er die Black Lizard Reihe heraus. Seit 1995 ist er Chef von Pulp Master.

Der Vater von zwei Kindern liebt das Boxen und spielt Gitarre in zwei Bands Thekla Dannenberg schreibt die Krimikolumne Mord und Ratschlag beim Online-Kulturmagazin perlentaucher

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 21/13.

Kommentare (1)

grenzreiter 18.06.2013 | 07:59

Auf der Suche nach einem Krimi als Geburtstagsgeschenk bin ich auf Pulp Master gestoßen. Wunderbar. Da ich eben schon länger auf der Suche nach Derek Raymonds "Roter Nebel" war, es aber überall nicht mehr erhältlich war, schrieb ich den Verlag direkt an. Gut eine Woche später lag eine Ausgabe des Buchs bei mir auf dem Tisch. Eine alte Archivausgabe.

Ich hoffe Herr Nowatzki macht noch lange so weiter.