Mit Hitler war ich glücklich

STERNSTUNDE DER LEXIKOGRAPHIE Roberto Bolanos »Naziliteratur in Amerika«

Ihre Namen (Edelmira Thompson de Mendiluce), die Titel ihrer Werke (Der Sohn der Kriegsverbrecher) und häufig auch ihre Todesarten (Mord, Selbstmord) klingen imposant. Man muß bedenken, daß es jedenfalls für die in Armut aufgewachsenen, dabei aber hochbegabten Latein amerikaner dieses Jahrhunderts häufig nur zwei Möglichkeiten gab, in die bessere Gesellschaft zu avancieren: Offene Gewalt - oder Literatur, »eine mehr untergründige Form der Gewalt, die Respekt einflößt und in gewissen jungen Nationen eine der beliebtesten Verkleidungen zum Erklimmen der sozialen Stufenleiter ist.« Aber auch die Angehörigen der oberen Zehntausend, dazu berufen, den Status quo zu wahren und das Abendland vor dem Kommunismus zu retten, kokettieren mit sublimen Formen der Gewalt, mit respekteinflößenden Gesten und mit der jugendlichen Präpotenz ihrer Nationen.

Max Mirebalais ist ein - 1941 in Port au Prince - arm Geborener, der als Klatschreporter in seiner Heimatstadt frühen Ruhm erlangt, sich später unter vier verschiedenen Pseudonymen zum Meister des Plagiats entwickelt: »Mit der Zeit verwandelte er sich in einen Experten in der Kunst, ein Gedicht so lange zu zerstückeln, bis es sein eigenes geworden war«, schreibt sein sachkundiger und stets um Objektivität bemühter Biograph Roberto Bolano über den starken Max. In gewissen Pariser Zirkeln spricht man von Mirebalais (alias Max von Hauptmann) als dem »bizarren Pessoa der Karibik«. In Wahrheit ist Max le Geule, wie er sich auch nennt, ein findiger Kryptofaschist, der es sich paradoxerweise in den Kopf gesetzt hat, »sämtliche Ausdrucksformen der Négritude auszuloten.« Der Dichter stirbt 1998. »Der Tod ereilt ihn bei der Arbeit am Nachlaß seiner Pseudonyme«, teilt sein Biograph lakonisch mit. (Es fällt immer wieder auf, wie viele Genies unverhofft früh das Zeitliche segnen.)

Ein anderes Beispiel für den selten erlahmenden, nur durch extrem widrige äußere Umstände aufzuhaltenden Schaffensdrang der Retter des Abendlandes: Luiz Fontaine da Souza, 1900 in Rio de Janeiro geboren und 1977 dortselbst gestorben. Jeder Kundige meint, diesen illustren Namen schon einmal gehört zu haben, und doch wissen die Wenigsten, daß Fontaine bereits als Einundzwanzigjähriger mit der 640 Seiten umfassenden Widerlegung Voltaires debütierte, die in den katholischen literarischen Zirkelns Brasiliens auf ein dankbares Echo stößt. 1925 folgt die Widerlegung Diderots (530 S.), zwei Jahre später die Widerlegung d'Alemberts (590 S.) - »Werke, die ihn an die Spitze der katholischen Philosophen des Landes katapultieren«, wie sein Biograph neidlos anerkennt. 1930 erscheint die Widerlegung Montesquieus (620 S.), 1932 die Widerlegung Rousseaus (605 S.). 1935 verbringt er vier Monate in der geschlossenen Abteilung einer psychiatrischen Klinik in Petrópolis. 1938 erscheint die Widerlegung Hegels, gefolgt von einer kurzen Widerlegung von Marx und Feuerbach (635 S.) Aufmerksamen Kritikern entgeht nicht, daß der Autor Hegel häufig mit Kant verwechselt, gelegentlich auch mit Hölderlin und Ludwig Tieck. 1939 folgt ein knapp 108 S. (!) umfassender Liebesroman, seine Helden sind ein Professor und eine Analphabetin, Titel: »Kampf der Gegensätze«. Auch dieses (Neben-)Werk findet seine Bewunderer. Danach wird es vorübergehend still um Fontaine, doch 1955 erscheint endlich der erste Band (350 S.) der Kritik von Sartres ›Das Sein und das Nichts‹, der sich ausschließlich mit den Abteilungen zwei und drei der Einleitung auseinandersetzt. Weitere Bände folgen, werden jedoch in universitären Kreisen, wie der Biograph sich feinfühlig ausdrückt, »sozusagen auf Zehenspitzen umgangen.« 1963, Fontaine arbeitet gerade am sechsten Band, sehen seine Verwandten sich gezwungen, ihn erneut in ein Sanatorium einweisen zu lassen, wo er bis 1970 bleibt. »Er schrieb nie wieder«, notiert sein Biograph nicht ohne einen Anflug von Mitgefühl.

Fleiß und Wahn - in dieser seltsamen Symbiose kristallisiert sich ein Phänomen, das die meisten der in diesem ungewöhnlichen Literaturlexikon versammelten Biographien auszeichnet: dezidierte Antiaufklärung, wahlweise verbunden mit Herrenmenschentum, Franco- und Hitlerismus, Profilneurose, handfester Psychopathie oder bloßer Spinnerei. »Naziliteratur« ist dabei ein eher diffuser Oberbegriff, der die unterschiedlichsten Spielarten elitärer und rassistischer Ideologien zusammenfaßt. Da die meisten der Helden dieses Buchs aus Lateinamerika stammen - wie sein Autor -, wurzeln sie idealtypischerweise in einem reaktionären Katholizismus. »Die Theokratie ist das einzige politische System, an das ich mit geschlossenen Augen glaube«, gibt beispielsweise die Mexikanerin Irma Carrasco (geb. 1910) zu Protokoll, »allerdings, Generalissimus Franco ist auch nicht schlecht.« Und eines der besten Gedichte von Luz Mendiluce Thompson (geb. 1928) heißt: »Mit Hitler war ich glücklich«.

Natürlich, dem Leser dieser Rezension schwant sowas, sind sämtliche 30 Kurzbiographien der Naziliteratur in Amerika frei erfunden. Doch es handelt sich - noch in ihren abstrusesten Auswüchsen - um vollkommen authentische Erfindungen. Mit frappierendem Einfallsreichtum webt der 1953 in Santiago de Chile geborene Roberto Bolano sein lexikographisches Patchwork zusammen, aber selbst die bizarrsten Einfälle sind in der politischen Realität dieses monströsen Jahrhunderts verwurzelt. Es ist eine Heldengalerie verwirrter und unglücklicher Existenzen, die Wege zum Ruhm suchen und ihren fiebernden Narzißmus mit patriotischen Irrlichtern illuminieren. Nicht selten werden ihre originellen, originalitätssüchtigen Schneckenpfade zu grandiosen Kreuzwegen.

Bolano parodiert den peinlich um Objektivität bemühten Stil des Literaturlexikons, und dieser Gestus wirft immer wieder Komik ab; und zugleich erfaßt er buchstäblich, minuziös, ohne besondere Übertreibung eine spezifische Geisteshaltung, die eine der beiden zentralen ideologischen Säulen des Jahrhunderts darstellt. Die andere war ihr Todfeind, der Bolschewismus. Bolano, der Chile nach dem Militärputsch verließ und seit 1977 in Spanien lebt, nimmt implizit Partei, aber er ist kein Polemiker, kein kalter Krieger. Sein Buch ist nicht mit Haß oder Verachtung geschrieben. Er hat sogar Mitleid mit seinen patriotischen Galionsfiguren der Gegenaufklärung: er läßt ihnen menschliche Impulse. Auch dies ein aufklärerischer Zug.

Man kann Die Naziliteratur in Amerika als personenreiche, verwobene Familiensaga lesen, die gänzlich ohne eine klassische Fabel auskommt; ebensogut aber auch als eine eigenwillige Form avancierter, experimenteller Prosa. Wie jede serielle Kunst produziert auch diese Ermüdungseffekte. Das ändert nichts daran, daß Bolano ein seltener Wurf geglückt ist, weitab von den ausgetretenen Hauptwegen landläufiger Belletristik.

Roberto Bolano: Die Naziliteratur in Amerika. Aus dem Spanischen von Heinrich v. Berenberg. Verlag Antje Kunstmann, München 1999. 238 S., 38 Mark.

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00:00 26.03.1999

Ausgabe 42/2021

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