Mit Hyperkapitalismus gegen EU-Grenzen

Golden Visa Während andere sich einkaufen, weist die Festung Europa Tausende Flüchtende ab. Mit einer außergewöhnlichen Aktion will das Peng!-Kollektiv diese Zustände aushebeln
Mit Hyperkapitalismus gegen EU-Grenzen
Mit Kunst und Kapitalismus Grenzen überwinden: Auch „Borders“ ist eines der NFT-Kunstwerke

Bild: Felix Kosok

Europa hat sich zu einer Festung hochgerüstet. An ihren Mauern lässt sie Menschen ohne europäischen Pass abprallen, vor ihren Toren lässt sie Tausende kampieren, in ihren Burggräben lässt sie sie ertrinken. Damit alle wissen, dass sie es besser gar nicht erst versuchen sollten.

So wie die sechsköpfige Familie, die vor so langer Zeit aus Afghanistan in den Iran floh, dass sich nicht einmal der älteste Sohn Milad mit seinen 23 Jahren an seine Heimat erinnern kann. Auch sie soll gar nicht erst auf die Idee kommen, sich Richtung Festung aufzumachen. Denn Europa gehört den Europäern.

Oder? So ganz stimmt das nicht.

Europa gehört auch denjenigen, die es sich leisten können. Wer genug Geld hat, kann sich eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis oder eine EU-Staatsbürgerschaft einfach kaufen. Golden Visa nennen sich diese Freitickets für die Oberschicht, zu kaufen gibt es sie in zwölf EU-Ländern gegen eine größere Investition im Land, zumeist in Immobilien – vier verkaufen sogar direkt einen Pass. Die Preise variieren zwischen rund 250.000 Euro in Griechenland und etwa 10 Millionen Euro in Österreich. Vor allem ärmere EU-Staaten wie Portugal, Spanien, Lettland oder Zypern setzen seit der Finanzkrise vor rund zehn Jahren auf den Verkauf von Golden Visa, um damit ihre Bruttoinlandsprodukte aufzubessern. Die Organisationen Transparency International und Global Witness kritisieren, dass die Länder häufig beide Augen zudrücken, wenn die Visumsanwärter ihr Geld mit kriminellen Geschäften verdienen. Al Jazeera recherchierte eine ganze Reihe per Haftbefehl gesuchter Krimineller, die sich per Golden Visa in die EU abgesetzt haben. Wegen der großen Sicherheitsbedenken forderte Sven Giegold, Sprecher der deutschen Grünen im Europaparlament, im Oktober vergangenen Jahres: „Die EU-Kommission muss gegen den Verkauf von Pässen und Visa mit Vertragsverletzungsverfahren vorgehen. […] EU-Pässe und Visa sind keine Ware. Geld darf nicht das Kriterium für Bürger- und Aufenthaltsrechte in der EU sein.“

Doch genau das ist die Realität: Geld entscheidet, ob Europa seine Tore auf oder zu macht. Milads Familie (ihren Nachnamen halten wir zu ihrem Schutz geheim) hat nicht genug Geld. Aber das Künstlerkollektiv Peng! hat sich einen Plan für sie ausgedacht. Wenn er aufgeht, wäre er genial, wenn nicht, so wäre er immerhin einer der größenwahnsinnigsten Versuche, die kapitalistischen Gesetze der Nationalstaaten zu hacken.

Mit NFTs gegen die „Festung Europa“

Die Idee: Das Kollektiv möchte mit dem Verkauf von NFTs so viel Geld verdienen, dass es Milads Familie damit Golden Visa in Portugal kaufen kann. NFTs, das sind „Non-Fungible Tokens“, also „nicht ersetzbare Wertmarken“. Sie sind der Versuch, digitale Werke einzigartig zu machen, die sich eigentlich beliebig kopieren lassen. NFTs sind gewissermaßen digitale Etiketten, die Bildern oder Videos zugeordnet werden, und Aufschluss über deren Besitzer geben. Gespeichert wird diese Information in der Blockchain – derselben dezentralen Technologie, mit der auch Kryptowährungen wie der Bitcoin oder Ethereum gesichert werden.

Warum sich Peng! gerade NFTs ausgesucht hat, ist ganz einfach erklärt: Mit nichts lässt sich gerade schneller und leichter Geld verdienen. Obwohl es sie schon seit einigen Jahren gibt, erleben sie zurzeit einen Hype; im März dieses Jahres stieg das renommierte Auktionshaus Christie‘s in den NFT-Markt ein und verkaufte eine digitale Collage des US-amerikanischen Künstlers Beeple für unglaubliche 69 Millionen Dollar. Das Peng! Kollektiv bat also eine Reihe von Künstlerinnen und Künstlern um digitale Werke, darunter etwa Sibylle Berg, die !Mediengruppe Bitnik und die Yes Men. Die spendeten 16 Beiträge für die Aktion, die das Kollektiv unter dem Namen GoldenNFT ab dem 15. Oktober im exklusiven Vorverkauf und ab dem 20. Oktober für alle zugänglich auf der Plattform goldenNFT.art für 0,05 Ethereum (etwa 155 Euro) verkaufen wird. Die Originalwerke hat das Kollektiv außerdem zu Collagen kombiniert, sodass insgesamt 5555 NFT-Kunstwerke zum Verkauf stehen werden. Ob man eines der Originale oder eine Collage erworben hat, erfährt man erst nach dem Kauf.

Die Medienkünstlerin Nora Al-Badri hat das Werk „Spherical drop“ beigesteuert, eine künstlerisch bearbeitete 3D-Datei der babylonischen Weltkarte, die auf dem Gebiet des heutigen Irak gefunden wurde. So wird der NFT-Verkauf auch zu einer Art finanzieller Reparation

Bild: Nora Al-Badri

Für die Kunstwerke gab es keine inhaltliche Vorgabe, sie reichen von Zeichnungen über Videos bis zu programmierten Landschaften, die an Videospiele erinnern. Eines davon hat die multidisziplinäre Medienkünstlerin Nora Al-Badri beigesteuert: Spherical drop ist eine künstlerisch bearbeitete 3D-Datei der babylonischen Weltkarte, einer Tontafel von 700 bis 500 v. Chr., die im heutigen Irak gefunden wurde und heute im Besitz des British Museum ist. „Ich würde das als Raubkunst bezeichnen, das Museum wahrscheinlich nicht“, sagt Al-Badri. Die 3D-Datei stellt das British Museum selbst zur Verfügung – allerdings nur unter Nennung des Museums als Quelle und nur für nicht-kommerzielle Zwecke. Nora Al-Badri sieht das durch den NFT-Verkauf für die Aktion eingenommene Geld als eine Form der finanziellen Reparation. „So hat das British Museum über eine Ecke Teil daran, dass Geflüchtete nach Europa gelangen können“, sagt sie.

„So funktioniert der Kapitalismus“

Am 8. Oktober geht Peng! mit der Aktion „Bewegungsfreiheit ist ein kapitalistisches Recht“ an die Öffentlichkeit. In der zeitgleich eröffneten Gruppenausstellung „Beat the System!“ im Ludwig Forum Aachen – einem der Sponsoren der Aktion – werden neben Arbeiten von Christoph Schlingensief, Joseph Beuys oder Pussy Riot QR-Codes zu den digitalen Kunstwerken ausgestellt. Der Untertitel der Ausstellung: „Provokation Kunst“.

Und das Peng! Kollektiv liebt die Provokation: Es ließ schon eine Ölfontäne auf einer Shell-Konferenz sprudeln, warf per Drohne Flugblätter mit einer Kündigungsaufforderung über dem deutschen NSA-Gelände ab oder rief indirekt dazu auf, Denkmäler der Kolonialgeschichte abzureißen. Für letzteres beantragte das Berliner Landeskriminalamt, das Künstlerkollektiv auf die bundesweite Terrorliste des Verfassungsschutzes zu setzen, mehrmals wurden schon Büros und Wohnräume der Kollektivmitglieder durchsucht. „Der Staatsschutz ist unser liebster Kunstkritiker“, sagt Luca vom Peng! Kollektiv. Luca heißt eigentlich anders, sein Name ist ein Pseudonym, die Kollektivmitglieder wollen als eine Einheit verstanden werden. Die Drohkulisse der Staatsmacht hat die Künstler nicht davon abgehalten, eine ihrer aufwändigeren Aktionen zu planen – mit völlig ungewissem Ausgang.

„Der Hype, den wir jetzt aufbauen, um alle NFTs zu verkaufen ist wie ein Zaubertrick – und doch real“, sagt Luca. „So funktioniert der Kapitalismus: Bedürfnisse werden aus dem Nichts geschaffen.“ Ihre Verkaufsargumente: Mit den NFTs lässt sich Profit machen, denn sie können nach dem Kauf weiter gehandelt werden. Einzigartig ist: Mit dem Erwerb wird man selbst Teil einer Kunstaktion und man ermöglicht einer Familie den Zugang zur Festung Europa, Milads Familie.

Erinnerung an Rassismus und Repression

Milad erinnert sich nicht mehr an seine Heimat Afghanistan. Aber woran er sich sehr wohl erinnert, sind die Repressionen und der Rassismus, die er, seine drei jüngeren Brüder, seine Schwester und seine Eltern im Iran aushalten mussten. An den kleinen Kellerraum, in dem sie anfangs wohnten. Daran, dass er mit 13 Jahren anfangen musste zu arbeiten, um sich das Schulgeld leisten zu können, das nur afghanische Kinder zahlen mussten, nicht aber die iranischen. Daran, dass es ihm verwehrt wurde, zur Universität zu gehen und an das „genug ist genug“, das er seinen weinenden Eltern sagte, als er sich entschied Richtung Europa aufzubrechen.

Es sind Erinnerungen, die sich anfühlen, als seien sie hundert Jahre her, sagt Milad. Denn die Hölle, die er dann erlebte, hat alles überschrieben. Er überquerte das Grenzgebirge zwischen dem Iran und der Türkei 15 Stunden lang zu Fuß. „Das war der erste schlimmste Moment meines Lebens“, erinnert er sich. Es würden noch viele schlimmste Momente folgen: Mit einem Boot wollte Milad nach Lesbos überzusetzen, beim ersten Versuch ging es beinahe unter. „Ich fühlte den Tod“, sagt er. Erst der dritte Versuch war erfolgreich, wobei „Erfolg“ wahrscheinlich das falsche Wort ist, denn Milad landete im berüchtigten Flüchtlingslager Moria. „Ich hatte wirklich große Hoffnungen in die EU gesetzt, ich wollte mich endlich wie ein Mensch fühlen“, sagt Milad. „Aber als ich in Moria ankam, glaubte ich meinen Augen nicht.“ In dem für knapp 3.000 Menschen ausgelegten Camp sollen zwischenzeitlich knapp 20.000 gewohnt haben. Milad wohnte in einem Zelt, das sich zehn Menschen teilten, im Essen waren Maden, die hygienischen Bedingungen unzumutbar. Er habe dort Unvorstellbares durchgemacht. „Ich sah wie eine Frau sich umbrachte und wie ein Kind verbrannte.“

Um mit dem Horror umzugehen, berichtete Milad darüber. Er schloss sich dem Refocus Media Lab an, einer Organisation, die Geflüchteten Videoberichterstattung beibringt. Von da an filmte er jeden Tag. Kurz nachdem Moria vor gut einem Jahr in Flammen aufging, zeigten die ProSieben-Entertainer Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf zur besten Sendezeit um 20:15 Uhr eine Viertelstunde lang seine Aufnahmen. Doch statt dass sich etwas änderte, wurde ein neues Flüchtlingscamp auf Lesbos errichtet, mit denselben unmenschlichen Bedingungen.

Eingebetteter Medieninhalt

Dieses neue Camp besuchte das Peng! Kollektiv im Sommer diesen Jahres und lernte Milad und seine Kollegen kennen. „Gemeinsam mit ihnen haben wir entschieden, wie wir eine Familie für unsere Aktion auswählen sollten“, erzählt Luca. „Zuerst kam die Idee auf, die Golden Visa zu verlosen, das kam uns aber schnell zynisch vor. Außerdem haben viele der Bewohner Morias keine Pässe. Ohne die können wir aber keine Golden Visa beantragen.“ Der Zufall habe letztlich für Milads Familie entschieden. Dem Kollektiv ist klar, dass die Auswahl willkürlich ist – und dass man als NGO das Geld vermutlich eher in Hygiene- oder Rettungsmaßnahmen investieren sollte, als es einer einzelnen Familie zugute kommen zu lassen. „Aber das sind Binnenperspektiven des Systems, wenn auch sehr berechtigte. Wir wollen zeigen, wie absurd und unmenschlich es in seinen Grundzügen gebaut ist“, sagt Luca. „Minus und minus ergibt plus, das ist der Versuch. Wir machen einen Köpper in den Hyperkapitalismus, um zu versuchen, Menschen über Nationalstaatsgrenzen zu tragen.“

Warten auf Asyl

Ob es klappt, weiß niemand, es ist ein Experiment. Das weiß auch Milads Familie, trotzdem ist es ein Spiel mit ihrer Hoffnung, das ist auch für das Künstlerkollektiv schwer auszuhalten. „Der Schmerz ist aber auch da, wenn wir nichts tun würden und dem System dabei zuschauen, wie es Menschen alleine lässt“, sagt Luca.

Nach anderthalb Jahren auf Lesbos schaffte der älteste Sohn Milad es diesen Sommer nach Deutschland. Nun wartet er in einem Flüchtlingsheim in Hamburg auf den Entscheid über seinen Asylantrag. Die meiste Zeit habe er Angst, sein Zimmer zu verlassen. „Die Sachen, die ich in Moria erlebt habe, haben das mit mir gemacht“, sagt er. „Ich will nicht, dass meine Familie denselben Weg geht wie ich und das gleiche erleben muss.“

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18:00 08.10.2021

Ausgabe 42/2021

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