Thomas Ahbe
10.05.2002 | 00:00

Mit Kafka in die Wirtschaft

Zur Bewährung in die Produktion Auch die Hochschulpolitik folgt dem allgemeinen Trend - die Herstellung der Kulturgüter wird zunehmend privatisiert

"Zur Bewährung in die Produktion" war eine der Verdammungsformeln, mit der die politisch Mächtigen in der DDR sich jener Künstler und Intellektuellen entledigten, die für sie missliebig waren. Die Quälgeister und Störenfriede wurden nicht physisch eliminiert, aber der institutionellen Voraussetzungen ihrer intellektuellen Tätigkeit beraubt. Die Malerin, der Lyriker oder Schriftsteller konnte sich nach einer solchen Maßregelung noch als Heizer, Pförtner oder Friedhofsgärtner halten und weiter produktiv bleiben. Regisseure und Schauspielerinnen, Musiker oder Wissenschaftler waren jedoch in ihrer Alltagsarbeit viel mehr auf die von der Macht monopolisierte Infrastruktur angewiesen. Für sie war eine solche Verdammung ein Berufsverbot.
Freilich bleibt der Intellektuelle auch dann noch ein Intellektueller. Der Regisseur Egon Günther hatte einmal, wie er es bezeichnete "das Privileg, die Welt von unten und von oben gleichzeitig zu betrachten", - man hatte ihn zur "Bewährung" auf einen Bohrturm gesteckt. Nicht alle können so zurückblicken. Ein Assistent Ernst Blochs musste sich, nach dem sein Meister im Westen geblieben war, in einem Großbetrieb "bewähren". Er verlor dort einen Arm und kam erst als alter Mann und nach dem Ende der DDR an die Universität zurück.
Solche personalisierten und dramatisierten Geschichten sind heute nicht mehr zu erzählen, wenn es um den Umgang der Politik mit ihren Intellektuellen, Künstlerinnen und Kulturarbeitern geht. Trotzdem steht es um jene Personengruppe, die quasi den geistigen Haushalt dieser Gesellschaft, verwaltet, zunehmend schlecht. In der DDR wurden die Mittel für intellektuelle Tätigkeit personenbezogen entzogen, heute wird strukturell gekürzt; das ist nicht weiter persönlich gemeint, macht die Sache aber nicht besser.
Die Ausgaben- und Steuerpolitik, die der Staat heute durchsetzt, lässt den öffentlich getragenen, demokratisch kontrollierten und orientierten Kultur- und Bildungssektor erodieren, während man im privaten Sektor mit den eingesparten Steuermilliarden die eine oder andere Privat-Hochschule oder Forschungsinstitution gründen kann. Die Monopolisierung von intellektueller und künstlerischer Tätigkeit durch eine inhaltlich zwecksetzende Instanz - sei diese nun ein Politbüro, ein Unternehmens- oder Stiftungsvorstand - kann für eine moderne Gesellschaft fatale Folgen haben. Wer Kultur, Kunst, Bildung, Wissenschaft und Reflexivität nur als einen Kostenfaktor versteht, lässt die schwer zu lokalisierenden moralischen und geistigen Reserven einer Gesellschaft verkommen.
Solch allgemeine Rhetorik sollte im Detail konkretisierbar sein, wie zum Beispiel an der Novellierung des Hochschulrahmengesetzes, die im Februar 2002 in Kraft trat. Sie wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung erarbeitet und mit der rot-grünen Mehrheit im Bundestag abgesegnet. Zu dem neuen Gesetz gibt es seit Jahresbeginn in den führenden Feuilletons des Landes bittere Debatten um die - wie es ein Ministerialbeamter ausgedrückt haben soll - "Verschrottung" jener Wissenschaftler, die es nach einer bestimmten Verweildauer im Wissenschaftsbetrieb nicht bis zur Professur geschafft haben. Bislang weniger diskutiert wurde allerdings, wie denn nun die Zukunft der universitären Wissenschaft aussehen wird, wenn denn die "personalen Altlasten ausgeschieden" sind und die schöne neue Wissenschaftswelt durch die Gesetzes-Novelle modernisiert, flexibilisiert und wie geschmiert laufen wird.
Zunächst soll es hier jedoch um den "Verschrottungs-Diskurs" gehen. Schon seit etlichen Jahren gibt es einen "Berufungsstau" in den Wissenschaften, das heißt zu viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die für eine Professur qualifiziert sind, kommen auf die wenigen vakante Lehrstühle, man spricht von Quoten, die zwischen 1:50 und 1:100 liegen. Einer der Gründe dafür liegt in den siebziger Jahren. Eine Zeit, in der die SPD regierte, "Demokratie wagen" wollte, sich noch über ihr Bündnis mit den Intellektuellen freute und Bildung, Aufklärung oder sogar "Kritische Wissenschaft" für "gesellschaftlich wichtig" hielt. Damals wurden zahlreiche Lehrstühle, Institute und ganze Universitäten geschaffen. Die neuen Lehrstühle wurden altershomogen mit damals relativ jungen Wissenschaftlern besetzt. Seit dem reift der wissenschaftliche Nachwuchs und ist inzwischen nicht nur über 40, sondern auch schon mal über 50 Jahre alt geworden.
Nun ist Alter weder eine Schande noch ein automatisch dequalifizierender Virus. Wenn nicht in den Natur- und Technikwissenschaften, so können in den Sozial- und Geisteswissenschaften eine gewisse Lebenserfahrung gepaart mit Belesenheit und interdisziplinärem Überblick einen wichtigen Input für die wissenschaftliche Teamarbeit bilden. Wo soll hier also das Problem liegen, mag man fragen - muss denn nun jeder Wissenschaftler unbedingt Professor werden, um sich in Forschung und Lehre nützlich zu machen? Im Prinzip ist das so. Denn im deutschen Wissenschaftssystem gibt es quasi nur noch für Professoren und Pförtner unbefristete Stellen. Nach der in den achtziger Jahren um sich greifenden Abschaffung des sogenannten akademischen Mittelbaues, der durch Assistenten, Oberassistentinnen, wissenschaftliche Räte, Dozentinnen gebildet wurde, tummelt sich nahezu alles, was sich so zwischen Student und Professor mit der Wissenschaft beschäftigt, auf befristeten Stellen. Die Befristung spart Geld wie auch langwierige Kündigungs- und Entschädigungsverfahren ein, wenn man gerade mal wieder noch weniger als im Vorjahr für Hochschulbildung ausgeben sollte, - der Staat war so recht flexibel. Die permanent-befristete Anstellung der Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler sollte darüber hinaus deren Konkurrenz, Kreativität und Engagement befördern, wovon man sich offenbar in immer kürzeren Fristen immer bessere und "internationalere" Wissenschaftsleistungen erhoffte.
Viele, vor allem die Privatdozenten, leisteten denn auch Enormes für den großen Sprung in die Professur: nahezu kostenlose Lehre, Forschungs- und Publikationstätigkeit, Allgegenwart auf Tagungen, Konferenzen in Redaktionen und Beiräten - und das alles bei unklarer Zukunft. Diesem Schrecken ohne Ende bereitete die Politik nun ein Ende mit Schrecken. Wer es sechs Jahre nach der Promotion nicht zur Professur geschafft hat, bekommt nach der neuen Gesetzeslage nur noch in wenigen speziellen Fällen eine Anstellung. Man mag sich fragen, für welche Fehlentscheidung in ihrem früheren Leben diese Personen heute zu büßen haben. Was war falsch daran, angesichts blockierter Aufstiege, fleißig, hartnäckig, mit Begeisterung zur Wissenschaft weiter zu arbeiten - oft mit dem fachgutachterlichen Segen der Wissenschaftsstiftungen und den von dort eingeworbenen Geldern, - die also nicht die des Staates waren. Hier verweigert die Politik eine Erklärung und entzieht sich der Verantwortung: "Hättest du nicht was Richtiges lernen können, Mädchen? - Historikerin, mein Gott!", hört man Vater Staat gewissermaßen sagen, - und die "Bewährung in der Produktion" empfehlen. Die Entsorgung der Alt-Akademiker-Halde sollte nach dem Willen des Bundesministeriums für Bildung und Forschung sofort einsetzen, nun spricht man von einer dreijährigen Übergangsregelung.
In welcher Richtung sich die Entscheidungsbefugnisse und Machtverhältnisse verschoben haben und wie unkalkulierbar die Anwendung der neuen Rechtslage im Detail scheint, illustrierte schon im Februar eine Presseerklärung der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der größten deutschen Wissenschaftsstiftung, zur Verabschiedung der Novelle. Sie kann nur einen "Appell" an "alle Verantwortlichen in den Hochschulen und Forschungseinrichtungen" richten, "bei der tatsächlichen Handhabung und Ausschöpfung der neuen Vorgaben" nicht den "Wissenschaftsstandort Deutschland" zu beschädigen. Im April, nach einer Anhörung in einem Bundestagsausschuss wird immer noch an das Bulmahn-Ministerium appelliert und um arbeitsrechtliche Präzisierungen gebeten, nun vom Bildungspolitischen Sprecher der Grünen. Die "Verantwortlichen", die das Gesetz umsetzen werden, sind die Kanzler und Personalchefs, jene, deren Bemühen darin liegt, an den ohnehin schon knappgehaltenen Hochschulen möglichst wenig Geld auszugeben. Hier zeigt sich, wie die "Sparpolitik" an der Wissenschaft, wie der Rückzug des Staates bei gleichzeitiger Privatisierung ehemals öffentlicher Belange, aussehen kann.
Doch auch mit Blick auf die jüngere Wissenschaftlergeneration, die die künftigen Juniorprofessuren besetzen soll, sind die Neuregelungen des Hochschulrahmengesetzes sehr bezeichnend. Was vor zwanzig Jahren der akademische Mittelbau leistete, sollen nun die Juniorprofessoren schaffen: Mit den Studenten und dem angehenden wissenschaftlichen Nachwuchs arbeiten, nebenbei noch ein bis zwei herausragende Monographien schreiben, Forschungsgruppen leiten, Bücher und Zeitschriften herausgeben auf Konferenzen brillieren, hervorragende Vorlesungen halten, sich um ausgeschriebene Professuren bewerben - und vor allem sollen sie sich dabei beeilen! Gegenüber den heutigen, nun auszusondernden Berufungskadern haben die künftigen Juniorprofessorinnen und -professoren insofern einen Vorteil, als sie schon von vornherein wissen, dass und wann einmal ihre Beschäftigungs-Uhr abgelaufen sein wird. Die juristischen Architekten der Regelung freuen sich darüber, dass eine Beschäftigung von Wissenschaftlern im Hochschulsektor nun nur noch deren Qualifikation dient, und dass "der regelmäßige Austausch des Personals" die "Innovation" sichert. Das erinnert an die Überlegungen, wie man in der Automobilindustrie die Modellzyklen verkürzen oder in einem Container-Hafen die Umschlagsquote erhöhen könnte. Wie in der Wirtschaft geht es darum, Geschwindigkeit und Ausstoß zu erhöhen. Die Bildung von künftigen Professoren - also eines Charakters, der als Lehrer, Forscher und Leiter sich der Verantwortung für "seine" Mitarbeiter und seine Projekte sachlich und menschlich gewachsen sieht - soll schnell und noch schneller vonstatten gehen. Und die Ausbildung der Studierenden sowieso.
Doch die Idee der Universität war eine andere. Die Universität war ein Raum mit einer eigenen Systemlogik, in dem etwas verhandelt, bedacht und produziert wurde, was auf das gesamte Gemeinwesen ausstrahlen sollte, aber eben nicht außerhalb dieses universitären Raumes entstehen konnte. Gesellschaften stabilisieren sich unter anderem dadurch, dass es Bereiche mit unterschiedlichen Systemrationalitäten gibt, die relativ autonom funktionieren. Das Lähmende und Zerstörende in der DDR war ja auch, dass die Politik die Autonomie und die spezifische Logik von Kunst und Wissenschaft ignorierte und diese Bereiche kolonisierte. Heute ist wieder zu beobachten, wie die Universitäten und Hochschulen von einer ihnen fremden Systemlogik kolonialisiert werden. Nun ist es der ökonomistische Rationalitätstypus und das Zeitregime der Wirtschaft, wo man anders denkt und die Uhren anders ticken.
Die politisch Herrschenden in der DDR wollten keine autonome Wissenschaft und Kunst, man meinte schließlich selbst am besten Bescheid zu wissen, was die Menschen brauchten, worüber sie sich Gedanken machten sollten und wohin sich die Gesellschaft "historisch entwickeln" würde. Wissenschaft und Kunst hatten diese feststehende Idee lediglich umzusetzen, Fachkräfte dazu auszubilden und zu inspirieren. Mehr wurde von den Intellektuellen nicht erwartet und erwünscht. Heute scheinen die Erwartungen an Wissenschaftler und Intellektuelle ähnlich gesunken zu sein. Wieder ist der große Weltenplan fertig. Das private Geld, die Investoren mit ihren privatistischen Gewinnerwartungen sind zu locken, ihnen ist - auch von der Politik - zu dienen. Die Menschen, das Humankapital, sind fachlich, moralisch und psychisch so weit zu formen, dass sie diesen status quo von privaten Geldern und Zwecken einerseits und den öffentlichen und gemeinschaftlichen Dienstbarkeiten andererseits nicht stören. Dazu braucht man wirklich keine Uni alter Prägung. Das heißt natürlich nicht, dass es künftig nur noch private Business Schools geben würde, die sich mit einer Art politisch unterstütztem Etikettenschwindel vielleicht sogar "Universität" nennen dürften. Natürlich wird es weiter gediegene universitäre Bildung und Spitzenforschung geben - an privaten Einrichtungen. Dass der Zugang zu diesen Einrichtungen wie auch deren inhaltliche Ausrichtung dann aber noch demokratisch und öffentlich diskutierbar sein soll, scheint fraglich.
Neben diesem Tendenzwechsel von einst eher öffentlich und demokratisch ausgehandelter Produktion von Bildung, von Werten, Problemsichten und Visionen hin zu privater Produktion dieser wichtigen Kulturgüter gibt es noch eine andere Trendwende. Wir erleben die fortgesetzte Entwertung von Kultur und einen Statusgewinn von instrumenteller Wissenschaft und ihrer erfolgreichen Vermarktung. Anfang des 20. Jahrhunderts diskutierten die deutschen Ingenieure und Technikwissenschaftler in der Zeitschrift Technik und Kultur (1910-1941) unter anderem darüber, wie man ihrem Stand mehr Prestige verschaffen könnte. Schließlich sei es die Technik und Industrie gewesen, die Deutschland diesen rasanten Wandel und Aufstieg beschert hatte. Die zentralen Referenzen ihres Diskurses waren die des bildungsbürgerlichen Hegemonialdiskurses: Kant und die Zahl oder Goethe und die Physik lauteten die Überschriften der Aufsätze. Man wollte zeigen, dass man gleichwertig ist: Auch Technik ist Kultur. Heute ist es beinahe umgedreht. Ende der neunziger Jahre wurden in einem "Integrationsprogramm für Geisteswissenschaftler" der Wirtschaft die nun überschüssigen Kader mit dem Slogan angeboten: Mit Kant und Kafka in die Wirtschaft. - Auch wir, so sollten die Sozial- und Geisteswissenschaftler begreifen, sind brauchbar für die globalisierte Wirtschaft. Wir haben nicht umsonst studiert, promoviert, habilitiert. Übrigens ist Kafka ja vor allem für die Biotechnologie interessant, schließlich ist hier die Verwandlung von Menschen in Käfer schon geglückt.
So also scheint heute wieder eine Phase anzustehen, in der sich Intellektuelle, Künstlerinnen oder Wissenschaftler wieder in der "Produktion bewähren" - und sich für den Wirtschaftsstandort Deutschland wirklich nützlich machen können.