Mit Kernenergie rettet man kein Klima

Im Gespräch Bärbel Höhn, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, über AKW-Legenden und AKW-Laufzeiten sowie die Endlichkeit der Uran-Ressourcen

FREITAG: Atomenergie ist wieder gefragt, aber erleben wir auch wirklich eine Renaissance der Atomkraft, wie behauptet wird?
BÄRBEL HÖHN: Weltweit werden jedes Jahr mehr Atomkraftwerke stillgelegt als neue gebaut, weil die meisten einfach zu alt sind. Schon um die jetzige Zahl an AKWs zu halten, müsste man in den nächsten 15 Jahren alle zwei Monate ein neues ans Netz bringen. Ich erwarte eine Riesenwelle an Abschaltungen. Und wenn einmal eines aufgebaut wird wie Olkiluoto-3 in Finnland, gilt das der Atomlobby als großer Meilenstein. Ohne massive Subventionen sind solche Bauten nicht möglich, was die Briten noch merken werden. Mich interessiert derzeit vor allem, ob sich die Bayerische Landesbank nicht nur in Amerika, sondern auch noch mit ihren Krediten bei den finnischen AKWs verspekuliert hat.

Hat die Atomwirtschaft recht, wenn Sie sich als ein Klimaretter präsentiert?
Kurt Beck hat einmal gesagt, ein AKW erzeuge soviel Kohlendioxid wie ein Braunkohlekraftwerk. Das ist natürlich falsch. AKWs stoßen zwar kein Kohlendioxid aus, aber bei der Errichtung, beim Uranabbau und bei dessen Transport fällt eine Menge davon an. Der entscheidende Punkt ist: AKWs sind ineffizient - sie produzieren nur Strom, ihre Abwärme geht verloren. In dezentralen Anlagen, etwa Blockheizkraftwerken, werden hingegen Strom und Wärme gleichzeitig genutzt, was deren Kohlendioxid-Bilanz besser aussehen lässt.

Auf der Weltklimakonferenz in Bali Ende 2007 wurde die Atomenergie freilich als ein Weg zu mehr Klimaschutz anerkannt. Stützt dies nicht die These von der Renaissance der Atomkraft?
Bevor die Schlusserklärung von Bali verabschiedet wurde, befassten sich die Politiker noch einmal damit, so dass derartige Formulierungen hinein gerieten. Wir wissen von den Franzosen, wie sehr sie die Atomkraft verteidigen - Briten und Amerikaner ebenso. Natürlich bemühen die Energieunternehmen gern den Klimaschutz als Argument, aber weltweit steuert Atomkraft nur gut zwei Prozent zur Endenergie bei. Damit lässt sich das Klima nicht retten.

Im Europaparlament wurde gerade ein Bericht über konventionelle Energiequellen, darunter die Kernenergie, verabschiedet. Neun deutsche Sozialdemokraten stimmten zu. Droht auch in der SPD-Bundestagsfraktion ein Stimmungswandel?
Die SPD war nie zu 100 Prozent gegen die Atomkraft. Seit langem gibt es bei den Sozialdemokraten zwei Strömungen in dieser Frage. Der Atomausstieg war deshalb ein Kampfakt für uns Grüne: Damals war die SPD-Basis im Wesentlichen auf unserer Seite - nicht die höhere Etage. Daran hat sich wenig geändert. Einen Stimmungsumschwung in der Bundestagsfraktion der SPD sehe ich derzeit aber nicht.

Der unter Rot-Grün beschlossene Atomausstieg hätte ein Vorbild für andere Staaten sein können. Wieso kam es anders?
Als Angela Merkel dann im Bundestagswahlkampf 2005 längere Laufzeiten für AKWs verlangte, zeigte sie erneut aller Welt, wie umstritten das Thema hierzulande ist. Ein ganz anderes Beispiel ist das Erneuerbare-Energien-Gesetz: Über 40 Länder haben es übernommen. Mittlerweile wird es sogar von der CDU unterstützt.

Weshalb macht sich die CDU überhaupt für längere Laufzeiten stark - nur aus Lobbyismus für die Atomwirtschaft?
Sie tut es, weil ein abgeschriebenes Kernkraftwerk den Betreibern jeden Tag eine Million Euro einbringt. Und Frau Merkel hofft, dass die Strompreise fallen, wenn die Unternehmen so hohe Gewinne machen. Sie irrt sich. Denn der Energiepreis richtet sich nach dem teuersten Kraftwerk, das zugeschaltet wird. Derzeit können die vier großen Energieunternehmen in Deutschland also täglich ihre Kriegskasse füllen, die Gewinne wuchsen in den vergangenen fünf Jahren von sechs auf 18 Milliarden Euro. So stärkt man die Macht derer, die man bezwingen muss, um eine Energiewende herbeizuführen.

Was fürchten Energieunternehmen mehr: eine dezentrale Energieerzeugung oder wenn die Atomkraft einen Imageschaden erleidet?
Die großen Unternehmen stört, dass sie ihr Monopol auf die Stromerzeugung verlieren, je mehr Strom-, Wind- und Wasserkraft ausgebaut werden. Noch besitzen sie zwar das Langstreckennetz, 80 Prozent der Produktion und sind an zahlreichen Stadtwerken beteiligt. Doch ihre Macht schwindet: Je mehr Akteure auf den Markt drängen, desto mehr verlieren die Monopolisten Macht und zugleich die Kontrolle über die Preise. Derzeit werden 14 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien gewonnen, bis 2020 sollen es 40 Prozent sein.

Wer erzeugt dann die restlichen 60 Prozent?
Natürlich wird es 2020 noch Atomkraft- und Kohlekraftwerke geben. Erst nach und nach gehen sie vom Netz. Wir Grüne setzen aber vor allem auch auf Einsparung beim Energieverbrauch.

Nur nimmt der momentan nicht ab, die Energieeffizienz wird auch nicht besser.
Aber der Ausstoß von CO2 ist im Vorjahr gesunken ...

... weil der Winter so warm war.
Sicher, deshalb muss in Sachen Effizienz gehandelt werden. Wir brauchen mehr Blockheizkraftwerke, Sparprogramme und Gebäudesanierung.

Wie bewerten Sie es, wenn sich deutsche Unternehmen im Ausland am Bau von Kraftwerken einer neuen Generation beteiligen?
Sie zementieren die Atomkraft weltweit und übersehen dabei geflissentlich, dass viele Staaten nur AKWs wollen, um später die Atombombe bauen zu können. So tragen deutsche Firmen dazu bei, dass die Verhältnisse weltweit unsicherer werden.

Angenommen, all die AKWs, die geplant werden, würden tatsächlich gebaut: Wie lange reicht der Brennstoff Uran dafür aus?
Das Umweltministerium nimmt an, bis 2050 und damit kaum länger als eine Generation.

Das Gespräch führte Dirk F. Schneider

Bärbel Höhn, MdB, sitzt für Bündnis 90/Die Grünen im Bundestagsausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit.

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00:00 20.03.2008

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