Mit Kerosin übergossen

Im Gespräch Rukhshanda Naz, Vertreterin der pakistanischen Zivilgesellschaft, über Benazir Bhutto und die Talebanisierung ihres Landes

Rukhshanda Naz (40) ist Anwältin, Frauenrechtsaktivistin und gehört der pakistanischen Menschenrechtskommission an. In Peshawar, der Nordwestprovinz an der Grenze zu Afghanistan, leitet sie Pakistans größte Frauenorganisation Aurat. Geboren in Belutschistan, hat sie ihre Emanzipation gegen eine konservative Familie hart erkämpft. Mit 15 trat sie in einen Hungerstreik, bis die Eltern ihr erlaubten, eine weiterführende Schule zu besuchen. Da die Juristin ledig ist, gilt sie als negatives Beispiel für andere Frauen: Erfolgreich, aber ohne Mann.

FREITAG: Vor zwei Jahrzehnten war Benazir Bhutto als erste Frau an der Spitze eines muslimischen Landes für westliche Medien ein Star, nun will sie erneut Premierministerin werden. Was haben Sie als Frauenrechtlerin bei ihrer Rückkehr nach Pakistan empfunden?
RUKHSHANDA NAZ: Sie ist schon lange keine Hoffnungsträgerin mehr, sie hat alle Erwartungen betrogen, in ihrer letzten Amtszeit gab es so viel Korruption! Sie verfolgt allein ihre persönlichen Interessen, es geht ihr nur um Macht.

Die Anklagen wegen Korruption gegen Bhutto wurden fallengelassen, als Teil eines politischen Deals zwischen ihr und Präsident Musharraf. Wie kommt das im Land an?
Daran scheiden sich die Geister, viele sind darüber sehr frustriert. Es sitzen so viele Pakistani für vergleichsweise winzige Vergehen im Gefängnis. Und die reiche Benazir genießt ihr Leben! Viele sagen jetzt: Sie kommt aus der Elite, also wird für sie das Recht verbogen.

Bhutto will sich im Januar wählen lassen. Wie verhalten sich im Augenblick die Organisationen der Zivilgesellschaft und die unabhängigen Medien?
Aus den Reihen der Nichtregierungsorganisationen sind "Koalitionen für freie und faire Wahlen" gegründet worden. Bisher liegt die Politik fast ausschließlich in den Händen der feudalen Schicht; deren Kandidaten haben Beziehungen, Geld und oft auch Unterstützung aus dem Militär. Die Wahlen im Januar werden deshalb nicht frei und nicht fair sein. Zum Glück haben sich die Medien stark verändert; früher gab es nur englischsprachige progressive Zeitungen. Jetzt bieten auch Urdu-sprachige Medien Raum für Debatten über Bürgerrechtsfragen.

Von Ihren 80.000 Anwalts-Kollegen in Pakistan sind viele auf die Straße gegangen, um gegen die willkürliche Entlassung des Obersten Richters zu protestieren. Unter dem Druck der Straße musste Präsident Musharraf einlenken. Der Beginn einer neuen demokratischen Bewegung?
Jedenfalls ein Hoffnungsstrahl; endlich bewegt sich wieder etwas! Die sozialen Bewegungen sind durch die langen Zeiten der Diktatur in Pakistan sehr beschädigt. Außerdem ist es gefährlich zu demonstrieren. Es gab Bomben auf die Anwälte, sie wurden zusammengeschlagen, auf manche wurde sogar Kerosin geschüttet, sie erlitten schwere Verbrennungen. Es gibt bei allem, was man tut, immer ein hohes Risiko.

Der Oberste Richter hatte den Zorn von Regierung, Armee und Geheimdienst geweckt, weil er forderte, das Schicksal Hunderter so genannter Vermisster zu klären.
Deren Zahl steigt im Moment sogar. Auch Anwälte sind gefährdet. Ein Kollege, der öffentlich die Grundstücksgeschäfte der Armee kritisiert hatte, wurde vor dem High Court von Peshawar in ein Militärauto gezerrt, gefoltert und dann an einer Straße abgeladen. Glücklicherweise hat er überlebt. Wir haben zu konkreten Fällen von Vermissten eine öffentliche Gerichtsverhandlung inszeniert, mit echten Zeugen, aber wir haben das vorsichtshalber in den Räumen des Presse-Clubs getan; anderswo wäre es zu gefährlich gewesen.

Welche Folgen für Ihre Arbeit haben die Luftangriffe auf tatsächliche oder vermeintliche Taleban-Verstecke?
Nach jedem Luftschlag mit zivilen Toten ist die Stimmung so aufgeladen, dass es Angriffe gibt auf Büros von Gruppen wie uns, weil wir im Ruf stehen, westliche Ziele zu verfolgen. Säkularer Staat, Anti-Diskriminierung, das gilt als westlich. Die Lage wird immer schlimmer, die Unsicherheit ist extrem hoch. Die meisten NGOs haben schon die Schilder an ihren Bürotüren entfernt. Dabei protestieren wir gegen die Luftangriffe und sind unparteiisch - aber wer nimmt das zur Kenntnis? Es sind auch Mitarbeiterinnen von uns ermordet worden.

Wie können Sie bei alldem überhaupt Ihre Arbeit aufrechterhalten?
Wir müssen uns verbarrikadieren. Wir verpulvern unsere Energie mit Sicherheitsmaßnahmen! Neulich haben wir ein Versöhnungs-Training gemacht, auch mit Männern, da mussten wir vorher Leibesvisitationen durchführen. Es ist schrecklich, es beleidigt unsere Gäste. Es ist zudem schwer, Hilfe von außen zu bekommen. US-AID bietet uns Geld an, aber wir nehmen kein Geld aus den USA.

Es gibt Berichte über eine Talebanisierung der Stammesgebiete an der afghanischen Grenze. Was bedeutet das konkret?
Dass zum Beispiel kleine, radikal-religiöse Radiostationen Gewaltaufrufe gegen Frauen verbreiten. Sie drohen: "Mädchen müssen Burka tragen oder ihre Schule wird bombardiert." Daraufhin ordneten etliche Schulleiter Burkas an für Drittklässlerinnen. Andere Mädchenschulen sind ganz geschlossen worden. Die Talebanisierung ist auch eine Tarnung für herkömmliche, patriarchalische Verbrechen. Zwei Frauen wurden geköpft, bei ihren Leichen lag ein Brief: "Wir, die Taleban, haben sie getötet, weil sie ausgegangen sind, und wir erlauben das nicht." Wir recherchierten den Fall und fanden heraus: Die Frauen wurden wegen eines Erbschaftsstreits von ihrer eigenen polygamen Familie umgebracht.

Das klingt nach Horror.
Ja. Wir wissen oft nicht, wer unser Feind ist: Sind es die Taleban oder unsere Familien? Für jedes zweite Verbrechen werden jetzt die Taleban beschuldigt. Die Leute benutzen sie, um ihre Rechnungen zu begleichen, speziell gegen Frauen. - Talebanisierung ist auch ein Etikett für einen Trend in der Gesellschaft. Als ich neulich in Peshawar einmal ohne Schal auf dem Kopf in meinem Auto saß, griff ein kleiner Junge durch das Wagenfenster und rief: "Bedecke dich!" In Islamabad stieg ich im Sommer aus dem Auto, mein Hemd war verknittert, ich wollte es gerade glatt ziehen, da rief schon ein Mann, der da herumsaß: "Du musst dein Kleid in Ordnung bringen!" Das sind keine Taleban. Wir sagen bei uns: Es gibt eine kleine Schicht von richtig Feudalen, aber viele mit feudalistischem Bewusstsein. So ist es auch mit den Taleban. Es sind nur wenige, aber die Mentalität, das Leben von Frauen im Namen der Religion zu kontrollieren, nimmt zu.

Das Gespräch führte Charlotte Wiedemann


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