Mit Macht auf Sendung

Öffentliche Sender Statt auf Qualitätsjournalismus zu setzen, käuen die öffentlich-rechtlichen Sender konformistische Meinungen wieder. Kritik oder gar Originalität: Fehlanzeige

Verblüffend. Verblüffend. Neuerdings sieht man in den öffentlich-rechtlichen News-Sendungen schon mal einen etwas weniger staatstragenden Bericht über unseren neuen Bundesminister des Auswärtigen. Anderntags macht sich ein Reporter offen lustig über die wirren finanzpolitischen Pläne der Regierung. Das gelegentlich erstaunlich ungemütliche Medienmagazin „Zapp“ des NDR erhält die Weihen des Hauptprogramms. Was ist los?

Zehn Jahre einer faktischen großen Koalition liegen hinter uns. Die bleiernen Zeiten einer fast totalitären Fixierung auf ein halbes Dutzend dürftig begründeter Maximen des politischen Handels und Denkens sind vorbei. Wer in jenen Jahren Bedenken gegen die Wonnen des Neoliberalismus hegte oder an Sinn und Rechtmäßigkeit der militärischen Afghanistan-Mission zweifelte, musste bei auflagenschwachen Kampfblättern um mediales Asyl bitten.

Wir wollen die Erleichterung nicht übertreiben. Der Vorhang hat sich ein wenig gehoben, die schlimmsten Auswüchse sind vorbei, eine so infernalische Propagandanummer wie die Gedenkstaffel zum Mauerfall ist vorläufig so nicht mehr zu erwarten. Doch wie haben wir das zu verstehen? Wieso hat der öffentlich-rechtliche Qualitätsjournalismus in den vergangenen zehn Jahren so meisterhaft seine Qualitäten versteckt? Wieso erleben wir nach der Bundestagswahl eine wenigstens in Ansätzen etwas lockerere, etwas differenziertere Berichterstattung? Es scheint, dass der Blick, den der gegenwärtige Journalismus auf die Welt riskiert, stets parlamentarischer Deckung bedarf. Hätte es im Parlament eine nennenswerte Opposition gegen die Agenda 2010 gegeben, dann hätte es auch nicht dieses flächendeckende mediale Einverständnis mit den neoliberalen Reformen gegeben. Die Entlassung von Nikolaus Brender als ZDF-Chefredakteur in der vergangenen Woche ist nur ein weiteres Beispiel für das Kuschen der Öffentlich-Rechtlichen vor der Macht.

Willkommen zur Tagesshow

Dieter Hildebrandt hat vor Jahrzehnten gesagt, die Tagesschau habe den Informationswert eines Fix Das stimmt, wenn man einen klassischen Informationsbegriff zugrunde legt. Die Berichterstattung über die Agenda 2010 ist aber ein schönes Beispiel dafür, wie die parlamentarischen Perspektiven exakt in Sprach- und Bildregelungen übersetzt werden. Insofern kommt der Tagesschau sogar ein hoher Informationswert zu: besser kann man kaum abbilden, was wir nicht wissen sollen. Allein, mit unabhängigem Journalismus hat das nichts zu tun.

Am 13. November vernehmen wir in der Tagesschau eine erfreuliche Meldung: Die fünf Hauptverdächtigen der Anschläge vom 11. September sollen von Guantanamo nach New York der zivilen Gerichtsbarkeit überstellt werden. Man fragt sich, was der Nachricht ihr Gewicht verleiht. Wahrscheinlich geht es um einen weiteren Nachweis der zivilisatorischen Fortschrittlichkeit der USA unter Obama. Dahinter verschwindet die eigentliche Sensation dieses Berichts. Sie besteht aus zwei Statements des amerikanischen Justizminister Eric Holder, der verkündet: „Ich hätte die Anklage vor einem Zivilgericht nicht zugelassen, wenn wir nicht glauben würden, dass sie am Ende erfolgreich ist.“ Mit anderen Worten: Der Ausgang des Verfahrens steht längst fest. Damit kein Missverständnis entsteht, bekräftigt Holder: „Ich gehe davon aus, dass wir die Staatsanwälte dazu bringen, für jeden der mutmaßlichen Verschwörer die Todesstrafe zu beantragen.“ Da verkündet also der Justizminister der mächtigsten Demokratie auf Erden, dass ihn der Rechtsstaat einen Dreck schert. Die Tagesschau feiert das als Rückkehr der USA zu zivilen Rechtsnormen und beruhigt gleichzeitig die Zuschauer, dass die Terroristen schon nicht freikommen. So funktioniert die Tagesschau als reibungslose Einweisung in das feine Spiel der gerade geltenden Sprachregelungen.

Rudel statt Recherche

„Oh, Sie halten also sämtliche Journalisten für korrupt“, wird man mir mit überlegener Empörung entgegenhalten. Nein, ich halte sie bloß für außerordentlich konformistisch. Und Konformismus ist für alle Seiten die billigste und effizienteste Lösung. Wer die Routinen medialer Betriebe ein wenig aus der Nähe kennt, weiß, dass Konformismus die sicherste Währung ist: Rudelbildung bietet den größten Schutz. Das fast reibungslose Funktionieren des Konformismus, hat eine stabile Grundlage: Journalisten wissen nicht, was sie tun. Wenn man einen erfahrenen Journalisten fragt: „Wie kann eigentlich der Journalismus Zeugnis von der Welt ablegen?“ – dann wird er meist schon die Frage putzig finden, bestenfalls wird er ein paar Sätzchen aus dem Katechismus des Journalismus in der freien Welt zum besten geben. Die haben aber mit den Produkten des real existierenden Journalismus nichts zu tun. Dabei wäre ihre Umsetzung der Auftrag der Journalisten – insbesondere beim gebührenfinanzierten Rundfunk.

Wer sich die Qual antut, einige hundert Ausgaben etwa der Tagesschau anzusehen, ringt bald mit Lähmungserscheinungen. Hundertfach sehen wir ihren Karossen entsteigende Politiker, gestelltes Händeschütteln, durch und durch vorhersehbare Ansprachen von mobilen Kanzeln aller Art und Experten, die vor Bücherregalen nachdenklich in Schriften blättern. Die Tagesschau stellt das Reale still, friert sie in Ereignissen ein, in denen die Wirklichkeit Audienz gewährt. Sendungen wie die Tagesschau sorgen dafür, dass die Welt so aussieht, als schließe sie unmittelbar an die Tagesschau von gestern an und als sei dies der tiefste Sinn des Laufs der Dinge. In Wahrheit ist die Welt wild, widersprüchlich, durchgeknallt und eben auch hinreißend. Mit Sicherheit findet sie nicht statt als eine Folge abfilmbarer Ereignisse.

Wir wissen einfach nicht, wo und wie die Welt gestrickt wird. Geht es um die Klimaveränderung, geht es um die neuesten Fortschritte der Gentechnologie, geht es um Hunger, um Wasser, um ökonomische Prozesse in China oder um die clouds im Web 2.0? Man muss ja nicht gleich postmodern werden. Es reichte, wenn die Tagesshows endlich davon abließen, die Welt im wesentlichen als eine Angelegenheit von ein paar Dutzend Staatsschauspielern mit grausamen Texten darzubieten, wenn Journalisten damit aufhörten, den Stand der Dinge aus der Perspektive der gerade geltenden parlamentarischen Vernunft zu schildern, und stattdessen die Welt als unlösbare Aufgabe einer jeden Berichterstattung behandelten. Dann bestünde vielleicht eine Chance zu verhindern, dass Generationen von jungen Leuten ins Internet abbiegen, wo sie sich sicher vor Merkels wirren Bekenntnissen zu mehr Wachstum fühlen dürfen. Dann wäre es zwar mit der Tagesschau als Familienzeremonie vorbei, als ritueller Kommunion, die uns mit den Sünden der Welt erwärmt – doch wir wären in einem Zustand, in dem die Frage: „Was ist eigentlich journalistische Information?“ nicht mehr nach Oberseminar klänge, sondern uns der medialen Verfassung unseres Daseins näher brächte und nebenbei ein bisschen besser informierte. Das wäre die wahre, die wunderbare journalistische Herausforderung: von der Unruhe des Realen vorläufiges Zeugnis abzulegen.

Walter van Rossum ist Autor des Buches Die Tagesshow. Wie man in 15 Minuten die Welt unbegreiflich macht (Kiepenheuer und Witsch)

11:30 03.12.2009

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