Mit Marx beim ESC

Musik Nicht alle Eurovisionsforscher interessieren sich für Gender- und Identitätsfragen. Für manche zählt nur die Quote
Mit Marx beim ESC
Der ESC als eine Repräsentation Europas - stimmt das?

Bild: Jonathan Nackstrand/AFP/Getty Images

Wer behauptet, ein Sieg beim Eurovision Song Contest (ESC) ließe sich nicht vorhersehen, hat keine Ahnung. Ebenso gut könnte er sagen, es sei reiner Zufall, dass Bayern München und Borussia Dortmund die Bundesliga beherrschen. Der Unterschied ist nur, dass das Fanwissen über Fußball eine andere gesellschaftliche Anerkennung genießt und wir die Spielergebnisse jede Woche in der Tagesschau präsentiert bekommen.

Um den ESC herum gibt es vor allem online eine rege Wettszene. Die Gewinne oder Verluste gehen in die Tausende. Daniel Gould, Betreiber von sofabet.com, hat für ESC-Wetten seinen Job als Geschichtslehrer an den Nagel gehängt. Wer so sein Geld verdient, muss sich seiner Sache sicher sein. Es gibt klare Faktoren, die über das Schicksal eines Lieds entscheiden. Zum Beispiel die Startreihenfolge. Als einer der Letzten aufzutreten, gilt als Vorteil, weil der Eindruck beim Voting noch frisch ist. Auch das oft zitierte Bloc Voting (ehemalige Sowjetstaaten oder die Skandinavier stimmen füreinander)spielt tatsächlich eine Rolle, ebenso wie die sogenannten Diasporastimmen: Migranten rufen mehrheitlich für ihr Heimatland an.

Tabellen studieren

Osteuropäische Länder schneiden aber auch deswegen oft so gut ab, weil sie viel Geld in die Produktion von Song und Bühnenshow stecken – und ohne Hemmungen ihre gröβten Stars zum ESC schicken, so wie dieses Jahr Russland Sergey Lazarev, der im Moment auf Platz eins gesetzt ist.

Diese Sachverhalte muss man unabhängig von eigenen Vorlieben und nationaler Verbundenheit nüchtern betrachten, wenn man beim ESC mit Wetten Geld verdienen will. Der Wettende darf nicht politisch sein. Ob es ihm passt, dass ein schwulenfeindliches Russland gewinnt oder nicht, spielt nur insofern eine Rolle, als dass er mitbedenken muss, ob das Abstimmungsverhalten Europas insgesamt von Solidarität mit Lesben, Schwulen und Transgendern geprägt ist.

Mit Marx gesprochen: Nicht der Gebrauchswert des ESC, sondern sein Tauschwert bestimmt das Handeln des Wettenden. Ihn interessiert das Gesetz des Markts, dessen Bewegungen er in Tabellen auf Online-Foren und auf den Seiten der Wettbüros sorgsam studiert. Sein Blick ist äußert präzise, denn er muss so viele Details zusammentragen wie möglich, um den Wissensvorsprung gegenüber seinen Konkurrenten weiter auszubauen. Die genaue Kenntnis des jeweiligen ESC-Jahrgangs wie auch der Geschichte des ESC sind dafür die Voraussetzung. Der Wissensstand des Wettenden übertrifft dabei leicht denjenigen von offiziellen ESC-Funktionären. Gerade in den gröβeren westeuropäischen Ländern haben die Zuständigen bei den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten oder die nationalen Jurymitglieder oft verblüffend wenig Ahnung vom Wettbewerb.

Für den Wettenden geht es nicht um die guilty pleasures, die der ESC-Pop dem Fan anzubieten hat, oder um Werte wie soziale Gerechtigkeit, die der Kritiker im Auge hat. Der Wettende folgt dem Pragmatismus eines angeblich alternativlosen Systems, in dem es wie auf dem Aktienmarkt nur noch darum geht, sich auf schnellstmögliche Weise die gröβten Gewinnchancen auszurechnen.

Oft wird der ESC als eine der wenigen verfügbaren Repräsentationen Europas angesehen. Ein Abend, an dem vor dem Fernseher „Europa“ erlebt werden kann. Welches Bild sehen wir da? Im unsentimentalen Blick des Wettenden ist es das neoliberale Europa der Märkte, das kulturellen und sozialen Werten gegenüber letztlich gleichgültig bleibt.

06:00 13.05.2016
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