Mit Nolte Schlitten fahren

Gewalt „Gewalt - sechs abseitige Reflexionen“: Slavoj Žižek holt die antikapita­listische Philosophie aus dem Elfenbeinturm, offenbart aber auch Geschmacklosigkeit

Die New York Post dichtete dem 62-jährigen Philosophen Slavoj Žižek kürzlich eine „intensive Freundschaft“ mit Lady Gaga an. Was sich als Ente erwies, beschreibt recht gut den popkulturellen Status von Slavoj Žižek, der laut Lady Gaga ein „mysteriöser Marxist“ ist.

Der aus Slowenien stammende und in Buenos Aires und London lebende Žižek erklärt bei seinen Lesungen schon mal, es ginge eigentlich darum, dem Kapitalismus die Eier abzuschneiden. Für gewöhnlich erscheinen Žižeks Bücher hierzulande – stets mit einer gewissen Verzögerung – bei Suhrkamp, bei Turia und Kant, bei Merve, im Kadmos-Verlag, im Passagen-Verlag und demnächst wieder bei Fischer. Seit Neuestem verlegt auch der auf linksradikale Theorie und Zeitgeschichte spezialisierte Hamburger Laika-Verlag die Bücher des bärtigen Kommunismus- und Psychoanalyse-Gurus. Bis Ende des Jahres sollen dort drei Titel von ihm erscheinen. Den Anfang macht seine 2008 im Original verlegte Essaysammlung Gewalt – Sechs abseitige Reflexionen.

Wer darin nun einen radikalen Aufruf oder gar eine Verklärung revolutionärer Gewalt erwartet, wird enttäuscht. Das Motto Žižeks ist hier – wie immer, wenn es um sein Lieblingsthema geht – die Zukunft des Kommunismus und der emanzipatorischen Politik: einen Schritt zurücktreten und das von kapitalistischen Ideologien verzerrte Gesamtbild betrachten. Zum Thema „Gewalt“ empfiehlt Žižek einen schielenden Blick, um Strukturen und Hintergründe zu erkennen. Ansonsten bliebe nur die Wahrnehmung des Offensichtlichen, also dessen, was er als subjektive Gewalt bezeichnet: zum Beispiel Ausschreitungen oder terroristische Anschläge.

Abu Ghraib

Was ist aber mit der dahintersteckenden symbolischen oder einer objektiven und systemischen Gewalt? Der Essayband, der in Großbritannien und in den USA bereits breit rezipiert wurde, ist an einer nachrichtlichen Aktualität entlanggeschrieben. Das macht die Texte für eine große Leserschaft interessant und holt die antikapitalistische Philosophie und psychoanalytische Gesellschaftskritik aus dem akademischen Elfenbeinturm heraus. Neben einer Lektüre der Banlieue-Aufstände und der Situation nach dem Hurrikan Katrina – zwei Hauptmotive im vieldiskutierten Manifest Der kommende Aufstand – widmet sich Žižek Bill Gates’ Benefiz-Zirkus als integrativem Bestandteil des radikalen Markt-Liberalismus, den fundamentalistischen Ausschreitungen als Reaktion auf die Mohammed-Karikaturen, den Anschlägen vom 11. September und den Folterungen in Abu Ghraib, die er als faschistische Initiationsriten in die amerikanische Popkultur interpretiert.

Ein generelles Problem von Žižeks popkommunistischen und psychoanalytischen Rundumschlägen liegt in der mangelnden Kohärenz seiner slalomartigen Gesellschaftslesart über die Gesamtlänge des Textes. Auch wenn er stellenweise sehr pointiert schreibt. So bunt der Strauß an anekdotenhafter Abarbeitung semi-aktueller Themen ist – Žižeks Texte beziehen sich im Grunde auf die Nachrichten-Headlines von vorgestern.

Dabei gibt es im Epilog – in dem Žižek zusammenfassend schwadroniert, wie schwierig es sei, wirklich gewalttätig zu sein und mit Maßstäben des sozialen Lebens zu brechen – einen skandalträchtigen Absatz, dem durch die Neuauflage des Historikerstreits hierzulande plötzlich überraschende Aktualität verliehen wird. „So verrückt und geschmacklos es auch immer klingen mag, so besteht dennoch das Problem mit Hitler darin, dass er nicht gewalttätig genug war“, schreibt Žižek. Er meint damit, Hitler sei der radikalste Pol einer kapitalistischen Ordnung gewesen, welche jegliche Veränderung durch den Kommunismus verhindert habe. „Alle seine Aktionen waren nichts weiter als Reaktionen: Er handelte stets so, dass alles beim Alten blieb. Er handelte, um die Möglichkeit eines echten Wandels durch die Kommunisten zu verhindern.“ In dieser Argumentation fährt Slavoj Žižek, wenn wohl auch unfreiwillig, mit dem Historiker Ernst Nolte Schlitten. Der behauptete im Historikerstreit vor 25 Jahren, der Nationalsozialismus sei in erster Linie die Reaktion auf eine kommunistische Bedrohung gewesen. In Noltes Argumentation waren Stalins Verbrechen eine „asiatische Tat“, die Hitler dann mit seinen Verbrechen nachahmte.

An anderer Stelle in den Essays zur Gewalt erwähnt Žižek Ernst Nolte sogar kurz als „revisionistischen Historiker“ im Zusammenhang mit Sloterdijk – der in diesem Band sein Fett reichlich wegkriegt – und dem Begriff des Linksfaschismus. Wobei sich Žižek heftig gegen eine irgendwie geartete Gleichsetzung von linkem und rechtem „Zorn“ wehrt. Nun ist Žižeks Argumentation weit entfernt von der Noltes, schließlich erklärt er den deutschen Faschismus in keiner Weise zu einer zwangsläufigen „Notwehrreaktion“ – im Gegensatz zu Nolte, dem im Historikerstreit genau das vorgeworfen wurde und in dessen Vorlesungen Ende der achtziger Jahre an der Berliner Freien Universität meist junge Männer in weißen Hemden und Jeans mit Bügelfalten den Anschein eines Saalschutzes in der ersten Reihe erweckten.

Ob Žižeks Argumentation trotzdem eine Relativierung nationalsozialistischer Verbrechen darstellt, darüber lässt sich durchaus streiten. Auf jeden Fall ist sie geschmacklos. Für den Suhrkamp-Verlag, der vor zwei Jahren den jüngsten, neu übersetzten Titel von Žižek, Auf verlorenem Posten, herausbrachte, war das Grund genug, eine ähnliche Passage aus dem englischen Original nicht zu übernehmen. Auf diese bürgerlich-autoritäre Didaktik verzichtet der Laika-Verlag, und so kann sich der Leser hierzulande selbst ein Bild machen.

Gewalt Sechs abseitige Reflexionen Slavoj Žižek, Laika-Verlag 2011, 188 S., 19,90

11:00 13.08.2011

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