Mit Puppe am Strand

Film Die Schauspielerin Maggie Gyllenhaal zeigt mit der Adaption von Elena Ferrantes „Frau im Dunkeln“ ihr Regietalent

So gewagt es ist, wenn Schauspieler:innen auf dem Regiestuhl Platz nehmen, so verblüffend souverän gelingt dieser Wechsel Maggie Gyllenhaal. Gemeint ist nicht nur die stilistische Sicherheit, mit der die aus Filmen wie The Dark Knight und Crazy Heart oder der Serie The Deuce bekannte Schauspielerin ihr Regiedebüt Frau im Dunkeln in Szene setzt, sondern auch ihr Gefühl für das Diffuse. Ihr Film erzeugt seinen Sog aus Andeutungen, Ambivalenzen und aus Tonalitätswechseln. Was als flirrender Sommerfilm beginnt, entwickelt sich zum Psychogramm einer eigensinnigen Mutter mit Thriller-Schlagseite. Beim Filmfest in Venedig wurde Gyllenhaal für das beste Drehbuch ausgezeichnet, bei der kommenden Golden-Globe-Verleihung darf sie neben Olivia Colman, die als beste Schauspielerin nominiert ist, auf den Regiepreis hoffen.

Basierend auf dem gleichnamigen Roman der italienischen Erfolgsautorin Elena Ferrante, im Original erschienen unter dem Titel La figlia oscura, widmet sich Gyllenhaal mit Fingerspitzengefühl einem wenig erzählten, kontroversen Thema: Frau im Dunkeln handelt von Müttern, die von ihren Kindern überfordert sind, davon, was es bedeutet, der Rolle als Mutter nicht gerecht werden zu können oder zu wollen. Anders als bei Lynne Ramsay allerdings, die in We Need to Talk About Kevin mit subversiver Gewalt von der Entfremdung zwischen Mutter und Sohn erzählte, kommt Frau im Dunkeln als subtile Charakterstudie daher.

Wir kommen mit Leda (gespielt von einer einmal mehr herausragenden Olivia Colman) auf der griechischen Insel Spetses an. Für die 48-jährige Literaturprofessorin aus Cambridge in Boston soll es ein „Arbeitsurlaub“ werden. Die Koffer sind voller Bücher, die Wohnung befindet sich in Strandnähe. Das Meer rauscht, der nette Strandcafébesitzer Will (Paul Mescal) erfüllt Leda jeden Wunsch. Die Ruhe scheint perfekt – bis die junge Mutter Nina (Dakota Johnson) mit ihrer Tochter und ihrer ganzen Sippe, einem Clan mit Potenzial zu mafiösen Machenschaften, wie der Plot andeutet, am zuvor angenehm leeren Strand aufschlägt.

Die laute Ankunft der in einer rosa Villa weiter oben am Berg hausenden Meute und vor allem das kurze Verschwinden von Ninas Tochter wecken bei Leda Erinnerungen. Die Professorin erkennt sich wieder in der gebeutelten jungen Mutter, sie versetzt sie zurück in die Zeit, in der sie als junge Geisteswissenschaftlerin mit Ambitionen mit den eigenen Töchtern zu „kämpfen“ hatte. „Sie werden es bald sehen. Kinder sind eine gewaltige Verantwortung“, sagt Leda zu Ninas schwangerer Schwägerin. In geschickt eingesetzten Rückblenden, die im Laufe des Films immer ausufernder ins Hier und Jetzt drängen, umreißt Frau im Dunkeln die Schattenseiten einer jungen Mutterschaft: die kleinen, nervenzehrenden Duelle mit den Kindern in den eigenen vier Wänden; die Entfremdung vom Lebenspartner; die schwierige Vereinbarkeit mit beruflicher Leidenschaft.

Leda wird hier, in ihren jungen Jahren, von einer ebenfalls fantastischen Jessie Buckley verkörpert, als impulsive, lebenslustige, auf ihr Herz und ihre Egoismen hörende Frau, ohne – und das ist eine der großen Stärken des Films – dass sie dafür verurteilt würde. Man kann ihr Handeln nachvollziehen, ohne es gutheißen zu müssen, ihre Flucht nach vorne, in die Arme eines Kollegen (Peter Sarsgaard) bei einem Kongress.

Mutterschaft, unromantisch

Mit ihren Widersprüchen, Gewohnheiten und Ticks, ihrem Lavieren zwischen gelebter Distanz und gewollter Nähe, etwa zum jungen Will oder zum ältlichen Hausverwalter Lyle (herrlich: Ed Harris), erscheint Colmans Figur zutiefst menschlich. Die französische Kamerafrau Hélène Louvart, ein weiteres Pfund in diesem prominent besetzen Film, fängt das Treiben in satten Bildern ein, die immer wieder in Großaufnahmen von Körpern und Gesichtern die intime Nähe zu den Figuren suchen.

Gyllenhaal hält vieles im Vagen. Sie weiß das Diffuse produktiv zu nutzen, um den schwer in Worte zu fassenden, von Gefühlen und Ängsten getriebenen Lebensentscheidungen und -entwürfen ihrer Hauptfigur eine filmische Entsprechung zu geben. Ledas Ängste manifestieren sich in unheilvollen Ereignissen: ein fetter Käfer, der sie nachts auf dem Kissen erschreckt, ein Pinienzapfen, der sie (gefallen oder geworfen?), am Rücken verletzt. Zentrales Motiv ist eine Puppe, die Leda Ninas Tochter klaut, ein gruselig dreinblickendes Teil, das zwischendurch Wasser und Würmer ausspuckt und von der Professorin gehegt, gepflegt und gehasst wird: ein vielseitiges, mal humorvolles, mal tieftrauriges Bild für Ledas Verhältnis zu ihrer Mutterschaft.

Mit Frau im Dunkeln setzt Netflix einen weiteren Akzent in seinem Massenwaren-Portfolio. Wie auch Paolo Sorrentinos Die Hand Gottes startete Gyllenhaals Debüt zunächst im Kino und zwei Wochen später beim Streamer – gerade noch rechtzeitig für die Oscar-Saison.

Egal ob es was wird mit der Nominierung – auf die kommenden Regiearbeiten von Maggie Gyllenhaal darf man gespannt sein. Sie liefert einen mutigen und filmisch komplexen Gegenentwurf zur romantischen Vorstellung des Mutterseins. Frau im Dunkeln erzählt von einer Emanzipation, die viel kostet: vom Elternsein zwischen Liebe und Wut, zwischen Freiheit und Schuldgefühlen. Ledas Schwindelanfälle, wenn sie zu schnell aufsteht, sind der Schwindel ihrer Mutterschaft. Wie schonungslos ehrlich.

Frau im Dunkeln Maggie Gyllenhaal USA 2021; 121 Minuten

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