Mit Schild und Schirm

Protest Greta Thunberg in Schweden und Joshua Wong in Hongkong zeigen: Man ist nie zu jung, um sich gegen die Mächtigen zu wehren
Mit Schild und Schirm

Illustration: © Felicitas Horstschäfer

Vielleicht gehört es zu einem Leben wie dem von Greta Thunberg dazu, dass irgendwann der Tag kommt, an dem man weiß: Jetzt ist es genug. Jetzt reicht es. Jetzt muss sich etwas ändern. Jetzt. Für Greta ist dieser Tag der 20. August 2018. Sie ist zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre alt. Sie hat ein weißes Schild gebastelt und gerade mal drei Worte darauf geschrieben: „Skolstrejk för klimatet“. „Schulstreik für das Klima“. Es ist dieser extrem heiße, dürre Sommer. Greta nimmt ihr Schild und stellt sich vor das schwedische Parlament in Stockholm, statt wie sonst zur Schule zu gehen. Es sind noch drei Wochen, bis am 9. September in Schweden gewählt wird. Bis dahin protestiert sie jeden Tag, danach einmal in der Woche – dies wird der Beginn der „Fridays for Future“. Denn es muss sich etwas ändern. Jetzt.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

In der Schule hatte Greta zum ersten Mal vom Klimawandel gehört. Da war sie acht Jahre alt. Sie erfuhr, dass das Verhalten der Menschen dazu führt, dass die Erde sich erwärmt, die Polkappen schmelzen und der Meeresspiegel steigt. Das war lebensgefährlich. Trotzdem unternahm niemand etwas dagegen, jedenfalls nicht so richtig.

Greta verstand das nicht. Sie begann, sich zu informieren. Sie las Artikel um Artikel, Buch um Buch, sie studierte Statistiken, schaute sich Filme an, recherchierte im Internet. Sie erfuhr, dass es Überschwemmungen geben würde, schwere Unwetter, unbändige Stürme, Waldbrände und Dürren. Es würde Hungersnöte geben. Irgendwann würde kein Mensch mehr auf der Erde leben können. Irgendwann war gar nicht mehr so weit weg. Diese Erkenntnis machte Greta depressiv. Sie fürchtete um die Zukunft des Planeten und um ihre eigene Zukunft. Greta stellte das Reden ein, verließ kaum noch das Haus und aß immer weniger.

Eine Zukunft mit Zukunft

In der Schule war sie schon immer die Außenseiterin, eine, die die anderen nicht verstehen und auch nicht richtig leiden konnten. Im Klassenzimmer saß sie allein in der letzten Reihe. Sie fühlte sich, als sei sie unsichtbar. Nun fingen ihre Mitschüler*innen an, sie regelrecht zu mobben. Greta wurde immer einsamer, es ging ihr zunehmend schlechter. Ihre Eltern, die Opernsängerin Malena Ernman und der Schauspieler Svante Thunberg, machten sich große Sorgen. Die beiden rannten mit ihr von Arzt zu Arzt, um endlich herauszufinden, was los war mit ihrer älteren Tochter. Die Diagnose lautete schließlich: Asperger Syndrom, eine Form des Autismus. Im Februar 2019 sagte Greta in einem Interview: „Ohne Asperger wäre das hier nicht möglich.“

Mit „Das hier“ meinte sie, dass sie nicht länger wegschaute, sich nicht länger vertrösten ließ. Mit „Das hier“ meinte sie, dass sie selbst aktiv wurde und sich durch nichts und niemanden davon abhalten ließ. Mit kleinen Schritten fing Greta an. Weil sie inzwischen wusste, wie schlecht es der Umwelt geht, und weil sie dieses Wissen nicht einfach ausknipsen konnte wie eine Lampe, schaltete sie zu Hause das Licht aus, wann immer es ging, um Strom zu sparen. Sie begann, sich vegan zu ernähren, ging nicht mehr sinnlos shoppen, sondern fragte sich genau, was sie brauchte. Greta tauschte sich mit Klimaforscher*innen aus und wurde selbst zur Expertin. Sie weigerte sich, ein Flugzeug zu benutzen. Sie brachte ihre Eltern und ihre jüngere Schwester dazu, sich ihrer nachhaltigen Lebensweise anzuschließen. Was sie im Kleinen, in ihrer Familie, geschafft hatte, wollte Greta auch im Großen verändern. Sonst, sagte sie, könne sie nachts nicht mehr schlafen. Darum stellte Greta sich Freitag für Freitag mit ihrem Schild vor das schwedische Parlament in Stockholm. Unerschütterlich. Ungerührt. So sah es zumindest aus. Ganz sicher war sie wild entschlossen:

„Da niemand sonst etwas tut, habe ich das Gefühl, das hier tun zu müssen.“

Es hatte etwas von Notwehr. So begann ihr Kampf gegen Klimaausbeutung und Ignoranz für eine Zukunft mit Zukunft. Erst stand Greta allein auf dem Platz im Herzen Stockholms, dann stellten sich andere Schüler*innen zu ihr und streikten mit. Mit ihrer Konsequenz und Kompromisslosigkeit inspirierte und aktivierte Greta eine ganze Generation weltweit. Ihre Generation. Wo auch immer Jugendliche nach der Initialzündung für ihre Proteste gefragt wurden, fiel Gretas Name. In Australien, Belgien, Deutschland, Kanada, der Schweiz, sogar in Ländern wie Polen und Russland, in denen Klimakrise und Umweltschutz in der Öffentlichkeit bislang kaum eine Rolle gespielt hatten, wurde Greta zur Symbolfigur der „Fridays for Future“-Bewegung. Inzwischen demonstrierten weltweit Millionen Menschen. Zugleich legte Greta sich mit den Mächtigen der Welt an. Die Erwachsenen, fand sie, haben versagt. Sie sind verantwortungslos und feige. Sie sind nicht vernünftig, sondern maßlos. Auch den Politiker*innen, auch denen, die an den Schalthebeln sitzen, geht es vor allem um die eigenen Vorteile, darum, ihren Luxus zu erhalten, ihren Reichtum zu vermehren, ihre Macht. Ganz egal, wohin das führt. Im Dezember 2018 reiste Greta zur 24. UN-Klimakonferenz nach Katowice in Polen. Sie sprach mit UN-Generalsekretär António Guterres. Sie hielt eine Rede. Sie las den Erwachsenen die Leviten:

„Mein Name ist Greta Thunberg. Ich bin 15 Jahre alt und komme aus Schweden. Ich spreche im Auftrag von „Climate Justice Now“. Viele Menschen glauben, dass Schweden nur ein kleines Land ist und es nicht wichtig sei, was wir tun. Ich aber habe gelernt, dass man niemals zu klein ist, um einen großen Unterschied machen zu können. Wenn ein paar Kinder es schaffen, Schlagzeilen auf der ganzen Welt zu bekommen, indem sie einfach nicht zur Schule gehen, dann stellen Sie sich mal vor, was wir alles erreichen könnten, wenn wir es wirklich wollten. Aber um das zu tun, müssen wir Klartext reden, egal, wie unangenehm das auch ist.“

Und Klartext reden– das wird Greta weiterhin. Denn wie kann es sein, dass zum 24. Mal ein Weltklimagipfel stattfindet und sich so gut wie nichts verbessert hat? In Windeseile verbreitete sich ihre Rede über YouTube und andere Netzwerke. Greta formulierte klare Ziele: Die Klimakrise sollte als existenzielle Bedrohung anerkannt und entschieden dagegen vorgegangen werden. Von der Regierung ihres Landes forderte sie, das „Pariser Klimaabkommen“ einzuhalten. Dieses Übereinkommen hatten 197 Vertragsparteien am 12. Dezember 2015 unterschrieben. Sie hatten sich damit zu mehr Klimaschutz verpflichtet. Zum Beispiel sollte die globale Erwärmung auf zwei Grad begrenzt werden, indem jedes Land seine Treibhausgas-Emissionen senkt. Grob gesprochen heißt das, dass alle in Eigenverantwortung dafür sorgen, deutlich weniger Dreck und Abgase in die Luft zu pusten.

Sie paukt Mathe auf der Fahrt

Schon zum Zeitpunkt der Unterzeichnung 2015 war klar, dass das Ziel zu niedrig gesteckt war. Zwei Grad waren zu wenig. 1,5 Grad wären deutlich besser für den Planeten Erde. Trotzdem. Wenn man versucht nachzuvollziehen, wie kompliziert es war, die Mitgliedstaaten überhaupt zu dieser Übereinkunft zu bewegen, wenn man weiterhin sieht, dass die USA und Brasilien inzwischen von ihrer Zusage zurückgetreten sind, wird schnell klar, dass das „Pariser Klimaabkommen“ bei allen Mängeln eben doch ein Erfolg war. Es war ein erster wichtiger Schritt in die richtige Richtung – aber natürlich nur, wenn die einzelnen Staaten sich an ihre Zusagen hielten. Genau das passierte nicht. Greta forderte deshalb, dass wohlhabendere Länder wie Schweden die eigenen Treibhausgas-Emissionen um 15 Prozent senken. Von den Industrienationen forderte sie, innerhalb der nächsten zehn bis zwölf Jahre ihre Emissionen auf null Prozent zu senken. Ihrer Meinung nach waren das nicht nur Fragen des Umweltschutzes, sondern genauso um Gerechtigkeit. Es konnte doch nicht angehen, fand Greta, dass die Armen arm bleiben und die Reichen immer reicher werden. Es konnte nicht angehen, dass Menschen weiterhin weltweit für den Wohlstand weniger bezahlen. Es konnte nicht angehen, dass wirtschaftlicher Erfolg immer gewinnt und mehr zählt als alles andere. Aber es ging an. Es ging weiter wie gehabt. Darum reiste Greta im Januar 2019 in die Schweiz, um beim Weltwirtschaftsforum in Davos zu sprechen. Auch dort setzte sie sich mit ihrem Protestschild in den Schnee. Auf der Fahrt paukte sie Mathe und Vokabeln. Die Erkenntnisse der Wissenschaft, die Warnungen des Weltklimarates sprach sie laut aus, in Davos genauso wie vor dem Umweltausschuss des Europaparlaments in Straßburg oder vor dem Britischen Parlament in London. Weil Greta auf keinen Fall fliegen wollte, reiste sie, wo auch immer sie auftrat und sich einmischte, mit dem Zug an, mit dem Elektroauto – oder mit einer Rennyacht, so wie im Sommer 2019 zum Klimagipfel der Vereinten Nationen in New York. Das rief ihre Kritiker*innen auf den Plan, denn irgendwer musste die Yacht schließlich zurückbringen, und der Dokumentarfilmer, der die abenteuerliche Reise aufgenommen hatte, hatte auch keine Zeit für umständliche Rückfahrten – und stieg in ein Flugzeug. Am Ende, so hieß es, wäre es weitaus umweltschonender gewesen, wenn Greta und ihr Vater einfach geflogen wären: nur zwei Menschen statt einer Handvoll. War das alles also nur eine aufwendige Inszenierung gewesen? Ein PR-Gag? Und wie war das mit Klimaschutz zu vereinbaren?

Das Netz, das so wichtig war für Greta, für die Verbreitung ihrer Ideen und ihres Kampfes, wurde nun Forum übler Beschimpfungen und Beleidigungen. Sie sei ja nur ein Kind, nur ein Mädchen. Sie solle gefälligst zur Schule gehen, die Klappe halten und die Politik den Erwachsenen überlassen. Und überhaupt: Sie würde doch nur die Pferde scheu machen und Panik verbreiten. Das waren die harmloseren Attacken.

Trotzdem gab Greta nicht auf. Auch dann nicht, als der amerikanische Präsident Donald Trump sie in New York links liegen ließ und der russische Staatspräsident Wladimir Putin sich über sie lustig machte. Die Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, Angela Merkel, fand zwar freundliche Worte – an der deutschen Umweltpolitik aber änderte sich viel zu wenig.

Greta nahm weiterhin an Protestveranstaltungen auf der ganzen Welt teil. Mit jugendlichen Mitstreiter*innen tauschte sie sich aus, sie machten sich gegenseitig Mut. Wenn sie es schaffte, reiste sie zu Demonstrationen und marschierte mit. Nachdem sie die Regelschulzeit mit Bestnoten abgeschlossen hatte, hängte sie ihre weitere Schulbildung vorerst an den Nagel. Der Kampf für die Umwelt war ihr wichtiger. Erst 2020 will sie aufs Gymnasium gehen.

Für diesen Einsatz wurde sie vielfach geehrt. Das amerikanische Time Magazine nahm Greta in die Liste der 25 einflussreichsten Teenager 2018 und in die Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten 2019 auf. Anlässlich des Weltfrauentages 2019 wurde sie in Schweden zur „Frau des Jahres“ gewählt. Am 17. April 2019 nahm sie an der Generalaudienz von Papst Franziskus in Rom teil – mit dabei war wieder ihr inzwischen weltberühmtes Protestschild. Greta wurde mit nationalen und internationalen Umweltpreisen ausgezeichnet. Die Preisgelder gab sie an Organisationen weiter, die sich für Klimagerechtigkeit einsetzen. 2019 wurde sie mit dem „Alternativen Nobelpreis“ ausgezeichnet und für den „Friedensnobelpreis“ vorgeschlagen.

Heute belagern Menschen aller Generationen aus aller Welt den Platz vor dem Parlament in Stockholm, wenn Greta streikt. Sie wird abgeschirmt wie eine Profi-Politikerin. Heute vergeht kaum ein Tag, an dem nicht über sie berichtet wird. Mal ist sie dann das kleine Mädchen mit den streng geflochtenen Zöpfen, mal wird ihr Pippi-Langstrumpf-Power attestiert. Es schlägt ihr aber auch blanker Hass entgegen. Wie im Oktober 2019 in Rom: Da wurde eine Puppe, mit Zöpfen und gelbem Regencape unverkennbar Greta, an einer Brücke aufgeknüpft. Wieder andere schreiben ihr etwas zwischen Heiliger, Heilsbringerin und Weltenretterin zu.

Denn auch das gehört zu unserer Zeit: dass der Hype um eine Person so groß wird, dass das eigentliche Anliegen aus dem Blick gerät. Greta Thunberg hat es im Sommer 2018 auf ein kleines weißes Schild geschrieben: „Skolstrejk för klimatet“. „Schulstreik für das Klima“.

Aus dem unsichtbaren Mädchen aus der letzten Reihe ist eine prominente Klimaaktivistin geworden, die hoch konzentriert ihr Ziel verfolgt und das Wort ergreift, wo auch immer sie kann: für ihre gute Sache, die die Sache aller sein sollte. Für das Klima.

Info

GRETA THUNBERG wurde am 3. Januar 2003 in Stockholm geboren. Am 20. August 2018, einem Freitag, startete sie vor dem schwedischen Parlament in Stockholm ihren Protest: „Schulstreik für das Klima“. Es wurde der Beginn der „Fridays for Future“-Demonstrationen. Inzwischen machen Millionen Schüler*innen mit. Unter dem Hashtag #fridaysforfuture gehen sie weltweit für den Klimaschutz auf die Straße.

Wer jeden Tag in die Schule geht, fragt sich vielleicht gar nicht mehr so oft, welche Dinge im Unterricht erzählt werden und welche nicht, was man da eigentlich lernt – und warum ausgerechnet das. Doch dass Joshua Wong heute einer der bekanntesten Anführer der Hongkonger Demokratiebewegung ist und sich mit den Mächtigen anlegt, seit er 14 Jahre alt ist, hat genau mit dieser Frage zu tun.

2011 beschloss die Stadtregierung von Hongkong, dass alle Schüler*innen ein neues, verpflichtendes Schulfach bekommen sollten. Dabei ging es nicht um so etwas wie Sport oder Mathematik. Das Fach hieß „Moralische und Nationale Erziehung“, und dass es unterrichtet wird, wollte die chinesische Regierung. Denn Hongkong gehört zu China. Die Stadt ist eine sogenannte Sonderverwaltungszone, in der zum Teil eigene Rechte und Freiheiten gelten. Der Grund dafür liegt in der Geschichte.

Mehr als 150 Jahre lang – von 1843 bis 1997 – war Hongkong eine britische Kolonie. In einem Krieg hatten britische Soldaten die Metropole an der chinesischen Südküste besetzt. Erst 1997 einigten sich Großbritannien und China darauf, dass Hongkong wieder an China zurückgegeben werden sollte. Doch in der langen Zeit hatten sich China und Hongkong in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Deswegen sollte Hongkong unter dem Motto „Ein Land – zwei Systeme“ für weitere 50 Jahre ein gewisses Maß an Selbstbestimmtheit behalten, etwa, wenn es um wirtschaftliche, innenpolitische, soziale oder kulturelle Fragen ging. Auch die Presse hat in Hongkong mehr Freiheiten als im Rest von China. Diese Freiheiten wollen die Bürger*innen von Hongkong bewahren. Gleichzeitig will die chinesische Regierung mehr Kontrolle über die Stadt.

Entsprechend alarmiert war Joshua, als er 2011 von den Plänen für das neue Schulfach hörte. Er befürchtete, dass die chinesische Regierung immer mehr Einfluss gewinnen könnte. „Gehirnwäsche“ nannte er das neue Schulfach und beschloss, dagegen zu protestieren. Dabei war Joshua bis dahin nicht sonderlich politisch gewesen. In einem Interview mit der britischen New Left Review erinnerte er sich, er habe zu dieser Zeit kein einziges Buch gelesen, um sich politisch zu bilden.

„Wie jeder andere Teenager in Hongkong habe ich einfach Videospiele gespielt“, sagte er. Über die Politik habe er nur im Netz gelernt: „Man könnte sagen, Facebook war meine Bibliothek.“

Laut und sichtbar

Mit einigen Freund*innen gründete er die Organisation „Scholarism“. Sich so offen zu positionieren und politisch zu engagieren, war in Hongkong alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Viele Schüler*innen riskierten damit den Streit mit der Elterngeneration. In den Augen von Joshua war die Kultur im Hongkong seiner Kindheit sehr konservativ. Es ging immer um den persönlichen Erfolg. Einmal fragte er eine Lehrerin, wie man etwas zur Gesellschaft beitragen könne. Sie soll der Klasse geantwortet haben:

„Indem ihr für eine große internationale Firma arbeitet und später, wenn ihr reich seid, den Armen Geld spendet.“

Das aber kam für Joshua und „Scholarism“ nicht in Frage. Sie wollten direkt handeln und wurden laut und sichtbar. An Bahnhöfen oder in Fußgängerzonen verteilten sie Flugblätter, mit denen sie über ihren Protest informierten. Dass sich so viele Schüler*innen beteiligten, lag nicht nur daran, dass sie sich gegen die „Gehirnwäsche“ aus Peking wehren wollten – sie fanden ein weiteres Schulfach in ihrem ohnehin schon so vollen Stundenplan einfach zu viel. Neben großen politischen Fragen ging es ganz schlicht auch um eine zu hohe Arbeitsbelastung.

Joshuas Engagement für „Scholarism“ wuchs sich zum Vollzeitjob aus. Über Wochen und Monate waren die Aktivist*innen in den Straßen Hongkongs unterwegs – ausgestattet mit einem Megafon. Vor allem Joshua galt als guter Redner, der die Menschen mitreißen konnte. Außerdem organisierte „Scholarism“ eine Petition gegen das neue Schulfach. Innerhalb von zehn Tagen hatten 100.000 Personen unterschrieben.

Im Sommer darauf, 2012, kurz bevor das neue Schuljahr beginnen sollte, beschlossen die Aktivist*innen von „Scholarism“, den Platz vor dem Hongkonger Regierungsgebäude zu besetzen. Sie bauten Zelte, Tische und Pavillons auf, manche schliefen auf Zeitungen, die auf dem nackten Boden ausgebreitet waren. Am zweiten Tag ließ sich der Regierungschef von Hongkong blicken, aber entgegenkommen wollte er den Schüler*innen nicht. Auf Handyvideos ist zu sehen, wie Joshua ihm die Meinung sagt: ein junger Schüler, der sich den Mächtigen mutig entgegenstellt.

Die Besetzung dauerte an, es regnete, es wurde ungemütlich – und immer weniger nahmen teil. Dann geschah das, was Joshua im Rückblick ein Wunder genannt hat. Auf einmal erschienen immer mehr Menschen – erst 4.000, bald darauf 120.000. Die Regierung von Hongkong lenkte ein und überließ den Schulen die Entscheidung, ob sie das neue Schulfach unterrichten wollten oder nicht.

Die Schüler*innen hatten bewiesen, dass sie die Gesellschaft verändern konnten. Und sie wollten mehr. 2014 kochten in Hongkong erneut Proteste hoch. Dieses Mal ging es um das Wahlrecht. Denn 2017 sollten die Einwohner*innen Hongkongs wählen dürfen. Doch die chinesische Regierung beschloss, dass nur eine genehmigte Vorauswahl zur Wahl stehen solle. Mit der versprochenen Freiheit und mit echter Demokratie hatte das in den Augen vieler nichts zu tun. Sie wollten die Kandidat*innen wählen können, die sie für die besten hielten, und nicht nur diejenigen, die die chinesische Regierung akzeptabel fand.

Joshua organisierte die Schüler*innen und Studierenden, die aus Protest streikten. Bei einer der Veranstaltungen sagte er:

„Unsere Eltern sagen, dass wir uns durch den Schülerstreik die Zukunft verbauen. Aber welche Zukunft haben wir denn unter dem derzeitigen politischen System? Schüler*innen müssen den Erwachsenen zeigen, dass sie nicht alle Regeln allein aufstellen können.“

Im September 2014 stürmten einige Protestierende den Platz vor dem Regierungsgebäude, den die Schüler*innen schon 2012 besetzt hatten. Auch Joshua war dabei. Er wurde verhaftet und fast zwei Tage auf dem Polizeirevier festgehalten. Bald darauf wurde ein großes Viertel in Hongkong von Protestierenden besetzt und blieb es fast 80 Tage. Weil die Polizei immer wieder Tränengas einsetzte, benutzen die Demonstrant*innen Schirme, um die Tränengas-Granaten abzuwehren. So wurde der Regenschirm zum Symbol der Proteste.

Es waren beeindruckende Bilder, die da um die Welt gingen. Hongkongs tiefe Straßenschluchten vollgestopft mit demonstrierenden Menschen – und immer wieder diese Regenschirme. Ein Alltagsgegenstand wurde zum politischen Zeichen.

Am Ende blieb das Wahlrecht, wie es die chinesische Regierung wollte. Trotzdem wurde Joshua eines der Gesichter der Proteste – und ist es geblieben. Er steht für eine Generation, die sich nicht alles gefallen lässt, sondern für ihre Überzeugungen und demokratischen Freiheiten eintritt. Für seine aktive Rolle bei den Besetzungen wurde Joshua später zu mehreren Monaten Gefängnis verurteilt, doch sein Engagement hat ihn auch berühmt gemacht. Medien aus der ganzen Welt berichteten über den Jungen, der der chinesischen Regierung die Stirn geboten hat, und das, obwohl er noch ein Schüler war, der bis dahin in seiner Freizeit am liebsten Computerspiele gespielt hatte. Nach den Protesten 2014 wählte die Londoner Times Joshua zur „Young Person of the Year“, also zu so etwas wie dem „Jugendlichen des Jahres“, und das amerikanische Time Magazine zählte ihn 2014 zu den 25 einflussreichsten jungen Menschen des Jahres. Inzwischen gibt es sogar einen eigenen Netflix-Film über Joshua.

2016 gründete er zusammen mit einigen anderen jungen Aktivist*innen eine eigene regierungskritische Partei: „Demosisto“. Joshua Wong ist ihr Generalsekretär. Bis heute reist er um die Welt und spricht über die Themen, die ihn bewegen – über Demokratie und Freiheit.

Und angefangen hat all das, weil er sich fragte, was er da eigentlich in der Schule lernen soll.

Info

JOSHUA WONG wurde am 13. Oktober 1996 in Hongkong geboren. Mit 14 Jahren gründete er eine Schülergruppe, die gegen die Einführung eines neuen Schulfaches protestierte, und legte sich mit der chinesischen Regierung an. Später wurde er eine der prägendsten Figuren der Hongkonger Demokratiebewegung.

Zu den Illustrationen

Felicitas Horstschäfer, 1983 geboren, ist freischaffende Designerin im Bereich Cover, Illustration und Buch konzepte. Ihre Kunden sind unter anderem Buchverlage, Printmedien und Papeterie-Hersteller*innen im In- und Ausland.

06:00 23.05.2020

Ausgabe 22/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare