Mit SED und Trompeten

Musikgeschichte Was als missliebige Sache anfing, endete als Staatskunst. Karlheinz Drechsel blickt zurück auf die wechselhafte Geschichte des Jazz in der DDR

Ja, es gab zahlreiche Jazzaktivtäten in der DDR, gelegentliche Verbote eingeschlossen. Wer davon nicht wusste, kann es sich nun von einem Zeitzeugen erzählen lassen: dem inzwischen über 80-jährigen Karlheinz Drechsel. Die kundigen Stichworte für seine Erinnerungen liefert ihm Sohn Ulf, Jazzredakteur beim RBB, und gibt mit der Frage-und-Antwort-Form dem Buch eine eigene Struktur.

Die Jazzbegeisterung des Vaters begann in früher Jugend. Ende 1944 besaß er 500 Schellackplatten, zum Teil von seinem älteren Bruder aus Frankreich mitgebracht. Live erlebte er zum ersten Mal eine Big Band 1943. Sein Bruder auf Heimaturlaub nahm ihn mit ins Tanzcafé Eden in Dresdens Prager Straße, wo das holländische Orchester Ernst van’t Hoff spielte, nicht das einzige aus besetzten Ländern, das damals in Deutschland gastierte. Neben dem Tanzparkett allerdings ein Schild „Swing tanzen verboten“. Drechsels Schellackschätze wurden mitsamt der elterlichen Wohnung ein Opfer der alliierten Luftangriffe auf Dresden am 13. Februar 1945. Einige Platten, die Karlheinz auf seinem Koffergrammophon seiner Schulklasse vorgespielt hatte, waren von einem SA-Lehrer schon zuvor demonstrativ zerbrochen worden. So konnte es Swingfreund Drechsel als besondere Genugtuung empfinden, seinen Abiturvortrag 1949 dem Thema Jazz zu widmen.

Organisierte Provokation

Bald wurde er auch selbst musikalisch aktiv. Er saß am Schlagzeug im Jugendtanzorchester Radebeul und trommelte bis 1958 mit den Elb Meadow Ramblers, bis heute eine der dienstältesten Amateurgruppen Europas. Gleich Ende 1945 gründete er bei der Antifa-Jugend, die dann in der FDJ aufging, einen offiziellen Swing-Zirkel.

Diese Aufbruchsphase ging nach Gründung der DDR zu Ende. Ein besonders gravierendes Beispiel für die neue, harte kulturpolitische Linie war das Verbot des in Dresden äußerst populären Heinz-Kretzschmar-Orchesters. Den Anlass lieferte eine nach bewährtem Muster organisierte Provokation. Einige bestellte junge Besucher des Tanzabends inszenierten eine Prügelei, für eine schon bereitstehende Polizeihundertschaft Vorwand zum Eingreifen. Alleinige Verantwortung für den Tumult wurde dem Orchester zugeschoben. Eine Gerichtsverhandlung im Dezember 1950 beschuldigte Heinz Kretzschmars Musik eines „moralisch-zerstörerischen Einflusses auf die Jugend“ und verurteilte den Orchesterleiter zu zwei Jahren „Bewährungsarbeit“ im Wismut-Bergbau. Der zog freilich die Flucht nach Westberlin vor, seine Bandmitglieder folgten ihm kurze Zeit später.

Nur Pianist Günter Hörig blieb in Dresden, weil er nach all seinen Studienjahren nicht auf sein kurz bevorstehendes Kapellmeister-Examen verzichten wollte. Bis Ende der neunziger Jahre leitete er die Dresdner Tanzsinfoniker, die langlebigste und eine der herausragenden Formationen des DDR-Jazz. Viele ihrer Solisten hatten ebenfalls an der Dresdner Musikhochschule Carl Maria von Weber studiert, die 1964 als erste in der DDR eine Spezialausbildung für Tanzmusik und Jazz einführte. Für die nach sowjetischem Vorbild vom SED-Politbüro Anfang der fünfziger Jahre ausgelöste Formalismus-Debatte boten die Tanzsinfoniker damals eine ständige Angriffsfläche. Absurd ein Schreiben vom Kulturministerium: „Ab sofort ist die Verwendung von Dämpfern für Trompeten und Posaunen untersagt.“

Was beim Jazz verboten oder erlaubt war, hing, genau wie bei Film und Theater, stets von der politischen Großwetterlage ab, auch von Sturheit oder Toleranz der jeweiligen „Bezirksfürsten“. Mitte der fünfziger Jahre profitierte der Jazz vom kurzen kulturpolitischen Tauwetter. Einen Förderer fand er nun im Kulturbund, der Karlheinz Drechsel für zahlreiche Jazz-Vorträge engagierte. Den Referenten bewahrte das nicht vor Observierung und dem Aktenvermerk „als negative Kraft bekannt“. Auch seine Moderationen bei Jazz-Konzerten wurden aufmerksam registriert und trugen ihm manche Rüge beim Rundfunk ein, wo er als Regisseur fest angestellt war und auch Jazzsendungen gestalten konnte.

Sektion Jazz

Richtig populär und (mit einem Modewort) am nachhaltigsten wurde dagegen eine andere Rundfunkgründung, die zum ersten Mal Pfingsten 1971 über die Bühne des Dresdner Kulturpalasts ging und sich bis heute erhalten hat: das Internationale Dixieland Festival. Zu seinen Besonderheiten gehört ein Straßenumzug, ein Riverboat Shuffle und ein Spezialkonzert für Kinder zwischen fünf und zehn Jahren: „Mit Triangel und Klapperholz“. Anfangs traten nur heimische und osteuropäische Gruppen auf, später auch Bands aus dem Westen. Das führte allerdings zu einer ständigen Parteikontrolle. Trotzdem durfte Drechsel im Mai 1983 die Dixieland All Stars zum renommierten Festival nach Sacramento begleiten, das die DDR-Band eingeladen hatte – seine erste „West-Reise“. Ein Höhepunkt dieser Partnerschaft war für Drechsel schon sein Engagement als Moderator für die Gastspielreise von Louis Armstrong durch die DDR 1965 gewesen. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, von der er in seinem Buch ausführlich berichtet. In der Folgezeit wurde Drechsel zum ständigen Begleiter aller Größen des Jazz, die aus dem Westen in der DDR gastierten. Dave Brubeck, den er zum ersten Mal in der Dresdner Semperoper vorstellte, bescheinigte ihm: „Der Name Karlheinz Drechsel ist seit vielen Jahren ein Synonym für Jazz, besonders in Osteuropa und speziell in dem Land, das als Ost-Deutschland bekannt war.“

Komitee für Unterhaltungskunst

Zum ganz dem Traditional Jazz gewidmeten Dresdner Dixieland Festival kam ab 1977 die Jazzbühne Berlin als jährliche Veranstaltung für den Modern Jazz hinzu, von Jazzrock bis Free Jazz, mit internationalen Besetzungen als Pendant zu den Westberliner Jazztagen gedacht. Der Jazz wurde nun als repräsentatives Aushängeschild für Kultur und Musik in der DDR benutzt. Die heimischen Jazzer profitierten davon. Lange Zeit ideologisch verunglimpft, wurden sie jetzt mit staatlicher Unterstützung hofiert. Einige Prominente erhielten sogar Kunst- oder Nationalpreise.

Zu dem beim Ministerium für Kultur angesiedelten Komitee für Unterhaltungskunst wurde zuletzt eine eigene Sektion Jazz gegründet, die ein „Jazz Orchester der DDR“ etablierten, in dem jeweils für zwei Jahre die besten Solisten spielten, als Höhepunkt bei den Jazztagen der DDR in Weimar, wo an drei Tagen rund 300 Musiker auftraten, zum ersten Mal im Dezember 1985. Alle Kosten übernahm der Staat. Der befand sich allerdings bei den zweiten Jazztagen im November 1989 schon in Auflösung. Waren 1985 10.000 Besucher zu den Konzerten gekommen, so blieben jetzt die Säle fast leer – eine Woche nach dem Mauerfall gab es andere Interessen.

Vier Jahre später erhielt Karlheinz Drechsel „für langjährige Jazztätigkeit“ anlässlich des Tages der Deutschen Einheit das Bundesverdienstkreuz, wenig später die allererste Ehrenmedaille der Landeshauptstadt Dresden. Fazit: „It don’t mean a thing if it ain’t got that swing.“ (Duke Ellington)


Zwischen den Strömungen Karlheinz Drechsel Mein Leben mit dem JazzUlf Drechsel Greifenverlag 2011, 356 S. mit zahlreichen Abbildungen, 26,90


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13:00 30.09.2011

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