Mit ­Stumpf und Stiel

Vor dem Krieg Die Führung der Wehrmacht leistete 1939 keinen Widerstand gegen Hitlers Kriegspläne. Sie gewann dadurch an Bedeutung und konnte sich als Säule des NS-Staates verstehen

Es war am 18. Januar 1939, dem Gründungstag des Kaiserreichs von 1871. Adolf Hitler empfing den jüngsten Offiziersjahrgang in der gerade fertig gestellten Neuen Reichskanzlei in Berlin. In seiner Ansprache in dem Prunkbau redete er vom Krieg, auch von einer immerhin denkbaren drohenden Niederlage. In diesem Fall, so umwarb er seine Zuhörer, hoffe er, „dass ich Sie dann um mich weiß, vor mir, links und rechts hinter mir, mit gezücktem Degen, stolz und unerschütterlich, trotzig jedem Schicksal, das uns treffen kann“. Es mutet ein wenig unzeitgemäß an, dass die Soldaten ihren obersten Kriegsherrn noch mit dem Degen verteidigen sollten. Aber um die Loyalität der Wehrmacht musste sich Hitler zu Beginn des Kriegsjahres 1939 keine Sorgen machen. Die Generalität stand hinter dem „Führer“, der dem Militär seit seiner Machtübernahme wieder eine maßgebliche Rolle im Deutschen Reich zugestanden und trotz brenzliger Situationen seine außenpolitischen Erfolge ohne eine einzigen Schuss erzielt hatte.

Im Herbst 1938 standen im Heer 760.000 Mann unter Waffen – 1933 hatte es noch das „Hunderttausend-Mann-Heer“ des Versailler Vertrages gegeben. Unter der Versicherung, dass die Wehrmacht der einzige Waffenträger der Nation sei, hatten sich die Generale gern auf ein Bündnis mit der NS-Führung eingelassen, die ihrerseits signalisierte, dass der neue Staat auf zwei Säulen, nämlich der NSDAP und der Wehrmacht, ruhen solle.

Intern diskutierten die Militärs gerne über den Krieg der Zukunft. Dieser werde noch totaler als der Erste Weltkrieg sein, darüber herrschte Einigkeit. Dafür müsse man schon zuvor alle Kräfte der Nation zusammenfassen und organisieren. Das meinte neben der militärischen Mobilisierung vor allem eine Wirtschaft, die sich ganz in den Dienst des Krieges stellte und eine Bevölkerung, die mental darauf ausgerichtet war. Gerade den Führungsanspruch für einen solchen „totalen Krieg“ hatte die Wehrmacht ihrerseits längst an die spezifischen NS-Institutionen abgegeben und begrenzte sich mehr und mehr auf die traditionelle Rüstung und Kriegsvorbereitung.

Die Wehrmacht des Jahres 1939 konnte angesichts der Vervielfachung ihres Personals in den vorangegangenen Jahren nicht mehr die gleiche sein wie in der Weimarer Republik. Damals war sie noch eine relativ elitäre Truppe von Spezialisten gewesen, die auf die Zeit einer unbegrenzten Aufstockung programmiert war. Die Führung war natürlich die gleiche wie zuvor geblieben, es hatte einen rasanten Aufstieg gerade der Offiziere gegeben.

Innerhalb der Wehrmacht rührte sich Skepsis, ob man künftig noch die gleiche „Qualität“ des Personals werde behalten können. Der Nachwuchs an Soldaten war bereits durch eine NS-Sozialisation gegangen, durch Hitler-Jugend, Reichsarbeitsdienst und mehr. Da hatten sie bereits von den germanischen Ursprüngen der Deutschen gehört und deren rassischer Überlegenheit, vom Führertum, von der Schmach des Versailler Friedensvertrages von 1919, die erst durch die Nationalsozialisten mit „Stumpf und Stiel“ getilgt worden sei. Hinter all dem stecke „der Jude“, sei es im Bolschewismus oder auch in Demokratien. Nicht nur das: Auch in der Wehrmacht wurden in der politischen Bildung die gleichen Inhalte gelehrt. Da wuchs von unten etwas heran, das die selbständige Rolle der Wehrmacht langfristig untergrub.

Nur mit Krieg konnte man das Tempo der Aufrüstung halten

Die Wehrmacht bestand aber nicht nur aus dem Heer. Es gab auch eine Luftwaffe und eine Kriegsmarine. Erstere unterstand dem zweiten Mann im Staat, dem ebenso eitlen wie machtbewussten Hermann Göring, der ein typischer Multifunktionär war und sich dennoch öffentlich überwiegend in der weißen Uniform eines Reichsmarschalls zeigte. Er hatte im Herbst 1938 eine Verfünffachung der erst nach 1933 aus dem Boden gestampften Luftwaffe verkündet. Eine Vervielfachung des Schiffsbestandes durch Schlachtschiffe nahm auch die Kriegsmarine 1939 ins Programm, die Teilstreitkraft, die vielen noch als „kaiserlich“ galt, die aber in Wahrheit ihren Weg in den neuen Staat gefunden hatte. 1939 waren alle drei Wehrmachtteile formal selbständig.

Seit Februar 1938 war Hitler nicht nur wie bisher als Staatsoberhaupt der Oberste Befehlshaber der Wehrmacht, sondern hatte auch einen Oberbefehl: Der frühere Gefreite des Ersten Weltkrieges mit brauner Parteiuniform konnte über das neu geschaffene Oberkommando der Wehrmacht (OKW) und General Wilhelm Keitel den Militärs direkte Weisungen erteilen. Darin lag ein Stück formaler „Gleichschaltung“, aber in den Köpfen bedurfte es dessen im Jahr 1939 gar nicht mehr.

Denn die Wehrmacht rüstete mit hoher Geschwindigkeit auf, was allein schon die Personalvermehrung erkennen ließ. Die private Rüstungsindustrie, die in der Weltwirtschaftskrise ganz zurückgefahren worden war, boomte nun. Flugplätze, Kasernen, Werften entstanden neu, Aluminium, Gummi und vor allem Eisen und Stahl aller Qualitäten wurden gebraucht, für letzteres mussten sogar erst einmal neue Förderstätten ausgebaut werden. All das geschah zugleich und die Wehrmachtspitze wusste seit 1936 unmittelbar von Hitler, dass die deutsche Wirtschaft und sie selbst bis 1940 zum Krieg bereit sein sollte. Das konnte man theoretisch noch als Sicherheitspolitik verstehen: Man werde defensiv möglichen Gegnern gewachsen sein, ohne dass eine Absicht zum Krieg dahinter gestanden haben musste. Aber die Aufrüstung lief mittlerweile mit einer solchen Dynamik, dass der für die Rüstung zuständige General Friedrich Fromm nachfragen ließ, was denn 1940 sein solle: Entweder Krieg – oder man müsse die ganze Aufrüstung zurückfahren, weil man sonst die Volkswirtschaft ruiniere. Eine Antwort gab es nicht, es lief auf Krieg hinaus.

Der direkte Zugang der drei Wehrmachtteile zu Hitler bedeutete zugleich, dass Heer, Marine und Luftwaffe untereinander mit ihren exorbitanten Rüstungsprogrammen konkurrierten. Von rationaler Planung konnte da nicht mehr die Rede sein. Brüllorgien Hitlers, Appelle an den unbedingten Willen oder weitschweifige Reden des „Führers“ ersetzten eine Prüfung, welche materiellen oder personellen Ressourcen denn für welchen Krieg und damit welchen Ausbau der Wehrmacht zur Verfügung stehen sollten, zumal sich die Nationalsozialisten immer mehr auf eine Abkoppelung vom Weltmarkt festlegten. „Autarkie“ hieß das Ziel, also Selbstversorgung im eigenen Raum. Schon aus diesen Zwangslagen mit Arbeitskräftemangel und Stahlknappheit folgte logisch ein Eroberungskrieg, ein Raubkrieg, der zur weiteren Stärkung der Deutschen führen sollte.

Vor der mittleren Führung der Wehrmacht, den „Truppenkommandeuren“, warb Adolf Hitler in diesem Sinne am 10. Februar 1939. Es gebe nur zwei Wege dem Dilemma der begrenzten deutschen Ressourcen zu entkommen: Exportförderung sei der eine, „der zweite Weg ist der, statt die Volkszahl an den Lebensraum anzupassen, den Lebensraum an die Volkszahl anzupassen. Es ist der Weg, den alle großen Völker der Erde gegangen sind. Welcher Weg der ist, der mir persönlich vorschwebt, das brauche ich Ihnen nicht .... zu erklären. Ich kenne nur diesen zweiten Weg.“

Hitlers Erfolge zerstörten die Putschpläne der Generale

Die Forschung kennt keine unmittelbare Reaktion auf diese Rede; sie dürfte einigen Zuhörern abenteuerlich geklungen haben, denn schließlich konnte man ja nicht einfach über Polen hinweg in die Sowjetunion einmarschieren und das eroberte Gebiet dann zum deutschen Lebensraum erklären. Es gab immerhin eine um den Völkerbund zentrierte Staatengemeinschaft, in der man erkannt hatte, dass die Deutschen den Frieden gefährdeten.

Aber das hatten Hitler und seine Leute bislang unterlaufen. Im Vorjahr, 1938, war die Wehrmacht „friedlich“ in Österreich einmarschiert – unter gewaltigem Jubel eines Großteils der Bevölkerung; dann hatte man die Tschechoslowakei gezwungen, ihre deutsch besiedelten Gebiete, das Sudetenland, binnen weniger Tagen abzutreten. Briten, Franzosen und Italiener sorgten sich um Eindämmung, hatten aber an dieser Erhaltung des Friedens mitgewirkt. Es war also ein scheibchenweises Vorgehen, das mit angeblich unterdrückten Volksdeutschen operierte, mit „letzten Forderungen“ zur Revision von Versailles.

Bei solchen Kriegsplanungen wie 1938 hatte die Heeresführung traditionell ein Mitspracherecht: Die Generale beanspruchten eine eigene Einschätzung, zu welchem Krieg die Truppe bereits taugte. Und da waren schwere Bedenken aufgekommen. Sie galten nicht etwa einem Krieg gegen die Tschechoslowakei, obwohl dies eine hoch gerüstete Mittelmacht war. Es ging um etwas anderes: Um das politische Risiko, dass sich Großbritannien und Frankreich auf die Seite des mitteleuropäischen Staates stellten. Einem solchen europäischen Krieg – so Generalstabschef Ludwig Beck – wäre die Wehrmacht nicht gewachsen, das könne das Ende Deutschlands bedeuten. Denkschriften wurden eingereicht, vage Putschpläne geschmiedet. Aber: Hitler behielt recht und Beck nahm sang- und klanglos seinen Abschied.

Vergebliche Hoffnung auf ein Stillhalten der Westmächte

Und 1939? Ziemlich genau ein Jahr nach dem „Anschluss“ Österreichs erpresste Hitler vom tschechischen Staatspräsidenten Emil Hácha auch den friedlichen Einmarsch der Wehrmacht nach Prag in die anschließend Reichsprotektorat Böhmen und Mähren genannte westliche Tschechoslowakei. Auch das ging also nochmals nach der bewährten Erpressungsmethode friedlich ab.

Bis dahin waren auch die deutsch-polnischen Beziehungen durch einen Nichtangriffspakt abgesichert, es gab sogar nationalsozialistische Ideen an ein festeres Zusammengehen der beiden autoritären Staaten. Wenige Wochen nach „Prag“ aber begann das OKW auf Weisung Hitlers mit Planungen auch für einen Angriff auf Polen. Die Wehrmachtteile lieferten zu der am 11. April 1939 ausgegebenen Weisung für den „Fall Weiß“ ebenso bereitwillig ihre Expertise wie im Vorjahr, als es unter dem Codewort „Grün“ um einen Krieg gegen die Tschechoslowakei ging. Generalstabschef Franz Halder, der sich später rühmte, ebenso wie Beck in der Sudetenkrise einen Putsch geplant zu haben, verkündete jetzt: „Wir müssen und werden zermalmend über Polen herfallen ... Zeit zum Rückzug darf den Polen nicht gelassen werden, es muss ihnen ein Cannae bereitet werden, das, wie Sie wissen, immer unser Ideal war.“

In einer weiteren Geheimrede warb Hitler am 23. Mai erneut um die Wehrmachtspitze, erkannte in den europäischen Westmächten, voran Großbritannien, den ­eigent­lichen Feind deutscher Machtentfaltung – dann müsse man eben Polen am Rande mit „erledigen“. Aber er und die Militärs hofften dennoch, dass die Briten stillhalten würden. Darüber hinaus herrschten in der zumeist konservativen Generalität deutliche antipolnische Ressentiments. „Es ist ... nicht zu erwarten, dass Polen lange standhalten wird“, sagte Halder. Die öffentliche Propaganda richtet sich nur auf eine Einverleibung der „Freien Stadt Danzig“, auf einen Korridor, der durch den „polnischen Korridor“ gehen sollte, der Ostpreußen vom übrigen Reich trennte. Jedenfalls: Die noch im Vorjahr eingeforderte, wenn auch nicht gewährte Mitsprache über den politischen Rahmen dafür hatte die Heeresführung fallen gelassen.

Noch einen Coup hatte Hitler Ende August 1939 aufzuweisen, ein Bündnis mit der Sowjetunion, das die Westmächte doch nun wohl wirklich an der Hilfe für Polen hindern sollte. Der gut vorbereitete Angriff auf Polen wurde am 1. September – wie üblich – als defensive Maßnahme inszeniert („Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen“). Aber die Westmächte erklärten den Krieg.

Der Historiker Jost Dülffer, geboren 1943, ist emeritierter Professor für Neuere Geschichte an der Universität Köln

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05:00 14.05.2009

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