Mit Tempo auf Talfahrt

Autobranche Deutsche Unternehmen hoffen, als Gewinner aus der Krise zu gehen

Als vor ein paar Tagen die Essener Motor Show zu Ende ging, zeigten sich zufriedene Veranstalter. Die größte deutsche Messe für Tuning- und Motorsport sei gut besucht gewesen, hieß es. Ein Drittel der Besucher habe bei einer Umfrage angegeben, 2009 einen Neuwagen kaufen zu wollen. Von Krise war keine Rede.

Da ist man andere Meldungen gewöhnt: Am Montag wurde bekannt, dass der Bremsbelägehersteller TMD Friction in die Insolvenz gegangen ist. Das Unternehmen beschäftigte zuletzt in elf Ländern etwa 4.500 Menschen. Bei anderen Zulieferern geht die Angst um. Große Fahrzeughersteller wie Daimler haben die Weihnachtsferien für Teile der die Belegschaft verlängert, um so Kapazitäten abzubauen. Im BMW-Stammwerk ist die Arbeit bereits eingestellt. Leiharbeiter werden entlassen, Kurzarbeit droht.

Der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), Matthias Wissmann, sieht die Branche auf einer "Talfahrt", welche "in dieser Geschwindigkeit und Ausprägung noch nie vorher stattgefunden hat". Im November war die Pkw-Produktion deutscher Hersteller um 19 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat eingebrochen, die Zahl der in der Bundesrepublik neu zugelassenen Autos ging um 18 Prozent zurück.

Angesichts solcher Zahlen ist die Diskussion um ein Eingreifen des Staates längst im Gange. Von einem eigenen Rettungspaket für die Auto-Branche hält Minister Michael Glos derzeit indes nichts, die deutschen Firmen seien "stark genug, um diese Krise auch ohne Milliardenhilfen vom deutschen Steuerzahler durchzustehen".

Notfalls dürfte von solchen Äußerungen schnell wieder abgerückt werden. Denn unter dem Gesichtspunkt der Konkurrenz sieht man im Crash auch eine Chance. VDA-Mann Wissmann zeigt sich überzeugt, dass deutsche Automobilunternehmen "besser als ihre Wettbewerber aus dieser Krise hervorgehen". Dazu aber verlangt die Branche auch "günstige Rahmenbedingungen" von der Politik. Die zeitlich befristete Aussetzung der KFZ-Steuer sei nur ein "erster Schritt". Die Rücknahme der Kürzung der Pendlerpauschale lasse weiter auf sich warten.

Ein Eingreifen erscheint auf den ersten Blick sinnvoll. Schließlich geht es auch darum, die Arbeitsplätze von rund 760.000 Beschäftigten zu sichern. Auf der anderen Seite manifestieren mögliche Interventionen zugunsten der Hersteller ein Mobilitätsmodell, das ökologisch und rohstoffpolitisch verheerend wirkt. Schon macht das Wort von der Old Economy die Runde, einer Dinosaurier-Branche, die gegen alle Vernunft am Leben gehalten wird.

Auch mit den Mitteln nationaler Standortpolitik. Auf EU-Ebene hat die Industrie bereits einen "Kompromiss" erreicht, der die geplanten Regelungen über zulässige Grenzwerte bei den Kohlendioxidemissionen stark aufweichte - zugunsten der hiesigen Auto­branche. Schon vor geraumer Zeit hatte sich der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff empört, dass den Auto-Herstellern von der EU "immer neue Belastungen und Regelungen aufgebürdet werden" - und an diesen Entscheidungen eine große Zahl von Ländern beteiligt sei, in denen man keine große Autoproduktion finde. Wulff nannte seinerzeit Frankreich und die Bundesrepublik als die einzigen europäischen Staaten, die noch "über eine vielseitige eigene Automobilindustrie verfügen" würden. Vor diesem Hintergrund dürften, so der CDU-Mann, nicht mehr alle Entscheidungen auf EU-Ebene getroffen werden.

Nur noch zwei Auto-Länder in Europa? 2007 wurden in der EU rund 17,3 Millionen Pkw produziert, Deutschland und Frankreich trugen daran den Löwenanteil. Traditionelle Autounternehmen produzieren aber auch in Spanien, Italien und Großbritannien. Wenn 2009 die Märkte in Europa und den USA weiter schrumpfen, was allgemein als sicher gilt, dann wird es für einige Hersteller eng. Mindestens zwei Konzerne könnten von der Bildfläche verschwinden, sagen Experten. Genannt werden Fiat und Seat.

Deren Konkurrenz in Deutschland wird darüber nicht traurig sein.

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00:00 11.12.2008

Ausgabe 39/2020

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