Mit viel Phantasie

Bühne Für Freunde von Stéphane Hessel und Jean Ziegler: Armin Petras’ Stuttgarter Intendanz
Thomas Rothschild | Ausgabe 44/2013

Als Enrico Lübbe in Leipzig seine Intendanz neulich mit sechs Premieren eröffnete, sorgte allein die Zahl für Schlagzeilen. Armin Petras lässt sich da nicht lumpen. Was der Kollege in Leipzig vermag, kann er, von Berlin nach Stuttgart ausgewandert, allemal. Und Matthias Hartmann hatte es ja bereits vorgemacht, als er sich 2009 als neuer Burgtheater-Zampano vorstellte.

Solche eher statistischen als künstlerischen Auffälligkeiten haben einen praktischen Hintergrund: Das Repertoire des Vorgängers ist nicht mehr oder nur mit Mühe verfügbar, aber der Spielplan muss gefüllt werden. So schiebt denn Petras im November nach den sechs Auftaktpremieren ausschließlich Übernahmen von anderswo produzierten Stücken nach. Dann ist das Dutzend voll, und der Theateralltag ohne Rekordanstrengungen kann beginnen. Hinzu kommt das begründete Kalkül, dass die überregionale Kritik eher für sechs Premieren an einem Wochenende als sechsmal für einzelne Vorstellungen angereist kommt.

Der Neigschmeckte hat sich vorgenommen, in der Stadt und der Region nach Spuren zu suchen. Mit dem bekanntlich aus dem Schwäbischen stammenden Götz von Berlichingen ist da ein guter Anfang gemacht. Er wehrt die Gefahr des Provinzialismus ab, der als Kehrseite einer auch anderswo entdeckten Strategie einer allzu anbiedernden Koketterie mit lokalem Kolorit droht, mit der man sich das Interesse der Eingeborenen sichern möchte.

Kühn wie lange nicht

Regisseur Simon Solberg hat sich für den kruderen Urgötz des 22-jährigen Goethe entschieden und ihn als opulente visuelle Orgie der Rebellion zum Empört euch! eines Stéphane Hessel erweitert. Wenn man nach einer vergleichbaren Stuttgarter Inszenierung sucht, muss man weit zurückschauen. Ähnlich kühn hat sich hier 1993 Martin Kušej zur Eröffnung der Direktion von Friedrich Schirmer an Christian Dietrich Grabbes Herzog Theodor von Gothland gewagt.

Verglichen mit dem Götz sind Ingmar Bergmans Szenen einer Ehe ein Kammerspiel – das war schon in der ursprünglichen Fernsehserie so, deren Großaufnahmen eine Intimität ermöglichen, die die Umsetzung auf der Bühne verweigert. Bergman selbst hat sie 1981 am Theater inszeniert. Jan Bosse stehen in Stuttgart mit Joachim Król und Astrid Meyerfeldt als Marianne zwei hervorragende Darsteller zur Verfügung, die mit ihrer starken Präsenz und ihrer Dialogdisziplin die Hauptbühne des Schauspiels zu füllen vermögen, auf der Moritz Müller eine gestapelte, verschachtelte Andeutung von Räumen aufeinander getürmt hat.

Ein wenig scheint der Regisseur dem Realismus, den ihm die Vorlage abverlangt, doch zu misstrauen. Ein Telefongespräch Mariannes wird übertheatralisiert. Hat es vielleicht gar nicht stattgefunden? Ist es ein Spiel im Spiel, eine Phantasievorstellung? Innerhalb der Inszenierung wirkt es wie ein Stilbruch. Vielleicht ist es auch eine Konzession an einen Theaterraum, der für ein Kammerspiel eigentlich zu groß ist.

Verweigerung der Konsistenz

In extremem Gegensatz zu Bergmans sehr skandinavischem psychologischen Realismus der Ehehölle stehen eine nur teilweise überzeugende Bühnenadaption von Bernward Verspers Roman Die Reise durch Martin Laberenz im variablen Raum der Nebenspielstätte Nord sowie das schrille Katastrophenszenario 5 morgen von Fritz Kater, hinter dem sich bekanntlich der inszenierende Armin Petras himself verbirgt. Dieses Stück erinnert mit den Mitteln von Video, Trash, Elektrogitarre und Crazy Comedy an eine Theatertradition, die von Alfred Jarry, Roger Vitrac oder Witkacy mit einem Seitenblick auf Ionesco und Koltès bis zu La Fura dels Baus und René Pollesch führt. Die Verweigerung einer in sich konsistenten Handlung, wie sie der Urgötz oder die Szenen einer Ehe bieten, macht es dem Publikum nicht leicht. Es muss sich auf Brüche, Fragmente, hermetische Assoziationsketten einlassen. Sprachmasken werden gewechselt wie die Perücken. Die Botschaft kommt verschlüsselt. Aber man darf das durchaus anregender finden als die korrekten Mitteilungen, die in den Urgötz geschmuggelt wurden, die man aber ebensogut beim Schweizer Soziologen Jean Ziegler nachlesen könnte.

Von einem einheitlichen Stil kann nach diesem Eröffnungsmarathon nicht geredet werden, und das ist gut so. Schon jetzt lässt sich aber feststellen, dass Stuttgart eine ganze Ladung ausgeprägt grotesker Talente gewonnen hat. Die Liebhaber des Schauspielertheaters werden auf ihre Rechnung kommen. Es steht intelligenten und einfallsreichen Regisseuren nicht im Wege.

Der Vollständigkeit halber sei berichtet, dass als fünfte und sechste Premiere ein vom Publikum zwiespältig aufgenommener Onkel Wanja und ein Autostück. Belgrader Hund von Anne Habermehl zu sehen waren. Dafür wurde der Zuschauer in einem Auto durch die Stadt gefahren, in dem zwei Schauspieler ihren Text sprachen. Ob und wie sie den Zuschauer dabei zum Mitspielen nötigten, kann hier nicht bezeugt werden. Für dieses mobile Stück blieb dem Kritiker keine Zeit. Der dachte zurück an Wolf Vostell, der schon 1961 an verschiedene Stellen in Köln und 1964 mit dem Bus durch Ulm führte und das Beobachtete zum Happening erklärte. Da wurde Armin Petras gerade geboren.

Weitere Termine unter schauspiel-stuttgart.de

 

06:00 13.11.2013

Kommentare