Mit violetten Daumen

1994 Die Programmzeitschrift „TV Spielfilm“ erhält den Grimme-Preis, weil die Redaktion mit dem Status des devoten Dienstleisters für TV-Anstalten gebrochen hat
Andreas Busche | Ausgabe 05/2014

Im klassischen Print-Journalismus genießt das Format der Programmzeitung seit jeher wenig Prestige. In den siebziger und achtziger Jahren waren Hörzu, Funk Uhr (beide Springer), Fernsehwoche (Bauer Verlag) und Gong (Gong Verlag) die unangefochtenen Platzhirsche bei den Fernsehzeitschriften. In jedem bundesdeutschen Haushalt lag eine herum, der Markt boomte und stand im umgekehrten Verhältnis zum überschaubaren Angebot des öffentlich-rechtlichen Fernsehens mit zwei Sendern, den ARD-Regionalprogrammen sowie – falls im Westen zu empfangen – den beiden Kanälen des DDR-Fernsehens. Damals erreichten die wöchentlich erscheinenden Programmzeitschriften in der Summe Auflagestärken wie die ARD- oder ZDF-Straßenfeger Einschaltquoten. Das Fernsehen galt als das demokratische Institut der Bundesrepublik, entsprechend sahen Aufmachung und Themenspektrum der bunten Blätter mit Programmteil aus: Auf dem Titelbild lächelte ein Star vom öffentlich-rechtlichen Unterhaltungsdampfer, zwischen Fernsehtipps gab es Kochrezepte, Kreuzworträtsel und Anzeigen für gerontologische Medizintechnik. Wer heute etwas über Befindlichkeiten der älteren Bundesrepublik erfahren will, braucht nur in den Fernsehwoche- oder Gong-Ausgaben jener Jahre zu blättern.

Man muss sich diesen zeitlichen Kontext vor Augen halten, um zu verstehen, was es hieß, als vor 20 Jahren ein Periodikum dieser Gattung mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet wurde. Donnepp war ein visionärer Zeitgenosse, der studierte Pädagoge hatte bereits in den fünfziger Jahren das Massenmedium Fernsehen als Bildungsanstalt ernst genommen. Seine Bemühungen um eine kritische Reflexion all dessen, was sich zur bundesdeutschen Medienlandschaft zusammenfand, mündeten 1973 in die Gründung des Grimme-Instituts, das Donnepp anfangs führte. Die nach ihm benannte Auszeichnung wird freilich erst seit 1991 – mittlerweile zusammen mit den Grimme-Preisen – verliehen. Wer sie erhält, dem wird für eine kritische Analyse der gesellschaftlichen Relevanz von Medien gedankt. Es geht also um „Haltung“.

Kein Dienst nach Vorschrift

Die Programmzeitschrift TV Spielfilm aus dem kleinen Hamburger Verlag Milchstraße, die 1994 den Preis für Medienpublizistik erhielt, besaß in der Tat eine Haltung, die sie maßgeblich von vergleichbaren Formaten aus den etablierten Verlagshäusern unterschied: eine ironische Distanz zu ihrem Gegenstand und einen forschen Tonfall, wie es der Publizist Friedrich Küppersbusch damals in seiner Laudatio beschrieb. Während die etablierten Zeitschriften Dienst nach Vorschrift verrichteten und sich mit ihrer Rolle als Sprachrohr der Sendeanstalten begnügten, hatten die Macher von TV Spielfilm eine brennende Leidenschaft – das Kino. Chefredakteur und Mitgründer Christian Hellmann kam von der Filmzeitschrift Kino (ebenfalls Milchstraße) und verfügte daher über ein gutes Repertoire an Filmjournalisten.

Statt Homestorys über Ruth-Maria Kubitschek und Interviews mit Dr. Brinkmann aus der Schwarzwald-Klinik gibt es nun Porträts über Robert Altman und Rezensionen von Filmklassikern. TV Spielfilm trennt mit cinephilem Blick auf das Fernsehen den Schund von den Perlen, obwohl die Redaktion auch ein großes Herz für Trash-Filme und B-Movies besitzt, die im Nachtprogramm der Privaten nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit versendet werden. Zum Markenzeichen avanciert der violette Daumen, der die Leser schnell und zuverlässig über die Qualität eines Spielfilms ins Bild setzt. Neu ist eine Bewertungsskala, die Spielfilme nach Kriterien wie Humor, Anspruch, Spannung und Erotik – damals noch ein Alleinstellungsmerkmal der Privaten – beurteilt. Oft wirken die Verrisse der Redaktion wie kleine Aphorismen für sich und geben preis, dass sich die Kritiker selbst nicht immer ernst nehmen. Das Fernsehen – ganz im Sinne von Bert Donnepp – dafür umso mehr.

TV Spielfilm – 1990 zunächst monatlich, später im Zwei-Wochen-Turnus verlegt – war eine logische Reaktion auf das Privatfernsehen, das sich durch RTL plus, Sat.1 und ProSieben wachsender Marktanteile versichern konnte. Im Januar 1991 verabschiedete sich Sat.1 von seinem Testbild, um ab 1993 rund um die Uhr zu senden. Damit gab es viele neue Programmplätze, die von den Privaten mit relativ preiswerten Serien und Filmen bedient wurden. Da zugleich Spielfilme im öffentlich-rechtlichen Fernsehen der Neunziger immer stiefmütterlicher behandelt wurden, konnte sich die kommerzielle Konkurrenz in diesem Programmsegment bestens behaupten. Einen wichtigen Part übernahm Leo Kirch, Großhändler für Filmrechte, der eine Beteiligung an Sat.1 besaß und ProSieben als reinen Spielfilmsender gegründet hatte. Mit seinen Kontakten in die USA gelang es ihm, Filmpakete aus Hollywood einzukaufen. So kam das wahrlich nicht verwöhnte deutsche Fernsehpublikum erstmals in den Genuss von Blockbustern zur Hauptsendezeit. Innerhalb weniger Jahre konnten so RTL, Sat.1 und ProSieben mit den öffentlich-rechtlichen Anbietern gleichziehen – der rasante Aufstieg von TV Spielfilm komplettierte diesen Trend.

Tektonische Verschiebungen

Der Milchstraße Verlag hatte sich mit einem Programmkompendium für Spielfilme freilich auf ein heikles Terrain begeben, denn die Traditionshäuser beherrschten einen größtenteils unter sich aufgeteilten Markt – zumindest galt das für die Leserschaft der über 40-Jährigen. So visierte TV Spielfilm eine jüngere Zielgruppe an: cineastisch, kritisch und frustriert vom Angebot der öffentlich-rechtlichen Kanäle. Bereits beim Layout von TV Spielfilm zeichnete sich denn auch ein kultureller Wandel ab: Statt die Privatsender, wie in etablierten Programmzeitschriften üblich, auf die zweite Umschlagseite der täglichen Programmübersicht zu verbannen, präsentierte TV Spielfilm das Programm von Sat.1, RTL und ProSieben gleichwertig neben ARD und ZDF. Kein Wunder, wenn die Privaten diese Innovation willkommen hießen. Die ersten Ausgaben schlugen wie eine Bombe ein. Bis heute blieb ein solcher Auftritt das letzte erfolgreiche Debüt einer Print-Publikation dieser Größenordnung. Ende der Neunziger kletterte die Auflage auf fast drei Millionen Exemplare.

Dieses Phänomen bewirkte auch in der Verlagslandschaft leichte tektonische Verschiebungen. Mit seinem Produkt gelang es dem Medienunternehmer Dirk Manthey, den Verlag Milchstraße, der mit den Neugründungen Max, Fit for Fun und Amica später noch die Lifestyle-Sparte an den Zeitschriftenkiosken aufmischte, am Markt zu platzieren. Manthey war so etwas wie der verrückte Underdog im publizistischen Haifischbecken der neunziger Jahre, die manches Lifestyle-Magazin kommen und gehen sahen. Manthey blieb. Er realisierte die unwahrscheinlichsten Projekte (ein Meinungsforschungsinstitut hatte TV Spielfilm „null Erfolgsaussichten“ attestiert), ließ sich von niemandem reinreden und verkaufte das Independent-Imperium schließlich 2004 an den Burda Verlag.

Sein Vermächtnis ist eine radikal erneuerte Sparte „Programmzeitschrift“, die das Erfolgsrezept von TV Spielfilm schnell assimilierte. Nur ein Jahr nach der Gründung strengte der Milchstraße Verlag eine Plagiatsklage gegen die Bauer Media Group an, die mit TV Movie das Konzept von TV Spielfilm hemmungslos abgekupfert hatte. Manthey verlor den Prozess. Die Konsequenz – TV Movie sollte nicht die einzige Kopie des stilbildenden Originals bleiben. Nach einem Verlagswechsel und unternehmerischen Synergien mit dem Schwesterblatt TV Today unterscheidet sich die Machart von TV Spielfilm heute kaum noch von der Konkurrenz, wie der Fernsehkritiker Stefan Niggemeier erst im vergangenen Jahr konstatiert hat. Die Programmzeitschrift – das liebste Printgenre der Deutschen – bleibt weiter eine erfolgsverwöhnte Spezies auf einem unberechenbaren Markt.

Andreas Busche schrieb zuletzt über den Regisseur Rainer Werner Fassbinde


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06:00 05.02.2014

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