Mitgift statt Nähmaschine

Entwicklungshilfe Entwicklungshelfer erzeugen keine Produkte, sondern kümmern sich um „Projekte“. Aber wie misst man deren Wirksamkeit?

Mammamita lächelt verschämt. Drei Kinder hat die 33-jährige Mutter im westbengalischen Dorf Kalakata zu versorgen, darunter zwei Töchter im bald heiratsfähigen Alter. Hochzeiten seien teuer, seufzt sie – man müsse vorsorgen. Viele Familien im Dorf brauchten einen Zuschuss, etwa durch Kleinkredite. In diesem Fall stammen die Gelder aus einem Hilfsprojekt der Deutschen Welthungerhilfe.

Mitgift statt Nähmaschine? Finanziert mit deutschen Spendengeldern? Es reicht, die Geschichte aus Indien unter Freunden in Deutschland zu streuen, schon hagelt es Einsprüche. Daran sehe man, wie Spendengelder missbraucht würden. Man solle sein Geld lieber in ein heimisches Obdachlosenprojekt investieren.

Wann immer in den Medien das Thema Spenden aufkommt, geht es meist auch um Missbrauch oder gleich um das generelle Scheitern aller Hilfe. Schon vor 20 Jahren schrieb die Entwicklungsexpertin Brigitte Erler ihren Bestseller Tödliche Hilfe. Heute heißen diese Bücher Wir retten die Welt zu Tode von William Easterly oder erneut Dead Aid, geschrieben von Dambisa Moya, der US-Bankerin mit afrikanischen Wurzeln. Die Kritik ist nicht aus der Luft gegriffen: Milliarden von Euro wandern seit Jahrzehnten in die Dritte Welt, doch steigt dort die Zahl der Armen und Hungernden.

Lata Raman sieht das alles mit ganz anderen Augen. Die 42-jährige Inderin arbeitet im Büro der Deutschen Welthungerhilfe in Delhi und nimmt am Schicksal des Dorfes von Mammamita Mahatou seit Jahren Anteil: „Wer sagt, dass sich hier nichts verändert, schaut nicht genau hin.“ Sicher, es sei nicht gut, dass Kleinkredite auch für eine Hochzeit beansprucht würden, doch die sei nun einmal das wichtigste Ereignis im Leben einer indischen Frau: „Wir können jahrhundertealte Traditionen nicht ignorieren.“

Kalakata liegt in einer der ärmsten Regionen des Subkontinents. Der Boden ist trocken, täglich gibt es Reis mit Soße, kein Gemüse, kein Fleisch. Als erstes weibliches Mitglied im Distrikt-Stadtrat kämpft Mammamita für eine weiterführende Mädchenschule. Regelmäßig treffen sich die Dorffrauen in einer Selbsthilfegruppe und reden über ihren Alltag. Einige haben mit Kleinkrediten eine Nähmaschine erworben oder einen Papaya-Baum gepflanzt, um die Früchte verkaufen zu können.

Dreizehn Latrinen

Noch werden die körperlichen Bedürfnisse auf dem Feld erledigt, Frauen aber ist das am helllichten Tag verwehrt. So stehen sie mitten in der Nacht auf und gehen im Dunkeln aufs Feld. Tagsüber trinken sie wenig, viele leiden an Blasenentzündungen. Mittlerweile gibt es dank der Welthungerhilfe im Dorf wenigstens 13 Latrinen. Keine Frage: Für Mammamita und all die anderen findet gerade eine Revolution statt.

Erfolg im Einzelprojekt – Misserfolg im großen Ganzen? Fachleute sprechen vom Gefälle zwischen Mikro- und Makro-Ebene. Auf der Mikro-Ebene verbessert sich Tag für Tag die Lage von Millionen Menschen. Auf der Makro-Ebene dagegen, wenn es um das Verhältnis von Industrie- zu Entwicklungsländern geht, verändert sich zu wenig. Auch weil es an Geld fehlt. Immer wieder aufschlussreich ist der Vergleich mit den Rüstungsausgaben: In nur einem Jahr geben alle Staaten weltweit soviel für ihre Armeen aus, wie in den vergangenen 50 Jahren in die Dritte Welt geflossen ist. Für so wenig Geld erreicht die Entwicklungshilfe eigentlich sehr viel – nur den Beweis dafür, den muss sie oft schuldig bleiben.

Für Reinhard Stockmann ist genau dies der „Skandal“: „Einfach unglaublich, dass wir auch nach 50 Jahren Entwicklungshilfe immer noch nicht genau belegen können, wie wirksam die Projekte tatsächlich sind.“ Für den Evaluations-Experten, der dazu an der Universität des Saarlandes forscht, liegen die Gründe auf der Hand: „Es fehlen wissenschaftlich fundierte, unabhängige Wirksamkeitsstudien mit einheitlichen Prüfstandards.“ 22 staatliche und nichtstaatliche Hilfsorganisationen hat Stockmann 2009 im Auftrag des zuständigen Bundesministeriums (BMZ) auf Evaluationstechniken hin untersucht. Fazit: Es wird evaluiert, aber: „Viel heißt nicht gleich gut.“ Jeder prüft, wie er will, womöglich auch noch mit eigenen Leuten. „Einem Unternehmen glauben wir auch nicht, wenn es über sich sagt, es ist alles perfekt, was wir tun. Da gibt es unabhängige Wirtschaftsprüfer oder TÜV-Normen.“ Schon seit Jahren fordern Organisationen wie die OECD die Deutschen auf, die Effizienz ihrer Hilfsprojekte besser zu überprüfen, doch kann der Anstoß dazu nur vom zuständigen Bundesministerium selbst kommen.

In einem ersten Reformschritt wurde vor Monaten die Zusammenlegung der staatlichen Hilfsorganisationen GTZ, DED und InWEnt beschlossen. Im Strukturreformpapier über "Die neue Effizienz in der deutschen Entwicklungspolitik" findet sich auch ein Passus zur Gründung einer „unabhängigen Agentur“ für „die Evaluierung und die Sicherung der Qualität von Wirkungsmessung“. Für Reinhard Stockmann ein erster Schritt. Zu konkreten Plänen freilich – Personalstärke, Etat, wo angesiedelt? – will sich Minister Dirk Niebel derzeit nicht äußern.

Die Leiterin der Stabsstelle Evaluation muss sich mit zu wenigen Planstellen und zwei Millionen Euro/Jahr begnügen; weniger als 0,04 Prozent vom Gesamtetat des BMZ. Bei fast allen Hilfsorganisationen – staatlich wie nichtstaatlich – liegt das Budget für die Projektevaluation im Promillebereich. Unabdingbar, so Stockmann, seien mindestens ein bis zwei Prozent.

Wie wichtig eine bessere Steuerung wäre, zeigt der Blick in die Lebensrealität der Evaluatoren. An die 200 bis 300 von ihnen gibt es in Deutschland, zu ihnen gehört auch Manfred Metz. Der promovierte Agrarwissenschaftler ist fast die Hälfte des Jahres unterwegs, um Projekte der Ernährungssicherheit zu testen. Evaluator ist keine zertifizierte Berufsbezeichnung. Kein Wunder also, dass Metz von Gefälligkeitsgutachten weiß: „Wer immer für den gleichen Laden arbeitet, hat natürlich Angst um den nächsten Auftrag, wenn er zu viel meckert“. Kritische Evaluation sei aufwändig, da überlege man sich schon, es „wirklich auf die Spitze treiben zu wollen“. Der Tagessatz liegt bei 400 bis 500 Euro zzgl. Spesen. Hört sich viel an, sagt Manfred Metz, doch gäbe es häufig lange Durststrecken bis zum nächsten Auftrag.

Wer will das schon hören?

Das Thema ist der Öffentlichkeit kaum vermittelbar. Wer will schon hören, dass sein Spendengeld für „Evaluations-Experten“ verwendet wird? Doch genau dies sei nötig, so Reinhard Stockmann. Vielleicht zeige ja die Prüfung, dass ein Projekt sinnlos sei und beendet werden müsse. Für Burkhard Wilke, Geschäftsführer des Deutschen Spendensiegels (DZI), ist die Informationsarbeit zu diesem Thema ein „mühsames Geschäft“. Zwar zählen Evaluationskosten, so Wilke, laut DZI-Siegelkriterien ausdrücklich direkt zu den Projektkosten, doch nicht einmal Experten wüssten das.

Zurück nach Indien. Dort findet unter Leitung von Lata Raman eine Monitoring-Sitzung mit den Mitarbeitern der indischen Partnerorganisation statt. Zum Abschluss wird noch einmal gefragt, was nun mit den abgezweigten Geldern für die Hochzeiten ist. Die Gruppe diskutiert und resümiert: Ja, so absurd es für einen deutschen Spender klingen mag – es kann sein, dass mit seinem Geld gerade die Hochzeit eines Bauernmädchens finanziert wird. Kein Skandal, sondern Projekt-Realität. Für einen Brunnen, so Lata Raman, brauche man wenige Tage: „Die Veränderung in den Köpfen dauert Jahre!“

Dorothea Heintze arbeitet beim Magazin chrismon sowie als freie Autorin für Print und Hörfunk

14:05 19.10.2010

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