Mitleid

Linksbündig Martin Mosebach rettet den König

Der diesjährige Büchnerpreisträger Martin Mosebach dachte darüber nach, ob es nicht vielleicht, "in tiefer Verborgenheit" obzwar, aber ihm, dem frisch gekürten Preisträger, gleichwohl einsichtig, in Georg Büchner "eine schwärmerische Liebe zum Königtum" gegeben habe. Kaum ausgesprochen, ruderte er zurück und erzählte, er wolle sich dieser These nicht schuldig machen. Das Modell ist von dem Film Die Feuerzangenbowle wohl bekannt. Da tun wir doch mal so, als gingen wir noch mal zur Schule und machten tolle Scherze, über die wir später ganz herzhaft lachen können. Außerdem hat Mosebach herausgefunden, dass die Französische Revolution "die Vorstellung von souverän handelnden Menschen verbrauchte und verdampfte", mithin den bürgerlichen Individualismus bekämpft habe und deshalb abzulehnen sei.

Womöglich war die Auslobung eines Georg-Büchner-Preises 1923 doch keine so gute Idee gewesen. Ein nach einem revolutionären Dramatiker benannter Preis, der heute als der Bedeutendste des Landes gilt und folglich einem repräsentativen Autor zuerkannt werden soll, ist ein schönes Beispiel für eine Quadratur des Kreises. Für diese Erkenntnis bedurfte es nicht des Preisträgers Mosebach, aber diese Preisverleihung verschärft noch einmal das Problem. Zum einen gibt es in jeder Schriftstellergeneration nur wenige revolutionäre Autoren; zuweilen kommen sie in äußerst geringer Zahl vor. Und dann existiert eine Jury, die, wenn sie sich in der Vergangenheit etwas bei der Wahl der Preisträger gedacht hat, häufig genug schlecht beraten gewesen war, und im anderen Fall auch nicht auf mildernde Umstände hoffen darf. Einer der wenigen, der in der Tradition Büchners erster Anwärter gewesen wäre, Peter Weiss, erhielt den Büchnerpreis erst posthum, Alexander Kluge knapp siebzigjährig, vier Jahre nach dem mittelalterlichen Katholiken Arnold Stadler. Und das sind nur Beispiele.

Nun ist Martin Mosebach ein freundlicher Herr, der seinem Habitus nach alles andere im Sinn hat als verbissene Kulturkämpfe. Deshalb könnte man ihm entgegenkommen und die Nuancen zwischen konservativ und reaktionär, über die anlässlich dieser Preisverleihung viel Aufhebens gemacht wurden, einmal beiseite lassen. Mosebach schreibt einen gepflegten bürgerlichen Realismus; wenn er öffentlich für Kuba eintreten würde, hätte ein Georg Lukacs eine helle Freude an ihm. Aber er ist nicht nur nicht für Kuba, sondern ein Gegner der Französischen Revolution - er ist sozusagen das Gegenteil von Büchner und hat doch den nach ihm benannten Preis bekommen. Mit gleichem Recht könnte man einen Ernst-Jünger Preis stiften und ihn Hermann Kant zueignen.

Martin Mosebach ist ein konservativer Anti-Modernist. Er votiert zum Beispiel für eine religiöse Liturgie in lateinischer Sprache. Wenn diese Ansicht noch mit Nachsicht betrachtet werden kann (die Verwendung lateinischer Sprache könnte immerhin dazu führen, dass einige nicht mehr zur Kirche gehen, die anderen nicht verstehen, was oben vermeldet wird, und das kann zu nichts Schlechtem führen), so ist seine Ablehnung von Moderne und Französischer Revolution eine nachdenkenswerte Entscheidung.

Eine Ablehnung der Revolution von 1789 ist seltsam. Wenn ein vierbeiniges Gottesgeschöpf ein ähnlich kurioses Verhalten an den Tag legte, würden sich die Zoos um diese Rarität reißen. Genauso gut ließe sich für den Perserkönig Xerxes und gegen die griechische Polis demonstrieren. Oder ist 1789 auch ein Synonym für 1968 und Cohn-Bendit jetzt auch an der Guillotine schuld, so wie Rudi Dutschke ein Wiedergänger von Leonidas? Die revisionistischen Neigungen der einheimischen Konservativen nehmen hysterische Züge an, Mitleid wird jetzt erste Bürgerpflicht.

Hinter der Ablehnung alles Revolutionären versteckt sich aber auch die Aversion gegen alles, was sich unter dem Begriff Moderne fassen lässt. Gegen die Moderne aber lässt sich nicht einfach mehr sein. Befinden wir uns noch in der Post- oder bereits in der Post-Postmoderne? Wie auch immer, eine Wiederkehr moderner Themen oder Techniken ist etwas Postmodernes, genauso die Ablehnung von Moderne und bürgerlicher Revolution. Ein postmoderner Anti-Modernismus ist durchaus zeittypisch. Madonna bekennt sich zur Esoterik der Kabbala, die Neigungen von Tom Cruise sind bekannt, Mosebach denkt über das Königtum nach und verbreitet Wirrnis. Eigentlich müssten sich die drei prächtig verstehen.

00:00 02.11.2007

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