Mitreden können in der Diez-Kracht-Debatte

Kulturkommentar Wie steht es eigentlich um die Diez-Kracht-Debatte, fragt man sich, gerade etwas abgelenkt durch die Gauck-Merkel-Debatte?

Nun, wenn ich richtig sehe, wird zunehmend beklagt, dass diese Debatte gar keine richtige sei, worüber aber auch so recht keine Debatte aufkommen will. Dennoch wird natürlich weiter gesprochen, und wer mitreden möchte, sollte vielleicht wissen:

1. Christian Krachts Roman Imperium ist der falsche Gegenstand (Freitagfazszweltwamsbams), um mal grund­sätzlich über rechte Gesinnung in der Literatur zu sprechen (was ganz gut wäre, taz). Der Roman ist ein gewaltiger Lesespaß, und wer ihn gelesen hat, sollte sein Gegenüber etwas spitz fragen: Schon gelesen? Die Chance auf ein Nein ist groß.

2. Die Debatte befeuert den Verkauf offenbar nur mäßig, in der Spiegel-Bestellerliste ist der Roman jedenfalls nicht. Falls das Gegenüber eine Frau ist, könnte die Antwort lauten: Sorry, hab’ kurz reingelesen, kann damit nichts anfangen. Betretendes Schweigen, dann weiter: 3. Kracht ist ein Thomas Mann of our time, der alles unter Ironieverdikt stellt und nicht anders kann (FAS). Also auch den Briefwechsel mit diesem komischen englischen Komponisten, wie heißt er gleich noch? Antwort: Scheint so, wobei dieser Komponist (ist das überhaupt einer?), schon nicht koscher ist. Stichwort: Una-Bomber, Aleister Crowley, für den doch schon David Bowie geschwärmt hat, wie der ja überhaupt mit dem Faschismus geflirtet hat.

4. Nun wirklich weg mit diesem Faschismusvorwurf. Céline, das war ein Faschist (taz). Aber vielleicht ist er es doch, im Sinne Sloterdijks, so Jakob Augstein (SpOn): „Der Faschismus ist ein Expressionismus, während der Humanismus im Grunde ein Erziehungs- und Optimierungsprojekt ist.“ 5. Wie ja die Sache schon einen etwas schalen Nachgeschmack hat. Warum schweigt Christian Kracht? Könnte ja mal was sagen! – Hat doch immer schon geschwiegen!!

6. Kluger Artikel in der SZ. Lothar Müller sagt, dass es natürlich richtig sei, Erzähler und Autor als verschiedene Instanzen zu betrachten (ein Erzähler kann rassistisch sein, während der Autor es nicht ist), dass es aber dort spannend werde, wo es Berührungen gibt. Frage: Könnte es sein, dass es bei Kracht gar keine Autoristanz mehr gibt, vielmehr hinter dem Erzähler immer nur ein weiterer ironischer Erzähler steckt? 7. Die Rolle von Spiegel und KiWi-Verlag muss kritisch hinterfragt werden! Wie kommt eigentlich Elfriede Jelinek auf diese vom Verlag lancierte Liste der Autoren, die Kracht und die Freiheit der Kunst verteidigen? 8. Sie hat doch auch Lars von Trier vom Frauenfeindschaftsverdacht reingewaschen.

9. Und warum verteidigt die Springer-Presse Kracht besonders eifrig? Weil eben alles eine Mischpoke ist, die kennen sich doch alle, da kann es doch keine rechten Debatten mehr geben. 10. Nehmen Sie den Zürcher Literaturstreit, da ging es noch ums Ganze. Moderne gegen Reaktionäre, hier der Germanist Emil Staiger, der sich empört, dass die Schriftsteller die „Kloake zum wahren Bild der Welt“ erklären, und fragt: „In welchen Kreisen verkehren Sie!“ Da Max Frisch, der von „Totalitarismus“ spricht. Ja, ja, aber haben Sie gewusst, dass Staiger den Stiller von Max Frisch gefeiert hat? Ging trotzdem. So einen Streit kriegen wir dennoch nicht wieder. Der wahre Grund: Die Literatur hat als Leitmedium ausgespielt, ist kein heißes Ding mehr.

11. Da könnten Sie recht haben.

12. Nein!

11:10 24.02.2012

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