Mittelschicht für alle

Was läuft Netflix wird fast zehn Jahre nach der letzten „Gilmore Girls“-Episode vier neue produzieren. Eine Zweitsichtung. Spoiler-Anteil: 30 Prozent
Hanna Bochmann | Ausgabe 33/2016

Vor Netflix und Social Viewing gab es Gilmore Girls. Die Auswertung erfolgte auf dem Oberstufenschulhof. Und zwar mit weniger Leidenschaft als bei Game-of-Thrones-Zuschauern, die sämtliche Eventualitäten bis ins Detail zerlegen, aber immerhin überhierarchisch, denn alle (und mit „alle“ meine ich den weiblichen Teil des Jahrgangs) mochten die Serie. Gilmore Girls bediente ganz unterschiedliche Vorlieben. Natürlich gab es romantische Verwicklungen und emanzipatorische Konflikte mit den Eltern. Die Serie handelte aber auch von persönlichen Träumen (Musikerin, Journalistin, Hotelbesitzerin) und dem Ob beziehungsweise Wie einer späteren Verwirklichung. In Gilmore Girls waren Wissensdurst und Zielstrebigkeit (aus ideellen Gründen, nicht aus Berechnung) nicht uncool, und das war wiederum toll. Trotzdem gab es in der Serie auch Jugendsünden und Fehler, die erwachsene Menschen machten – immer im kleinen Maßstab und nicht existenziell.

Bei den Gilmore Girls selbst handelt es sich um Lorelai und Rory. In der ersten Staffel aus dem Jahr 2000 ist Rory gerade 16, Lorelai, ihre Mutter, 32. Für Lorelai bedeutete die frühe Schwangerschaft den Ausstieg aus der besseren Gesellschaft Hartfords. Rory dagegen betrachtete ihre Herkunft schon versöhnlicher und überbrückte zeitweise die Kluft zwischen Großeltern und Mutter. Eine weiterer Protagonist ist Stars Hollow, ein fiktives Kaff in Connecticut, in das es die Gilmore Girls verschlagen hatte, in dem ganzjährig Lichterketten in den Bäumen hängen und alle Einwohner ziemlich speziell sind.

Seit einigen Monaten steht fest, dass Netflix, fast zehn Jahre nach der letzten Gilmore-Girls-Episode, vier neue produzieren lässt, jede 90 Minuten lang, die Ende November online gehen sollen. Als Anheizer wurden die sieben alten Staffeln zugänglich gemacht – was dazu führt, dass in meiner Filter-Bubble einige Menschen zwischen Ende 20 und Mitte 40 gerade mit der Zweitsichtung beschäftigt sind.

Wie ich auch. Das Grundvergnügen bleibt gleich. Die Freude über Dialoge, wie es sie in Screwball-Komödien gibt: elegant, schnell, ohne Angst vor kleinen Albernheiten. So bald Lorelai und Rory den Mund aufmachen, steht das, was dabei herauskommt, im Widerspruch zur sonst beschaulichen Handlung. Beim erneuten Gucken entgeht mir zwar nicht, dass vieles, was mir mit 20 gebildet erschien, oft pures Namedropping ist, aber auch das kann so nicht jeder.

Auch noch da: die Überraschung darüber, wie unabhängig – ökonomisch und beziehungstechnisch – Frauen dargestellt werden können. Selbst heute wird es noch extra erwähnt, wenn sich ein Format besonders emanzipiert gibt (Girls, Broad City et cetera). In Gilmore Girls ist es natürlich schon schön, sich zu verlieben. Wichtiger sind allerdings berufliche Ziele und Loyalität zu den Freundinnen beziehungsweise zwischen den Gilmore Girls selbst. Nach sieben Staffeln und einigen Tiefen sind sämtliche Frauenfreundschaften noch existent, während die love interests ab und an ausgewechselt wurden.

Was beim aktuellen Gucken allerdings auffällt: wie harmlos und unpolitisch die Serie ist. Wo Heterogenität regelmäßig dazu führt, das Ungleichbehandlungen sichtbar werden, ist Stars Hollow erschreckend leer. Die einzigen ethnischen Minderheiten sind Rorys koreanischstämmige beste Freundin Lane Kim und deren hardcore-christliche Mutter sowie Michel, ein dunkelhäutiger Franzose und Arbeitskollege Lorelais, dessen Griesgrämigkeit zum Running Gag wird. Religion gibt es nur bei den Kims, Homosexualität in Witzen und Armut überhaupt nicht. In Stars Hollow sind alle irgendwie Mittelschicht, und selbst die teure Eliteschule ist für Rory als Tochter einer Alleinerziehenden erschwinglich – dank reicher Großeltern.

Gilmore Girls war ein Kind der 90er Jahre, Prä-9/11, Prä-Finanzkrise. Dass Vorurteile und prekäre Lebensverhältnisse medial sichtbar sind, war damals keine politische Forderung, da sie den Mainstream angeblich nicht betrafen. Mit Breaking Bad, Orange is the New Black oder Shameless hat sich das geändert.

Vermutlich bleibt Stars Hollow auch in den neuen Folgen ein romantisch ausgeleuchteter Ort für Kuchenesser und andere Eskapisten. Ist das schlecht? Ich weiß es nicht. Es wird auf jeden Fall interessant zu sehen, welchen Einfluss heutige Zuschaueransprüche auf Drehbuch und Umsetzung haben werden.

06:00 31.08.2016

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