Mitten im Leben

Sachlich Günther Huesmann hat das berühmte "Jazzbuch" von Joachim Ernst Berendt wieder aufgelegt

Siebenkommasechs Kilogramm wiegt eines der schönsten, wichtigsten, prächtigsten und klügsten Bücher, das ich je in der Hand, naja, in den Händen hatte. Jazz Life heißt es und dokumentiert eine Reise Auf den Spuren des Jazz um 1960, die der Fotograf William Claxton und der Jazz-Publizist Joachim-Ernst Berendt kreuz und quer durch die USA unternommen haben. Ein Jahr, in dem überall die Avantgarde blühte, der Alte Jazz und seine Protagonisten aber noch am Leben waren, Rassismus Alltag, aber die Rassenschranken in der Musiker-Community längst geschliffen.

Jazz auf allen Ebenen - im schicken, glitzernden Las Vegas, in schmutzigen Industriestädten wie Detroit, in den Labors der Moderne in New York und in den etablierten Kulturtempeln derselben Stadt. In La-La-Land Los Angeles und in der Drop-out-Metropole San Francisco, im feinen New England und im weniger feinen Deep South - überall ist es Berendt und Claxton gelungen, aktuelle und gewesene Stars, Newcomer und local heroes vor die Kamera zu bekommen und mit ihnen zu sprechen. Viele Fotos sind Klassiker geworden, wir alle kennen sie von Plattencovern, viele sehe ich zum ersten Mal (was bei aller Bescheidenheit etwas heissen mag). Ein Blick ins Register von Richard Abrams bis Attila Zoller zeigt, dass kaum ein Name fehlt, der damals und heute von Bedeutung war.

All das wäre aber "nur" von historischem Interesse, wenn die Fotos von Claxton nicht Stück für Stück, ob Schnappschuss oder arrangierte Fotosession, von brillanter Qualität wären. Das Nebeneinander von privaten Aufnahmen, Straßenszenen, hochkonzentrierten Musikern bei der Arbeit, von Kneipen, Orten, Atmosphären und Menschen, die keine Musiker sind - all das macht den Gewinn dieses Bandes aus. Jazz in der Gesellschaft, sozusagen, und nicht im Besitz seiner Exegeten. Jazz als Lebensform - von der Streetparades in New Orleans (Bilder, die man heute mit besonderer Wehmut betrachtet); Gospel in den Kirchen der Schwarzen, Jazz vor trostlosen Industrielandschaften, Blues im Gefängnis. Auf Claxtons Fotos und in Berendts Texten ist Jazz noch kein Minderheitenprogramm, sondern eine sehr lebendige Veranstaltung, alles andere als von Hohem Ton und Heiliger Geste gekennzeichnet. Kinder tauchen in eine Tuba oder krabbeln auf dem Schoß berühmter Pianisten herum, das Lachen der Musiker ist ein wichtiges Leitmotiv.

Natürlich ergeben Claxtons Fotos, so wie sie hier geballt versammelt sind, ein Bild-Gedächtnis des Jazz. Weniger in dem Sinn, dass man auch bei den Star-Porträts nicht umhin kann, das eigene Altern mitzudenken, Claxton hat eine Menge Musikerinnen und Musiker schlicht und ergreifend ikonographiert. Entscheidend aber ist zudem, dass er die Biotope des Jazz ähnlich ikonographisch im Bild definiert: Die rauchigen Clubs, Kaschemmen, Ladengeschäfte, Straßen und Bars, die den unverzichtbaren Nährboden für diese Musik bildeten, und deren Ausrottung ein lustfeindlicher Fundamentalpuritanismus gerade endgültig betreibt. So hat, man kann es aus den Bildern herausfühlen, Jazz ausgesehen, sich angefühlt und gerochen.

Da passt es gut, dass parallel zu Jazz Life das gute, alte Jazzbuch von Joachim-Ernst Berendt in einer Neuauflage wieder erschienen ist. Günther Huesmann, der schon die überarbeitet Auflage von 1989 besorgte, ist - nach dem Tod Berendts 2000 - diesmal gleichberechtigter Co-Autor, beziehungsweise Autor der neuen Teile. Natürlich war für meine Generation in Westdeutschland Das Jazzbuch das Schlüssel- und Bildungserlebnis, auch wenn wir uns später an Berendts oft zu persuasiver Rhetorik, seinem Trend zum Schulmeistern und manchmal seinem arkanen Raunen (das dann später recht nah an New-Age-Denken führte) gerieben haben. Ex post betrachtet auch irgendwo krampfhafter Weise, denn Das Jazzbuch war eine publizistische Großtat, hat Welten und Ohren eröffnet.

Unter Huesmanns Regie ist es sachlicher geworden, etwas kühler im Ton, etwas analytischer. Es hält sich, gerade was die Jetztzeit betrifft, mit apodiktischen Urteilen klugerweise zurück. Allerdings besteht es auf den Tendenzen, die klar auszumachen sind: Es gibt zur Zeit "kein hierarchisches Über- und Untereinander von Szenen", es herrscht eine "offensive Pluralität", die sich jeweils über ihr Verhältnis zur Tradition - sei es produktiv polemisch oder produktiv affirmativ - beschreiben lässt. Deswegen ist es sinnvoll und gut, dass Huesmann die historischen Teile des alten "Jazzbuchs" zusammen hält. Glücklicherweise verzichtet er auch nicht auf die etwas sperrigen Grundlagenteile "Die Elemente des Jazz", behandelt weiterhin alle Instrumente und erfreut vor allem mit einem kleinen Essay: "Versuch über die Qualität des Jazz". "Jazzmaßstäbe ohne Elastizität", heißt es dort, "tendieren dazu, gewaltsam und intolerant zu werden. Es kommt nicht darauf an, Maßstäbe zu haben und die Kunst an ihnen zu überpüfen; es kommt darauf an, Kunst zu haben und die Maßstäbe ständig neu an ihr zu orientieren."

Womit sich der Kreis zu Claxton/Berendt wieder schließt. Sie haben eine Bestandsaufnahme der Kunst in einem bestimmten Jahr gewagt - in aller Disparität, in aller Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, in aller Vielfalt. Sie haben es unhierarchisch, in Farbe und in Schwarzweiß getan. Sie haben die Kunst dokumentiert und daraus selbst Kunst gemacht.

William Claxton/Joachim-Ernst Berendt: Jazz Life. Auf den Spuren des Jazz um 1960. Eine Reise durch Amerika. (3sprachige Ausgabe nebst CD). Taschen, Köln etc. 2005, 696 S., 150 EUR

Joachim-Ernst Berendt: Dass Jazzbuch (fortgeführt von Günther Huesmann). Fischer, Frankfurt am Main 2005, 927 S., 29,90 EUR


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00:00 23.12.2005

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