Mobilmachung der Moralterroristen

Philippinen Ein gottesfürchtiges Volk, eine gottesfürchtige Präsidentin, fanatische Killer-Sekten

Lippen, Wangen und Augenlider der sehr minderjährigen Prostituierten, die in Manilas South Port District auf Kundschaft wartet, sind von Lippenstift, Rouge und blauem Lidschatten verschmiert. Ansonsten trägt sie nur den knallroten Slip eines Bikinis. Nein, sie lebe nicht bei ihren Eltern, schüttelt sie die dunklen Locken: »Meine Mutter ist die Jungfrau Maria, Gott ist mein Vater. Ich lebe nur mit ihnen allein.« - Eine ähnliche Antwort könnte man an der abends stets heftig frequentierten Flaniermeile in Manilas Rotlichtviertel zwischen Pubs, Bistros, und Bordellen auch von den verlausten, vagabundierenden Kindern erhalten, die hier Postkarten, Schnittblumen oder Nachdrucke moderner philippinischer Maler anbieten. Ja sogar von den hartgesottenen Zuhältern, die mit eindeutig obszönen Angeboten »ihre« Mädchen unterzubringen versuchen.

Die Filipinos sind in jeder Lebenslage sehr fromme Menschen, Religion ist nie fern in diesem Inselstaat. Zum Osterfest ist es keine Seltenheit, dass am Karfreitag etliche Gläubige dem Leidensweg ihres Erlösers folgen, sich öffentlich mit Stahlnägeln ans Kreuz nageln lassen und ohne Klagen vor einer schweigend staunenden Menge ihr Martyrium ertragen. An jedem Sonntag strömen Millionen geradezu in einer Eruption heiliger Aktivitäten zu den Kathedralen des Landes, um zu predigen, zu beten, zu büßen, zu singen, zu tanzen, zu fasten. Die meisten Autofahrer Manilas schlagen jedes Mal das Kreuz, wenn sie an einer Kirche oder einem der zahlreichen überdimensionalen Wandplakate entlang der Innenstadt-Boulevards vorbeikommen, die fromme Botschaften wie »Jesus errettet«, »Gott ist mit dir« oder »Zeige mutig deinen Glauben« tragen. Christliche Rockbands, Bibelstunden und Andrew Lloyd Webbers Musical Jesus Christ Superstar sind in der philippinischen Metropole nach wie vor en vogue. Und über die Monitore jedes Computers im Land scheint sich derselbe Screensaver zu bewegen: »Gott ist mein Programmierer. Ich werde nicht abstürzen!«

»Wenn demnächst die Welt von einem Feuerring verschlungen wird ...«

»Gott sei Dank sind wir ein gottesfürchtiges Volk«, macht der populäre Kolumnist Minyong Ordonez tradierten US-Mythen Konkurrenz: »This is God´s country!« Kein Wunder, dass sich wie in Amerikas Bibelwelt auch auf den Philippinen der religiöse Eifer in Hunderten bizarrer Kulte und Rituale ergeht, die einerseits zunehmende Sicherheitsprobleme heraufbeschwören, andererseits gern von korrupten Politikern und reichen Oligarchen benutzt und für ihre Zwecke ausgebeutet werden. Weit gefährlicher als Gruppen wie die Personalreserve für die gute Weisheit aller Nationen, die regelmäßig mit wehenden Bannern durch Manilas Straßen zieht und aus den Pneus geparkter Fahrzeuge die Luft ablässt, weil sie als »Gottes Eigentum« frei sein müsse, sind die etwa 200 tadtad. Die Fanatiker dieser Sekte verdanken ihre Bezeichnung der Gepflogenheit, »Ungläubige« und »Feinde« zu töten und deren Körper anschließend aufzuschneiden. Erst im August überfiel eine Gruppe tadtad mit dem frommen Namen Katholischer Geist Gottes eine Polizeistation auf dem Lande. Das Kommando handelte wie immer in dem Glauben, die um den Hals gehängten Amulette aus menschlichen Kniescheiben würden vor Gewehrsalven schützen. 20 Sektenmitglieder, deren Halsschmuck nicht den gewünschten Dienst tat, starben im Gefecht mit der Gendarmerie. Von Norberto Manero, dem diabolischen Sektenführer der tadtad, ist überliefert, dass er vor etlichen Jahren einen katholischen Priester überfallen und solange auf dessen Kopf herumgesprungen sein soll, bis der Schädel aufbrach.

Ein anderer Fall lässt sich mit den rund 700 Mitgliedern von Ceferino Quintes´ Vereinigung der legalen Geister der Philippinen anführen. Während der Sektenguru immer noch in einem entlegenen Dorf auf der Insel Leyte ungebärdigen Kindern die bösen Geister austreibt und die Gebrechen alter Frauen heilt, hat sich das Gros seiner Anhänger in ein von Stacheldraht und einem reißenden Fluss abgeschlossenes Gelände in den Bergen zurückgezogen. Wenn demnächst »die Welt von einem Feuerring verschlungen wird«, heißt es in ihrer Botschaft, wollten sie in einem Tunnelkomplex Schutz suchen, der auf Anweisung von Ceferino Quintes gebaut wurde. Die Jünger fürchten und verehren den Meister nicht zuletzt wegen seiner exzellenten Beziehungen zur hohen Politik. Erst neulich, so wird von philippinischen Zeitungen kolportiert, habe der Gouverneur der Region mit einer Tasche voll Geld und der Bitte vorgesprochen, die Unterstützung der religiösen Eiferer für die kommenden Wahlen zu bekommen.

Tatsächlich haben diese Glaubensfanatiker oft ausgezeichnete Kontakte zur Oberschicht, helfen der Armee im Kampf gegen kommunistische Aufstände, beschützen mächtige Großgrundbesitzer vor aufsässigen Bauern und unterstützen Politiker, indem sie die Landbevölkerung veranlassen, bei einer Abstimmung für den richtigen Kandidaten zu votieren. Obwohl einige Sekten in Dutzende von Morden verwickelt sind, nannte Ex-Präsident Fidel Ramos das Verhältnis zwischen diesen Killerschwadronen und dem Militär »ausgesprochen synergistisch«.

»Wir sind fromm, aber wir wünschen, dass sich die Kirche heraushält ...«

Dennoch ist kaum anzunehmen, dass Gloria Macapagal-Arroyo, die jetzige Präsidentin des Landes, einen Sektenführer wie Ceferino Quintes in Leytes unzugänglichem Terrain jemals aufsuchen wird. Doch gilt auch sie als zutiefst religiös - eine Politikerin, die eifrig ihrer streng katholischen Erziehung folgt und dabei so sehr auf ihre katholischen Berater, Manilas mächtigen Kardinal Jaime Sin, hört, dass bereits laut gefragt wird, wer tatsächlich die Politik auf den Philippinen bestimmt.

Mit ihrem Aufführungsverbot des beinahe dokumentarisch gedrehten Films Live Show über das triste und verzehrende Leben der Mädchen und Tänzerinnen in den Bars, Privatclubs und Bordellen von Manila South Port District entfachte die Regierung im Juni einen Sturm der Entrüstung. »Wenn irgendjemand von diesem Streifen erregt wird oder sich in seiner Moral verletzt fühlt, muss er krank sein«, widersprach der staatliche Filmprüfer, Professor Nicanor Tiongson, den Vorhaltungen des Klerus und trat zurück, ehe er dazu gezwungen werden konnte. Sein Nachfolger, ein ehemaliger Bildungsminister aus dem Kabinett Fidel Ramos, beruhigte die Geistlichkeit und die frömmelnde Präsidentin: »Gandhi«, das sei der letzte »anständige Film« gewesen, den er gesehen habe. Dieser moralische Standard beseele ansonsten nur noch »jene Filme, die vor dem Zweiten Weltkrieg gedreht wurden ... «

Der Regisseur von Live Show warnte angesichts solcher Bigotterie vor einer Rückkehr »in die Steinzeit«. Filmkritiker sprachen von einem »pharisäerhaften Kreuzzug einiger Moralterroristen«. Alex Magno vom Manila Standard warnte in einer Kolumne: »Wir können nicht zulassen, dass die edle Vorstellung von einer ›moralischen Gesellschaft‹ von jenen als Geisel genommen wird, die diesen Begriff dazu nutzen wollen, künstlerische Freiheit zu verweigern.«

In dieser Debatte geht es um mehr als nur die Frage, ob ein inkriminierter Film nun ein Kunstwerk oder Schund ist. Viele Filippinos fragen sich, ob Gloria Macapagal-Arroyo nicht so tief in der Schuld der Kirche steht, dass sie dem philippinischen Richelieu ausgeliefert ist. Schließlich war es das Gewicht des Kardinals, das im Vorjahr Parlament und Militär auf ihre Seite und ins höchste Amt brachte. Der philippinische Mittelstand war sich zwar einig gewesen, ihren Vorgänger - den Ex-Schauspieler Joseph Estrada - loszuwerden, aber längst nicht so ausgeprägt war die Überzeugung, dass ausgerechnet die heutige Präsidentin die Glamour-Figur ersetzen müsse.

Die Tatsache, dass die Kirche in Gestalt von Kardinal Sin offenbar diktiert, wie Frau Arroyo regiert, läst sich anhand vieler Einzelentscheidungen nachvollziehen. Bei der zitierten Besetzung des Vorsitzes der nationalen Film-Fernseh-Überprüfungs- und Klassifizierungskommission ebenso wie bei der Nominierung eines neuen Gesundheitsministers. Nach mehrwöchiger Suche berief Arroyo gerade den Politiker Manuel Dayrit für dieses Ressort mit der ausdrücklichen Begründung, diese Wahl sei »auch für die Kirche akzeptabel«. Und eine Woche nach der Veröffentlichung eines Regierungsreports, demzufolge das rapide Bevölkerungswachstum unbedingt unter Kontrolle gebracht werden müsse, empfahl die Präsidentin getreu der Kirchendoktrin »natürliche Verhütungsmethoden« und ließ wissen: »Man muss den Leute keine Kondome aufzwingen!«

»Es ist sehr schade, dass unsere Gesten der Unterstützung, um der Regierung bei ihrem Programm der moralischen Erneuerung zu helfen, als Einmischung in Regierungsangelegenheiten missverstanden werden«, verteidigt sich Kardinal Sin. Doch die Botschaft eines kleinen Protestmarsches einer Gruppe von Pornodarstellerinnen, dem sich Mitte Juli Tausende Bürger Manila anschlossen, so dass er zur bislang größten Anti-Arroyo-Demonstration anwuchs, war eindeutig: »Wir sind fromm, aber wir wünschen, dass sich die Kirche heraushält ...«, übersetzte sie der Manila Standard.

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00:00 24.08.2001

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