"Mode ist nur ein Trick"

Im Gespräch Der Spanier Miguel Adrover war ein Star der Modeszene, stürzte dann tief. Jetzt arbeitet er für ein Ökolabel – und erzählt, warum grüne Mode mehr als nur ein Trend ist

Der Freitag: Herr Adrover, Sie sind das erste Mal während der Fashion Week in Berlin. Ihre Entwürfe kann man auf den Laufstegen aber nicht sehen. Warum nicht?

Miguel Adrover: Ich möchte nicht zurück auf den Catwalk. Ich habe mich schon während meiner Zeit in New York nicht als Teil der Modeindustrie verstanden. Der Trubel im Zelt und das ganze Drumherum sind nichts für mich. Ich habe mir in Berlin auch keine Show angeschaut. Es gibt andere Wege, Mode zu zeigen.

Kann man als Modedesigner arbeiten und sich den Laufstegen zugleich entziehen?

Ja, mit meiner Kollektion für Hessnatur bin ich im letzten Jahr nach New York zur Fashion Week gegangen und wir haben mit einem neuen Ansatz unsere Arbeit vorgestellt. In einer Ausstellung habe ich aus Holzpuppen und Naturfasern eigenständige Kunstwerke erarbeitet. Unsere Botschaft geht weit über Mode hinaus. Daher war es uns wichtig, den Ursprung der Entwürfe zu zeigen: die Natur.

Was bedeutet Mode für Sie eigentlich?

Mode ist erstmal ein Trick, damit wir Kleidung kaufen. Ansonsten ist das Wort zunächst inhaltsleer. Mode belügt uns darüber, was Kleidung eigentlich ist, so dass wir alle sechs Monate neue Sachen kaufen und die alten wegwerfen. Mit ganz einfachen Dingen kann man dabei einen extravaganten Stil erreichen und auffallen. Natürlich geht es auf den zweiten Blick bei Mode auch um Individualität, den Ausdruck der Persönlichkeit, um Freiheit, aber auch um die Kultur und das Klima des Ortes, an dem man lebt.

Sie sind in Amerika für Ihre avantgardistischen Entwürfe bekannt geworden. Wieviel spiegelt sich davon in Ihrer Arbeit für ein deutsches Ökolabel wider?

Ich entwerfe für Hessnatur natürlich anders als für mein eigenes Label, denn ich muss die Geschichte des Unternehmens beachten. Aber auch Menschen, für die bei der Kleidungswahl Umweltschutz und soziale Verantwortung sehr wichtig sind, legen mittlerweile viel Wert auf Ästhetik. Ich entwerfe nun funktionelle, langlebige Kleidung, die auch schön ist. Und die sogar auffällt. Das kommt meinem Selbstverständnis als Designer entgegen.

Wie sind Sie Kreativdirektor von Hessnatur geworden?

Ich lebte damals zurückgezogen auf Mallorca und hatte eine Bar. Ich hatte aber nicht mal ein Handy und über E-Mail konnte man mich auch nicht erreichen. Rolf Hunsiger von Hessnatur hatte einen kleinen Text über meine früheren Entwürfe im International Herald Tribune gelesen. Er ist dann nach Mallorca gereist, um mich ausfindig zu machen. Er war Abend für Abend immer wieder in meiner Bar, wo ich meist aber erst nach Mitternacht aufgetaucht bin.

Was reizte Sie an dem Angebot einer deutschen Ökomarke?

Ich hatte noch nie von Hessnatur gehört. Ich fand es faszinierend, dass sie mit mir arbeiten wollten. Und mich hat die Aufgabe gereizt, ohne ein Marketingbudget klarzukommen. Meine Mode würde gut genug sein müssen, um allein für sich Aufmerksamkeit zu erlangen. Am wichtigsten war für mich aber, dass es nicht nur um Mode gehen würde, sondern darum, Dinge zu verändern.

Kann grüne Mode wirklich etwas verändern?

Grüne Mode ist gerade ein Trend, er dient vor allem der Vermarktung. Viele Labels machen ein einziges T-Shirt aus biologisch angebauter Baumwolle und hängen daran eine Kampagne auf. Das ist Green Washing im Bereich der Mode. Ich hoffe aber, dass die Branche mit der Zeit ein echtes ökologisches Bewusstsein entwickelt. Ich glaube, dass die Kunden die Branche an den Punkt bringen werden, an dem sie sie haben möchten. Viele Menschen haben dieses Bewusstsein bereits.

Was wollen Sie als Modemacher konkret verändern?

Nur ein Prozent der weltweiten Baumwollproduktion ist bisher umweltverträglich angebaut. Ich hoffe, in den nächsten Jahren sind es bald zehn Prozent. Baumwolle, wie wir sie momentan anbauen, verschmutzt die Welt und ist ein Armutsfaktor. Es ist ein soziales Weltthema. Uns muss klar sein, Mode ist nicht wichtig genug, um dafür unseren Planeten zu zerstören. Es ist wichtig, die Weichen in der Agrarpolitik zu stellen und den Bauern zu ermöglichen, Baumwolle zu fairen Preisen ohne Pestizide anzubauen.

Ist die Modebranche in der Lage gesellschaftliche und politische Impulse zu geben?

Dadurch, dass man so eng mit Künstlern und Prominenten zusammenarbeiten kann, entwickelt die Mode eine hohe Kommunikationskraft. Die Modebranche hat eine starke Stimme, wenn das Thema stimmt. Bei HIV und Aids hat man mit Kampagnen unheimlich viel Aufmerksamkeit und ein neues Bewusstsein schaffen können. Aber bei der Malaria etwa gelingt das nicht. Das ist keine Krankheit, auf die sich mit den Mitteln der Modebranche aufmerksam machen lässt.

Sie haben nicht immer als Modeschöpfer gearbeitet, sondern auch in Jobs, die gesellschaftlich weit niedriger angesehen sind.

Ja, ich habe früher geputzt und gekellnert. Mein Leben war eine einzige Achterbahnfahrt. Aber diese Erfahrungen haben mich in der Realität verankert und mir geholfen, viele Dinge besser zu verstehen. Ich hatte schon einmal zwei Millionen Dollar, um eine Kollektion umzusetzen – und kurze Zeit später hatte ich gar nichts mehr. Manchmal ist man auf Geld angewiesen, manchmal hängt alles aber nur von deiner Kreativität ab.

Würden Sie sich auch politisch engagieren?

Auf eine gewisse Weise tue ich das ja bereits, indem ich versuche, in meinem Bereich Dinge zu verändern. Richtig in die Politik gehen möchte ich allerdings nicht. Ich traue der Politik nicht. Aber ich beobachte sehr genau, welche Entscheidungen getroffen werden, denn diese Entscheidungen betreffen ja uns alle.

Für einen Modedesigner klingt das sehr politisch.

Stimmt, in New York wurde ich immer wieder gefragt: „Miguel, deine Kleider sind so wunderschön und deine Shows fantastisch. Aber warum sprichst du so viel über Politik?“ Ich habe dann geantwortet: „Politik ist das Einzige, das mich am Leben erhält – nicht die Mode.“

Wie meinen Sie das?

Es gibt Länder auf dieser Erde, in denen man getötet wird, wenn man seine Meinung frei ausspricht. Ich möchte zum Beispiel keine Frau in Afghanistan sein. In bestimmten Ländern könnten wir nicht als Mann und Frau zusammen an einem Tisch sitzen und uns unterhalten. Deswegen macht Politik einen solchen Unterschied, einen Unterschied zwischen Leben und Tod. Diese Welt ist voller Widersprüche. Wir sprechen über ökologisches Engagement und es gibt Menschen, die noch im Dschungel im Einklang mit der Natur leben. Wir wollen sie aus dem Dschungel herausholen, dabei sollten wir von ihnen lernen.

Und was wünschen Sie sich für sich selbst?

Eine richtig große Billboard-Reklame mit meiner Mode – eine Tafel wie am Times Square in New York. Davon träume ich immer noch.

Aufgewachsen ist Miguel Adrover auf einer Mandelfarm auf Mallorca. Mit zwölf Jahren nahmen ihn seine Eltern aus der Schule, damit er auf dem Hof helfen konnte. Schreiben hat er bis heute nicht richtig gelernt, sein erstes Buch las er mit 30 Jahren. Er sagt: Ich bin eher ein visueller Mensch. 1991 zog Adrover nach New York. In Manhattan putzte er Büroräume und Hotelzimmer, bis er mit einem Lungenkollaps zusammenbrach. Er sattelte um, entwarf T-Shirts und eröffnete mit einem Freund im East Village einen Kleiderladen. 1999 gründete er sein eigenes Label. Ohne eine Designer-Ausbildung gewann er 2000 einen renommierten Nachwuchspreis und stieg zum Wunderkind der Avantgarde-Modeszene in New York auf. Adrover fiel vor allem mit Recycling-Entwürfen auf, bei denen er bestehende Kleidung neu interpretierte. Das Ende des amerikanischen Traums kam aber ebenso rasch wie der plötzliche Erfolg: Zwei Tage vor dem 11. September 2001 präsentierte er eine arabisch inspirierte Kollektion. Nach den Anschlägen auf das World Trade Center galt er plötzlich als Terrorsympathisant. Von seinem Umfeld und der Industrie geächtet, kehrte Adrover 2004 enttäuscht nach Mallorca zurück, wo er eine Bar eröffnete. 2008 holte ihn Hessnatur als Kreativdirektor für die Naturmodemarke. Heute pendelt Adrover zwischen dem hessischen Dorf Butzbach, dem Firmensitz von Hessnatur, und seinem Haus auf Mallorca. Daneben unterrichtet der 43-Jährige auch Modeschüler. Mit seiner Arbeit möchte er zu einem neuem Verständnis von Mode und Ökologie beitragen.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

18:30 06.07.2009

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 7