Modellierter Sozialismus

Historie Michael Zeuskes Buch über "Kuba im 21. Jahrhundert" verspricht eine Geschichte von unten. Zu Recht?

Viel wird über Kuba geschrieben. So kommt es, dass man müde abwinken möchte, kündigen die Verlage mal wieder ein „wissenswertes und interessantes“ Buch über Kuba an. Doch bei Kuba im 21. Jahrhundert. Revolution und Reform auf der Insel der Extreme ist die Erwartung hoch: Eine Zeitgeschichte „von unten“, nach Art Antonio Gramscis und der „microstoria“ verspricht Michael Zeuske, Professor für iberische und lateinamerikanische Geschichte.

Unter Aspekten wie Herrschaft und politisches System, Revolution und Reform, Traditionen, Gegenwart und Zukunft der kubanischen Revolution zeichnet Zeuske die letzten 50 Jahre Kubas bis heute nach. Ein Kapitel ist gar Fidel Castro gewidmet, in dem er versucht, dem „Leben eines Revolutionärs“ nachzugehen. Ein besonderer Blick gilt den „Wilden sechziger Jahren“.

Aggression aus dem Norden

Die innenpolitische Entwicklung nach 1959, die geprägt war von landwirtschaftlichen, sozial- und bildungspolitischen Reformen, beleuchtet er in Einbeziehung der außenpolitischen Lage. Im Vordergrund steht, ipso facto, die Beziehung zu den USA. Es wird deutlich: Auf jede Reform in Kuba folgte eine Aggression aus dem Norden.

Es ist gut, dass Zeuske auf die inneren und äußeren Ereignisse nach 1959 eingeht, auch wenn sie allgemein bekannt sein dürften. Doch mittels ihrer parallelen Darstellung rücken die radikal eingeschätzten Maßnahmen der revolutionären Regierung (Verstaatlichungen, Ausrufung ihres sozialistischen Charakters etc.) in einen anderen Kontext. „Die revolutionäre Führung sah sich mehr und mehr zu dieser Strategie unter neokolonialen Bedingungen gezwungen, die durch ihren Aktivismus und die imperiale Politik der USA ausgelöst worden war.“

Wie schätzt Zeuske die kubanische Revolution von heute ein? Wichtig für den 1952 in Halle geborenen Historiker ist es, dass die Anfänge der kubanischen Revolution nicht auf kommunistischem Ideengut basierten; immer wieder erwähnt er das. Er erkennt ihre sozialen Errungenschaften an, „von denen noch heute, da sie schon ziemlich ramponiert sind, die meisten Länder Lateinamerikas nur träumen können“. Vehement widerspricht er dem konservativen Mainstream oder „voyeuristischen Filmchen über Ruinen“, die in Kuba eine Diktatur sehen wollen.

Dennoch gehört für ihn die Revolution seit 1968/70 der Vergangenheit an. Ab diesem Zeitpunkt habe sie begonnen sich zu bürokratisieren. Es begannen Verhärtungen in der politischen Führung. „Es gibt weder Gegenwart noch Zukunft der kubanischen Revolution, sondern nur Gegenwart und Zukunft der kubanischen Gesellschaft in ihrer gegenwärtigen politischen Form.“ Die Revolution und Fidel Castro nennt er einen Mythos, das politische System Castroismus (sic), unter dessen Herrschaft es keine „schnelle Demokratisierung nach westlichem Muster“ geben werde. Aber, Castrismus? „Wir Kubaner benutzen den Ausdruck ‚castrismo’ nie, denn wir lesen daraus eine Entwertung unserer Revolution, die sagen will, dass es bei uns keine repräsentative Demokratie gäbe.“ Hier einmal eine „Stimme von unten“, wie sie Gramsci sicherlich gefallen hätte.

Nachvollziehbar ist seine Kritik an der wirtschaftlichen Entwicklung, etwa bezüglich der Agrarfrage und Bodenreform. „Die Landwirtschaftsreformen auf dem Land führten nicht zu einer Selbstversorgung im Nahrungsmittelbereich“, bemerkte auch der Soziologe Aurelio Alonso aus Havanna. Dieses Defizit wird ebenso in den von der Kommunistischen Partei vorgeschlagenen „Leitlinien der Wirtschafts- und Sozialpolitik“ vom April 2011 benannt. Zeuske vermisst an diesen Aktualisierungen „die großen Reformen im Sozialismus“. Die „Vergabe von Land an Private als Pacht für zehn Jahre“ sei ein Hinweis darauf, dass „man nicht an der Frage der Eigentumsverhältnisse rühren will.“ Marktöffnung und Privatisierungen wie in China und Vietnam seien die Lösungen, um die prekäre Situation Kubas zu überwinden. Sein Blick bleibt einer von außen, wenn es um die Aktualisierungen der Wirtschafts- und Sozialpolitik geht. Denn nicht um „Reformen“ geht es dabei, sondern um eine Verbesserung des Sozialismusmodells, wie es die kubanische Regierung betont.

Stalinistisch?

Zu Recht nennt er die 60er Jahre einen dynamischen Prozess auch in der Kultur. „Heute, nach fast 50 Jahren, muss ich feststellen, wie sehr das Kuba der wilden Sechziger, seine Kultur, mein Leben geprägt hat“, sagt er selbst. Inwiefern, das erzählt er nicht, ebenso wenig über den Einfluss der Kultur in sozialpolitischen Prozessen gerade im XXI. Jahrhundert. Aus aktuellen Debatten in Kuba erfährt man indes, dass „das Schicksal des Sozialismus [in Kuba] von der Kultur abhängt“, bekräftigte kürzlich der Theaterwissenschaftler Omar Valiño aus Havanna.

Auch wird nicht deutlich, inwiefern es sich hier um eine „Geschichte von unten“ handelt, obwohl Zeuske theoretisches Wissen ohne akademisch distanzierten Habitus vermittelt. Denn er lässt nicht selten Namen, Hintergründe aber auch Behauptungen kommentarlos, die Erläuterungen bedurft hätten. Fidel Castro habe, schreibt er etwa, kurz vor der Fahrt nach Kuba im Jahr 1956 „dem noch stalinistischen Che angedroht, ihn nicht mit auf [das Boot] die Granma zu lassen.“ Wie es zu dieser doch eher unwissenschaftlichen Kategorisierung “stalinistisch” um Ernesto Guevara kommt, der doch in Aufsätze zur Wirtschaftspolitik die Verbrechen Stalins anklagte, erfahren wir nicht.

Zeuske wirft zwar wichtige Fragen auf, und seine ausführlichen historischen Exkurse, die streckenweise aus seinem ersten Band Kuba, Insel der Extreme bekannt sind, sind für Laien bereichernd. Aber er orientiert sich zu sehr an Debatten und Forschungen, die außerhalb von Kuba geführt werden. Symptomatisch dafür ist auch die Exklusion der Kultur aus den gesellschaftspolitischen Themen, was mitnichten der Wirklichkeit Kubas, weder von gestern noch von heute, entspricht. Sein Fazit? „Die Zukunft ist offen, auch für neue Sozialismuskonzepte. Aber auch diese Zukunft hat Geschichte.“

Kuba im 21. Jahrhundert. Revolution und Reform auf der Insel der Extreme Michael Zeuske Berlin 2012, 224 S., 14,95 €

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